Bildung - Essays

Zueignung an Seine königliche Hoheit Ernst Ludwig Großherzog von Hessen und bei Rhein
Autor: Bahr, Hermann (1863-1934) österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Theater- und Literaturkritiker
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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Kultur, Sokrates, Bei Goethe, Die Kleinen, Platen, Volksbildung, Plakate, Ein Dokument deutscher Kunst, Fechten, „L’ériture artiste“, Gegen die große Stadt, Der Glaube an das Leben, Die Insel, Die plastische Kraft, Lex Heinze, Österreichisch, Die Hauptstadt von Europa, Die Kaiserin, Eine Conférence, Anzengruber, Ferdinand von Saar, Ludwig Speidel, Peter Altenberg, Der Tod Georgs, Die Sokratiker, Zehn Jahre, Hirtenlieder, Die Entdeckung der Provinz, An die Jugend, Hinter uns, Ein Jüngling, Von Büchern, Weisse Liebe, Erleben, Ein Amt der Entdeckung, Pariser Notizen, Namenverzeichnis, Wissen, Kenntnisse, Erregung, Verzückung, Taten, Dasein, Sehnsucht, Gedanken, Gefühl
„Ein fürstlicher Mann ist so nötig auf Erden,
Dass die jüngere Wut, des wilden Zerstörens Begierde
Sich als mächtiger Sinn, als schaffender, endlich beweise,
Der die Ordnung bestimmt, nach welcher sich Tausende richten“
      Goethe.

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                                    Was ist Bildung?

Eine Zeit hat man gemeint, sie sei Wissen. Es ist aber vorgekommen, dass Menschen bei hohen Kenntnissen roh gefunden wurden, indem diese nur wie Schnörkel oder Verzierungen ihre Fassade bedeckten, ohne die innere Form zu erfüllen. Dann gaben Tätige die Losung aus, dass sie Können sei: die Kraft eines Menschen, das Gefühl schönster Augenblicke so zu verdichten, dass es freundliche Gestalt annimmt und in dieser, der Tat des Helden oder dem Werke des Künstlers, auch nachdem jene Erregungen und Verzückungen entschwunden sind, noch lange fort wirkend erhalten bleibt. Für gebildet wurde nun erachtet, wer über den Stoff der Welt so gebot, dass er sich in ihm von jedem Glücke erhabener oder inniger Momente ein Zeichen machen konnte. Wir aber, die jetzt erschienen sind, haben die Pausen zwischen solchen Momenten, aus welchen wir immer gleich wieder herabsinken, zu schmerzlich empfunden. Darüber sind wir durch kein Werk, durch keine Tat mehr zu trösten, sondern unserer Sehnsucht schwebt ein erlöstes Dasein vor, dem verliehen wäre, die Gnade jener seligen Augenblicke ins tägliche Leben einzuleiten. Werke, Taten sind Fragmente unserer großen Stunden; es macht uns aber zu traurig, sie nicht ganz zu besitzen. Wir wünschen leidenschaftlich, dass von ihnen nichts verloren gehe, sondern jeder Gedanke einer unruhigen Nacht, jedes Gefühl des stürmischen Frühlings oder zärtlichen Sommers, jedes Geschenk beglänzter Tage, sogleich von klarer und fester Form ergriffen, in unsere Existenz eingefügt, mit dieser verwachse. Und so haben wir den Plan einer Bildung entworfen, durch welche wir fähig werden könnten, das ganze Leben auf die Höhe unserer höchsten Momente zu bringen. Kein Wissen um Edles, kein großes Tun kann uns mehr genügen, sondern nur ein volles Dasein im Guten und Schönen selbst, dem jeder frohe Augenblick neue Flügel ansetzen wird.

Dies, im Stillen lang gehegt, aber in die breite Welt verstreut, eilt nun auf Ihren Ruf, Hoheit, beglückt herbei. Es ist Ihr Entschluss, dass in Ihrem Hessen wahr werde, was an den anderen Orten bloß erträumt und gewünscht werden darf: Dort soll die Kunst nicht mehr ein äußerer Schmuck und bloßer Tand der Menschen sein, sondern die innere Uhr ihres ganzen Wesens. Jetzt brauchen wir mit unserer Hoffnung in keine Femen mehr zu schweifen: Dort oder nirgends wird unser Athen sein!

      Sankt Veit, September 1900.


                                    Inhaltsverzeichnis

Erster Teil
Kultur
Sokrates
Bei Goethe
Die Kleinen
Platen
Volksbildung
Plakate
Ein Dokument deutscher Kunst
Fechten
„L’ériture artiste“
Gegen die große Stadt
Der Glaube an das Leben
Die Insel
Die plastische Kraft
Lex Heinze
Zweiter Teil
Österreichisch
Die Hauptstadt von Europa
Die Kaiserin
Eine Conférence
Anzengruber
Ferdinand von Saar
Ludwig Speidel
Peter Altenberg
Der Tod Georgs
Die Sokratiker
Zehn Jahre
Hirtenlieder
Die Entdeckung der Provinz
Dritter Teil
An die Jugend
Hinter uns
Ein Jüngling
Von Büchern
Weisse Liebe
Erleben
Ein Amt der Entdeckung
Pariser Notizen
Namenverzeichnis

Bahr, Hermann (1863-1934) österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Theater- und Literaturkritiker

Bahr, Hermann (1863-1934) österreichischer Schriftsteller, Dramatiker, Theater- und Literaturkritiker

Goethe, Johann Wolfgang von (1749-1832) Dichter und Universalgelehrter

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Sokrates, Büste, Neapel, Nationalmuseum

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