De söben Sinnen

Aus: Köster Klickermann. Plattdeutsche Dichtung und Erzählungen
Autor: Tarnow, Rudolf (* 25. Februar 1867 in Parchim; † 19. Mai 1933 in Sachsenberg bei Schwerin) war ein niederdeutscher Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1935
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Plattdeutsch, Mundart, Plattdeutsche Dichtung und Erzählungen
De söben Sinnen

"Der Mensch", seggt Köster Klickermann,
"Steht in der Schöpfung baben an
Und ist der Wähligste von allen;
Und kann mir soanst nicht gefallen,
Dass manche sagen, dass vor Jahren
Die ersten Menschen Affen waren,
Die bischen plietscher sich gebierten
Und sich dann nahst vermengulierten.
Nun möcht' ich einen Menschen fragen:
Was würde Adam dazu sagen?
Die Leute sollten sich was schämen
Und Rücksicht auf die Eltern nehmen,
Denn, Kinder, dieses gibt zu denken
Und muss die besten Eltern kränken.
Und woanst sollt' es möglich sein?
Das Vieh düst in den Tag hinein
Und frisst und ist ihm einerlei
Und denkt sich in der Welt nichts bei.
Der Mensch dagegen denkt sich was
Und hat sein Tun mit Dies und Das
Und bei sein Weswark früh und spat;
Da merkt man, dass er Ahnung hat.
Er grübelt mit Verstand und Fleiß,
Und was er dann von selbst nicht weiß,
Das schlägt er in den Büchern nach
Und wo er sonst was finden mag.
Nein, Kinder, wir sind keine Affen,
Als Menschen sind wir furts erschaffen,
Und Sinne hat uns Gott gegeben,
Damit, dass wir als Menschen leben.
Nun aber sag' mal, Heiner Moll,
Wo viele Sinne hast du woll?"
Tjä, Heiner Moll, dat wier so 'n Sak,
De har wat anners in de Mak:
Mit sienen Nahwer Beggerow
Harr he all dremmelt immertau
Un wür mit em üm Griffeln schutern,
Un 't wier ein Schachern un ein Futern,
Un nu kem de oll Klickermann
Mit de verdammten Sinnen an.
"Wat hett he fragt?", denkt Heiner Moll,
So wat von Sinnen wier 't ja woll. -
"Du!", flüstert he, "Korl Beggerow,
Du, segg mal bäten läufig tau!"
Jä, "Segg mi tau!", is licht geseggt,
Korl wüsst dat öwer ok nich recht.
Wo in de Welt süll he nu weiten
wo Heiner Moll sien Sinnen seeten?
"Ach", denkt he, "is jo einerlei."
Un wiest em mit de Fingern: Drei.
"Ich habe drei!", seggt Heiner Moll
Un kiekt em an, as sühst mi woll. -
"Drei hast du bloß?", seggt Klickermann,
"Nun kuckt euch diesen Esel an!
Was soll ich nur mit dir beginnen?
Du Dömelack hast nur drei Sinnen? -
Ja, Heinerich, ich glaub' es dir,
So kommst du mich auch immer führ;
Nun bleib mal diese Stunde stehn.
Wir aber wollen weitergehn! -
Der Nächste dann, Karl Beggerow,
Du grientest ja so schadenfroh,
Du gabst woll deinen Senf mit zu?
Wie viele Sinnen hast denn du?"
"Süh, so!", denkt Korl, "dat hew 'ck mi dacht!
Dat kümmt davon, wenn ein' bi lacht...
Tschä, Klickermann, du büst 'n Griesen,
drei Sinnen warden di nich düsen? -
Jä, woväl möt 'ck di denn woll gäben?
Ick glöw, ick beid di 'n Stücker söben."
Hier möt 'n sick up 't Raden leggen... -
Un ward nu richtig 'söben' seggen.
"Was? Sieben bloß! - Hast nich noch mehr?
Denk doch mal bisschen hin und her,
Ob nicht noch ein verkrümelt ist!"
Korl schürrt den Kopp. "Dass ich nicht wüsst!"
"Nu kuck bloß an!", seggt Klickermann,
"Wo einer sich verstellen kann!"
Un fägt nu von 't Katheder dal
Un lust em ganz gehürig mal
Un kriggt em hinnen in den Wickel:
"Du bist ja einen großen Nickel!
Du machst wohl noch Spijök mit mir?
Raus mit dir Esel aus der Tür!"
Un ruter flüggt Korl Beggerow;
Dat harr he von sien Schadenfroh.
'N Ogenblick hett he woll stahn,
Dunn ward de Husdör apengahn. -
Süh, Luten Bohn hett up de Strat
Noch bäten spält un kümmt tau laat.
"Wat hest du makt?", fröggt em nu Luten,
"Du steihst jo ganz allein hier buten."
"Jä, he hett mi jo rutersmäten,
Un hett mi an de Uhren räten,
Un gew mi mächtig weck in 't Linnen,
Blot wägen de verfluchten Sinnen."
"Wo käm denn dat?", fröggt Luten Bohn.
"Ach, bi sien dömlich Religion!
Woans de Apen Minschen warden,
Un woväl Sinnen wi woll harren.
Wat will so 'n Köster Klickermann?
Wat gellen em mien Sinnen an? -
Dat lätt min Mudder noch nich stäcken,
Min Vadder sall mit 'n Schulten spräken,
De kann em mal bi 't Amt verklagen,
Üm sowat dörft he mi nich slagen."
"Dat hest nich wüsst?", un Luten lacht,
"Un dorüm kreegst hüt morgen Schacht?
De hest denn över ok verdeint!"
"So, du snakst klauk!" un Korl de weint
Un föhlt na sienen Buckel hen.
"Jä, woväl Sinnen hest du denn?"
"Na, ick hew fief!", seggt Luten Bohn.
"Un dor wist di noch dick mit dauhn?
Du büst ja liekers bannig klauk!
Du, Stücker fief, - de harr ick ok!
Mit drei füng Heiner Moll ierst an,
'Du Äsel!', säd dunn Klickermann,
Un ick bün furts up söben stägen
Un hew 'n mächtig Fell voll krägen,
Un nu kümmst du mit lumpig fief? -
Minsch, riet di blot nix up 'n Liew!
Gah doch mal rin mit dien fief Sinnen,
Du büst kein fief Minuten binnen.
Ne, denn will 'ck di wat seggen, Luten:
Denn bliew man lewer gliek hier buten!"

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