Brief aus Brasilien von einem freiwillig dorthin gegangenen Mecklenburger, an einen Freund zu Ribnitz

Autor: Schäfer, H. (?) Leutnant bei dem Kaiserl. Brasilianischen 2ten Garde-Grenadier-Bataillon, 6ten Kompanie, Erscheinungsjahr: 1825
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Mecklenburger, Auswanderer, Auswanderung, Militär, Reisebeschreibung, Landes- und Sittenbild, Deutsche Auswanderer in Brasilien, Rio de Janairo
Aus: Freimütiges Abendblatt. Achter Jahrgang. Schwerin, den 6ten Januar 1826. 01

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Rio de Janeiro, den 1. Mai 1825.

Geliebter Fritz R....!

Wenn diese Zeilen Dich ruhiger antreffen, als ich Dich verlassen habe, teurer Freund! o so schwindet der letzte Überrest von Kummer aus dem Herzen Deines treuen Freundes. Ich langte hier am zweiten Osterfeiertage glücklich an, wo uns der Kaiser und die Kaiserin sehr, freundlich empfingen, und auf den Abend wurden wir zu Gaste geladen bei dem ersten Minister. Es sind heute 4 Wochen, seit ich meinen Dienst antrat, der keiner der schlechtesten ist. Sei du unbesorgt um mein Schicksal, ich finde, dass es weit erträglicher ist, als wenn ich von der Eltern Wohltaten leben müsste; denn das Gefühl einer selbsterworbenen — freilich wegen der Sprache mühsamen, aber doch wenigstens ruhigen Existenz, hebt mein verwundetes Herz wieder auf, das die Stütze meiner Fröhlichkeit ist. Warum sollte auch meine jetzige Lage meine Eltern und Freunde bekümmern? sie ist ja viel besser, wie die vorige, da ich immer Soldat war, und befohlen wurde, jetzt aber selbst befehlen kann.

Auch danke ich es meinen Eltern, dass sie auf diese Idee kamen. Zwar leugne ich nicht, dass der Gedanke: „Du sollst nach Brasilien“, anfangs viel Herbes für wich hatte, aber so wie die entfernte schwarze See in der Nähe in sanfte, das Auge labende Wellen schmilzt, so dünkt mir auch mein Zustand jetzt viel freundlicher, als da ich ihn von weitem erblickte.

Die Vorstellung: mit der Verhüllung meines Standes, mit der Aufopferung einiger Vorurteile und mit der treuen Anwendung meiner Kräfte und meines Willens, die trüben Tage der besten Freunde zu erleichtern, gibt meinen neuen Verhältnissen etwas Ehrwürdiges und Rührendes.

Zurückzublicken nach den blauen Hügeln meines verlassenen unvergesslichen Vaterlandes, zurückzudenken an die Tage der Vergangenheit, die so unaufhaltsam vorüber flohen, war meine einzige Beschäftigung auf dem Schiffe, und beides wiegte mich in süße, obgleich wehmutsvolle Träume. Meine Phantasie zog über die Gegenwart einen mildernden Schleier, der nur bisweilen sich verschob und raue Wellen durchblicken ließ, von denen ich schnell mein Auge wegwandte. Mit den Wollen, die über mich hinschwebten, eilten meine Gedanken in die lieblichen Gefilde meiner Heimat zurück und ich begleitete jedes Lüftchen, das nach Osten wehte, mit den innigsten Gefühlen für Dein und der Deinigen Wohl und Zufriedenheit.

Es ist hier 3 Monate Winter, nämlich Mai, Juni und Juli, und der besteht aus etwas Regen, sonst aber ist es so warm, wie bei uns im heißen Sommer.

Ich habe monatlich 25 Piaster Gehalt. Ein Piaster ist nach unserm Gelde 3 Mark 12 ßl.. also so viel wie ein Spezies. Du musst aber denken, dass die Uniform mir an 150 Piaster kostet, weil alles sehr reich mit Gold besetzt ist.

Das Essen für die Offiziere ist auch sehr teuer. Man darf sich aber nicht einschränken, sondern muss alles mitmachen als Offizier. Sonst ist es hier nicht teuer.

Es gibt hier sehr gutes Weißbrot, nur kein schwarzes, aber viele Früchte. Für einen Schilling bekommt man 8 Apfelsinen. Melonen gibt es zweierlei, süße und Wasser-Melonen; sie wachsen wild. Auch gibt es hier eine Frucht, die man Benaden nennt, und Ananas. Diese sind sehr gesund und werden mit Brot gegessen.

Die Kolonisten haben es besser wie das Militär. Sie bekommen ihr Haus und können, so breit es ist, nach hinten hinaus ackern, so weit sie nur immer können und wollen. Nachdem die Familie ist, bekommen sie 4 oder 6 Schafe, 2 oder 3 Maultiere, die sie nicht zu futtern brauchen, sondern in den Wald jagen. Zwei große Büffel-Ochsen, Ziegen, Schweine und auf ein ganzes Jahr Proviant; ferner die Aussaat, und zum Ankauf des Ackergeräts, als Haken, Pflüge etc., das nötige Geld, und dann sind sie noch 5 Jahre von allen Abgaben frei.

Du kannst nicht glauben, wie schön es mir zu Neu-Freiburg gefallen hat, es liegt so bequem am Wasser und am Holze, auch an der Fütterung; alles wächst hier wild und pflanzt sich selbst. Das einzige ist, dass es hier sehr warm und die Reise hierher sehr langweilig ist. Ist man hier, so ist man geborgen.

Die Kaiserin ist sehr für die Deutschen eingenommen. Sie nimmt die Bauerkinder auf den Arm und macht sich ein Vergnügen daraus, wenn der Deutsche nur dreist ist. Sie ist eine Deutsche, Prinzessin vom Kaiser von Österreich, und hier sehr beliebt.

Alle Freitage ist große Parade, und nachher müssen alle Offiziere von der Garde des Kaisers Don Pedro in den Pallast kommen und küssen Ihm und Ihr die Hand am Throne mit einem Fußfalle. Es sind dies so die Sitten hier im Lande. Es ist eine Freude mit anzusehen, wenn der Kaiser mit der Kaiserin und die ganze Geistlichkeit zu der Prozession gehen, in der größten Pracht und Herrlichkeit dabei erscheinen, und wir im größten Staate alle folgen von des Kaisers Kirche bis zum Palast. Zuweilen, wenn Manövers sind, so speisen wir Garde-Offiziere alle an der Kaiser-Tafel, welches allemal eine große Freude für mich ist.

Die Stadt Rio de Janeiro an sich ist etwas größer als Lübeck, jedoch regelmäßiger gebaut, und hat viele Festungswerke in sich. Sie liegt im Tale an der See: auf der andern Seite sind große Gebirge. Zwanzig große Kirchen und Klöster findet man hier, selbst unsere Kaserne ist ein Kloster.

Der Kaiser fragte die Mönche, ob sie wollten Soldaten werden, wo nicht, so müssten sie das Kloster räumen, denn er wollte seine deutsche Garde hinein legen, und sie mussten weichen. Es ist das schönste Kloster hier und liegt auf einem hohen Berge an der offenbaren See. Die Mauern sind 5 Fuß dick, deshalb ist es auch sehr kühl in den Zimmern, worin man alle Bequemlichkeiten hat. Die Mönche sind in die andern Klöster verteilt worden.

Die Stadt Neu-Freiburg liegt 3 Tagereise von der Residenz: der halbe Weg geht zu Wasser dorthin. Es sind lauter Deutsche dort angesetzt, daher nennt man es auch die deutsche oder Schweizer-Kolonie.

Übrigens gibt es hier das nämliche Federvieh wie bei uns, jedoch sind die Hühner größer; ferner größere Tauben, spanische Enten, Gänse und Puters; nur die Pferde sind hier sehr rar, indem hier kein Hafer wachst. — Die Papagaien und Affen fliegen und springen hier herum; auch Krähen und Eichhörnchen sieht man hier wie bei uns.

Es ist hier ewig Sommer; alles ist immer grün; die Kartoffeln vermehren sich sehr. Salat, Gurken etc. sind hier Jahr aus Jahr ein zu haben. Überhaupt wächst hier alles, wenn es nur darnach behandelt wird.

Das Getränk ist sehr wohlfeil. Der beste Wein kostet 6 Wentin oder 8 ßl. Der Rum wird von Reiß gemacht. Man trinkt hier nichts als Portweine, die aus Portugal kommen. Der Kaffee ist so häufig, wie bei uns der Weizen. Feigen, Zitronen lt. wachsen hier wild.

Jetzt muss ich schließen, es ist nach 12 3/4 Uhr. Ein andermal mehr. Ich verbleibe Dein Freund nach wie vor. Grüße Deine Frau und Kinder von ganzem Herzen. Wünsche Euch stets ein fröhliches Wohlergehen bis an mein Grab.

H. Schäfer, Leutnant bei dem Kaiserl. Brasilianischen 2ten Garde-Grenadier-Bataillon, 6ten Kompanie

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Der Botanische Garten von Rio de Janeiro

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Der Baum der Reisenden. Er gilt als Wappenbaum Madagaskars.

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Paquetá ist ein Stadtviertel von Rio de Janeiro, das sich auf der gleichnamigen Insel in der Bucht von Guanabara befindet.

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Der Platz der Republik in Rio de Janeiro

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Die Portugiesische Bibliothek in Rio

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Reiterstandbild Kaiser Peter I. von Brasilien, König von Portugal

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Blick auf den Zuckerhut von Rio

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