Cholera-Epidemie 1859 – Cholerafälle in Norddeutschland und St. Petersburg

Aus: Die Choleraepidemie des Jahres 1859 im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin
Autor: Ackermann, Hans Konrad Karl Theodor (1825-1896) deutscher Pathologe, Professor an der Rostocker Universität, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Rostock, Medizingeschichte, Landesgeschichte, Sitten- und Sozialgeschichte, Stadtgeschichte, epidemische Ausbreitung, Seuchen, Epidemie
Um die Zeit, als die Cholera im Jahre 1859 in Rostock zum Ausbruch kam, war Nord-Deutschland fast vollkommen frei von der Krankheit. Wenigstens haben die über diese Frage in einer Anzahl öffentlicher Blätter eingezogenen Erkundigungen zu dem Ergebnis geführt, dass vor dem 3. Juli (dem Tage der ersten Erkrankung in Rostock) nur in Hamburg und in Fuhlsbüttel Cholerafälle vorgekommen waren. In Hamburg begann auch diese Epidemie, wie alle dort seit dem Jahre 1848 beobachteten Choleraepidemien, in den ersten Tagen des Juni, erreichte ihre Höhe am 24. Juli mit 89 Erkrankungen, nahm dann etwas ab, hielt sich vom August bis zum 1. September ziemlich gleichmäßig und nahm dann rasch ab, so dass sie im September schon viel geringer war und nur noch mit zwei Erkrankungsfällen bis in den Oktober hineinreichte.*)

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In Fuhlsbüttel, einem etwa 1 Meile nördlich von Hamburg an der Alster gelegenen Dorfe mit 400 Einwohnern kamen bereits im Monat Mai 10 und im Juni 13 Cholerafälle mit meistenteils tödlichem Ausgange vor, während die Krankheit in den späteren Monaten dort nicht mehr epidemisch war.**) Überall, wo die Krankheit noch sonst im nördlichen Deutschland vorkam, scheint sie später als in Rostock ausgebrochen zu sein. Insbesondere ist es von Lübeck konstatiert, dass die dortige, nicht besonders heftige Epidemie (178 Todesfälle) erst am 26. Juli ihren Anfang nahm.***)

In Petersburg dagegen, mit welchem Rostock durch zwei Dampfschiffe einen regelmäßigen Verkehr unterhält, hat die Cholera seit dem Oktober 1852 bis gegen Ende des Jahres 1859 niemals vollkommen aufgehört. Während dieser Zeit kam sie in den kälteren Monaten stets nur in sehr vereinzelten Fällen vor, in den Sommermonaten dagegen steigerte sie sich regelmäßig zu einer kleinen Epidemie. Im Winter von 1858—1859 waren wiederum nur sehr vereinzelte Fälle vorgekommen, so dass man die Krankheit eine Zeitlang als Epidemie für erloschen hielt. Doch schon im März und April wurden wieder häufigere Erkrankungen beobachtet, die im Mai noch zahlreicher wurden und im Juli abermals eine kleine Epidemie bildeten, in welcher der Krankenbestand auf der Höhe (in der zweiten Hälfte des Monats) in den Hospitälern allein bis auf etwa 300 stieg. ****)

*) Dr. Bueck sen. Die Choleraepidemie von 1859 in Hamburg. Hamburger Wochenblatt 1859. No. 11.
**) Briefliche Mitteilung des Herrn Dr. Kröger zu Fuhlsbüttel
***) Briefliche Mitteilung des Herrn Stadtphysikus Dr. Heyland zu Lübeck.
****) Briefliche Mitteilung des Hrn. Staatsrats Dr. Thielemann zu St. Petersburg.

Während der Dauer der mecklenburgischen Epidemie, als die Frage nach der Einschleppung der Krankheit viele Gemüter beschäftigte, ist wiederholt mit großer Bestimmtheit auch öffentlich*) die Behauptung ausgesprochen worden, die Cholera sei von Petersburg nach Rostock gekommen. Ein einigermaßen stringenter Beweis für diese Behauptung kann indes keineswegs geführt werden. Freilich sind um die Zeit des Ausbruches der Cholera in Rostock mehrfach Diarrhöen auf den beiden Petersburger Dampfschiffen beobachtet worden, indessen nicht eben in bedeutenderer Ausdehnung, als zu anderen Zeiten und fast nur bei den Maschinenheizern, welche unterwegs in der Regel an Durchfällen leiden, während sie in den Tagen ihres Aufenthaltes am Lande gewöhnlich obstruiert sein sollen. Auf dem einen Schiffe („Großfürst Constantin“) erkrankte während der Reise von Rostock nach Petersburg einer der Heizer an der Cholera und starb einige Tage nach seiner Ankunft, auf dem andern Schiffe („Erbgroßherzog Friedrich Franz“) erkrankte zwischen Rostock und Warnemünde ein Matrose, welcher in Warnemünde ans Land gebracht wurde und dort verstarb. Aber beide Fälle ereigneten sich mehrere Wochen nach dem Beginne der Krankheit in Rostock und beide Personen erkrankten wahrscheinlich in Folge einer hier geschehenen Infektion.**)

*) u. A. von Boll im Archiv der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg 13. Jahrg. Neubrandenburg 1859 S. 117 und von Drasche (die epidemische Cholera, Wien 1860) S, 115, welcher wörtlich sagt: „Von Russland aus überzog die Cholera (1859) einen Teil von Norddeutschland, namentlich Mecklenburg-Schwerin. Am 4. Juli ereignete sich zu Rostock der erste Cholerafall in einer Frau, welche mit einem Dampfschiffe von St. Petersburg angekommen war.“
**) Zum Teil nach mündlichen Mitteilungen der Kapitäne beider Dampfschiffe.

Neben dieser Meinung, nach welcher der Verkehr mit Petersburg als die Ursache der Cholera beschuldigt wurde, hörte man auch vielfach die Vermutung aussprechen, dass die Krankheit von Hamburg aus durch Personen verschleppt worden sei, welche zu dem vom 13—15. Juni dauernden Pfingstmarkt nach Rostock gekommen waren. Verdächtigende Vermutungen wurden besonders gegen die Mitglieder einer Reitergesellschaft laut, welche während der Marktzeit ihre Vorstellungen gab und selbst jetzt, nach Verlauf eines Jahres, hat man noch häufig genug Gelegenheit, die Behauptung zu hören, dass der erste Cholerafall bereits im Juni bei einem Mitgliede dieser Gesellschaft vorgekommen sei. Genaue Nachforschungen haben zu dem Ergebnis geführt, dass eine zu der Gesellschaft gehörige Frau von 60 Jahren allerdings am 3. Juli mit Erbrechen, Diarrhoe, Abnahme der Hauttemperatur und Wadenkrämpfen erkrankte, aber bereits am 4. sich bedeutend gebessert hatte und am 5. soweit hergestellt war, dass sie aus der Behandlung treten und am folgenden Morgen abreisen konnte. Die Frau lag während ihrer Krankheit in einem der großen Reisewagen der Gesellschaft, welcher mit mehreren ähnlichen ihr und einer Anzahl der übrigen Mitglieder als Schlafstätte diente. Diese Wagen standen auf dem Lazaretthofe in der Nähe des nördlichen Endes der Grubenstraße. Ein zweiter Teil der Gesellschaft logierte dagegen in dem Hause Grubenstraße 27 und auch die in den Wagen schlafenden Personen verkehrten bei Tage viel in diesem Hause. Fast die ganze Gesellschaft war bereits am 10. und 11. Juni von Wismar eingetroffen, nur die am 3. Juli erkrankte Frau war einige Tage vor dem Ausbruch ihrer Krankheit von Lübeck, welches damals noch nicht infiziert war, gekommen. Ob sie vor ihrer Anwesenheit in Lübeck vielleicht in Hamburg gewesen, hat nicht mehr ermittelt werden können. Übrigens klagten auch andere Mitglieder der Gesellschaft während ihrer Anwesenheit in Rostock vielfach über Verdauungsbeschwerden, Druck in den Präcordien, Übelkeit und leichte Diarrhöen.

Das Haus Grubenstraße 27, in welchem ein Teil der Reitergesellschaft logierte, wird außer mehreren Familien auch von dem Steinmetz L. und seiner Familie bewohnt. Der 5 1/2 Jahre alte Sohn desselben war wegen ungelegener Verhältnisse im Hause der Eltern bereits seit längerer Zeit bei seiner Großmutter (Faule Straße 14) einquartiert, hatte aber bei Tage häufig in dem Hause seiner Eltern verkehrt und während des Pfingstmarktes, sowie in der Zeit nach demselben bis zur Abreise der Reitergesellschaft oft in der Nähe ihrer Wagen auf dem Lazaretthofe umhergespielt. Der Knabe erkrankte am 3. Juli in der Faulenstraße 14 an der Cholera und starb daselbst am 5. Es war dies höchst wahrscheinlich die erste Choleraerkrankung, bestimmt der erste tödliche Fall, welcher im Jahre 1859 in Rostock vorkam. Ob zwischen ihm und dem oben erwähnten Choleraanfall, welcher an demselben Tage (3. Juli) bei dem Mitgliede der Reitergesellschaft vorkam, ein Zusammenhang bestanden, ob, wenn derselbe bestand, jener oder dieser Fall der primäre war, oder ob beide vielleicht unter einer gemeinsamen Ursache zur Entwickelung kamen, darüber ist eine Entscheidung nach den vorliegenden Tatsachen auch nicht einmal mit annähernder Sicherheit möglich. Sie ist es um so weniger, als bereits seit Anfang Juni in den verschiedensten Teilen der Stadt (Baustraße, Lange Straße, Rostocker Heide, Vogelsang u. s. w.) heftige Cholerinefälle vorgekommen waren. Diese Tatsache und die Beobachtung, dass die auf den ersten Fall folgenden Choleraerkrankungen nicht in unmittelbarer Nabe desselben, sondern (mit Ausnahme zweier, Faulestraße 4, vorgekommener Erkrankungen) am alten Markt, am Gerberbruch, in der Wollenweberstraße auftraten, berechtigen mit größerer Wahrscheinlichkeit zu der Annahme einer dem Ausbruche der vollendeten Cholera vorangegangenen Verbreitung des Contagiums durch Cholerinekrankte.

Wenn man die Verheerungen, welche die Cholera im Jahre 1859 in der Stadt anrichtete, nicht mit in Rechnung bringt, so war der Gesundheitszustand wahrend dieses Jahres ein besonders günstiger. Es verstarben nämlich in der Zeit vom 1. Dezember 1858 bis dahin 1859 mit Ausnahme der an der Cholera Verstorbenen nur 445 Personen.

Die Masern, welche bereits seit Juni 1858 epidemisch waren, dauerten bis Anfang März 1859 noch fort. Im November 1858 waren sie noch sehr häufig, indes war gegen Ende dieses Monats eine Abnahme bemerkbar, welche bis an das Ende des Dezember fortdauerte. Von dieser Zeit an gewann die Krankheit zum dritten Male bedeutend an Ausbreitung, so dass im Januar bisweilen die Hälfte der Kinder in den Schulen fehlte und auch Erwachsene nicht eben selten ergriffen wurden. Indes hatte die Krankheit durchweg einen gutartigen Charakter und es ist wohl kaum ein einziger tödlicher Fall vorgekommen. Im Februar 1859 kamen nur noch vereinzelte Erkrankungen vor und gegen Ende März scheint die Epidemie völlig erloschen zu sein.

Scharlach und Keuchhusten kamen nur in sporadischen Fällen vor; die erstere Krankheit bis Ende Juni fast in jedem Monat, mitunter in schwerer, selbst tödlicher Form.

Häufig waren bis Ende Mai rheumatische und katarrhalische Affektionen gelinderer Natur und in den drei ersten Monaten des Jahres 1859 wurde eine ziemlich ausgebreitete Mumpsepidemie beobachtet, welche indes nicht eben hartnäckige Erkrankungen mit sich brachte. Daneben zeigten sich Anginen, Bronchialkatarrhe, Entzündungen der Konjunktiva und ähnliche Erkrankungen, wie sie überhaupt während der kälteren Monate in Rostock häufig vorkommen. Seltener waren Pneumonien, Pleuritiden oder Typhen. Auch Intermittens wurde sehr selten beobachtet.
Schon Anfang Juni stellten sich öfter Diarrhöen und Koliken ein, welche bisweilen eine große Hartnäckigkeit zeigten, den gewöhnlichen Medikamenten nicht wichen und mit bedeutender Prostration, häufig auch mit profusen Schweißen verbunden waren. Um diese Zeit sind auch schon hie und da Brechdurchfälle mit heftigen Wadenkrämpfen beobachtet worden, die indessen, da sie in ganz ähnlicher Form während der Sommermonate keineswegs zu den Seltenheiten gehören, eine Befürchtung vor dem Herannahen der Cholera nicht erwecken konnten. Auch Wechselnder gingen in größerer Zahl dem Ausbruche der Cholera voran. Nicht selten waren dieselben hartnäckig mit unregelmäßigem Typus und Neigung zu Rezidiven. Während der Dauer der Cholera kamen sie wenigstens in größerer Ausdehnung nicht mehr vor.

Die Choleraepidemie hat in Rostock vom 5. Juli bis zum 6. Oktober, also 94 Tage gedauert, während dieser langen Zeit aber niemals eine im Verhältnis zur Größe der Stadt besonders bedeutende Höhe erreicht. Das absolute Maximum der täglichen Mortalität fällt auf den 22. August und 2. September und beträgt für diese beiden Tage 15 Personen, während es in mehreren kleineren Orten eine eben so große oder weit beträchtlichere Höhe erreichte. So betrug die größte tägliche Sterblichkeit in Goldberg 36 (am 30. August); in Güstrow 34 (am 27. August); in Sternberg 28 (am 28. August); in Gnoien 25 (am 1. September); in Bützow ebenfalls 15 (am 10. September).

In Rostock blieb indes die Sterblichkeit an mehreren Tagen nicht weit unter dem zweimal erreichten Maximum. Es kamen nämlich vor am 28. Juli, 8. August und 30. August je 14 Todesfälle, am 15. und 27. August je 13 Todesfälle, am 4. September 12 Todesfälle, am 30. Juli, 25. und 28. August je 11 Todesfälle, am 21. und 31. Juli, am 1., 10., 23. und 24. August und am 6. September je 10 Todesfälle.

In dieser häufigen Wiederkehr einer größeren täglichen Mortalität ist es begründet, dass die Zahl für die absolute tägliche Durchschnittsmortalität in Rostock eine ziemlich hohe ist. Sie beträgt 5,29 und wird nur von Güstrow (8,27) Sternberg (6,93) und Gnoien (6,48) übertroffen.

Dagegen ist die Zahl der Verstorbenen in Rostock im Verhältnis zur Einwohnerzahl eine nur niedrige. Sie beträgt nämlich 1,99 Prozent und wird nur von 8 epidemisch infizierten Orten Mecklenburgs (Grabow, Schwaan, Rethwisch, Dargun, Malchow, Wismar, Plan, Ribnitz) nicht erreicht, von allen übrigen dagegen übertreffen.

Die häufigen Erhebungen, welche die Epidemie in Rostock zeigte, werden von einer großen Zahl, zum Teil sehr bedeutender Senkungen unterbrochen. So sank die Zahl der Todesfälle am 14. Juli auf 0, am 2. August auf 2, am 6. August auf 1, und man gab sich daher um diese Zeit vielfach der Hoffnung hin, die Krankheit überwunden zu haben. Aber schon der 7. August zeigte 5 und der folgende Tag 14 Todesfälle. In der Zeit zwischen dem 6. August und dem 2. September war die Epidemie am heftigsten, denn es kamen in diesem Zeitraum vier bedeutende Erhebungen und nur drei mäßig tiefe Senkungen auf 5, 6 und 6 tägliche Todesfälle vor. Vom 2. September ab, dem Tage des 2. Maximums der Epidemie, begann aber ein kontinuierlicher Nachlass und der 17. September war dann der erste Tag, an welchem seit dem 14. Juli kein Todesfall vorkam. In den nächsten Tagen kamen noch drei kleine Steigungen auf 1 und 2 tägliche Todesfälle wieder vor, dann folgte eine freie Zeit von 13 Tagen und endlich ereignete sich am 6. Oktober der letzte tödliche Cholerafall.

Es erscheint passend, bei der speziellen Betrachtung der Rostocker Choleraepidemie dieselbe zunächst nach Zeit und Ort ihres Verlaufes in drei kleinere Abschnitte zu teilen, deren jeder dann am richtigsten als eine für sich bestehende Epidemie anzusehen ist.

So ergibt sich eine natürliche Scheidung in
1) die Epidemie auf der Altstadt vom 5. Juli — 28. August.
2) die Epidemie in der Kröpelinervorstadt vom 13. Juli —13. September ,
3) die Epidemie im nördlichen und nordwestlichen Teil der Neustadt vom 17. Juli — 21. September.

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Ackermann, Hans Konrad Karl Theodor (1825-1896) deutscher Pathologe

Ackermann, Hans Konrad Karl Theodor (1825-1896) deutscher Pathologe