Aus dem westlichen Mecklenburg. Ende Oktober 1853.

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. Dritter Jahrgang 1853. Juli-Dezember
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1853
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Landesgeschichte, Land und Leute, Volks-Charakter, Rostock, Schwerin, Bevölkerung, Auswanderung
Sie wünschen von mir eine Schilderung von Land und Leuten; keine leichte Aufgabe, insofern sie einigermaßen wenigstens in das Gebiet der Selbstkritik verfällt. Indessen, um objektiv zu sein, fehlt es mir auch nicht an hinlänglicher Bekanntschaft mit vielen andern Teilen des lieben deutschen Vaterlandes. Es ist ein wunderbarer Gegensatz, in welchem sich die inneren Zustände Frankreichs und Deutschlands gegenüber den beiderseitigen Staatseinrichtungen befinden; zwischen Franzosen und Franzosen ist trotz des vielgerühmten einheitlichen Nationalgefühls ein viel größerer Unterschied als zwischen den einzelnen Stämmen der vielgestaltigen deutschen Familie. Der Normanne und der Provençale sind in fast allen Beziehungen weit eher verschiedene Völker als z. B. der Mecklenburger und der Tiroler. Auch jene Beiden unterscheiden sich durch leichteres und schwereres Blut, gerade wie diese: aber Leben, Sitte, Anschauung, selbst die Sprache haben dort einen weit verschiedenem Typus als hier. Was den Franzosen einigt, ist nicht sowohl die gemeinsame Nationalität (die geschichtlich nicht einmal begründet ist) als die gemeinsame Geschichte. Die Geschichte, selbst wenn man nur den äußern Rahmen des Völkerdaseins darunter verstehen will, hat einen weit tieferen Einfluss, als man ihr gemeiniglich zugestehen mag. Wie rasch haben sich nicht die Bewohner der kleinen Reichsterritorien, deren Deutschland vor dem Jahre dreihundert und darüber zählte, daran gewöhnt, Bayern, Württemberger, Preußen etc. zu werden! Schon in der zweiten Generation waren die alten Traditionen, wo sie überhaupt noch existiert, fast vollständig verwischt. Freilich kam dazu der Mangel jedes tieferen politischen Bewusstseins und dann wohl auch die straffe Hand, mit der die Regierungen heutzutage die Völker zu zügeln verstehen. Und an dieser straffen Hand hat es bekanntlich in Frankreich niemals gefehlt.

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Der Mecklenburger nun teilt im Allgemeinen dieselben Fehler und Vorzüge mit den übrigen deutschen Stämmen. Ich fürchte nicht, dass auch nur ein irgendwie ansehnlicher Teil Ihrer Leser die wunderliche Anschauung teile, als seien in Mecklenburg noch slawische Elemente vorhanden. Unser Land ist so gründlich germanisieert, wie man es von dem zähen und unnachgiebigen Charakter des Norddeutschen nur erwarten kann. Außer den Ortsnamen, die allerdings zum überwiegenden Teile aus der slawischen Zeit beibehalten sind, ist All und Jedes deutsch, rein deutsch. Ja wir Mecklenburger sind sogar ein wenig stolz darauf, der beste Typus des plattdeutschen Charakters zu sein. Auch dass im ehemaligen Obotritenlande das schönste Plattdeutsch gesprochen wird, bezweifelt kein Mecklenburger, wiewohl unsere Nachbarn in Pommern und Holstein sich erkühnen, denselben Vorzug zu beanspruchen. Deutsch an Gemütlichkeit und Gradsinn indessen und speziell norddeutsch an Langsamkeit, Bedächtigkeit und Ausdauer sind wir ganz gewiss. Freilich, die böse Welt sagt uns einen fühlbaren Mangel an geistiger Fähigkeit nach und unsere lieben Nachbarn in Osten und Westen sind dabei nicht die Letzten. Das mag durch die seit Jahrhunderten bestehende Abgeschiedenheit unseres Ländchens, durch eine den Fremden oft fühlbare Zurückhaltung unseres Wesens, durch den Gegensatz unserer politischen und staatswirtschaftlichen Zustände mit den Grundsätzen der reinen Vernunft entstanden sein. Aber nimmt man nun den oder die Mecklenburger aufs Korn, es ist in beiden Fällen nicht wahr. Der Stier in unserm Wappen hat zu den Volkseigenschaften keine größere Beziehung als sonstiges Ungetier aus der heraldischen Menagerie zu den resp. Völkern. Zweifeln Sie also bei Leibe nicht an meiner Unparteilichkeit, wenn ich Ihnen von dem weitverbreiteten gesunden, kräftigen Menschenverstand, von durchschnittlicher Bildung, von vielfachen Anlagen zu Kunstfertigkeit, von richtigem Verständnis der Lebensverhältnisse in den meisten Klassen des Volks erzähle. Freilich dies Verständnis der Lebensverhältnisse wird sehr, sehr bedingt durch die über alle Maßen erstaunliche Gestaltung derselben. Und da komme ich zu einer recht derben Schattenseite.

Zwei Großherzoge und eine Verfassung — diese Reminiszenz an das alte Sparta könnte uns sogar schmeichelhaft vorkommen, wenn wir nicht auch unsere Heloten hätten. Das Land — und dies ebensowohl in Mecklenburg-Schwerin als in Mecklenburg-Strelitz — ist eingeteilt in Domanium, Ritterschaft und Städte. Zum Domanium gehört ungefähr die Hälfte des gesamten Grund und Bodens, es ist Eigentum des Großherzogs und wird in der Tat im Namen desselben von den Beamten wie eine große Pachtung verwaltet, d. h. vorzugsweise im Interesse eines größtmöglichen Geldertrags. Dann kommt die Ritterschaft, d. h. alle auf eigenem Grund und Boden angesessenen Grundbesitzer. Es gibt adelige und bürgerliche Ritter; an Streitigkeiten zwischen beiden hat es nicht gefehlt, wenigstens nicht vor 1848, wo die Frage wegen Berechtigung zum Tragen des blutroten Landtagsfracks keine unbedeutende Rolle spielte. Seit dem genannten Jahr jedoch ist auch aus den bürgerlichen Rittern fast jede Spur von Oppositionsgeist verschwunden; ja sie tun es an reaktionärem Dünkel jetzt unter Umständen dem Vollblut sogar noch zuvor. Ein solcher Grundbesitzer ist zugleich auch Gutsobrigkeit. Seine Eingesessenen, bis zum Jahre 1819 leibeigen, sind seitdem durch die Gesetzgebung allerdings frei geworden, aber mit einer solchen Fürsorge für die Ritter, dass sie wohl manchmal an die Fleischtöpfe Ägyptens zurückgedacht haben mögen. Sie können sich von der Scholle bewegen, und dürfen nur dann Arbeit, resp. Unterstützung von ihrem Grundherrn fordern, wenn sie anderswo vergeblich um Arbeit sich beworben haben. Nun beweise aber einmal Einer, dass er das getan hat! Andererseits ist dem Grundherrn die Last geblieben, für seine verarmten Eingesessenen zu sorgen; heute lässt er sie aus einer Pacht entfernen, um ihnen morgen eine Armenkate anweisen zu müssen. Natürlich sind unter solchen Umständen beide Teile in der Regel miteinander unzufrieden. Vor neuen Niederlassungen graut dem Grundbesitzer. Heiratskonsense werden nur schwer erteilt, so dass in einigen hundert ritterschaftlichen Gütern die Hälfte aller Geburten und in mehr als dreißig die gesamte Nachkommenschaft unehelich ist. Dafür ist denn auch die Auswanderung von den ritterschaftlichen Dörfern unglaublich stark; auch sind das ja eben die rechten festen Arme, gehoben durch unverdrossene Tätigkeit, wie Amerika sie braucht.

Endlich die Städte, die sogenannte Landschaft. Natürlich hat jede Stadt ihr Gebiet und ihre eigene Verfassung, die sich in neuerer Zeit jedoch ziemlich assimiliert haben, mit Ausnahme von Schwerin, Rostock und Wismar. Schwerin ist die Residenz, und zwar mit allen Übeln einer kleinstaatlichen Residenz, wobei es um so wunderbarer ist, dass gerade ihre Stadtverfassung am meisten Überbleibsel aus den Jahren der Bewegung bewahrt hat. Wismar, zu Mecklenburg eigentlich nur pfandweise gehörig, bis Schweden es wieder einlöst, ist entsetzlich langweilig und öde. Die Luft ist hier sehr loyal, wenn auch nur aus Opposition gegen Rostock. Hier ist bekanntlich der Schwefel-Pfuhl der Revolution, hier wühlten noch bis vor kurzem die Gottseibeiuns der Demagogie, jetzt fein säuberlich zu einigen Jahren Untersuchungshaft in Bützow verurteilt. Sogar eine Zwangseinquartierung hat es in diesem Jahre in Rostock gegeben, sieben Mann mit einem Feldwebel samt 50 Mann Reserve, und auch von einer Stadtverordnetenversammlung fabelt man, die soviel revolutionäres Gift zurückgelassen, dass sogar die wiedereingesetzten „Quartiere“ ordentlich Opposition gegen einen hochweisen Rat treiben.

Dies also die drei Grundpfeiler unsers wunderlichen Staatsbaus, auf dem ein wirtschaftliches Gebäude ruht, zu dessen tiefsinnigsten Grundsätzen der zu gehören scheint, die einheimische Industrie und den einheimischen Handel zu Gunsten des (deutschen und außerdeutschen) Auslands zu drücken. Jede Stadt bildet bei uns ein abgeschlossenes Zunft- und Handelsgebiet, jeder Ritter hat das Recht der freien Ein- und Ausfuhr für seine Produkte und Bedürfnisse und nur der Handelsmann bezahlt die Binnenzölle an den circa 80 hergebrachten Zollstätten. Dafür sind wir auch das am schwächsten bevölkerte Land in Deutschland (ungefähr 2.000 auf die Quadratmeile), während jetzt alljährlich an 5.000 Menschen von uns auswandern!

Ich schließe für heute, um Ihnen gelegentlich aus der Zeitgeschichte zu erzählen. Die hochansehnliche Landtagsversammlung ist für nächsten Monat im Anzuge.
Schwerin - Altes Schloss.

Schwerin - Altes Schloss.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Dom.

Schwerin - Dom.

Schwerin - Neustadt.

Schwerin - Neustadt.

Schwerin - Paulstadt.

Schwerin - Paulstadt.

Schwerin - Schloßgarten.

Schwerin - Schloßgarten.

Schwerin.

Schwerin.

Wismar - Fürstenhof.

Wismar - Fürstenhof.

Wismar - Markt.

Wismar - Markt.