Chronik der Insel Usedom. - Die älteste Zeit. - Von den ältesten deutschen Einwohnern.

Ein Beitrag zur Geschichte Vorpommerns
Autor: Gadebusch, Wilhelm Ferdinand (?) Königlicher Rentmeister und Amts-Rat, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Pommern, Landesbeschreibung, Land und Leute, Sitten und Gebräuche, Kultur-, Sitten- und Sozialgeschichte, Bildung, Lebensverhältnisse, Besitzverhältnisse, Usedom, Swinemünde, Ostseebad
Die günstige Lage der Inseln an der Oder-Mündungen lässt auf eine frühe Bewohntheit derselben schließen.

In den grauen Tagen der Vorzeit mochte zwar unsere Insel Usedom mit undurchdringlichem Urwald, mit Moorästen und Sumpfland neben flüchtigen Sanddünen bedeckt sein, wo die wilden Tiere des Waldes, darunter Wölfe, Luchse, wilde Schweine, möglicherweise auch Bären und Auerochsen hausten, wo vielleicht nur selten oder gar nicht eine freie Feldflur zu entdecken war, die sich für den Anbau eignete oder dazu einlud. Solche Urzustände, zu denen sich ein unfreundliches Klima voller Stürme und Nebel mit langem Winter gesellte, schreckten indessen herumziehende Völkerschaften nicht ab, hierher bis zum Meere vorzudringen, wohin sie ihre Züge gewöhnlich zu richten pflegten. An jegliches Ungemach, an die härtesten Entbehrungen in Wildnissen und Steppen gewöhnt, gelangten die kräftigen Wanderer sicher schon Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung hierher an das Gestade der Ostsee, wobei ihnen die insularische Begrenzung durch die Swine und Peene bei Überschreitung dieser Ströme kein Hindernis; bot. Gerne schlugen sie ihre Hütten in einer Landschaft auf, wo ihnen das Wasser, das erste Lebensbedürfnis, nirgends fehlte, wo Viehweide, Waldfrüchte und Wild vorhanden waren, insonderheit aber Fische, von welchen die Gewässer wimmelten und reichliche Nahrung boten.

Von welchem Volksstamme die ersten Bewohner des Pommernlandes gewesen, ob vom germanischen oder vom slawischen, darüber sind die Meinungen der einheimischen Geschichtsschreiber geteilt. Gegen die sonst allgemein angenommene Meinung halten Einige die Slawen oder Wenden für die Ureinwohner, indem sie die griechischen und römischen Berichte von den Germanen in dem im nordöstlichen Deutschland gelegenen Pommern für dunkel und unsicher erklären und namentlich von den dort verbreiteten slawischen Ortsnahmen auf die ersten Bewohner schließen. Neben dieser vorgefassten Meinung verfallen auch manche Schriftsteller offenbar in Irrtum. Unter andern werden von Thomas Kanzow in seiner sonst schätzbaren Pommerschen Chronik die germanischen Vandalen mit den slawischen Wenden verwechselt, welchen Irrtum er mit einigen gleichzeitigen Schriftstellern gemein hat. Dagegen messen andere Geschichtsschreiber und mutmaßlich die Mehrzahl den Nachrichten der Alten Glauben bei und betrachten germanische Völkerstämme, mithin deutsche *), als die ältesten bekannten Einwohner Pommerns. Wir können nur dieser letzteren Meinung beitreten und zwar um so mehr, weil bezüglich unserer Insel Spuren des germanischen Altertums vorhanden sind, auf welche wir später zurückkommen werden.

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, dass griechischen, besonders römischen Historikern und Geographen, eine mehr als oberflächliche Kenntnis beiwohnt von den Ländern und Bewohnern der südlichen Küste der Ostsee, die anfänglich mare suevicum **), später mare balticum genannt wurde. Ihre Kenntnis beruhte nicht allein auf bloße Sagen, sondern schrieb sich von den Handelsbeziehungen her, welche durch den Bernstein veranlasst, freilich nur auf Tauschhandel beschränkt waren, jedoch seit uralten Zeiten mit der pommerschen und preußischen Ostsee-Küste bestanden hatten. Schon 1.000 Jahre vor Christi Geburt holten die Phönizier zu Schiffe den Bernstein von daher, bereits zu Herodots Zeiten hatten die Griechen Bernsteinschmuck. Außer dem Seewege führte aber auch eine Handelsstraße vom Pontus Euxinus längs dem Dniepr und der Düna, auf welcher Kaufleute aus den griechischen Kolonien am schwarzen Meere nach dem Heimatlande des Bernsteins gelangten, wie in neuerer Zeit mit großer Wahrscheinlichkeit dargetan worden. Ferner ist es glaublich, dass römische Kaufleute bis hierher vorgedrungen sind. Zu Kaiser Neros Zeit wurde, wie Plinius erzählt, ein römischer Ritter abgeschickt, um Bernstein unmittelbar von der Ostsee zu holen. Damals wurde ein großer Vorrat dieses begehrten Produkts nach Rom gebracht, wovon das größte Stück 13 Pfund gewogen haben soll.

Nach so lange bestandenem Verkehr mit unserer Küstengegend erscheint die Kunde unverwerflich, welche die frühesten Berichterstatter davon überliefert haben. Von ihren Nachrichten lassen wir einige Bruchstücke folgen.

Sie verbreiten zwar kein vollständiges Licht über die damals so entfernten und unwirtlichen, von wilden Völkerschaften bewohnten Länder, manche Andeutungen ermangeln auch in Bezug auf Grenzen der Übereinstimmung, indessen offenbart sich darin der forschende Geist des klassischen Altertums, dem Anerkennung und Glauben nicht zu versagen ist.

*) Die alten Deutschen, von den Römern gemeinhin Germanen g. i. Heer- oder Kriegsmänner genannt, sollen aus Asien vom Kaspischen Meere eingewandert sein. Ihre asiatische Abstammung wird unter andern auch von der nahen Verwandtschaft hergeleitet, welche zwischen der deutschen Sprache, in ihrer altern Gestalt mit dem Sanskrit, der indischen Gelehrten-Sprache, besteht. Als ihren Stammvater sollen unsere Vorfahren den Thuist und dessen Sohn Mannus angesehen, dem Ersteren auch göttliche Ehre erwiesen haben. Wahrscheinlich führten sie von dem Thuist den Nahmen, und hießen anfangs Thuisken, auch Teuten, später im Mittelalter: Dütsche, woraus der jetzige Name Deutsche im sogenannten Hochdeutsch entstanden.

**) Unter den deutschen Völkerschaften erschienen zu Julius Cäsars Zeiten die Sueven zuerst am Oberrhein. Tacitus begreift unter ihrem Namen die Völker des inneren Deutschlands. Daher wurde zuerst die Ostsee das, Suevische Meer und der Oderstrom Suevus geheißen, obgleich an diesen die Guttonen damals ihre Wohnsitze hatten.


Bereits 320 Jahre vor Christi Geburt kannte Pytheas von Massilia, dem heutigen Marseille, welcher Britanien besucht hatte, die Südküste der Ostsee. Er nennt die Bewohner Guttonen, worunter nur die Goten zu verstehen sind, welche damals wie später einen Teil der Vandalen, eines großen Volksstammes der deutschen Nation, ausmachte.

Nach Verlauf von vier Jahrhunderten werden dieselben Goten wiederum angetroffen in der inhaltreichen Welt- und Naturgeschichte, welche im Jahr 70 nach Christi Geburt von dem älteren Plinius verfasst worden. Der treffliche Römer berichtet darin von den zwischen der Elbe und Weichsel wohnenden Vandalen in vier Stämmen, darunter die Guttonen oder Goten*).

*) Nach Plinius zerfielen die Vandalen in Guttonen, Kariner, Variner und Burgundionen.

Mit Übergehung anderer römischen Geschichtsschreiber, welche Ähnliches bekunden, ist aber vornämlich des Tacitus zu gedenken, der etwa 30 Jahre nach Plinius seine berühmte Schrift „Germania“ mit umfassenden Nachrichten über die Deutschen, ihre Sitten, Religion und ihr Land geliefert und damit den Grund zu ihrer Geschichte gelegt hat. Er benennt unsere Küsten-Bewohner Gothones (Goten) und bezeichnet ihre Wohnsitze an der Ostsee-Küste im Nordosten von den Sueven.

Fünfzig Jahre später wurde von Claudius Ptolomäus, einem gelehrten Mathematiker zu Alexandrien in Ägypten, eine noch vorhandene Landkarte angefertigt, worauf sich mit Längen- und Breiten-Graden ein Umriss der ihm bekannten Länder an der Ostsee befindet. Darin sind Inseln und Flüsse bezeichnet, welche die pommersche Küste mit der Oder (viadrus) erkennen lassen, nicht minder die Grenze Germaniens an der Weichsel (vistula), so wie die Völker des Tacitus. Ist auch die Grad-Bestimmung des Ptolomäus von der jetzigen um etwa 2 Grad abweichend, so bleibt diese Karte doch als die älteste und für uns darum merkwürdig, weil sie für die Bekanntschaft der Alten mit der Oder-Gegend spricht.

So werden uns von erleuchteten Geistern des Altertums die germanischen Goten vorgeführt und ihr Wohnsitz angegeben. Gehen wir davon über zu den Spuren, welche sich von ihrem einstigen Aufenthalt auf unserer Insel befinden oder herschreiben, so ist für unsere Auffassung von Wichtigkeit: Die älteste Insel-Benennung wie solche in Überlieferungen älterer, besonders nordischer Geschichtsschreiber, welche sich über Pommersche Zustände verbreiten, enthalten ist. Danach führten die Inseln Usedom und Wollin in frühester Zeit den Nahmen Jom oder Joma, auch Jumna (lateinisiert Jumneta).

Unter andern bezeichnet Torfäus, ein dänischer Autor, die Landschaft Jom als eine provincia amplissima, was sich nur auf beide Inseln beziehen kann. Jom ist also der älteste Distrikts- und Eigenname der Insel gewesen, ehe und bevor die Wenden sich einfanden und sie Utznam benannten. Für den Inselnamen Jom sprechend und mit demselben identisch sind die Benennungen zweier uralter Ortschaften:

1) Gummelin oder Gommelin. Bauerndorf in der Nähe des Haffs, mit 8 Bauern und 2 Kossäthen.
2) Gumzin oder Gomzin, ehemals ein Vorwerk an der Peene, jetzt ein herrschaftlicher Schafstall.

Unverkennbar ist der Name Jom mit seinen verschiedenen Lesarten germanischen oder gotischen Ursprungs; in keiner Weise lässt sich darin das slawische Sprach-Idiom erkennen.

Eine gleiche Bewandtnis hat es mit dem Namen Reid Gothland, unter welchem nordische Analisten die pommersche Küste einschließlich der Inseln an der Oder-Mündung bezeichnen; sogar soll ein Reich unter diesem Namen hier bestanden haben.

Wenn auch jene alten Namen von den Goten herrühren, so wird auch der Swine-Strom von ihnen benannt worden sein, mutmaßlich von den Seehunden, welche damals unverfolgt sich in der versandeten Strohm-Mündung zahlreich aufgehalten haben und bekanntlich den Schweinen sehr ähnlich sind. Zudem sollen die Goten eine besondere Verehrung für die Schweine gehabt haben, weshalb wohl Grund genug vorhanden ist, um von ihnen die Benennung des wichtigsten Stroms dieser Gegend herzuleiten. Vielleicht erinnert auch der Name Carnin, eines Bauerndorfes bei Usedom, an die Kariner des den Goten verwandten vandalischen Stammes. Sicher sind dergleichen Spuren noch viele vorhanden, welche von der Wendenzeit verlöscht, nur schwer aufzufinden sind. Ganz eigentlich bestehen aber als Erbschaft oder Zeugnis der frühesten Bewohner auf Jom sowohl eine Ortschaft Goten nebst der Forst dieses Namens, als auch ein Goten-See, beide unweit der Ostsee eine Meile von Swinemünde in Nordwesten belegen. Da historische Erinnerungen nirgends länger als an örtlichen Benennungen haften, so sind die erwähnten für die Geschichtsforschung wohl zu beachten. Unerwähnt kann nicht bleiben, dass Goten ehedem ein Bauerndorf mit 2 Bauern und 1 Kossäthen war, jetzt ein adliges Vorwerk, dessen Forst zum größten Teil in Acker verwandelt ist. Sonstige Denkmäler oder Erinnerungszeichen aus der Vergangenheit finden sich nicht anders vor, als mitunter beim Graben in der Erde und in Grabhügeln auf dem Felde, Hünen-Gräber genannt. Bei Öffnung der letzteren ist gewöhnlich die Ausbeute gering gewesen an Scherben von zerbrochenen Aschen-Krügen, steinernen Waffen, Donnerkeilen; zuweilen wurden beim Wühlen unter der Erdrinde gefunden Opferschalen, Streitäxte und Messer von Stein, sehr selten kamen Geräte von Metall zum Vorschein *).

*) Die früher auf einigen Feldmarken vorhandenen Hünen- oder Riesengräber sind mit ihren Steinhaufen im Lauft der Jahre durch die fortgeschrittene Bodenkultur meistens spurlos verschwunden.

Im Jahre 1852 kam unweit des Dorfes Morgenitz am Rande eines sogen. Solls oder Sumpfes beim Ausfahren des Moders ein Fund von metallenen Geräten ausnahmsweise vor. In einer Tiefe von 6 Fuß unter der Oberfläche fanden die Arbeiter in dem Moder 12 Schüsselchen, 45 henkelartige Ringe von verschiedener Form, ein Räucherfass (?) mit Arabesken-Einschnitten verziert, eine Lanze und eine Partisanspitze, alles von Bronze, hatten die Sachen in einem irdenen Geschirr oder Urne sich befunden, welche nur zerbrochen herausgefordert ward. Jedenfalls deuteten sie auf ein hohes germanisches Altertum, vielleicht auch darauf hin, dass hier die Asche eines Häuptlings oder vornehmen Kriegers im Aschenkruge (Räucherfass) nebst Stücken seiner Rüstung und Zierraten seines Streitrosses beigelegt worden. Die gefundenen Sachen befinden sich im Museum für pommersche Altertumskunde zu Stettin.

Es bleibt ungewiss, ob solche Reliquien der Germanen- oder Wendenzeit angehört haben. In Beziehung hierauf sagt Barthold, der neueste Pommersche Geschichtsschreiber: „So werden Berge, Steine, Flüsse und Wälder über die ältesten Bewohner unseres Landes stumm bleiben, aber das überlieferte Wort der Griechen und Römer halten wir als ein heiliges Zeugnis fest.“

Römische Schriftsteller stimmen darin überein, dass die alten Deutschen in der Gesichts- und Körperbildung sich unter einander alle sehr ähnlich gewesen *).

*) Eine gleiche auffallende Ähnlichkeit findet man heut zu Tage bei den Russen, wie die Einwohner von Swinemünde bei den Mannschaften der russischen Kriegsschiffe gewahr geworden, welche letztere unter der Regierung des Kaisers Nicolaus während eines Vierteljahrhunderts den hiesigen Hafen fast alljährlich besucht und wochenlang hier verweilt haben.

In ihrer gemeinsamen Abstammung beruhend, erstreckte sich diese Ähnlichkeit auf Lebensweise, Sitte und Religion, woraus sich entnehmen lässt, dass die vorhandenen allgemeinen Schilderungen der damaligen Deutschen auf unsere Insel Goten Anwendung finden. Daher erscheint es angemessen und nicht allein für die Erweiterung des Stoffes dienend, sondern auch dem Zweck einer Chronik entsprechend, aus Geschichts-Erzählungen einige Tatsachen, so wie Andeutungen und Züge hier hervorzuheben, um in flüchtigen Umrissen ein Bild unserer gotischen Altvorderen zu entwerfen!

Gleich den andern Deutschen waren sie von großem, starken Körperbau, hatten blaue, trotzige Augen, lange Bärte und Haare von hochgelber Farbe. Letztere trugen die Sueven nach hinten geschlagen in einen Knoten geschürzt, während die Goten sich von ihnen darin unterschieden, dass sie ihre Haare in Zöpfe flochten und sie über den Rücken hängen ließen. Durch ihr Jägerleben waren sie abgehärtet gegen Kälte und Hunger, nicht gegen Hitze und Durst; sie badeten häufig in kaltem Wasser und ritten auf ungesattelten Pferden. Diejenigen, welche sich des Sattels bedienten, sahen sie für Schwächlinge an. Ihre Bekleidung machten einzig wilde Tierfelle aus, deren Kopfende mit Rachen oder Hörnern sie über das Haupt schlugen; ihre Waffen bestanden in Spieß, Schild und Keule, die sie gewöhnlich bei sich führten und womit sie in der Schlacht zu Fuß kämpften. Das weibliche Geschlecht war in seiner Tracht von dem männlichen wenig verschieden, nur trugen die Frauen ein sorgfältiger bearbeitetes Pelzwerk.

Alle deutschen Völkerschaften lebten meistens von der Jagd und der Viehzucht, die an Gewässern wohnenden auch allenfalls vom Fischfang; sie führten wohl durchgehend ein armseliges Leben voll harter Beschwerden. Häufig wechselten sie ihre Wohnplätze; ihre Hütten und Gehöfte, welche sie Hagen nannten, lagen einzeln und zerstreut; sie bestanden in Erdwänden mit Holz, die Dächer aus Schilf mit Baumzweigen; dabei befanden sich Erdgruben zur Aufbewahrung der Winter-Vorräte, Die männlichen Bewohner waren in zwei Klassen geteilt: in Freie und Gehorchende. Die allem Zwange abgeneigten freien und herrschenden Männer beschäftigten sich nur mit der Jagd. Die Gehorchenden bestanden aus leibeigenen Knechten durch Geburt oder Gefangenschaft. Diese weideten das Vieh, bestellten auch wohl wenigen Acker, der nur Hafer und Gerste trug, wenn sie sich überhaupt mit dem Ackerbau befassten, wozu die Goten noch am meisten Neigung gezeigt haben sollen.

Gegen die Sitte der übrigen Deutschen, welche nur unter gewählten Häuptlingen standen, hatten die an der Ostsee wohnenden Goten erbliche Oberhäupter, die mit den Ältesten in Friedenszeiten Recht sprachen und Streitigkeiten schlichteten, in Krieg und Gefahren aber als Anführer auftraten. In ihrer Freiheit nicht beschränkt, waren die Goten etwas gezügelter als ihre Stamm-Verwandte, standen ihnen jedoch in Tapferkeit und sonstigen Eigenschaften nicht nach, sie mochten in schönen oder deren Schattenseite bestehen. Überhaupt werden dem altdeutschen Charakter nachgerühmt: Biederkeit, Redlichkeit im Tauschhandel, Treue und Arglosigkeit unter Gatten und Freunden. Stets zu heftigen und raschen Entschlüssen geneigt, zeigten sie gegen Feinde Verschlagenheit und Verstellung. In müßigen Stunden überließen sich die freien Männer dem Schlafe und einer trägen Ruhe, tranken mit Andern Meth von dem Honig der wilden Bienen oder Bier, einen ohne Kunst aus Gerste bereiteten Trank, wobei es im Rausche nicht selten zu Zank und Streit, selbst Totschlag, kam. Dem Spiele sollen sie so leidenschaftlich ergeben gewesen sein, dass sie nach Verlust ihrer Habe sich selber aufs Spiel setzten und Leibeigene wurden.

So wie Tapferkeit als eine Zierde des Mannes angesehen wurde, war Keuschheit die Tugend des Weibes. Im Glücke oder Unglück treue Gefährtinnen, geleiteten die Frauen ihre Männer in die Schlacht und fachten ihren Mut an. Bei Festen und öffentlichen Versammlungen durften sie nicht fehlen, ihr Rat war gewichtig, weil der Glaube bestand, dass die Götter ihren Willen vornämlich dem weiblichen Geschlecht offenbarten. Daher standen die Frauen in so hohem Ansehen bei den alten Deutschen, die ihnen wider die Gewohnheit anderer Völker die Hände küssten *).

*) Diese Sitte hat sich bis auf unsere Tage fortgepflanzt. In gebildeten Ständen pflegen noch jetzt, besonders die Männer gesetzten Alters, den Frauen ihre Verehrung durch den Handkuss zu bezeigen.

Eine solche zarte Huldigung, von rohen Barbaren dargebracht, lässt nicht allein die Verehrung erkennen, von welcher die wilden Krieger mit ihren Schrecken einflößenden Wolfsrachen und Hörnern auf den Köpfen gegen das schöne Geschlecht erfüllt waren, sondern auch dessen treue Hingebung, die so weit ging, dass sie selbst einen freiwilligen Tod nicht scheuen ließ.

Mit mannigfachem Aberglauben gepaart, werden die religiösen Begriffe der alten Deutschen roh und unvollkommen geschildert, wie es bei einem auf der untersten Kulturstufe stehenden Volke nicht anders sein konnte. Ihre Götter waren Sonne, Mond, Erde und das Feuer, außerdem mehrere eingebildete Wesen, als: Thuist, ihr Stammvater, Wodan, Gott des Krieges, Thor, der Donner-Gott. Freya. Göttin der Ehegatten u. A. m. Sie verehrten ihre Götter in Wäldern, besonders unter Eichen, wobei kein Bilderdienst stattfand.

Ihre Priester leiteten in weißen Kleidern den Gottesdienst und besorgten die Opfer, wozu alle Arten Tiere mit Ausnahme der Pferde dienten; dem Wodan sollen Kriegsgefangene geopfert sein. Von bedeutendem Einfluss auf das Volk und die Versammlungen, wurden die Priester den Häuptlingen gleich geachtet; sie feuerten zu kriegerischen Taten an unter Verwünschungen der Feinde. Während von den Priestern den Tapferen eine fröhliche Fortdauer nach dem Tode in Walhalla, ihrem Paradiese, verkündet wurde, verherrlichten die Barden, ihre Dichter und Sänger, die Taten ihrer Vorfahren in kunstlosen aber begeisterten Gesängen in der Schlacht, wie bei Festen, wodurch der alte Sinn der Väter fortgepflanzt wurde.

Auch Priesterinnen gab es, die sich mit prophetischen Opfern und Wahrsagungen aus dem Blute und den Eingeweiden der Opfer beschäftigten und unverehelicht geblieben sein sollen.

Mit der Verehrung der Sonne feierten unsere Vorfahren ein Fest, Juul geheißen, nach dem kürzesten Tage zur Zeit der Sonnenwende, um damit ihre Freude über Rückkehr des mächtigen und wohltätigen Gestirns auszudrücken *).

Die Erde oder Herta verehrten sie nicht allein als Ernährerin der Menschen, sondern betrachteten sie auch als die Mutter der Götter. Von einer Göttin Nerthus (wahrscheinlich aus einem Schreib- oder Lesefehler statt Herta) erzählt Tacitus Folgendes:

„Es liegt im Schoße des Ozeans (er nennt die Ostsee wiederholt Ozean) eine Insel, im Innern der Insel ein geweihter Hain. Hier hat die Göttin ihren Wagen, der jedem Anderen verhüllt, von keinen, als von Priester-Händen berührt werden darf. Bemerkt der Priester, dass die Göttin in ihr Heiligtum herabgestiegen sei, so bespannt er den Wagen mit Kühen, und fährt die Göttin mit großer Ehrerbietung umher. Überall ist nun Jubel und Freude, jede Gegend, welche die Göttin ihres Besuchs würdigt, feiert. Die Waffen ruhen, das Kriegs-Getümmel schweigt, Schwerter und Lanzen werden sorgfältig versteckt, bis die Göttin, des Umganges mit den Sterblichen müde, wieder in den Tempel zurückgeführt wird. Wagen und Gewänder und die Göttin selbst, wenn man’s glauben will, werden dann in einem geheimen See gebadet, die Diener aber, die bei dem Baden aufwarten, auf der Stelle von der See verschlungen.“

*) Das Andenken dieses Festes Hot sich auf der Insel erhalten, indem am heiligen Abend vor Weihnachten sich befreundete Personen untereinander beschenken. Unter dem Rufe: „Juul, Klapp“ werden Geschenke in allerlei Verhüllung in die Wohnungen geworfen, was zu Überraschungen und freundschaftlichen Scherzen Anlass gibt. Mit der Weihnachtsbescherung hat die Juul Klapp nichts gemein.

Diese Erzählung, welche auf die benachbarte Insel Rügen gedeutet worden, ist deshalb hier nicht zu übergehen, weil sich der Herta-Dienst, auf unsere Insel erstreckt haben könnte, wenn solche Deutung zulässig wäre. Zwar mehrfach bestritten, hat es jedoch zur Bestärkung in dem Glauben daran gedient, dass man auf dem schönen Eilande den unentweihten Hain der Herta und ihren See mit den Spuren ihres Tempels in romantischer Umgebung auf der Halbinsel Jasmund zu finden geglaubt hat, nicht minder, dass Dichter sich dieses reichen Stoffes bemächtigt haben.

Nach dieser Abschweifung kehren wir zu den Goten unserer Insel zurück.

So ungewiss die Zeit ihrer Ankunft an der Ostsee ist, eben so ungewiss ist die Zeit ihres Abganges von der Insel und aus Pommern überhaupt. Mit Beginn der Völkerwanderung, wahrscheinlich schon vor dem vierten Jahrhundert, haben sie diese Gegenden verlassen und sich dem Süden zugewandt. Wodurch die Goten dazu bewogen worden, ob durch Einbrüche und Überschwemmungen des Meeres, oder aus Wander- und Kriegslust, oder wegen Übervölkerung, bleibt unentschieden. Vielleicht ist ihr Abzug in Folge des Markomannen-Krieges, als deren Anführer Marbot die benachbarten Deutschen, darunter die Goten, vereinigt und andere Stämme bekriegte, veranlasst, wo sich demnächst die germanische Völker Bewegung gegen die Römer wandte. Als in der Folgezeit — nach den Berichten des Jornandes *) — bei dem Vordringen der Goten in die Abendländer, sie das römische Reich erschütterten, selber mächtige Reiche gründeten und Jahrhunderte hindurch die Welt, mit ihrem Kriegsruhm erfüllten, mögen auch die Nachkommen unserer Insel Goten an solchen Wanderungen und Taten Teil genommen haben.

*) Jornandes, ein gotischer Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts, hat die Volkssagen, Wanderungen und Kriege seines Volkes aufbewahrt, wobei er freilich fast alle Begebenheiten, welche Herodot von den alten Scythen erzählt, den Goten zuschreibt.
Ostseebad Zinnowitz, Strand und Kurhaus

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Wolgast, Hafen mit Zugbrücke

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Stettin, Dampfschiffbollwerk und Hakenterrasse

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Ostseebad Heringsdorf, Strandleben

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Ostseebad Heringsdorf, Seebrücke

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Ostseebad Bansin, Strandpartie

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Ostseebad Ahlbeck, Bismarckwarte

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Ostseebad Ahlbeck, Landesbrücke

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Ostseebad Ahlbeck, Herrenbad

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Ostseebad Bansin, Strandleben

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Ostseebda Koserow, Abstieg zum Strand

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Ostseebad Koserow, Damenbad

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Ostseebad Koserow, Fischerhütten

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Anklam in Vorpommern, Steintor

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