Der Landprediger von Wakefield — ein Muster für unsere mecklenburgischen Landgeistlichen. Teil 1

Aus: Mecklenburgisches Gemeinnütziges Archiv, Band 1
Autor: Redaktion, Erscheinungsjahr: 1850
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, evangelische Kirche, Pfarrer
Goethe, in seiner Selbstbiographie, nimmt von Goldsmiths Vicar of Wakefield, mit dem er gerade zur Zeit der Besuche in Sesenheim sich bekannt machte, Veranlassung zu folgender Charakteristik, die in unseren Tagen mit erhöhtem Interesse gelesen werden dürfte:

„Ein protestantischer Landgeistlicher ist vielleicht der schönste Gegenstand einer modernen Idylle; er erscheint, wie Melchisedech, als Priester und König in einer Person. An den unschuldigsten Zustand, der sich auf Erden denken lässt, an den des Ackermannes, ist er meistens durch gleiche Beschäftigung, sowie durch gleiche Familienverhältnisse geknüpft; er ist Vater, Hausherr und Landmann und so vollkommen ein Glied der Gemeinde. Auf diesem reinen, schönen, irdischen Grund ruht sein höherer Beruf; ihm ist übergeben, die Menschen ins Leben zu führen, für ihre geistige Erziehung zu sorgen, sie bei allen Hauptepochen ihres Daseins zu segnen, sie zu belehren, zu kräftigen, zu trösten, und, wenn der Trost für die Gegenwart nicht ausreicht, die Hoffnung einer glücklichem Zukunft hervorzurufen und zu verbürgen. Denke man sich einen solchen Mann, mit rein menschlichen Gesinnungen, stark genug, um unter keinen Umständen davon zu weichen, und schon dadurch über die Menge erhoben, von der man Reinheit und Festigkeit nicht erwarten kann; gebe man ihm die zu seinem Amte nötigen Kenntnisse, sowie eine heitere, gleiche Tätigkeit, welche sogar leidenschaftlich ist, indem sie keinen Augenblick versäumt, das Gute zu wirken — und man wird ihn wohl ausgestattet haben. Zugleich aber füge man die nötige Beschränktheit hinzu, dass er nicht allein in einem kleinen Kreise verharren, sondern auch allenfalls in einen kleineren übergehen möge; man verleihe ihm Gutmütigkeit, Versöhnlichkeit, Standhaftigkeit und was sonst noch aus einem entschiedenen Charakter Löbliches hervorspringt, und über dieses alles eine heitere Nachgiebigkeit und lächelnde Duldung eigner und fremder Fehler — —“

So der Altmeister in seiner Ruhe und Klarheit. Die Beziehungen liegen nahe, drängen sich auf. Wer könnte eine solche Schilderung von dem Leben und Sein eines musterhaften Landgeistlichen lesen, ohne das lebhafte Verlangen zu empfinden, unsere Landgeistlichen dem aufgestellten Vorbild ähnlich werden zu sehen. Wohl wissen wir, dass es der würdigen trefflichen Männer auch bei uns manche gibt, die redlich bestrebt sind, es dem wackeren Landpriester von Wakefield gleich zu tun. Aber es fehlt leider nicht an entgegengesetzten Beispielen, und die Zerrbilder, welche uns das politische Treiben in den letzten Jahren vor Augen geführt hat, sind nicht die einzigen, vielleicht nicht einmal die schlimmsten. Fehler des Herzens müssen noch bedenklicher erscheinen, als politische Verirrungen. Wie aber ist hier zu helfen? Jedenfalls nicht durch gewaltsame und künstliche Mittel, die zu dem vorhandenen Nebel ein neues hervorrufen würden. Nur von moralischen Hebeln darf man sich Erfolg versprechen. Wie solche in Bewegung zu setzen? Auf diese Frage wollen wir im folgenden Hefte zu antworten versuchen.
Bernitt, Dorfkirche

Bernitt, Dorfkirche

Garz, Turm der St. Petri-Kirche

Garz, Turm der St. Petri-Kirche

Gingst, St. Jacob-Kirche

Gingst, St. Jacob-Kirche

Gristow, Kirche

Gristow, Kirche

Horst, Dorfkirche

Horst, Dorfkirche

Koserow, Kirche

Koserow, Kirche

Neustadt-Glewe, Marienkirche

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