Das Großherzogliche Schloss zu Schwerin

Aus: Daheim. Ein deutsches Familienblatt mit Illustrationen. VIII. Jahrgang. 1872. Nr. 32
Autor: Redaktion - Daheim, Erscheinungsjahr: 1872
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin, Friedrich Franz, Residenzschloss
Kein schönerer Bau im hohen Norden unseres Vaterlandes als jener, in dem Großherzog Friedrich Franz von Mecklenburg seine Residenz aufgeschlagen hat!

Da, wo bei der alten Stadt Schwerin der Burg- und der Schwerinersee zusammenstoßen, ragt auf einer Insel, die mit der Stadt durch eine Brücke verbunden ist, der vielgetürmte, formenbunte, sonderbar gegliederte Bau auf, umfangreich, glänzend und durch seine architektonische Anordnung verwirrend. Himmelanstrebend mit seinen Giebeln und Spitzen im nordischen Renaissancestil, überragt von der 200 Fuß hohen, reich vergoldeten Kuppel, steht es da, zugleich ernst und anmutig, mannigfaltig und reich, die Wirkung erhöht durch die Boskete des Schlossgartens wie durch den Hintergrund der den Wasserspiegel umschließenden bewaldeten Anhöhen. Das Gesamtbild ist wunderbar schön und überraschend. An den Außenwänden ist die Hauptfront mit zahlreichen Figuren, Inschriften und dem kolossalen Reiterstandbilde des slawischen Fürsten Niklot geschmückt.

Im Hofmarschallamt lösen wir eine Karte zur Besichtigung des Inneren. Es ist nicht der reiz des ursprünglich Altertümlichen, der in manchen alten Burgen und Schlössern unser Gemüht umfängt, sondern mehr die moderne Pracht, der Luxus der Gegenwart, welcher auf uns wirkte. Aber immerhin lehnt der Schmuck, wie die Einrichtung, sich an die gediegene alte Zeit an. Im Erdgeschoss ist es zunächst die reiche Waffenhalle, die uns fesselt, eine äußerst wertvolle Sammlung, ein Schoßkind des regierenden Großherzogs. Die Fenster derselben zeigen die brillant ausgeführten Glasmalereiporträts der Mecklenburger Fürsten. Die herrliche breite Treppe mit weißen Marmorstufen führt uns hinauf in den großartigen goldenen Saal, zu dem in Pracht strahlenden Thronsaal, dem mit Fresken von Elster geschmückten Sagenzimmer und zu den Privatgemächern des Großherzogs. Alles kostbar, reich, aber nicht zu ausführlicher Schilderung verlockend.

Lieber berichten wir dem Leser einiges aus der Geschichte des Schlosses, das heute wohl modern vor uns steht, in seinen Uranfängen aber über ein Jahrtausend alt ist. Und es ist eine bedeutsame Stelle, an der wir hier stehen, wichtig für die Geschichte des Nordens und die Kulturgeschichte des gesamten Vaterlandes, denn hier tobten die Kämpfe zwischen den alten heidnischen Wenden vom Stamme der Obotriten und den deutschen Sachsen besonders heftig; hier siegte schließlich das germanische Schwert und das Kreuz des Glaubens über den heidnischen Slawen und ward eine Stätte deutscher Kultur begründet.

Es ist ein wendischer Namen, den Stadt und Schloss tragen, Zuerin oder Schwerin bedeutet jetzt noch in slawischen Sprachen eine wildreiche Gegend oder schlechthin Wildpret. Wenig glücklich ist die Deutung „Tiergarten“, mit Bezug auf einen heiligen Hain der Obotriten, in welchem hier weiße Rosse zu gottesdienstlichen Zwecken gehalten worden sein sollen. Hier stand die alte Slawenburg, in welcher Niklot, der letzte Obotritenfürst, hauste. Gegen ihn zog Heinrich der Löwe zu Felde. Vor der Macht des Sachsenherzogs erschreckend, steckte Niklot alle seine Burgen, auch Schwerin, in Brand, um der Gefahr der Belagerung zu entgehen, wie der Chronist Helmold erzählt. Dann zog er mit wenigen Getreuen gegen den Feind, um ruhmvoll den Tod zu finden. „Sein Kopf“, so erzählt Helmold, „ward erkannt und ins Sachsenlager gebracht, wobei mancher sich darüber wunderte, dass durch Gottes Fügung ein so großer Mann, beinahe mitten unter den seinigen, allein den Tod gefunden hatte.“ Mit dem Wendentum war es nun vorbei und Schwerin wurde jetzt ein deutsches Schloss, um das herum flandrische und sächsische Einwanderer sich niederließen und die deutsche Stadt begründeten. Das geschah im Jahre 1160.

Über das alte Schloss, dass wohl nur ein einfacher Bau war, ist dann noch oft Brand und Zerstörung hingegangen. Der Versuch, es architektonisch schöner zu gestalten und die einzelnen Anlagen zu einem Ganzen zu vereinigen, geschah in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts unter Herzog Adolf Friedrich. Der Niederländer Ghert Evert Piloot entwarf den Plan, von dem nur ein kleiner Teil ausgeführt ward; der Gedanke, das Schloss umzubauen, ward dann ganz aufgegeben. als Herzog Friedrich, der von 1756 bis 1785 regierte, das Schloss zu Ludwigslust baute, welches nun die Residenz der Landesfürsten wurde. Die Schweriner Burg blieb bis zum Jahre 1835 im zerfallenen, schadhaften Zustande Sitz der Regierungsbehörden; sie enthielt das Archiv, die Bibliothek und die Kunstsammlungen. Da gelangte 1842 der gegenwärtige Großherzog an die Regierung. Er sah die herrliche Lage des alten Schlosses im See und beschloss sofort den Neubau, der bereits zwei Jahre später unter Demmlers Leitung begonnen wurde.

Charakteristisch ist, was in der ganzen Architektur sich auch ausspricht, dass die Leitung nicht in einer Hand blieb, dass jeder Baumeister an den Plänen änderte und seine eigenen Ideen auf das bereits Bestehende übertrug. Wohl fehlt dem ganzen dadurch eine gewisse Harmonie, aber es entstand auch dadurch jene reizende Abwechslung, die bei alten Bauten, an denen verschiedene Zeiten gebaut, uns so wohltuend anspricht.

Was von dem Bestehenden zu erhalten war, wurde in den unter Benutzung von Piloots Zeichnungen entworfenen Plan hineingezogen, der nordische Renaissancestil wie er in dänischen Schlössern so prächtig uns entgegentritt, unter Beihilfe französischer Schlossbauten, zumal Chambords, beibehalten. Abgesehen von seiner historischen Geltung entsprach gerade er dem malerischen Effekt wie den Erfordernissen, die man an einen Residenzbau stellte.

Im Jahre 1851 trat der preußische Oberbaurat Stiller an Demmlers Stelle und in sechs Jahren war das herrliche Schloss vollendet. Der Chor der Schlosskirche rührt von dem Kölner Dombaumeister Zwirner her; der Oberhofbaurat Stracke war beim inneren Ausbau tätig. So vereinigten sich die ersten Architekten unserer Zeit zur Schaffung des herrlichen Werkes, das an Glanz und Pracht, an Schönheit der Ausführung mit den gefeiertsten Schlossbauten der Neuzeit wetteifert und von den Mecklenburgern mit Recht als die architektonische Perle ihres Landes gepriesen wird.
Das Großherzogliche Residenz-Schloss zu Schwerin

Das Großherzogliche Residenz-Schloss zu Schwerin

Petermännchen, Schweriner Schloss-Fassade

Petermännchen, Schweriner Schloss-Fassade