Der Sieger bei Austerlitz und der Königliche Pfannkuchen – Peter Lorentz aus Rostock

Aus: Ein Neujahrsgruß aus Mecklenburg an Deutschland. 1853
Autor: anonym, Erscheinungsjahr: 1853
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Rostock, Peter Lorentz, Satire, Humor, Napoleon, Kopenhagen, plattdeutsche Sprache, Plattdeutsch
Auch der Norden hat seine persischen Erzähler und Märchendichter. Klingt es auch aus diesen nordischen Märchen nicht heraus wie Moll-Akkorde der liebenden Nachtigall; und duftet es aus diesen Schöpfungen der Phantasie auch nicht wie der süße Atem der Rosen von Schiras; so duftet es doch wie Presskopf und Kümmel. So ist der Mensch. Die Phantasie des Morgenländers webt ein wundersam Gewebe aus himmelblauer Luft und stickt es mir goldenen Sonnenstrahlen; der Nordländer macht Drell und Düffel. — Wenn dies nun Alles ist, wie es ist; so darf man um so weniger leugnen, dass immer und ewige Moll-Akkorde mit Rosenduft auf die Länge eintönig, langweilig, unerträglich werden. Es lebe darum die Veränderung! Vivat der Norden und seine derbe Hausmannskost!

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Um nun in echt deutscher Weise nicht allzu schnell zur Sache und zum Helden dieses Stücks zu kommen, so werde hier noch zu Protokoll bemerkt, dass alle Stammgäste bei Krahnstöver am Hopfenmarkt in Rostock der fabelhaften Erzählungen jenes alten nun längst zu seinen Vätern versammelten Rostocker Schiffers und seiner Dichtungen über dies und das, was er erlebte, noch gütigst sich erinnern werden. Bisher hat die Tradition die Sorge dafür übernommen, einen guten Teil jener Historien, von denen hier zwei Proben folgen sollen, am Leben zu erhalten; doch wäre eine vollständige kanonische Sammlung um so mehr zu wünschen, als man aus der Kirchengeschichte hinlänglich weiß, auf wie schwachen Füßen der Kredit der Tradition steht.

Es wird ferner bemerkt, dass es zu allen Zeiten, vom hochseligen Vater Adam herab bis zu Herrn von Swedenborg, und noch weiter herab bis zu unsrer wohlgenährten Mucker breitgestirnten, glatten Schaaren, inklusive, dass es also zu allen Zeiten Menschen gegeben hat, die in aller Ehrbarkeit eines intimen Umgangs und dicker Freundschaft mit himmlischen Geistern sich gerühmt haben. Dem Helden dieser andächtigen Betrachtung dagegen war es genug, mit sichtbaren Göttern und Helden auf vertraulichem Fuß und auf Du und Du zu stehen. Darin aber sah er wieder seinen stammverwandten Vorgängern so ähnlich, wie ein Ei dem andern, dass er unbedingten Glauben an seine Predigt verlangte und bei jedem, auch noch so leise auftretenden Zweifel grob wurde wie Bohnenstroh. Eine weitere Ähnlichkeit dieses Alten mit seinen kanonisierten Vorgängern möchte darin zu finden sein, dass es bei ihm, wie Kenner behaupten wollen, in jener Gegend des Giebels, wo die Schrauben sitzen, nicht ganz richtig gewesen. Dieser letztere Umstand indes umwebt sein Haupt mit einem wahren Heiligenschein, indem nach Ansicht der klugen Türken alle Irre und Wirre eine besondere Fraktion von Heiligen und Inspirierten sind. —

Nun aber zürne nicht, hochseliger Geist, Bürger Walhallas, träumender Schatten Elysiums! zürne nicht, wenn der Sterblichen Einer Dich bei Namen ruft und Dich geziemend ersucht, auf einige Augenblicke Dich auf die Oberwelt zu bemühen.
Bei des Zaubers Drei mal Drei! Sadrach, Mesach, Abednego! Horum, Harum, Horum! Abracadabra! Peter Lorentz, erscheine!
(Aus der Ferne schwimmen die sanften Klänge einer Äolsharfe herüber. Erscheinung im Hintergrunde. Sie trägt einen Nordwester auf dem Haupte, ist bekleidet mit blauer Düffeljacke und raucht aus einer kurzen Pfeife. Die Erscheinung hüllt sich in Wolken von Abraham Berg. Stimme aus der Wolke:)

l. „Ji Döschköpp wet’t jo von’n helligen Dag nix af; ji wart ok wol nich weet’n, wer denn eegentlich dei Slacht bie Austerlitz gewunn’n hett. Dei Slacht bie Austerlitz hett Keener anners gewunn’n, as Peter Lorentz ut Rostock. Lat’t juch vertell’n.
't was Anno Näg’n. Ick lag dunntomal husin un harr den utgereckten Dag nix to dohn. Datt wurr mi äwer, un ick kreeg’t bald satt. Do dacht ick in mienen Sinn: Sast mal sehn, wat dien oll Fründ un Dutzbrore Napoleon makt. Hei was dunntomal in Dütschland un kloppt den Oestreicher dei Jack ut. Gedacht, gedahn! — Ick mak mi up’n Weg na’t Böhmische rin un noch äwer Böhmen rut. As ick bie Austerlitz kam, hett dei Düwel sien Spill, un dei Franzos’ is in’n vull’n Loop’n.
Himmeldunnerwetter! Sär ick, wat is hier los?
Wat hier los is? Seggt ’n Oberstleutnant, - Wi hebb’n Släg krä’n! – Wo Düwel, sünd Sei nich Herr Peter Loren ut Rostock“ sär hei. Säb’n grote Stierns harr hei ippe linke Bost sitt’n. Wat fang’n wi an? sär hei.
Wat ji anfangt? Sär ick. Wo is mien Fründ und Dutzbruder Napoleon?
As die Oberstleutnant mi so snacken hür, sprüng hei von sein’n gäl’n Schimmel mit’n witten Bläß. Ick stieg up, hei gift mi ’n Ordonnanz mit, un wi jagen af.
Good, dat Du kümmst, Peter Lorentz!, reep Napoleon ut vullen Hals; hier geit’t kunterbunt to. Dit is’n wahr’n Hunn’danz up Söcken; äwer die Slacht is verlor’n.
Wat is verlor’n?, segg ick. Die Slacht mag’n Düwel verlor’n sein. Mal flink fief un twintig Dusend Mann Cavallerie her!
Du kannst dörtig Dusend krieg’n!, seggt Napoleon.
Dat hölt man up!, segg ick.
’n lütt Vittelstunn’, u nick rament mit fief un twintig Dusend Mann Cavallerie, hunnert Trumpeters vörup, vörfötsch mank den Russen un Oestreicher rin.Good dreivittel Stunn’, un dei Saak was klipp un klar.
Dat harr’k nich dacht, sär Napoleon to mi, un wisch sick dei blank’n Sweetdrupp’n von’n Kopp. Nu kumm rin in’t Tel tun vernüchter di!
’n Happen ä tick sacht, sär ick.
Wi gung’n rin in’t Telt, un Caulaincourd muß kamen, un Napoleon sär to em: Caulaincourt, sär hei, gehen Sie mal foortsen sitzen un schreeben, was ich Sie in die Ferre dictir!
Caulaincourt gung an dat anner Enn’ von’n Disch sitten, un Napoleon fung an:
Die Schlacht bei Austerlitz ist gewonnen. Wir verdanken den Sieg der Entschlossenheit und Umsicht Unsers vielgeliebten Freundes und Dutzbruders Peter Lo –
Ho!, seggt ick, smeet dat Metz up’n Disch und sprüng up; mit son’n Narr’nputz’n bliew mi dusend Schritt von’n Liew. Du weest, ick mag so wat nich.
Is all good, seggt Napoleon, ’t kann ook nablieb’n.
Seht, ji Döschköpp, so is’t togahn, dat dunntomal von Peter Lorentz nix na bei Affisen rin kam’n is.

2. Ick was in Copenhagen un harr’t ’n bäten hilt. Jüsterment, a sick klar bün un an Bord gahn will, föllt mi in, da tick noch’n Gang in die Stadt untoganhn hef. As ick so äwer den groten Platz stäk, wo den König sein Slott steiht, liggt die König in’n Finster un kickt ut. Dat mög Morgens hen so Achten sein. Ick dacht: Sast die nix marK’n let’n und still vörbiedweer’n; denn ick harrt ’n bäter sier hilt. Wat harr Gott to dohn? As ick gegen’t Slott kam, ward die König mit froth un röpt mi an:
Wat, Peter Lorentz, oll Fründ und Dutzbroder, Du wust so vörbiegahn! Kumm ’n Ogenblick rup!
Holl mi nich up! Sär ick: ick hew’t sier hilt!
Ick will Di ook nich upholl’n; Du sast bloot mien Frau good’n Dag segg’n.
Ick wull, ore wull nich, ick musst rup.
Die König makt ’ne groote duwwelte Döhr up.
Frau, reep hei, Peter Lorentz ut Rostock is hier un will die good’n Dag segg’n:
Wie güng’n na’n grooten Saal rin, und was den König sein Frau was, leeg in’n Berr mit witte fierne Laken un harr ’ne groote Kron up’n Kopp.
M’riecken, seggt bei König, stah driest up un back Peter Lorentz’n Pfannkoken: heit hett ’t hilt.
Rostock, Kröpeliner Tor

Rostock, Kröpeliner Tor

Rostock, Giebelhäuser bei der Nikolaikirche

Rostock, Giebelhäuser bei der Nikolaikirche

Napoleon Bonaparte I. Kaiser der Franzosen 1769-1821.

Napoleon Bonaparte I. Kaiser der Franzosen 1769-1821.

Napoleon 1769-1821 & Alexander I. 1777-1825.

Napoleon 1769-1821 & Alexander I. 1777-1825.

Das Handwerkszeug eines französischen Soldaten.

Das Handwerkszeug eines französischen Soldaten.