Catharina Hartwig von Reinekenhagen. Mecklenburg-Vorpommern im Jahre 1631

Aus: Sundine: Unterhaltungsblatt für Neu-Vorpommern und Rügen, Nr. 21. 1830
Autor: unbekannt, Erscheinungsjahr: 1830
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, 1631, Neubrandenburg, Wallenstein, Kaiserlichen, Gustav Adolf von Schweden, Religionskrieg, Dreißigjährige Krieg, Schwedenkönig, Herzoge von Mecklenburg,
Ein klarer milder Wintermorgen dämmerte am 2ten Februar 1631 über die Stadt Neubrandenburg herauf. Viele Wochen vorher war es kalt und dabei trübe gewesen, und den bedrängten Bürgern hatte lange kein Sonnenstrahl gelächelt. Kaum graute der Tag, so war schon alles in Bewegung. Man vernahm aber nicht des Krieges gewaltiges Toben, das in den letzten Jahren nie in der Stadt verstummte, sondern man sah die Bewohner mit freudiger Hast hin und her eilen. In ihren Blicken sprach sich jene Wonne aus, die den aus langer düsterer Gefangenschaft zum ersten male ans Licht des Tages frei Hervortretenden durchströmt. Die Sonne lächelte bald von ihrer hellblauen Höhe freundlich herab und stickte das reine Gewand, welches die Fluren umhüllte, mit tausend flimmernden Diamanten. Ein solcher schöner Wintertag in seinen Sonnen und Flämmchen hat an sich schon etwas Feierliches und stimmt unwillkürlich zur Freude. Diese Wirkung äußerte er aber ganz besonders auf die Neubrandenburger, welche seit fünf Jahren unter dem Drucke der Kaiserlichen geseufzt hatten, aber seit gestern von ihren Peinigern befreit, dem Einzuge des großen Schwedenkönigs, auf den das protestantische Deutschland mit Sehnsucht und freudiger Hoffnung hinblickte, entgegen sahen.

Vom Jahre 1627 an, wo zuerst, ungeachtet der Neutralität der Herzöge von Mecklenburg, der damalige kaiserliche Obrist v. Arnheim mit einem Heere in die Stadt rückte, hatten die Neubrandenburger alle nur möglichen Drangsale des Krieges empfunden. Ungeheure Kontributionen wurden schnell nach einander ausgeschrieben, und wenn es an irgend etwas fehlte, so drohten die Feinde, die Stadt in Brand zu stecken. Dazu mussten die Bürger an der Festung arbeiten, wobei die Geißel barbarischer Aufseher stets über ihrem Haupt schwebte. Sie leisteten was sie vermochten; aber die Erpressungen hörten nicht auf. Der Kaiserl. Obrist Maratzin, ein Italiener, lag damals in der Stadt, ein grausamer und dabei feiger Mann, der das Maß der Bedrückung voll machte. Da nahte sich von Prenzlau her Gustav Adolph und drohte die Stadt zu berennen. Der Befehlshaber zitterte; es fehlte ihm gänzlich an Kanonen, denn diese waren schon hinweg geschleppt und ins Lager vor Stralsund gebracht, welchen Verlust die Neubrandenburger schmerzlich betrauerten. Maratzin schloss am 1sten Febr. 1631 mit dem König einen Vergleich, nach welchem ihm und seinem Regiments freier Abzug gestattet wurde. Die Bürger atmeten freier und hofften unter dem Panier des Königs Entschädigung für ihre Leidensjahre zu finden. Freudig schlugen ihre Herzen, als sie die Kaiserlichen abziehen sahen, noch freudiger, als der 2te Februar anbrach, an welchem Tage die Schweden in ihre Mauern einziehen sollten.

Alles war, wie gesagt, in froher Bewegung. Tausende strömten dem Tore zu, welches den Rettern schon offen stand. Vergessen waren die bangen Tage der Vergangenheit, und keiner schien sich die Möglichkeit zu denken, dass die Kaiserlichen mit ihren Schrecknissen wiederkehren könnten. Dämmert dem Menschen nur von ferne ein Hoffnungsstrahl in seine Erdennacht, so kehrt Mut und Freudigkeit in seine Brust zurück und er umfasst jubelnd die schwache Planke, die ihn durch die tobenden Fluten ans sichere Ufer zu tragen verheißt, ohne daran zu denken, dass ihn vielleicht im nächsten Augenblicke die brausende Woge in den Abgrund hinunterschleudert.

An seinem Fenster stand der ehrwürdige Pfarrer Christian Hartwig von Reinekenhagen, welcher, ein Neubrandenburger von Geburt, in seine Vaterstadt geflüchtet war, als seine Pfarre bei der Wallensteinischen Belagerung Stralsunds zerstört worden. Er hatte Alles verloren. Seine Gattin war unter des Krieges Drangsalen ins Grab gesunken. Ein teures Kleinod war ihm aber geblieben, seine Tochter Catharina, eine Jungfrau von 18 Jahren. Ohne sie wäre er, obgleich er kaum ein halbes Jahrhundert zählte, ein Opfer seines Grams um all das Verlorene geworden, die Tochter hatte den Vater, keine Mühe, keine Gefahren scheuend, mitten durch die rauchenden Trümmer der Heimat gleich einem schützenden Engel dorthin geleitet, wo sie eine Freistätte zu finden hofften, von wo ihnen aber auch schon des Krieges Drommete entgegen tönte, nach Neubrandenburg. Sie stand an jenem Morgen neben ihrem Vater, streichelte mit zarter Hand seine blassen Wangen und suchte das düstere Gewölk von seiner Stirne zu verscheuchen. Der Gedanke an seine verwüstete Pfarre,die Sehnsucht nach seiner verlassenen Herde, die schmerzliche Erinnerung an den verklärten Engel, dessen Züge ihm in seiner geliebten Catharina stets lebendig vor Augen standen, alles dies hatte die Heiterkeit seiner früheren Jahre in eine stille Melancholie verwandelt; aus welcher ihn der Jubel auf den Straßen, der freundliche Zuspruch seiner Tochter und das Herannahen des kühnen nordischen Helden kaum zu wecken vermochten. Düstere Ahnungen umzogen seine Seele und er schloss sein Kind fest in die Arme, wahrend große Tränen über seine Wangen glitten. Catharinens Inneres war nicht minder schmerzlich zerrissen. Sie war aus dem schönen Paradiese einer glücklichen Jugend vertrieben und der Engel des Krieges stand mit dem flammenden Schwerte davor. Sie hatte, noch so jung, schon so vieles verloren. Sie befand sich mit ihrem Vater einsam in der Ferne und sah sich auch hier von tausend Drangsalen umgeben. Ihr Herz war von Natur weich und milde wie ein Frühlingsmorgen und blutete bei des Vaters Sorgen; allein sie besaß eine große Kraft des Geistes, so dass sie es über sich vermochte, ihren Kummer zu verdecken, und dann hatte sie es sich zur Aufgabe gestellt, es koste was es wolle, des Vaters Stütze zu sein. In diesem allen befestigte sie ihre bis zur höchsten Begeisterung gesteigerte Frömmigkeit, eine Frucht der väterlichen Lehre und des häuslichen Lebens. Sie zeigte daher mit unwiderstehlicher Beredsamkeit dem Vater von ferne die Zeit, wo sie an seiner Hand in das aus der Asche neu erstandene Pfarrhaus einziehen, wo er mit Freuden von seinen lieben Pfarrkindern wieder empfangen werden würde und ihnen an heiliger Stätte das Wort des ewigen Lebens mit neuer Kraft verkünden könne. Als der lautere Jubel draußen das Einrücken des Schwedenkönigs ankündigte, rief sie aus: der Retter nahet. Nicht umsonst hat Gustav Adolph die ferne Heimat verlassen und ist in unser verwüstetes Land gekommen. Unter seiner Ägide werden die Flüchtigen wieder in ihre Hütte zurückkehren und der Engel des Friedens wird uns alle segnend umschweben.

Trompetenschall unterbrach ihre tröstenden Worte und wirkte mit Zaubergewalt auf beide ein. Es war ihnen, als hörten sie eine Stimme des Himmels. Hartwig, schon durch seiner Tochter Zuspruch etwas heiterer gestimmt, und sich durch ihre Kraft beschämt fühlend, öffnete das Fenster. Die Morgensonne warf ihre warmen Strahlen hinein und beleuchtete die herrliche Gruppe, den auf den Schultern der liebenswürdigen Tochter sich stützenden freundlich ernsten Vater. Der Zug der Schweden nahte. Voran ritten die Trompeter, dann folgte die Reiterei mit der Artillerie und einer großen Anzahl Kanonen. Hierauf kam der König. Gustav Adolph wurde von allen sogleich erkannt. Sein Anzug zeichnete sich vor dem seiner vornehmen Begleiter zwar wenig aus, allein seine hohe stattliche Gestalt, sein kühnes Auge, womit er ruhig und freundlich die Grüße des jubelnden Volkes erwiderte, kurz sein Heldenansehen lenkte sogleich Aller Blicke auf sich. Nur Einer seiner Begleiter hätte, ihm den Rang streitig machen können, wenn dieser nicht durch seine Jugend zu erkennen gegeben, dass er nicht der König sein könne; es war nämlich der Rittmeister Dodo von Kniephausen, ein Sohn des bekannten damaligen schwedischen Generalmajors, nachherigen Feldmarschalls von Kniephausen. Von lebhaftem feurigem Temperamente, war Dodo, als der König daheim seine Heere sammelte, mit der vollen warmen Begeisterung für die heilige Sache dieses Kriegszuges als Fähnrich eingetreten, hatte sich aber bald-bei der Einnahme Wolgasts und des Schlosses, so wie in den vielen Scharmützeln mit den Kaiserlichen so vorteilhaft ausgezeichnet, dass der König, der den Vater besonders schätzte und deshalb schon dem Sohne seine Aufmerksamkeit schenkte, ihn zum Rittmeister erhob und ihn gern in seiner Nähe sah. Vorzüglich gewann er die Gunst des Königs dadurch, dass er im Lager vor Stettin eine Verschwörung gegen das Leben des Monarchen entdeckte, welche von einem Leutnant Quintin angesponnen war. Auch begleitete er den König auf seinen Zügen von Stettin nach Stralsund, Barth, Damgarten und Meyenburg. Beim Einzuge in Neubrandenburg ritt Dodo mit seinem Vater, mit dem General Banner und dem Major Dagge dem Könige zunächst. Der junge Krieger zeigte auf den ersten Anblick den Helden. Sein schlanker, aber dabei kräftiger Wuchs, sein frisches Antlitz, seine edle Haltung erweckten das Wohlgefallen aller, die ihn sahen. Das mutige Ross, welches er ritt, schien auf seine Last stolz zu sein.

Als der König sich dem Fenster näherte, an welchem Hartwig mit seiner Tochter stand, ließ Catharina, in der Freude ihres Herzens über die Annäherung der Retter, ein weißes Tuch wehen. Ein leichter Morgenwind entriss es unvermutet ihrer Hand und trug es auf seinen sanften Fittichen dicht neben dem Könige vorüber zu dem jungen Kniephausen hin, dessen Ross, sich vor der flatternden Erscheinung scheuend, seitwärts sprang und der Kunst seines erfahrenen Reiters, welcher ruhig umherschaute, beinahe Hohn gesprochen hätte. Allein der junge Krieger ergriff schnell das Tuch mit der Rechten und brachte mit der Linken sein Pferd in Ordnung. Der König wies seinen Liebling lächelnd auf das Fenster hin, woher das Tuch gekommen war. Catharina, hoch errötend, stand in holder Verwirrung da. So schön, wie in diesem Augenblicke, war sie noch nie gewesen. Ihr Auge begegnete dem des Jünglings, der das Tuch in seinen Busen steckte. Der Zug war vorüber. In tiefen Gedanken verloren schaute Catharina nun, gleich einer Bildsäule, auf die nachfolgenden Infanterie-Regimenter herab. Der Vater schloss das Fenster.
(Fortsetzung folgt)

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Neubrandenburg, alte Wickhäuser

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Neubrandenburg, Dangel-Turm

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Neubrandenburg, Fritz-Reuter-Denkmal

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Neubrandenburg, Rathaus

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Neubrandenburg, Stargarder-Tor

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