Beurmann und Marmier über Mecklenburg 1840

Autor: Lüders, W. (?) *)
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Sittenbild, Reisebeschreibung
Aus: Gelehrte und gemeinnützige Beiträge aus allen Teilen der Wissenschaften. Erster Jahrgang, Rostock 8. Januar 1840. W. Lüders*) Aus den literarischen und kritischen Blättern der Börsenhalle. 1840. Nr. 1811.)

*) Schiller! Ich sei in eurem Bunde der Dritte!

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Mecklenburg ist ein schönes fruchtbares Ländchen; es produziert Korn, Pferde, Schweine in Überfluss; durch Ausfuhr des Überflusses kommt viel Geld ins Land. Mecklenburg ist sehr wohlhabend, es gibt seinen Bewohnern mehrenteils einen guten warmen Rock, reichlich Leibesnahrung und Notdurft. Den Mecklenburgern geht es, wie Referenten; auf seinen alten Flaus, der ihm in Sturm und Ungewitter, in Wald und Feld so warm und bequem war, sehen die Hamburger verächtlich herab; es ärgert Referenten, dass der alte liebe Flaus so en bagatelle behandelt wird. Der den Mecklenburgern so warme, so bequeme Rock ist von ganz altem Schnitt, die Farbe ganz verblichen, da kommt v. Beurmann*) und findet in seinem „Deutschland und die Deutschen“ viel an Farbe und Schnitt zu tadeln, die ganze Façon ist ihm nicht modern genug; er spottet und höhnet. Das ärgert den Mecklenburger ganz gewaltig**), wiewohl er sich nicht gern und leicht ärgert, er besitzt viel Phlegma, ein ruhiges Temperament. Ärger schadet der Verdauung; auf Essen und Trinken, gut und reichlich, hält der Mecklenburger aber ungemein, darin excellirt er. — Beurmann hat durch seinen Artikel über Mecklenburg Unglaubliches, Unerhörtes bewirkt; das „Schweriner freimütige Abendblatt“, der würdige Repräsentant mecklenburgischen Geisteslebens, mecklenburgischer Journalistik geriet in Eifer. Das Schweriner freimütige Abendblatt macht seinem Namen Ehre, freimütig teilt es allerlei Stadtklatschereien***) mit; ein treffliches Abendblatt, befördert es Neigung zum Schlaf, führt zum unwillkürlichen Entschlummern. Ein gewisser Hell gibt in Dresden, in dem Dresden, in dem Graf Platen „gemalt nicht mochte sein“, eine Abendzeitung heraus, die ausgezeichnet in ihrer Art, ihrem Titel entsprechend, allen, die an Schlaflosigkeit leiden, zu empfehlen ist. Herr Hell, der, wie viele, die nichts sind und nichts bedeuten, Hofrat ist, hat sich durch die Abendzeitung den Dank aller Schlafsuchenden und großen Ruhm erworben. Das Schweriner Abendblatt aber übertrifft die Abendzeitung, wie das edle Vollblut dem magern Karrengaul vorauseilt. Dies Abendblatt geriet durch Beurmann in Harnisch, in gerechtem Eifer zeigte es einen heldenmütigen Heroismus; es erkühnte sich, Beurmann ,,einen Pamphletisten“ zu nennen. Eine so kühne Tat ist gewiss in den Annalen des greisen altersschwachen Abendblatts unerhört, und offen gestanden, Referent fürchtet die rächende Nemesis des Abendblatts auch für sich. — Die Mecklenburger hatten Recht, sich über Beurmann zu ärgern; sie fühlten sich in ihrem Zustande ganz wohl und behaglich, ein Fremdling erfrecht sich, ihnen dies und jenes zu tadeln****), aufzurücken. Jeder weiß am besten, wo ihn der Schuh drückt, die Mecklenburger allein haben zu bestimmen, in welcher Tracht sie erscheinen wollen; wenn sie sich so gefallen, so hat kein Dritter das Recht, ihnen einen Rock mit moderner Taille zuzuschneiden, sie in ihrem altfränkischen Anzüge zu verhöhnen. Beurmann hat aber auch Recht, wenn er sich über das Kleid gar gewaltig wundert, denn es ist ein sehr altes Kleid, nicht etwa aus der letzten Zopf- und Haarbeutelzeit, nein — weit älter, aus der Zeit der großmächtigen Allongeperücken, hier und da mit einem neuen blanken Knopf statt der alten großen übersponnenen verlorengegangenen oder unbrauchbar gewordenen Knöpfe versehen. — Kommt man aus Deutschland nach Mecklenburg, so sieht man gleich, dass man sich in einem andern, fremden Lande befindet. Andere Sitten, andere Gesetze, andere Ideen, Vorstellungen, Verhältnisse, Ansichten, als in Deutschland. Die vielen Höfe, Rittersitze, mit kleinen ärmlichen Hütten daneben, fast gänzlicher Mangel eines freien, selbstständigen, sich fühlenden Bauernstandes lässt wähnen, man sei nach Polen verschlagen; der erstarrende, freie Tätigkeit hemmende, ausgedehnteste, unbeschränkteste Zunftzwang, ein Gemenge von Rechten, Vorrechten, Privilegien macht glauben, man sei in das Mittelalter zurück versetzt*****). Es wird dem Fremden schwer, sich zurechtzufinden, zu orientieren, sich in diese wunderlichen Verhältnisse, die für Mecklenburg passend sein müssen, weil es keine Veränderung und Umgestaltung wünscht, hinein zuleben. — Beurmanns Schilderung mecklenburgischer Zustände hat viel Wahres (?), Treffendes (?); indes „Wahrheit findet keine Herberge“. Die Mecklenburger sind in ihr Mecklenburgertum so verliebt, in ihren Adel, in ihre Advokaten, in ihre großen „Höfe“, dass ihnen der leiseste Tadel schon höchst unbillig, die Idee, dass es anders, besser sein könne, abgeschmackt scheint. Sie befinden sich physisch wohl, das ist der sicherste Beweis für Trefflichkeit alles Vorhandenen; was will man weiter?

*) Beurmann, Carl Moritz von (1802-1870) hoher preußischer Beamter, Geheimer Finanzrat, Landtagsmarschall in der Provinz Sachsen
**) Sollte das wirklich der Fall sein? Nur der Getroffene pflegt sich zu ärgern; Beurmanns Schrift enthält aber eben nichts Treffendes.
***) Hat es Beurmann etwa viel besser gemacht?
*) Wäre es etwa nur Tadel, was Beurmann ausspricht? Laufen nicht auch so mancherlei Dinge mitunter, die, um es mit einem gelinden Ausdruck zu bezeichnen, gar nicht existieren?
**) Anderwärts findet man dergleichen natürlich gar nicht!


Marmier*) kommt nach Mecklenburg geflogen, wird in höhern Zirkeln mit mecklenburgischer Gastfreiheit fetirt [gefeiert], auch wohl etwas mystifiziert; er gefällt sich in Mecklenburg, wo sich ihm, in der besten Gesellschaft, Alles im schönsten Lichte zeigt. Mecklenburg ist die Heimat der Herzogin von Orleans, der künftigen Königin von Frankreich; die deutschen Frauen eigne, angeborne, in Frankreich unbekannte, tiefe Gemütlichkeit, die ächte Weiblichkeit, gepaart mit Geist, hat der Herzogin von Orleans die Herzen aller Franzosen erobert. Ein Artikel über Mecklenburg, über die Heimat der liebenswürdigen, geistreichen Herzogin von Orleans muss in Frankreich bei den Franzosen reussiren [réussir: Erfolg haben], die künftige Königin von Frankreich muss sich geschmeichelt fühlen durch ein heiteres, liebliches Bild ihrer Heimat. — Marmier, nur bekannt mit den Salons von Schwerin und Ludwigslust, nimmt einige Bücher zur Hand und entwirft rasch ein hübsches Bild von Mecklenburg. Deutschland kann sich geschmeichelt fühlen, dass ein Franzose sich bemüht, einer deutschen Frau ein so schmeichelndes Bild von ihrer Heimat zu entwerfen, aber wahr ist dieses Bild nicht, so mancherlei Studien der Maler auch gemacht, denn es schmeichelt. Unerhörte Dinge werden vorgebracht, und geschickt weiß der Franzose zusammenzustellen, In seiner Phantasie auszumalen, was in der Wirklichkeit gar nicht, ganz anders ist.

*) Marmier, Xavier (1808-1892) französischer Autor, Reiseschriftsteller, Literatur-Professor, Forschungsreisender, Herausgeber und Übersetzer.

Im zweiten oder dritten Jahresbericht des Vereins für mecklenburgische Geschichte wird erwähnt, Herr v. Suckow, Redakteur der Sundine in Stralsund, ein Mann von lebhafter Phantasie, ein Dichter, aber kein phantasiereicher, „wolle zwischen Meyenburg und Plau große pagodenartige Steinhaufen gesehen haben.“ Marmier findet sofort überall Grabmale der „Hunnen“ (Huns), eine espèce de pagodes en granit. Die alten Helden der Kaiserzeit, die Mecklenburg nach allen Richtungen durchzogen, werden bedauern, nichts von diesen Herrlichkeiten Mecklenburgs gesehen zu haben; Frankreichs Jugend aber wird träumen von den schönen indischen Pagoden in Mecklenburg, wird sich sehnen über den Rhein nach Mecklenburg, um diese Pagoden mit Muße anstaunen zu können; natürlich auf Kosten der gastfreien Mecklenburger; — die Söhne der Väter, die unter den Pyramiden Ägyptens fochten, werden auch kämpfen wollen unter den Pagoden Mecklenburgs.

In den angezogenen Jahrbüchern des historischen Vereins erwähnt der bereits verstorbene Pastor Mussäus in einer von Marmier vielfach, oft wörtlich, benutzten Schilderung des mecklenburgischen Bauern, des alten nun verschollenen, aus den Zeiten des siebenjährigen Krieges stammenden Hasses gegen Preußen. Marmier säumt nicht, den Franzosen zu sagen, wie sich dieser Hass in Dörfern forterbe. Hass und Zwietracht der Deutschen untereinander sind den Franzosen eine Freude, denn Deutschland, einig, in Eintracht und Einheit, wird ihnen immer widerstehen, ein Fels in Ungewittern. In Mecklenburg „forterbender Hass gegen Preußen“, wie muss das französische Herzen erfreuen! Hass gegen dieses Preußen, dessen Heldensöhne überall entschieden, wo Frankreichs Waffenruhm unterlag, Frankreichs Adler sanken im letzten großen Weltkampfe um Weltherrschaft und Freiheit. An der Katzbach, bei Leipzig, auf dem Montmartre vor Paris, und zuletzt der große Schlag bei Waterloo, der Frankreich des Auslands Übermacht länger und härter fühlen ließ, — immer waren es die Preußen, die verhassten Preußen. Dass Mecklenburg in diesem Frankreich so natürlichen Hass mit ihnen sympathisiere, wird den Franzosen ein vielverheißendes Evangelium sein. — Wir wollen indes gegen den geistreichen Franzosen nicht ungerecht sein, abgesehen von seinen Phantasien, seinen Irrtümern, ist die schmeichelnde Beachtung und Betrachtung deutscher Verhältnisse, deutschen Lebens und Sinnes jenseits des Rheins immer eine interessante Erscheinung. — Wie sehr er mystifiziert ist oder mystifizieren will, erhellt, wenn er am Schlüsse seiner Abhandlung, den wir unsern Lesern hier nachträglich mitteilen, die Verfassung Mecklenburgs sich immer mehr der Demokratie nähern lässt, wenn er sie „bald leidlich demokratisch“ (bientôt passablement démocratique) nennt.

„Mecklenburg zerfällt“, sagt Marmier, „in zwei Herzogtümer, in Schwerin, das größte und ausgedehnteste, und Strelitz. Die beiden Herzogthümer, getrennt beherrscht von zwei von einander unabhängigen Fürsten, sind durch dieselbe Verfassung verbunden. Ihre Abgeordnete versammeln sich an demselben Ort, und verhandeln über dieselben Propositionen. Das konstitutionelle Prinzip, die Basis der mecklenburgischen Staatsverwaltung ist sehr alt. Seit dem vierzehnten Jahrhundert nahmen Adel und große Grundbesitzer direkten Anteil an den Geschäften; etwas später die Städte, dann die Prälaten. Im sechszehnten Jahrhundert wurde die erste Charte verfasst; im siebenzehnten wurden die Versammlungen (assemblées nationales) alljährlich berufen. Die gegenwärtige Verfassung wurde nach denen von 1523, 1572, 1621, 1755 festgestellt.

„Alljährlich berufen die Großherzöge die Stände, die sich abwechselnd in der Hauptstadt Schwerin oder Strelitz versammeln. Die beiden Fürsten sind in der Versammlung durch drei Kommissare, die sie ernennen, repräsentiert. Drei Erbmarschälle (zwei für Schwerin, einer für Strelitz) sind beauftragt, die Propositionen der Kommissare zu empfangen und im Namen der Versammlung darauf zu antworten. Die Versammlung hat neue Auflagen zu bestimmen, neue Gesetze abzufassen. Sie hat kein Antragsrecht in Gegenständen der Gesetzgebung, aber sie hat die volle Gewalt des Veto. Die Sitzungen des Landtages dauern gewöhnlich sechs Wochen. Die Commissaire, die ihn im Namen der Fürsten eröffnet haben, schließen ihn mit denselben Förmlichkeiten.

„Die zum Landtage berufenen Abgeordneten sind in zwei Klassen geteilt. Die erste bildet sich aus den Besitzern der adligen und ritterschaftlichen Güter (Rittergüter); die zweite aus den Vertretern der Bürgerschaft, erwählt durch die Städte. Die adligen Güter senden 572 Abgeordnete (envoyés), die Bürgerschaft nur 40. Im ersten Augenblick weilt man bestürzt bei diesem Missverhältnis. Aber ein großer Teil der Besitzungen der Ritterschaft ist schon in die Hände der Bürger gekommen, und, da das Recht der Vertretung an den Boden geknüpft ist, vermehrt sich die Zahl der Abgeordneten (députés) des Bürgerstands alljährlich, während sich die der Abgeordneten des Adel vermindert. Von 572 Gütern, auf denen das Recht der Vertretung haftet, gehören 256 dem Bürgerstande. Wen man dieser Zahl die 40 Abgeordnete der Städte hinzufügt sieht man, dass die Vertreter des Bürgerstandes die Majorität haben, und wenn der Adel fortfahrt, seine Besitzungen zu veräußern, so wird die aristokratische Verfassung Mecklenburgs bald leidlich demokratisch sein.“

Die Landtage werden in Malchin und Sternberg, nicht in Schwerin und Strelitz, gehalten; ein unbedeutender Irrtum Marmiers. Dass in Mecklenburg nicht das konstitutionelle Prinzip, sondern das ständische vorherrscht, dass die Abgeordneten der Städte keine Vertreter der Bürger, und wie weit entfernt man von einer „baldigen leidlich demokratischen Verfassung“, werden wir anderweitig dartun.
Ackerbau und Viehzucht war die Hauptbeschäftigung in Mecklenburg

Ackerbau und Viehzucht war die Hauptbeschäftigung in Mecklenburg

Bei der Feldarbeit

Bei der Feldarbeit

Die Pferdezucht in Mecklenburg war sehr geschätzt

Die Pferdezucht in Mecklenburg war sehr geschätzt

Bauer und Bäuerin aus Biestow bei Rostock

Bauer und Bäuerin aus Biestow bei Rostock

Das Schweriner Schloß

Das Schweriner Schloß

Marmier, Xavier (1808-1892) französischer Autor, Reiseschriftsteller, Literatur-Professor, Forschungsreisender, Herausgeber und Übersetzer

Marmier, Xavier (1808-1892) französischer Autor, Reiseschriftsteller, Literatur-Professor, Forschungsreisender, Herausgeber und Übersetzer