Das Raubschloss bei Cantrek.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Gollnow, Cantrek, Wegelagerer, Räuber, Raubritter
Zwei Meilen von Gollnow liegt das Dorf Cantrek. Etwa eine Viertelmeile von diesem sieht man auf einer ziemlichen Anhöhe die Ruinen einer alten Burg; am Fuße der Anhöhe befindet sich ein klarer See. Die jetzt zertrümmerte Burg ist früher ein Raubschloss gewesen. Sie gehörte der Familie von Köller, welche seit undenklichen Zeiten in Pommern das Gewerbe der Räuberei und Wegelagerung getrieben hatte. Kein Kaufmann oder anderer Reisender konnte ungeplündert durch die Gegend ziehen. Dabei hatten die Raubritter sich ihr Gewerbe so sehr erleichtert, dass sie nicht einmal nötig hatten, einen Späher auf die Zinnen ihrer Burg zu stellen. Die armen Reisenden mussten ihnen vielmehr von selbst entgegenkommen. Aus dem Burgsee nämlich ergoss sich ein kleines Fließ, welches später in den Jubenbach fiel. Dieses Fließ lief quer durch dieLandstraße, so dass jeder Reisende es passieren musste. Nun, sagt man, hatten die Herren von Köller über dasselbe eine Brücke schlagen lassen, dem Anschein nach zur Bequemlichkeit der Reisenden, aber in Wahrheit zur Erleichterung ihres bösen Gewerbes. Denn an der Brücke hatten sie einen Draht befestigt, der unter der Erde her bis zur Burg hinaufging und dort an eine Glocke reichte. So wie nun Jemand auf die Brücke trat, so geriet durch die Erschütterung der Draht in Bewegung, und die Glocke auf der Burg läutete. Dann brach Alles auf und überfiel den arglosen Wanderer, der über die Brücke gegangen war.

Solches Unwesen hat gedauert bis zu Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts; denn Keiner hatte den gefährlichen Raubrittern in ihrer festen Burg etwas anhaben können. Als aber zur Zeit des dreißigjährigen Krieges der schwedische König Gustav Adolph nach Deutschland kam und durch Pommern zog, hörte er auch von dieser Räuberburg, und er beschloss sofort, sie zu belagern. Anfangs spottete sein der Raubritter, der damals auf der Burg hauste. Nachdem der König aber eine Zeitlang da gelegen hatte, und die auf der Burg sehen mochten, dass keine Rettung mehr für sie sei, erschien auf einmal eines Abends in dem Zelte des Königs eine hohe, schöne Frau. Die weinte sehr und sprach zum Könige, dass sie die Frau des Herrn von Köller sei, des Raubritters, den er belagere, und bat ihn sehr, dass er ihrer und ihres Mannes schonen möge. Der König versprach ihr das auch für sie, von ihrem Manne wollte er aber nichts wissen. Da bat die Frau nur um freien Abzug dessen, was sie aus der Burg werde tragen können; das versprach ihr der König. Am anderen Morgen nun ließ sich die Zugbrücke der Burg nieder, und über dieselbe schritt die Frau von Köller, ihren Mann auf dem Rücken, den sie also rettete. Der König ließ darauf Alles töten, was noch auf der Burg war, und diese selbst zerstörte er.

Die Frau hatte ihren Mann aus Furcht über eine Viertelstunde weit von der Burg getragen, bevor sie es wagte, ihn zur Erde niederzulassen. An der Stelle, wo dieses geschah, bauten Beide nachher das Dorf Cantrek.

Sowohl an der Ruine der alten Burg, als an dem See unterhalb derselben ist es noch immer nicht geheuer. Einer alten Frau,die noch jetzt in dem Dorfe Cantrek lebt, ist einmal Folgendes begegnet: Sie war eines Abends zu dem See gegangen, um zu krebsen. Dabei verspätete sie sich, so dass es Mitternacht wurde. Auf einmal erhob sich ein schrecklicher Sturm, der ihre Kienfackel, die sie bei sich hatte, verlöschte. Unten im See aber hörte sie Geklirre von Waffen, und das Ächzen von Sterbenden, und dann einen gräulichen Rumor, der immer höher heraufkam. Zuletzt taten sich die Wellen auseinander, und es stiegen acht geharnischte Männer aus dem Wasser, die drei festgebundene Kaufleute mit sich schleppten. Gleich hinter diesen her sprangen zwei andere geharnischte Männer hervor, die aber ganz weiß waren, wogegen jene schwarze Mäntel über ihren Rüstungen trugen. Die weißen Ritter stimmten zuerst einen lieblichen Gesang an. Ihnen folgten mit erschrecklichem Geheul die schwarzen, indem sie die räuberischen Taten der Köllerschen Familie besangen. Als sie zu Ende waren, stürzten beide Teile auf einander los, und hoben einen wütenden Kampf an. Die weißen Ritter blieben darin aber Sieger, und erschlugen alle die acht schwarzen Ritter. Sie warfen diese darauf in die Tiefe des Sees, und ließen sich dann selbst unter einer schönen Musik in den See hinunter. Was aus den gebundenen
Kaufleuten geworden ist, hatte die alte Frau in ihrer Angst vergessen.

Mündlich.
Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

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Edelfrau in der Hansezeit

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Fuhrmann in der Hansezeit

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Jäger in der Hansezeit

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Kriegsmann mit Beute beladen

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Beim Lanzenstechen am Hals getroffen

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Ein Turnierteilnehmer stellt sich vor

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