Der Hecht in der Müritz

Aus: Nürnberger-Kreuzerblätter, zur Unterhaltung alles Stände
Autor: Voss, Karl (?) Herausgeber, Erscheinungsjahr: 1869
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Müritz, Fischfang, Hecht,
Wie in allen süßen Gewässern, so ist der Hecht auch in der Müritz (Mecklenburg-Schwerin) der König und Tyrann der Fische. Er steht in diesem 2 1/2 Quadratmeilen umfassenden Landsee, also dem größten Deutschlands, einzig in seiner Zunft da, und übt seine Herrschaft unnachsichtlich über alles, was um ihn lebt. Er jagt nicht bloß auf alle Fische ohne Ausnahme, ja selbst sein eigenes Geschlecht ist vor seinem Verschlingen nicht sicher und keine Größe schreckt ihn ab
— denn am 30. April 1835 fanden die großherzoglichen Fischer am Ufer der Insel „Schwerin" in der Müritz einen Hecht von 34 Pfund Schwere, der einen 24pfündigen halb verschlungen hatte und erstickt war,
— sondern auch Hühner, junge Enten, junge Gänse und andere Wasservögel fallen ihm zur Beute, — ja selbst der Mensch soll vor seinem Angriffe nicht sicher sein. Wenigstens wird erzählt: im Sommer 1784 angelten die Fischer des Ritterguts Spek auf der Müntz. Der eine Fischer springt aus dem Kahn um zu baden, und wird von einem Hechte in den Fuß gebissen und unter das Wasser gezogen; der Hecht ließ indes seine Beute sogleich wieder fahren, er hatte aber seine Zähne so tief eingeschlagen, dass die Narben der Wunden an dem Fuße des Fischers bis ins Alter sichtbar blieben. — So unglaublich ist die Erzählung nicht, da wohl in keinem Landsee Hechte von solcher Größe und Schwere als in der Müritz gefundenwerden; — und da auch schon ein Hai von 5 bis 6 Fuß Länge den Menschen angreift — warum also sein "süßer" Bruder, der Hecht, nicht auch?

Hechte von 30 und einigen Pfunden werden allwinterlich mehrere in der Müritz gefangen, aber auch Exemplare von über 40 Pfund kommen vor und selbst ein 50 Pfünder, der über 6 Fuß lang und 1 1/2 Fuß breit war, ist von den großherzoglichen Fischern des Kirchdorfes Vipperow gefangen worden.

Diese großen Hechte fängt man entweder im Winter, wenn die Müritz mit hallbarem Eise belegt ist, mit Doppelangeln an leinenen Schnüren von 50 Fuß Länge, an denen lebendige Plötze als Köder befestigt sind, oder in den Monaten Mai und Juni mit der Darge. — Die Darge ist nämlich ein ovales, 7 Zoll langes und 4 Zoll breites, blank geputztes Stück Zinn mit einem starken eisernen Widerhaken, woran ein roter Lappen statt Köder gebunden wird. Diese Darge wird an eine 6 Zoll lange eiserne Kette und an eine 130 Fuß lange Leine befestigt. Die Leine besteht ans 20 einzelnen, nicht zusammengedrehten Fäden und wird mit 70 bleiernen Knoten, welche ohngefähr 24 Lot wiegen, beschwert und auf eine Spule gewickelt.

Ist nun im Mai oder Juni laue Luft, bedeckter Himmel und sanfter Wind, so besteigt mau mit zwei Begleitern einen Kahn, steckt die Segel auf und lässt die Darge von der Spule ins Wasser ablaufen. Sogleich fängt sie an, sich hin und her zu drehen oder zu „spinnen", wie es in der Fischersprache heißt und senkt sich nach und nach, je mehr sie von der Spule abläuft auf 20 bis 30 Fuß tief. So segelt man auf der lieblichen 4 Meilen langen und 1 1/2 Meilen breiten Müritz, die Spule in der Hand umher. Plötzlich erhält man einen — so zu sagen — elektrischen Schlag, als sollte der Arm aus dem Gelenke und man selbst über Bord gerissen werden. Aber in demselben Augenblicke ruft man auch: Er sitzt! Segel gerefft! Ruder eingelegt! — Sofort werden von den Begleitern die Segel den Winden überlassen, die Ruder suchen den Kahn anzuhalten und der Hecht wird an der 130 Fuß langen Leine näher gezogen. Einer der Begleiter ergreift einen 3 Fuß langen Stock, an dem ein starker eiserner Haken sitzt und tritt in die Mitte des Kahns, um, sobald der gefangene Hecht zu erreichen ist, ihm den Haken einzuhauen und ihn über Bord zu heben. Ist die Beute sicher in den Kahn gebracht, so setzt man die Segel wieder auf und lässt die Darge weiter schwimmen. Ein lohnender Tag bringt 6—8 Hechte von je 16 bis 30 Pfund Schwere und darüber. Nur in den Monaten Mai und Juni kann man mit gutem Erfolge dargen, teils weil das Wasser nur dann die nötige Wärme hat, welche dem Hechte die Elastizität und Lust gibt, der munteren Darge zu folgen, denn im kalten Wasser ist er, wie alle Fische, matter und träger, — und weil in den Sommermonaten viele Stellen der Müritz, welche besonders ergiebig sind, mit 30—40 Fuß langem Kraute bewachsen sind, das sich an die Darge Mngt und ihr Blinkern und Blitzen, wodurch der Hecht besonders gereizt wird, verhindert. (D.)

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