Der Fürst von Schneckenbergen oder die Erfindung des Schutzzolles. Mecklenburg 1852

Aus: Ein Neujahrsgruß aus Mecklenburg an Deutschland. 1853
Autor: anonym, Erscheinungsjahr: 1853
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Schutzzoll, Handelshindernisse, Einfuhrbeschränkung, Spekulation, Spekulanten, Zollgrenzen, Teuerung, Steuern
In der alten schönen Zeit, da man in deutschen Landen den Schutzzoll noch ebenso wenig kannte wie die Cholera, begab sich in Schneckenbergen eine wundersame nicht deutsche Geschichte. Der alte Fürst war gestorben, und sein Neffe, ein hoffnungsvoller Fünfziger, bestieg den kleinen Thron mit einem großen Gedanken. Was konnte es sein? etwa einen Marstall von Geblüt anzulegen? oder der fürstlichen Armee anstatt der gelben Hosen rote anzuziehen? oder gar sein altes Familienwappen, eine große Gartenschnecke mit schüchtern eingezogenen Fühlhörnern zu ändern, ihr vielleicht Flügel zu geben?

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Nichts von Allem, der gesalbte Gedanke ging höher. Der Fürst wollte sein ganzes Volk glücklich machen und sich am meisten. Das fing er so an. Zwei Tage nach seiner Thronbesteigung standen alle Schneckenberger an sämtlichen Straßenecken und lasen auf eselgrauem Löschpapier mit großer Schrift folgende allerhöchste Bekanntmachung: „Wir, Peter von Gottes Gnaden, Fürst zu Schneckenbergen, geruhen allergnädigst unsere geliebten Untertanen reich zu machen. Sintemalen reich ist, wer viel Geld hat, haben wir in Gnaden erwogen, dass wir das Geld im Lande wollen festhalten und die Schleusen zumachen, dass nichts kann hinaus. Derohalben legen wir auf alle Waren, so ins Land gebracht werden, einen schweren Zoll. Alles was unsere geliebten Untertanen brauchen, soll hinfort im Lande wachsen und gemacht werden. Wir tragen allerhöchst selbst hinfüro keine Kleidung, es sei denn von Schneckenberger Tuch, trinken keinen Wein als Schneckenberger, tun Kaffee, Tee u. drgl. Luxus ab, und befehlen vaterländische Biersuppe. Kein Pfennig soll mehr aus dem Lande gehen, sondern wird das Geld nur hereinkommen; alle Gewerke werden aufblühen und das ganze Land reich und glücklich sein. Sotanermaßen verordnen wir, wie folgt:
1. „Jedes fremde Stück Ware, so ins Land will, soll zahlen dreimal so viel als es wert ist.“
2. „Der Wert soll geschätzt werden von unsern Beamten nach ihrem besten Gutdünken.“
3. „Ausgenommen von diesem Gesetze sind:
a. „Das Wild, so über die Grenze in Unser fürstliches Gehege läuft, für unsere hohe Jagd;“
b. „Die nutzbaren Vögel, so herüberstiegen, ebenfalls für unsere Iagd;“
c. „Die Lachst, so stromaufwärts kommen in Unser Gebiet. Solche sollen angehalten werden für Unsere fürstliche Tafel“.
4. „Das erhobene Zollgeld soll in Unsere fürstlichen Kassen fließen und zu Unserm und Unserer geliebten Untertanen Nutzen verwandt werden nach Unserm allerhöchsten und alleinigen Ermessen“.
5. Zur obersten Zollbehörde ernennen Wir Unsern getreuen Diener und Staats-Minister, den Geheimrat von Schwindelhaber, Ritter des Ordens vom Stegreif erster Klasse.
Ganz Schneckenbergen geriet in Entzücken und segnete den weisen Fürsten. Große Gruppen von Schneckenbergern standen den ganzen Tag an den Ecken, buchstabierten Satz für Satz durch, und erklärten sich gegenseitig den tiefen Sinn der Sache. Ich bin ein gemachter Mann, rief der Schuster, kein fremdes Paar Pantoffeln darf mehr ins Land, ich kann mir für all mein Fußzeug den doppelten Preis zahlen lassen oder noch mehr und die fremden Schuster können dennoch nicht mit mir aushalten. Ebenso jubelten die Schneider, Tischler, Schmiede, Weber, Tuchmacher, Fassbinder: nicht weniger die Bauern und Winzer. Jedermann glaubte außerordentlich zu gewinnen, machte großartige Pläne und sah in eine goldene Zukunft ganz wie die Milchfrau in der Fabel. Nur die Kaufleute ließen die Köpfe hängen und zuckten die Achseln wie Männer, welche eine große gefährliche Dummheit müssen geschehen lassen und es nicht sagen dürfen und nicht ändern können.
Der Jubel in Schneckenbergen wuchs von Stunde zu Stunde; am Sonntag Abend wurden Stadt und Land illuminiert, Freudenfeuer flackerten rot auf allen Bergen und in unzähligen Schüssen wurde viel Pulver verknallt, gleichsam zum Zeichen, dass man nun etwas viel Größeres und Klügeres als das Pulver erfunden, nämlich: — den Schutzzoll.

Zweites Kapitel.

In wenigen Monaten war die Sache im vollsten Gange. Das ganze Fürstentum war mit neuen Schlagbäumen garniert, an jedem Schlagbaum stand eine Zollbude. Die Zöllner saßen zahlreich draußen, die kurze Pfeife im Munde und sahen verdrießlich die leere Straße im Sonnenschein entlang. Kam ein Wandersmann oder gar ein Wagen, so stürzten sie wie Geier daraus los und suchten in allen Ecken; sogar den Mistkarren durchforschten sie bis aus den Grund, ob nicht Ware darin verborgen stecke. Selten aber ging ihnen etwas ins Netz.
Der Geheimrat von Schwindelhaber zuckte die Achseln, die gehofften, goldenen Ströme wollten nicht recht fließen, die General-Zoll-Kasse blieb trübselig leer. „Tut nichts“ sagte Fürst Peter; „das ist mir gerade recht; wird keine Ware eingeführt, so bleibt alles Geld ja im Lande. Ausführen können meine Untertanen so viel sie wollen, dafür lösen sie Geld, also wächst unser National-Vermögen immer mehr. Ja, der Schutzzoll ist ein großer Gedanke!“ — „Der größte auf Erden“, sagte Herr von Schwindelhaber mit einem knietiefen Bückling.
Unterdessen war in Schneckenbergen eine große Veränderung vor sich gegangen, der Unternehmungsgeist regte sich mächtig. Große Fabrikgebäude wuchsen rasch aus der Erde. Der Fürst legte für seine eigne Rechnung eine große Spinnerei an: ein denkender Krämer richtete eine Zichorien-Fabrik ein, ein Strumpfwirker brachte eine Tuchfabrik auf die Beine; ein Schneckenberger Hufschmied etablierte eine Eisengießerei und der Schwiegersohn des Herrn von Schwindelhaber stellte eine großartige Runkelrüben-Zuckerfabrik her. Alles wollte Fabrikant sein oder wenigstens Fabrikarbeiter.
Wer weder das Erstere noch das Letztere war, ging dem Glücke auf andere Weise zu Leibe. Jeder wollte es, wie die Schildaer die Sonnenstrahlen, in der Mausefalle fangen. Die Schneckenberger Schneider schlugen zuerst die Lärmtrommel, sie versammelten sich im Gasthof „zum brüllenden Löwen“, hielten bei Ziegenkäse und Bockbier begeisterte Reden und beschlossen endlich einstimmig, ihre Preise dreifach zu erhöhen und es durchzusetzen auf Tod und Leben, Mann für Mann. Es gelang ihnen herrlich; wer in Schneckenbergen nicht nackt gehen wollte, musste seinen Rock anstatt wie früher mit t0, jetzt mit 30 Thlr. bezahlen; wollte er sich einen im benachbarten Finsterhausen anmessen lassen, so musste er an der Schneckenberger Grenze für den Rock, den die Zöllner allemal wenigstens auf 12 Thaler Wert taxierten, dreimal soviel Zoll zahlen also 36 Thaler, macht zusammen 48 Thaler, und hatte die Mühe und den Ärger obendrein im Kauf. Nun wollten die Schuster auch nicht länger im Pech sein, sie erhöhten ihren Preis ebenfalls dreifach. Die Tischler und alle andern Handwerker taten desgleichen. Die Bauern waren auch nicht faul mit den Kornpreisen; wer essen will, muss uns schon kommen, sagten sie. Der Schlachter dachte ebenso und sein Vetter, der Gerber, nicht anders. So geschah es, dass in Schneckenbergen Alles, was man in den Mund steckte oder anzog oder sonst brauchte, doppelt oder dreifach so teuer war als in Finsterhausen und in allen andern rundum liegenden Nachbarstaaten. „Seht ihr, sagte Fürst Peter stolz, das ist der Segen des Schutzzolles!“

Drittes Kapitel.

Einzelne Schneckenberger fingen freilich allgemach an, die Köpfe zu schütteln. „Was hilft es mir, sagte ein greiser Tischler, dass ich für Tische und Stühle doppelt so viel einnehme wie früher, da ich für Brot und Fleisch, Schuhe, Röcke und alles Andere auch doppelt zahlen muss?“ „Ja, setzte sein Gevatter, ein ehrenfester Sattler hinzu, und was habe ich davon, dass ich jetzt für teure Preise hundeschlecht beköstigt werde? Den Tabak, der hier zu Lande wächst, kann — so teuer er ist — Keiner, der einen menschlichen Rüssel hat, rauchen, den Eichelkaffee möchte ich lieber meinen Schweinen zu saufen geben, als mir selber, der Zichorien-Kaffee macht Hämorrhoiden und der Schneckenberger Wein ist nur zur Wichse zu brauchen. Sogar das Bier ist, seitdem der verwünschte Schutzzoll da ist, erbärmlich; die Brauer sind ja sicher, dass wir aus Finsterhausen kein Bier mehr holen werden; die Schelme! Ich möchte nur wissen, wie all das Gesöff unserm Fürsten, dem allerhöchsten Peter, bekommt; der hat doch auch nichts Besseres.“
„Ja, der wird sich in Acht nehmen, antwortete der Tischler; seid ihr so dumm Gevatter? Mein Vetter, der Zollwächter, hat mir anvertraut — ihr haltet doch reinen Mund, Gevatter? — Alles, was für den Fürsten und für den Hof kommt, geht durch ohne Zoll. Kaffee, Tee, Zucker, Wein, Bier, Seefische, Austern, Ananas usw. so lautet eine geheime allerhöchste Verordnung.“
„Das ist ja, fuhr der Sattler heraus — Gott verzeih mir die Sünde — ein wahrer...“
„Still! unterbrach ihn der Tischler; ich denke, wir können nichts Besseres tun, als in die erlauchten Fußstapfen zu treten. Seid ihr dabei Gevatter? ich und mein Schwager, wir kennen das Gebirge auf der Grenze ganz genau, wir sind mitten darin geboren; was ich durchbringe, soll kein Grenzjäger ausspüren. Und hier loswerden will ich’s wohl, die Kaufleute nehmen’s gern, sie darben schon lange genug. Dabei fallen für uns goldene Bissen ab in Menge.“
„Schmuggeln? betrügen? das Gesetz umgehen? sagte der Sattler kopfschüttelnd, das tue ich nicht, aber verraten will ich euch auch nicht. Doch hütet euch, die kleinen Diebe hängt man.“ — „Ei was! rief der Tischler, Noch kennt kein Gebot und Einen Tod kann der Mensch nur sterben; Basta, ich bange meinen Hobel an den Nagel und werde Schmuggler.“

Viertes Kapitel.

So wie der Tischler dachten auch andere Schneckenberger, und in kurzer Zeit stand der Schmuggelhandel in vollster Blüte. Die Zollgesetze wurden verschärft und die Zolljäger vermehrten sich so schnell wie Ungeziefer. Vergebens, das Schmuggeln nahm immer mehr überhand. Zugleich rissen allerlei andere Untugenden in Schneckenbergen ein, wie denn kein Laster allein kommt; Lug, Trug, Unehrlichkeit, Spiel, Trunk, wucherten im Lande wie böses Unkraut. Alte Leute klagten mit traurigem Gesichte: „die Welt wird immer schlechter!" Dass der Schutzzoll die Wurzel alles Übels sei, auf den Gedanken kam damals noch Keiner. Es wurde indes von Tage zu Tage schlimmer. Die Schmuggler gingen nicht mehr einzeln, sondern in ganzen Banden und waren bewaffnet bis an die Zähne. Fast jede Nacht gab es Lärm; gewöhnlich lockten die Schmuggler die Zollwächter durch blinde Schüsse auf eine falsche Fährte und brachten dann ihre Waren in anderer Gegend über die Grenze; häufig aber misslang ihre List und es gab blutige Kämpfe; viele Schneckenberger, mit und ohne Zöllner-Uniform, mussten ins frühe Grab. Witwen und Waisen seufzten: „Sieht die von unserm Fürsten uns verheißene Glückseligkeit so aus?“
„Ist es nicht eine Schande und eine wahre Tollheit“, sagte der Sattler zu seinem Gevatter, der mit einem Streifschuss davon gekommen war, „dass für nichts und wieder nichts so viele Menschen ins Grab beißen müssen?“ „Freilich“, erwiderte der Tischler, „früher hatte man einen kupfernen Götzen, unter dem man Feuer anmachte und dem man lebendige Menschen in die glühenden Arme warf als Opfer, das war der Moloch; jetzt hat man dafür einen andern Götzen, dem man das Glück und selbst das Leben der Menschen kaltblütig hinwirft, und dieser Götze heißt — der Schutzzoll.“

Fünftes Kapitel.

Der Glücksbecher für Schneckenbergen war noch lange nicht voll. Die Nachbaren wurden aufmerksam und ergriffen Gegenmaßregeln; Wurst wieder Wurst, sagten sie und führten ebenfalls Schutzzölle ein. Sowohl in Finsterhausen wie in den andern Nachbarstaaten musste Alles was aus Schneckenbergen kam, einen vierfachen Zoll bezahlen. Die Schneckenberger machten sehr lange Gesichter, Fürst Peter das allerlängste. So manchen schönen Thaler hatten sie gelöst für Flachs und Hafer, nicht weniger für Leder und Ziegelsteine; das war nun alles vorbei. Die großen, neuangelegten Fabriken in Schneckenbergen brachten hundertmal mehr Garn, Tuch, Eisenwaren, Runkelrübenzucker usw. zu Tage, als im Ländchen verbraucht werden konnte und durch die hohen Zölle der Nachbarstaaten war ganz Schneckenbergen wie vermauert. Die Fabriken stockten, hunderte von Arbeitern wurden entlassen, das Elend im Lande stieg immer höher.
Dabei standen sich freilich die Nachbarn ebenfalls schlecht genug. Die Finsterhäuser mussten jetzt Flachs, Hafer, Leder und Ziegelsteine weither holen, bekamen schlechtere Ware zu höheren Preisen und hatten große Transportkosten obendrein. Also hatten sie, indem sie nur auf die Schneckenberger zu schlagen dachten, sich selbst empfindlich mitgeschlagen. So geht es immer mit dem Schutzzoll, er schlägt Feind und Freund.

Sechstes Kapitel.

So zog sich das Netz, worin sich das arme Schneckenbergen gefangen hatte, immer fester zusammen. Die Armut nahm reißend zu, die Mutlosigkeit fast noch mehr. So viele Bettler und Vagabunden hatte man noch nie gesehen, und die Kerker waren übervoll. Alle Geschäfte lagen stille, die fürstlichen Kassen waren so leer wie die Taschen des verlorenen Sohnes; die Beamten konnten nicht bezahlt werden, sogar die Armee musste — so klein sie war, am Hungertuche nagen. In dieser großen Not folgte Fürst Peter endlich dem Rate des Herrn von Schwindelhaber und schrieb Verbrauchssteuern aus; Salz, Fleisch, Butter und Mehl wurden mit hohen Abgaben belastet und eine fürstliche Proklamation erklärte, es geschehe nur zum Besten des Landes. Den Schneckenbergern war da bei zu Mute, wie einem Verdurstenden, dem man Heringslake reicht.
Der Fürst ging so missmütig und schlotterig umher, wie ein unvermutet Begossener. „Wenn ich nur wüsste, wo das Geld bleibt“, sagte er zu Schwindelhaber. „Herein kommt freilich nichts mehr, seit unsere Nachbarn mir den Schutzzoll nachgeäfft haben, aber es kann auch nichts hinaus; wo bleibt’s denn?“ Der Geheimrat zuckte die Achseln und sagte: „Ich glaube, sie scharren’s ein.“ „Wer denn?“ fragte der Fürst erstaunt. „Ja, die Bauern und die Handwerker“, sagte Schwindelhaber, „die ziehen den Vorteil von dieser Krisis ganz allein.“

Siebentes Kapitel.

Am nächsten Morgen ritt Fürst Peter einsam über Feld; ein altes Weib sagte ihm am Kreuzweg guten Morgen, ein Hase lief ihm über den Weg und ein großer Rabe flog krächzend vor ihm auf. Lauter böse Zeichen, dachte der Fürst. Ein alter Bauer kam vorüber; der Fürst rief ihn an: „He, Alter, wo habt ihr euer Geld verscharrt!“ „Verscharrt?“ sagte der Bauer mit großen Augen. „Heute Mittag um ein Uhr werde ich ausgepfändet und mit Weib und Kindern von Haus und Hof gejagt!“ „Ausgepfändet, verjagt, warum?“ fragte der Fürst. „Weil ich die schweren Abgaben nicht bezahlen kann“, erwiderte der Alte.
Der Fürst ritt weiter; sein Pferd verlor ein Hufeisen, er hielt vor der nächsten Schmiede an. Während der Arbeit fühlte er den Schmied auf den Zahn von wegen des verscharrten Geldes; dabei aber kam er schlecht weg. Der Eisenmann, der den Fürsten nicht zu kennen schien, nahm kein Blatt vor den Mund, sondern sagte ihm rund heraus, eine solche Räuber- und Bettelwirtschaft könne nicht länger bestehen; den Herrn von Schwindelhaber solle wenigstens der Teufel holen.
Zum ersten Male in seinem Leben schmeckte dem Fürsten sein Champagner bei der Tafel ganz bitter; „ich glaube, ich werde krank“, sagte er traurig, und alle Hofleute strengten sich sofort an, möglichst blass und niedergeschlagen auszusehen.
Am Abend ließ der Fürst den Herrn Solide rufen, einen erfahrenen Kaufmann, und fragte ihn um seine Meinung. Herr Solide schenkte ihm reinen Wein ein. „Das Schneckenberger Geld“, sagte er, „ist nirgends vergraben, sonderst es ist fort, zum Lande hinaus ist es, hinausgeschmuggelt. Schmuggelwaren müssen alle bar bezahlt werden, also — weg ist unser Geld. Dazu kommt, dass die Arbeitskraft im ganzen Lande ruiniert ist; Geld kommt aber nur durch Arbeit, nie durch Preisverteuerung. Die übertriebenen Spekulationen sind alle fehlgeschlagen, die erwarteten gebratenen Tauben sind nicht gekommen, das macht mutlos und träge. Alles hat sich zur Fabrikarbeit gedrängt, dadurch sind dem Landbau die nötigen Arbeiter entzogen und viele Äcker liegen brach. Die Handwerker ruinieren sich gegenseitig durch hohe Preise, ein Bankerott folgt dem andern und die für die Erhaltung so vieler Zöllner Und anderer Beamten notwendigen Auflagen saugen dem armen Volk die letzten Blutstropfen aus. Bald sind wir in Schneckenbergen Mathäi am Letzten!“
„Gebt Rat“, bat der Fürst, „ihr seid ein ganzer Mann.“ „Schafft den Schutzzoll ab und führt Handelsfreiheiten“, antwortete Herr Solide, „und Schneckenbergen wird sich wieder aufrichten wie welkes Gras nach dem Gewitter.“ Herr Solide ging.
Handelsfreiheit? Freiheit? dachte der Fürst und fühlte eine Gänsehaut über und über. Kurz vor Mitternacht ließ er den Herrn von Schwindelhaber aus dem Bette holen und fragte ihn um Rat von wegen der Handelsfreiheit. „Was?“ schrie dieser, „Handelsfreiheit, während alle Nachbaren Schutzzölle haben? Nein, wir müssen unsere Zölle noch verdoppeln und Schneckenbergen wird wieder emporkommen, unser Zoll ist zu niedrig, das ist unser Ruin.“ Herr von Schwindelhaber hatte gut reden, er hatte sein Schäfchen längst im Trocknen. Der Fürst rang die Hände, der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn wie Jemanden, den der Böse in den Klauen hält und nicht fahren lassen will. Es war wirklich so und der Herr Urian war — der Schutzzoll.

Achtes Kapitel.

Schneckenbergen lag in den letzten Zügen. Wer noch Geld und Geldeswert besaß, war längst ausgewandert; was zurückgeblieben war, schlich verblichen und verkümmert umher. Der Fürst tat in Verzweiflung den letzten Schritt, er wandte sich an einen mächtigen Vetter, den König von Toren, und — verkaufte ihm sein väterliches Erbe, das ganze Fürstentum Schneckenbergen mit Mann und Maus und Schutzzoll - für bare 20.000 Thaler. Mit diesem Gelde ging er nach der ehrwürdigen Reichsstadt Schilda, wurde dort hochgeehrt und schrieb ein großes Werk über den Segen des Schutzzolles. Er behielt die feste Überzeugung, dass Schneckenbergen, wenn er nicht den Schutzzoll eingeführt hätte, noch viel eher untergegangen wäre. „Ich hätte den Zoll nur noch höher schrauben sollen“, pflegte er zu sagen, „dann wäre Alles gut gegangen.“
Er starb im höchsten Alter. Die hochweisen Schildaer Ratsherren trugen ihn eigenschultrig zu Grabe und setzten ihm ein Denkmal mit folgender Inschrift:

Hier ruhet Peter von Gottes Gnaden,
weiland Fürst von Schneckenbergen,
glorreicher Erfinder des Schutzzolles
und Ehrenbürger zu Schilda.

Schlagbäume umgaben seinen Grabhügel.
Fürst Peter ist tot, sein großer Gedanke aber ist nicht mit ihm gestorben, manches kleine und große Schilda vergöttert ihn; Schlagbäume von allen Farben umgeben unser deutsches Vaterland. Zöllner, d. h. Schutzzöllner und Schmuggler machen glänzende Geschäfte. Die Herren von Schwindelhaber trinken Champagner und speisen Fasanen, während das arme Volk Hungerpfoten saugt. Riesengroß steht mitten im Lande der Alles verschlingende Götze, der ewig glühende Moloch — der Schutzzoll! Die Götzenpriester tanzen räuchernd und lobpreisend um ihn herum, das betörte Volk beugt vor dem Unhold das Knie und verehrt in ihm seinen Erhalter und Wohltäter.
O, kommt nie die Zeit, da die Blinden sehend werden? Sie kommt! wahrlich, die Stunde ist nahe.

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010 Burg Schlitz in Mecklenburg

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029 Mannheim – Palais Bretzenheim (1782-88)

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001. Goldschmiedewerkstatt

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002. Enge Gasse

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003. Steinmetzen

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004. Glockengießer

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005. Wundarzt

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006. Fahrendes Volk

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007. Rathausplatz

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008. Prozession vor dem Dom

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009. Dom-Inneres

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010. Gerichtszene

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011. Bauern bei der Arbeit

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012. Bauerfamilie zum Markt ziehend

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Deutsche Kulturbilder - Stadtansicht

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