Freiwillige Verbannung und Ende

Am gleichen Tage, am 9. April, als die Kaiserin Blois verliess, um sich nach Wien zu begeben, trat auch Letizia ihre Reise nach Rom an. Beim Abschied hatte Marie Luise ihr noch zugerufen: «Ich hoffe, Madame, Sie bewahren mir das Wohlwollen, das Sie mir bisher geschenkt haben!» – «Madame», hatte die Mutter des entthronten Kaisers kalt erwidert, «das hängt von Ihnen und Ihrem künftigen Verhalten ab.»

Joseph und Jérôme begleiteten Letizia ein Stück. Der Kardinal Fesch, der von seinem Schloss Pradines vor den Oesterreichern fliehen musste, war seiner Schwester auf Umwegen unter den grössten Schwierigkeiten entgegengereist, um sie über den Mont Cenis sicher und ungefährdet nach der Ewigen Stadt zu geleiten. Niemals war es den beiden Geschwistern so zum Bewusstsein gekommen, was sie sich gegenseitig waren. Letizias Charakter zeigte sich jetzt in antiker Grösse. Sie hatte in ihrem Leben zuviel Veränderungen und Schicksalsschläge erlebt, als dass ihr dieser härteste von allen überraschend gekommen wäre. Ueberdies hatte sie zehn Jahre lang in der Unbehaglichkeit eines Hofes zugebracht, dessen Etikette und Steifheit ihr nicht zusagen konnten. Jetzt war sie beinahe glücklich, ihre Ruhe und Einfachheit im stillen Privatleben zu finden. Nur die traurige Erinnerung an ihre Flucht aus Korsika schmerzte sie. Denn wie einst in Frankreich mussten die Flüchtlinge jetzt in Italien eine Zufluchtsstätte suchen. Wie einst in Ajaccio musste Letizia auch jetzt ein brennendes Haus zurücklassen, denn als sie Paris verlassen hatte, erfuhr sie, dass ihr schönes Schloss Pont in Flammen stünde. Es war den Plünderern zum Opfer gefallen.
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In der Nacht vom 14. Mai traf sie mit Fesch in Rom ein. Der erst vor kurzem aus der Gefangenschaft freigelassene Papst Pius VII. empfing die Mutter Napoleons wie immer mit Auszeichnung. Bereits in Cesena, wo er einige Zeit vor der Ankunft Letizias eingetroffen war, hatte er sie mit den schlichten, schönen Worten begrüsst: «Seien Sie hier ebenso willkommen wie in Rom, das immer die Heimat der grossen Verbannten gewesen ist.»

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In Rom bewohnte Madame Mère mit ihrem Bruder den Palazzo Falconieri. Kaum aber war sie dort angelangt, so wünschte sie sehnlichst die Verbannung ihres Sohnes Napoleon zu teilen. Früher hatte sie stets Lucien als das unglücklichste und hilfsbedürftigste ihrer Kinder angesehen. Jetzt, da er der einzige war, der nicht von einem Throne gestossen wurde, erschien er ihr als das glücklichste von allen. Napoleon hatte das Unglück am schwersten getroffen. Ihm galt nun die ganze Fürsorge und Liebe. Nur eine Mutter konnte so handeln wie Letizia. Sie stellte ihm alle Schätze zur Verfügung, die sie in den Jahren des Glücks und Glanzes angehäuft hatte. Mit Recht durfte der Sohn von ihr sagen, dass sie gern trockenes Brot gegessen haben würde, wenn sie dadurch sein Missgeschick hätte mildern können.

Im Juli endlich durfte sie zu dem verbannten Kaiser. Vorher hatte sie noch das Glück gehabt, ihren geliebten Lucien ans Herz zu drücken, den sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Dann machte sich die Fünfundsechzigjährige zur Reise nach Elba auf. Sie musste jedoch drei Tage in Livorno verweilen und kam erst am 2. August, von Sir Neil Campbell geleitet, mit der Brigg «The Grasshopper» in Porto Ferraio an.

Die freiwillige Verbannung lastete nicht schwer auf Letizia. Auf Elba führte sie ein ihrem einfachen Wesen weit mehr zusagendes Leben als in den Tuilerien. Auch war sie dem Sohne näher als in Paris, wo ihn Staatsgeschäfte, Empfänge und Feste von ihr entfernten. Auf Elba sah sie ihn täglich. Es verging nie ein Tag, an dem Napoleon sich nicht persönlich nach dem Befinden seiner Mutter erkundigt hätte. Oft besuchte auch sie ihn oder fuhr mit ihm spazieren. Anfangs, als ihre Wohnung noch nicht vollkommen eingerichtet war, speiste sie sogar mit dem Kaiser. Kurz, Napoleon sorgte bis ins kleinste dafür, dass seiner Mutter der Aufenthalt so angenehm wie möglich gemacht wurde.

So verbrachte Letizia ihre Tage in ruhiger Abgeschiedenheit auf Elba. Die Sorge um die Armen, Handarbeiten und Lektüre füllten sie aus. Besonders liess sie sich gern über die grossen Taten ihres ruhmreichen Sohnes vorlesen. Vor ihr auf dem Tisch, an dem sie gewöhnlich sass, stand ein Bild Napoleons, umgeben von den Bildnissen ihrer anderen Söhne, Töchter, Enkel und Enkelinnen. So befand sich die Mutter, obgleich fern von den meisten ihrer Familie, doch im Kreise der Ihrigen.

Erst als Prinzessin Pauline in Porto Ferraio eingetroffen war, öffnete auch Madame Mère ihre Salons den Elbanern, die sie sehr verehrten. Merkwürdigerweise zeigte sie, die in Paris alle Oeffentlichkeit gescheut hatte, sich jetzt öfter in Gesellschaft. Konnte sie doch hier in ihrer geliebten Muttersprache reden, ohne befürchten zu müssen, belächelt zu werden.

Napoleon vergalt ihr die Fürsorge, die sie ihm angedeihen liess, in reichem Masse; er erkannte, welche Opfer ihm seine Mutter gebracht hatte und noch bringen würde, wenn es sein müsste. Sie war die einzige von der ganzen Familie, die fühlte, was sie Napoleon verdankte. Als sie später von dem Uebergang Murats zu den Verbündeten erfuhr, schrieb sie in höchster Entrüstung an ihre Tochter Karoline: «Wenn Du Deinem Gatten nicht befehlen konntest, so musstest Du ihn bekämpfen! Welche Kämpfe aber hast Du geliefert! Ueber Deinen Leib hinweg nur durfte Dein Gatte Deinen Bruder, Deinen Wohltäter, Deinen Gebieter töten!» Das war die Korsin.

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Aber auch in Elba blieben der Mutter die Sorgen um den Sohn nicht erspart. Es kamen ihr Gerüchte zu Ohren, dass man auf dem Wiener Kongress, besonders aber im englischen Kabinett, die Absicht hege, Napoleon auf eine entfernte einsame Insel zu verbannen, wo er für immer für Europa unschädlich sein würde. Ferner zahlte man ihm die festgesetzte Rente nicht aus, und weder Letizia noch Pauline erhielten etwas von den Unterhaltungsgeldern, die ihnen die französische Regierung zugesprochen hatte. Bis auf ein Wertpapier von 500 000 Piastern hatte Madame Mère alle ihre Wertsachen dem Sohne zur Bestreitung seiner Ausgaben gegeben. In ihrem Innern zitterte sie vor der Zukunft. Nicht vor der pekuniären Not bangte ihr, sondern vor der Schmach, dass ihr grosser Napoleon in der Verbannung einen unehrenhaften, ruhmlosen Tod erleiden sollte. Das beunruhigte Letizias Seele, ohne dass sie jedoch ihren starken Mut und ihre Zuversicht verlor.

Währenddessen reiften in des Kaisers Kopf kühne Pläne. Seine Lage auf Elba ward immer bedenklicher. Nur rasches Handeln, ein Gewaltstreich, wie er noch nie erlebt worden war, konnte ihn retten! Er beschloss, nach Frankreich zurückzukehren.

Es wird behauptet, Letizia und auch Pauline hätten von diesem Unternehmen lange vorher gewusst. Die Schwester soll sogar mehrere Reisen zu seiner Vorbereitung nach Italien unternommen haben. Für Letizias Anteilnahme an dem Plane sind jedoch nicht die geringsten Beweise vorhanden. Sie selbst erzählt in ihren leider unvollendeten Erinnerungen: «Eines Abends erschien mir der Kaiser heiterer als gewöhnlich. Er forderte mich und Pauline zu einer Partie Karten auf, aber schon einen Augenblick später verliess er uns und ging in sein Arbeitszimmer. Da er nicht wieder zurückkam, lief ich zu ihm, um ihn zu rufen. Der Kammerherr sagte mir, er sei in den Garten gegangen. Ich erinnere mich, es war ein wunderschöner lauer Frühlingsabend. Der Mond schien durch die Bäume. Mit eiligen Schritten ging der Kaiser ganz allein auf den Wegen auf und ab. Plötzlich hielt er in seiner Wanderung inne, lehnte den Kopf an einen Feigenbaum und seufzte: «Ich muss es aber doch meiner Mutter sagen!» – Als er dies sprach, näherte ich mich ihm und rief erregt aus: «Was haben Sie heute abend? Ich sehe, Sie sind nachdenklicher als sonst.»

Die Hand gegen die Stirne gepresst antwortete der Kaiser mir nach einigem Zögern: «Ja, ich muss es Ihnen sagen. Aber ich verbiete Ihnen, das Geheimnis, das ich Ihnen anvertraue, irgendwem zu erzählen. Sie dürfen es nicht einmal Pauline verraten.» Darauf lächelte er, küsste mich und fuhr fort: «Heute nacht reise ich ab!» – «Wohin?» – «Nach Paris. Vorher aber bitte ich um Ihren Rat.» – «Ach! Lassen Sie mich einen Augenblick vergessen, dass ich Ihre Mutter bin!» – Ich dachte eine Weile nach und fügte hinzu: «Der Himmel wird es nicht zugeben, dass Sie durch Gift oder in einer Ihrer unwürdigen Abgeschiedenheit sterben, sondern nur mit dem Degen in der Hand! Und so reisen Sie, mein Sohn, und folgen Sie Ihrer Bestimmung.»»

Am 26. Februar 1815 verliess Napoleon die Insel, Mutter und Schwester der Obhut der Elbaner überlassend. Letizia wollte so lange in Porto Ferraio bleiben, bis sie Nachricht hatte, dass ihr Sohn in Lyon angelangt sei. Nur Pauline, die es eilig hatte, wieder ins Leben zu kommen, liess sie nach Rom abreisen. Ende März verliess auch Madame Mère nicht ohne Bedauern die stille Insel. Hatte sie doch dort in einer gewissen Zufriedenheit gelebt. Jetzt sollte sie von neuem ein Leben voll Aeusserlichkeiten beginnen.

Zuerst begab sich Letizia nach Neapel zu ihrer Tochter Karoline. Von dort aus trat sie am 20. April mit dem getreuen Fesch ihre letzte Reise nach Frankreich an. Ueber Lyon begab sich die Kaisermutter nach Paris, wo ihr Sohn sich zum zweitenmal den Thron erobert hatte. Dort kam sie am Abend des 1. Juni an. An diesem Tage hatte das Fest auf dem Maifelde stattgefunden, bei welcher Gelegenheit der Eid auf die Verfassung geleistet wurde. Der Kaiser hatte ihn auf einem Throne sitzend feierlich seinen Untertanen abgenommen. Die ganze Familie war um ihn versammelt, nur die Mutter fehlte, trotz der gegenteiligen Behauptung mancher ihrer Biographen.

Der so leicht wiedergewonnene Thron des Sohnes aber stand auf schwankenden Füssen. Das französische Volk hatte Napoleon den Treueid nur mit den Lippen geleistet, nicht mit dem Herzen. Die erste Niederlage, die er erlitt, stürzte ihn von neuem in den Abgrund, und diesmal war er rettungslos verloren. Vergebens hatte er bei Waterloo auf dem Schlachtfelde mit dem Degen in der Hand den Tod gesucht, wie es seine Mutter wünschte. Ihm, dem grossen Helden, dem Schlachtenmeister sollte eine qualvolle Verbannung, auf einer rauhen Insel des Weltmeeres ein ruhmloses Hinsterben in Abgeschiedenheit und Vergessenheit beschieden sein.

Noch aber wusste Frau Letizia nicht das ganze, schmachvolle Unglück. Noch wusste sie nicht, dass ihr Sohn zum zweitenmal seinen Thron aufgegeben hatte! Erst in Malmaison, wohin sich der Kaiser die letzten Tage zurückgezogen hatte, musste sich die Mutter überzeugen, dass alles Wahrheit war, was man ihr nach und nach über das Geschick ihres Sohnes hinterbracht hatte. Napoleon war seelisch und physisch gebrochen. Er hatte die Absicht, nach Amerika zu gehen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Seine Mutter, Joseph und Lucien, der im Unglück zu ihm geeilt war, wollten seine Verbannung teilen. Letizia hatte nur einen Wunsch: ihre letzten Lebensjahre mit ihrem unglücklichen Sohne zu verbringen, ihm, so gut sie konnte, Trost zu spenden und einst an seiner Seite zu sterben.

Der Tag kam heran, an dem sie von ihrem Napoleon Abschied nehmen musste. Aber noch hatte sie ja die Hoffnung, ihm bald zu folgen! Auch jetzt zeigte Letizia sich als Heldin. Weder ihr Gesicht noch ihre Stimme verrieten die Bewegung ihrer Seele, als sie dem Kaiser zum letztenmal die Hand zum Lebewohl reichte. Erst als sie ihn küsste, liefen ihr zwei grosse Tränen aus den traurigen Augen über die blassen Wangen; im bittern Schmerz pressten sich die schmalen Lippen aufeinander. Die Gemütsbewegungen der letzten Tage waren aber selbst für diese Frau zuviel. Sie war ausserstande, Paris vor dem Einzuge der verbündeten Herrscher zu verlassen. Erst am 19. Juli reiste sie unter der grössten Anstrengung in Begleitung Feschs von der Hauptstadt ab. Ueber die Schweiz suchte sie von neuem eine Zuflucht in Italien, wo sie der gütige Pius wieder in Rom aufnahm.

Dankerfüllt schrieb sie durch Vermittlung des Kardinals Consalvi dem Papste: «Ich bin wirklich die Mutter aller Schmerzen. Der einzige Trost, der mir geblieben, ist, dass der Heilige Vater das Vergangene vergisst und sich nur der Güte erinnert, die er allen Mitgliedern meiner Familie erweist ... Wir finden nur bei der päpstlichen Regierung Schutz und unsere Dankbarkeit für eine solche Wohltat ist gross.»

So lebte die Mutter des verbannten Kaisers der Franzosen endlich in Ruhe und Frieden. Ihr einziger Wunsch war und blieb, in St. Helena bei ihrem Sohne zu sein und sein freudloses Dasein ein wenig zu verschönen. Noch als 70jährige erneuerte sie die Bitte bei den verbündeten Mächten. Umsonst! Und wie gern hätte sie Napoleon geholfen! Unter ihren Kleidern verborgen wollte sie ihm alles bringen, was sie noch an Vermögen und Schätzen besass, ihm, dem grössten und unglücklichsten ihrer Kinder! Ihm, dem Begründer dieses Vermögens! Es war ihr versagt. Aber sie hoffte immer. Als die verbündeten Souveräne sich auf dem Aachener Kongresse versammelten, schrieb Letizia am 29. August 1818 an einen jeden von ihnen folgenden beredten, von der Mutterliebe eingegebenen Brief: «Eine über alle Massen betrübte Mutter hat seit langem gehofft, dass die Versammlung Eurer Kaiserlichen und Königlichen Majestäten ihr das Glück wiedergäbe. Es ist unmöglich, dass die lange Gefangenschaft des Kaisers Napoleon Ihnen nicht Gelegenheit gibt, sich über ihn zu unterhalten, und dass Ihre Seelengrösse, Ihre Macht, die Erinnerung an die vergangenen Ereignisse Eure Kaiserlichen und Königlichen Majestäten nicht veranlassen, sich für die Befreiung eines Fürsten zu interessieren, der soviel Anteil an Ihren Interessen, ja sogar an Ihrer Freundschaft gehabt hat.

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Wollen Sie in einer qualvollen Verbannung einen Souverän zugrundegehen lassen, der im Vertrauen auf seinen Feind sich in dessen Arme warf? Mein Sohn hätte den Kaiser, seinen Schwiegervater, um eine Zuflucht bitten können; er hätte sich dem grossen Charakter des Kaisers Alexander anvertrauen und sich zu seiner Majestät dem König von Preussen flüchten können, der sich gewiss bei einer solchen Bitte nur seiner früheren Allianz erinnert haben würde. Kann England ihn für das Vertrauen bestrafen, das er ihm bewiesen hat?

Der Kaiser Napoleon ist nicht mehr zu fürchten. Er ist krank. Und wäre er auch bei voller Gesundheit, hätte er auch alle Mittel, die die Vorsehung ihm einst in die Hände gab, so verabscheut er doch aus tiefstem Grunde seines Herzens den Bürgerkrieg.

Sire, ich bin Mutter! Das Leben meines Sohnes ist mir teurer als mein eigenes. Verzeihen Sie um meines Schmerzes willen die Freiheit, die ich mir nehme, an Eure Kaiserlichen und Königlichen Majestäten diesen Brief zu richten.

Lassen Sie eine Mutter, die sich über die lange Grausamkeit gegen ihren Sohn beschwert, diesen Schritt nicht vergebens tun!

Im Namen des Allergütigsten, dessen Ebenbild Eure Kaiserlichen und Königlichen Majestäten sind, veranlassen Sie, dass die Qualen meines Sohnes aufhören! Verwenden Sie sich für seine Freiheit! Dies fordere ich von Gott und von Ihnen, die Sie seine Stellvertreter auf Erden sind!

Die Staatsgründe haben hier Grenzen, und die Nachwelt, die alles unsterblich macht, bewundert vor allem die Grossmut der Sieger.»

Der Brief, der Schmerzensschrei einer Mutter, blieb unbeantwortet. Nur die Erinnerung an Napoleon, an sein grosses Genie, seine Tatkraft und seine unsterblichen Handlungen konnte man der Mutter nicht entreissen. Täglich dachte sie seiner, schloss ihn in ihre Gebete ein und wand im stillen einen Glorienschein um sein Haupt. Ihre Tränen allein waren ein Trost für sie. Sie sollte noch viele Jahre den Schmerz mit sich herumtragen, der eine schwächere Natur vielleicht getötet hätte.

Trotz allem versuchte Letizia des öfteren, ihrem Sohne Unterstützungen zukommen zu lassen. Aber die Sendungen gelangten fast nie in seinen Besitz. Die Briefe wurden aufgefangen oder dem Kaiser geöffnet übergeben. Nur einmal erhielt er von seiner Mutter 100 000 Franken, um die er sie gebeten hatte, damit er sich das Leben ein wenig erträglicher machen konnte. Wie gerne hätte sie ihm alles gegeben, was sie besass, besonders als er krank war! Für ihn sparte sie ja, für ihn allein suchte sie ihr Geld zusammenzuhalten. Sie meinte immer, ihm Rechenschaft ablegen zu müssen, weil sie all den Reichtum erst durch ihn erlangt hatte. Fast war sie die einzige von der ganzen Familie, die nicht mittellos dastand. Alles hatte sie um sich her versinken sehen. Ihre Söhne und Töchter waren von ihren Thronen verstossen, andere Herrscher hatten diese eingenommen. Manche von Letizias Kindern befanden sich direkt in Not. Sie allein hatte im Glück nicht vergessen, dass es unbeständig ist. Jetzt konnte sie helfen. Und sie half, soweit sie es vermochte.

Jérôme war das ärmste ihrer Kinder. Er konnte am wenigsten rechnen und war am verschwenderischsten. «Wenn man nicht mehr König ist, so ist es lächerlich, als solcher leben zu wollen», sagte ihm die Mutter wohl bisweilen, aber sie gab ihm doch mit vollen Händen. Und nicht nur ihm, sondern auch den andern. Elisa, Lucien, sogar Karoline suchten von der Mutter Geld zu erhalten. Drängten sie allzusehr, dann sagte sie ihnen allerdings auch, dass sie ihr Vermögen zusammenhalten müsse, denn es gehöre nicht ihr, sondern dem Kaiser. Uebrigens verlor sie bereits im Jahre 1816 die Pension von 300 000 Franken, die ihr durch den Vertrag vom 11. April 1814 von der französischen Regierung ausgesetzt worden war. Durch ein Gesetz vom 12. Januar 1816 war alles Eigentum der Familie Bonaparte für beschlagnahmt erklärt worden.

Letizias grösster Trost in Rom blieben die Beziehungen zu ihren Kindern und Kindeskindern. Mit ihnen stand sie in regem Briefwechsel. Am liebsten hätte sie alle um sich versammelt und in ihrer Mitte gelebt. Aber nur einigen war es gestattet, die Mutter zu besuchen oder in den letzten Jahren ihren Aufenthalt zu teilen. Von dem teuersten aber, der ihr am meisten ans Herz gewachsen war, von ihrem kleinen Napoleon in Wien, hörte sie nichts. Er war sowohl für den Vater als auch für die Grossmutter tot. Nur seine Kinderbildnisse waren Letizia geblieben. Sie hatte sie alle mit den übrigen Familienbildern in ihrem Salon aufgestellt. Fühlte sich die alte Dame einsam und verlassen, dann unterhielt sie sich auf ihre Weise mit den Abwesenden.

Alles in der Umgebung der Kaisermutter war ernst und düster, gleichförmig und still. Sie empfing nur wenige Leute. Fremde hatten fast nie Zutritt. Nur bisweilen machte sie davon eine Ausnahme, wenn sie ihr Nachrichten von dem verbannten Sohne brachten. So war sie sehr glücklich über den Besuch des Doktors O'Meara, der Napoleon eine Zeitlang auf St. Helena gepflegt hatte. Auch mit Lord Holland unterhielt sie sich gern, denn er war ein Verteidiger des Gefangenen. Im März 1819 hatte Marie Luise die Absicht, als sie mit ihrem Vater durch Italien reiste, die Mutter Napoleons aufzusuchen. Da sie jedoch nicht wusste, wie sie aufgenommen werden würde, liess sie Letizia durch den österreichischen Gesandten in Rom von ihrem Plane unterrichten. Ungläubig schüttelte die Matrone den Kopf. «Was Sie mir da sagen, Herr Gesandter», erwiderte sie ernst, «erstaunt mich wirklich. Sie tun meiner Schwiegertochter unrecht, wenn Sie glauben, sie mache grosse Reisen, anstatt sich zu ihrem unglücklichen Gatten nach Sankt Helena zu begeben. Die Frau, von der Sie mir sprechen, kann nicht meine Schwiegertochter sein. Ohne Frage ist es eine Abenteurerin, die sich mit meinem Namen schmückt. Und Abenteurerinnen empfange ich nicht!» Damit wusste Marie Luise genug.

Bald aber räumte der Tod unter den Reihen derjenigen auf, die Letizia lieb hatte. Ihre Tochter Elisa machte den Anfang im Jahre 1820. Im nächsten Jahr traf die Mutter der härteste Schlag, der sie treffen konnte: der Tod Napoleons. Sie erfuhr ihn erst zweieinhalb Monate später, am 22. Juli. Ihr Schmerz war unbeschreiblich und löste sich in heissen Tränen aus. Als sie aber etwas später den Arzt ihres Sohnes, den Doktor Antommarchi empfing, zeigte sie die grösste Selbstbeherrschung und fragte ihn immer wieder über alle Einzelheiten des Lebens Napoleons aus, unaufhörlich die Tränen zurückdrängend. Sie konnte sich kaum beruhigen, dass ihr grosser Sohn unter solchen Leiden, und einsam wie ein Ausgestossener, gestorben war. Da man ihr nicht gestattet hatte, mit ihm zu leben, wollte sie wenigstens seinen Leichnam in ihrer Nähe bestatten. Aber man gewährte ihr auch das nicht.

Bisher war Letizias Dasein mehr als einsam gewesen, jetzt verschloss sie sich ganz der Aussenwelt. «Mein Leben», sagte sie selbst, «hörte mit dem Sturze Napoleons auf. Als ich meinen Sohn nach Sankt Helena überführen sah, sagte ich mir: Du, die Mutter dieses Mannes, du musst jetzt die Welt vergessen; es gibt kein Glück mehr für dich. Dein Sohn ist unglücklich; du wirst von nun an traurig und einsam sein.» Und von seinem Tode an war für Letizia das Leben nur noch ein Hindämmern, ein Träumen von Vergangenem. Denn sie sprach wenig über die Tage des Glücks. Nur das Unglück ihrer Familie erwähnte sie bisweilen. «Mein Sohn», sagte sie dann wohl traurig, «ist gestürzt worden. Fern von mir ist er elend zugrunde gegangen. Meine anderen Kinder sind verbannt; eins nach dem andern sehe ich sterben. Sogar diejenigen meiner Enkel, die am meisten versprachen, scheinen alle bestimmt zu sein, von dieser Welt zu verschwinden. Ich bin alt und verlassen, ohne Glanz, ohne Ehre! Und doch würde ich mein Dasein nicht gegen dasjenige der ersten Königin der Welt vertauschen wollen!» Sie hatte den Becher noch nicht ganz geleert. Nichts sollte ihr erspart bleiben.

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Glücklicherweise ward ihr jetzt wenigstens die Freude, einige ihrer Kinder in Rom um sich zu haben. Mehrere Mitglieder der Familie Bonaparte, worunter Lucien, Louis, Fesch und Pauline, schienen, da Napoleon nun tot war, den Regierungen nicht mehr verdächtig. Madame Mère selbst hätte sogar, wenn sie gewollt, nach Frankreich zurückkehren können. Sie wollte nicht. «Ich habe meine Kinder in ihrem Unglück und Schmerz nicht verlassen, und werde sie jetzt ebensowenig wie früher verlassen. Ich will lieber mit ihnen aus Frankreich verbannt sein, als dort ohne sie leben», sagte sie.

Im Jahre 1825 wurde die schwergeprüfte Frau wiederum durch Trauer heimgesucht. Ihre Tochter Pauline, die Letizia trotz ihrer Fehler und ihres leichtsinnigen Lebens am meisten geliebt hatte, starb am 7. Juni. Und am Ende desselben Jahres verlor sie auch ihre alte treue Dienerin Saveria durch den Tod. Alle, alle starben um sie her, nur sie verschonte der Tod.

Sie war jetzt nahezu achtzig Jahre alt. Ihre einst aufrechte stolze Gestalt war verfallen und hager. Aber die schwarzen Augen glänzten noch unter dem Turban, den sie nach der Mode des Kaiserreiches trug. Im übrigen kleidete sie sich stets in tiefe Trauer. Ihr Mund schien das Lächeln, das ihn einst so anziehend gemacht hatte, verlernt zu haben. Als sie jedoch der Geschichtsschreiber Capefigue im Jahre 1835 besuchte, fand er Letizias Züge, obwohl sie fast ganz erblindet war, noch schön. Er nannte ihren Kopf eine «antike Kamee der Agrippina».

Die liebsten Erinnerungen waren Letizia die Totenmaske Napoleons, die der Doktor Antommarchi von dem Gesicht des Kaisers geformt und der Mutter übergeben hatte, sowie eine kleine Büste des Königs von Rom. Von diesem hatte sie nie etwas erfahren. Sie hatte zwar bisweilen indirekte Nachrichten über das Leben ihres Enkels erhalten, aber sie waren mehr oder weniger ungenau. Sie wusste nicht einmal, dass man ihm alles, was die Geschichte seines Vaters betraf, verschwieg. Verschiedene Male schrieb Letizia an die Herzogin Marie Luise von Parma oder an den Kaiser von Oesterreich selbst, um etwas über das Kind ihres Sohnes zu erfahren. Aber die Briefe blieben unbeantwortet. Erst im Jahre 1832 erhielt die Grossmutter nähere Nachricht von ihrem Enkel. Dessen ehemaliger Erzieher, Graf Prokesch- Osten, hatte Madame Mère auf einer Reise durch Rom am 21. Juli einen Besuch abgestattet. Sie war tief bewegt von allem, was der Graf ihr erzählte. Sie fragte ihn lebhaft über jede Einzelheit des Charakters Napoleons II. Sie fand auch, dass er sehr viele ähnliche Charakterzüge mit seinem Vater haben müsse. Als Prokesch sich von der einstigen Kaisermutter verabschiedete, schien sie, die in einem Lehnsessel sass, sich mit aller Kraftanstrengung aufrichten zu wollen. Ihre Enkelin Charlotte, die Tochter Luciens, war ihr dabei behilflich. Letizias Person schien zu wachsen und ganz von majestätischer Würde umhaucht zu sein. Prokesch fühlte, dass sie zitterte. Da legte sie die alten, schmalen Hände auf sein Haupt. Er ahnte, was Letizia zu tun wünschte. Still kniete er vor ihr nieder, und sie segnete ihn mit den Worten: «Da ich nicht bis zu ‹ihm› gelangen kann, so nehmen Sie an seiner Statt den Segen seiner Grossmutter entgegen, die bald diese Welt verlassen wird. Meine Gebete, meine Tränen, meine Wünsche werden bis zum letzten Augenblick meines Lebens für ihn sein. Bringen Sie ihm das, was ich Ihrem Herzen anvertraue!» Darauf küsste sie den Freund und Erzieher ihres Enkels und blieb noch lange schweigend über ihn gebeugt.

Prokesch wusste nicht, dass sein Zögling schon am Tage nach dieser Zusammenkunft mit Madame Mère nicht mehr am Leben war. Er erfuhr es erst einige Zeit später in Bologna. Letizia erhielt die Trauerbotschaft durch ihre Schwiegertochter selbst. Sie war untröstlich und liess Marie Luise durch Fesch schreiben.

Jetzt waren es der Schicksalsschläge genug. Da Letizia im Jahre 1830 durch einen Fall während eines Spazierganges einen Oberschenkelbruch erlitten hatte, war sie für die letzten Jahre ihres Lebens gelähmt und fortan ans Zimmer gefesselt. Sie hatte oft die entsetzlichsten Schmerzen zu leiden, wollte sich jedoch keiner Operation unterziehen, wie es die Aerzte rieten. Endlich, am 2. Februar 1836, machte der Tod ihrem Leiden ein Ende. An ihrem Sterbelager standen von ihren Kindern nur Jérôme und Alexandrine, die Gattin Luciens. Die Mutter Napoleons starb, «aller Verehrung würdig» und mit der Hoffnung, dass doch einmal der Tag kommen werde, an dem auch Frankreich wieder ihrer Familie die Tore öffne.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Berühmte Frauen der Weltgeschichte