Aus dem Mecklenburgischen. Juli 1863. – Festlichkeiten: Wettrennen, Schützenfeste, Musikfestival, Turnfest, Militär, Körner-Feier, Konferenz der Schwarzmäntel

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 13ter Jahrgang 1863. Juli-Dezember
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1863
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Landesgeschichte, Rostock, Festlichkeiten: Wettrennen, Schützenfeste, Musikfestival, Turnfest, Militär, Körner-Feier, Konferenz der Schwarzmäntel
Der allgemeine Festtaumel, der Deutschland seit einigen Jahren beherrscht und der gleich einem regelmäßig wiederkehrenden Fieber allemal im Sommer seinen Höhepunkt erreicht, hat auch unser Ländchen, so konservativ dasselbe sonst auch ist, und so ängstlich es sich von jedem Kontakt mit der Zeitströmung abschließt, nicht unberührt gelassen; „wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen“, und da ganz Deutschland rennt, turnt, singt und schießt, wohlan, so können auch wir nicht widerstehen, und feiern ebenfalls unsere Feste, so wenig Veranlassung wir auch im Grunde dazu haben. Selbst unsere Junker, die das Land übrigens so gern mit einer siebenfachen chinesischen Mauer umgeben möchten, haben sich dem allgemeinen Zuge der Zeit fügen müssen.

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Freilich sind ihre Festlichkeiten edlerer Art, als wir andern Staubgeborenen sie feiern können, da sind die Stichwörter Pace und Start, die Haupthelden führen Namen wie Chingachgook und Pontus Euxinus, unter den Feiernden selbst aber sind die Grafentitel so häufig wie die hohlen Nüsse auf dem Weihnachtstische. Auch unsere Städte bemühen sich, den edlen Sport zu pflegen, vielleicht weniger aus wirklicher Freude daran, als wegen des mannichfachen materiellen Nutzens, der ihnen aus diesem Zusammenströmen zahlreicher vornehmer und begüterter Gäste erwächst. Eröffnet wurde der Reigen von Rostock mit einem glänzenden Rennen, Schwerin, Parchim und Waren folgten, Doberan wird den Schluss bilden. Das bedeutendste unter diesen Rennen war ohne Frage das Schweriner. Der gesamte mecklenburgische Adel drängte sich in reiche geschmückten Carrossen herbei und auch aus der Nachbarschaft, besonders aus Preußen und Hannover, hatten sich zahlreiche Gäste eingefunden; die berühmtesten Renner Norddeutschlands machten sich den Rang streitig, den Preis von allen behauptete aber doch der bekannte Graf Hahn, der dreifach berühmte — nämlich erstlich als Sohn seiner Mutter, der ehemals so hoch gefeierten Gräfin Ida Hahn-Hahn, sodann durch seine Pferde, am meisten jedoch durch jenes famose Krawatten-Mandat, für das „Kladderadatsch“ ihm die Unsterblichkeit verliehen. Eine eigentümliche Ironie des Schicksals war es dabei, dass Graf Hahn zwar am ersten Tage in dem Hauptrennen über den vielgeliebten Pogge siegte, dessen Renner Pontus das Publikum jedes mal mit einem donnernden Hurrah empfing, um wenigstens auf diese Weise dem allverehrten Volksmann und Führer der mecklenburgischen Liberalen seine Sympathien auszudrücken; am zweiten Tage jedoch wandte sich das Blättchen. Pontus, angestachelt, wie es scheint, durch die volkstümlichen Huldigungen, die ihm dargebracht worden, revanchierte sich und schlug den gräflichen Chingachgook zum allgemeinen Jubel des zuschauenden Volkes, das darin eine glückliche Verheißung erblickte, dass Pogge, jetzt noch besiegt, bald auch noch in einer wichtigeren Arena triumphieren wird....

Denn in der Tat, so unschuldig diese Wettrennen sich ansehen, so haben sie doch ebenfalls ihren politischen Hintergrund, wennschon derselbe, wie die Dinge bei uns zur Zeit noch stehen, hauptsächlich nur den Feudalen zugute kommt. Hier treffen die Granden von Mecklenburg mit denen aus Pommern und der Uckermark zusammen, hier tauschen sie ihre Gelüste und Hoffnungen bei Rouge et Noir, bei Charte blache und Cliquot veuve, hier mustern sie ihre Rotten, zählen ihre Kräfte und entwerfen ihre Feldzugspläne. Namentlich werden bei dieser Gelegenheit Rekruten angeworben für den Norddeutschen Adelsverein, dessen Tendenz die strikteste Aufrechthaltung aller Adelsprivilegien ist, und dessen Mitglieder sich mit Wort und Handschlag verpflichten müssen, nichts gegen die Interessen des Adels zu unternehmen, dieselben vielmehr unter allen Umständen aufs eifrigste zu fördern und zu schützen. Das Oberhaupt dieses feudalen Vereins ist der gegenwärtige Premierminister von Mecklenburg-Schwerin, Hr. von Oertzen, ein hartgesottener Aristokrat, der nur Ein Interesse kennt und pflegt, nämlich dasjenige seiner Standesgenossen.

Wie kindlich und harmlos nimmt sich dagegen das Hauptfest unserer wohlhabenden mecklenburgischen Bourgeoisie aus! Da ist kein noch so entfernter Anklang von Politik, nichts als zahme, sanfte Musik, Oratorien und Opernarien, die alle nur von seliger Eintracht widerklingen und nichts ahnen lassen von den Disharmonien, welche das Leben der Gegenwart so grell durchzucken. Zwar am ersten Tage unsers großen Musikfestes machte der Himmel ein trübes Gesicht dazu und weinte große Tränen über die Harmlosigkeit unserer Residenzbewohner, am zweiten Tage jedoch erwies er sich gnädiger und begünstigte dadurch die mancherlei öffentlichen Festlichkeiten, die den Gästen zu Ehren veranstaltet wurden, und unter denen eine glänzende Erleuchtung des Schlossgartens sowie eine Korso-Fahrt auf den, großen See sich auszeichneten. Die Aufführungen selbst fielen in jeder Beziehung befriedigend aus, das Publikum nahm lebhaften Anteil und belohnte sowohl die Solisten, unter denen Frl. de Ahna und Frau Harriers-Wippern aus Berlin die größten Triumphe feierten, als auch die Chöre, um welche unser Hofkapellmeister Aloys Schmitt sich besonders verdient gemacht, mehrfach durch enthusiastischen Beifall.

Aber nicht bloß der Adel, nicht bloß der Bourgeois, auch der Kleinbürger, der Philister, will sein Vergnügen haben. Draußen in Deutschland und der Schweiz bis nach Italien hinein gehen jetzt die Schützenfeste um; warum sollten wir Mecklenburger nicht auch im Stande sein, unser Schützenfest zu feiern? Natürlich dürfen Sie dabei nicht an ein Fest im deutschen Sinne denken, ein Fest mit liberalen Reden und politischen Trinksprüchen — zu dem Hunderte von Meilen weit jeder strömt, der seinen Stutzen zu handhaben weiß — bewahre der Himmel, bei uns muss alles spezifisch mecklenburgisch sein und sich im gewohnten Gleise erhalten. Eine unserer Vorderstädte, die löbliche Stadt Parchim, war auf den genialen Einfall gekommen, mit der Einweihung eines von ihr erbauten großartigen Gasthauses ein Schützenfest zu verbinden, das sich selbst zwar als ein „norddeutsches“ ankündigte, in der Tat jedoch nur ein richtiges mecklenburgisches Sonderfest war. Nur ja keine freie Konkurrenz, das ist bei uns vor allem die Hauptsache, und so durften auch an diesem Parchimer Schützenfest nur die privilegierten Schützenzünfte teilnehmen. Da kamen sie denn geschritten und zum Teil auch gewackelt, sämtlich wohlbewaffnet und uniformiert, Gevatter Schneider und Handschuhmacher; die Generalstäbe sämtlicher Armeen Europas schienen sich versammelt zu haben, so viel goldgestickte Uniformen gab es zu sehen, so viel Epauletten schimmerten, so viel Federbüsche wallten, so viel langnachschleppende Säbel rasselten. Und dazu nun diese wunderbare Haltung, die so wenig zu dem glänzenden Kostüme passte; man glaubte sich in das Blütenalter unserer Zopfzeit versetzt, so buntscheckig sah die Gesellschaft aus, und bei aller Buntscheckigkeit dennoch so verkommen. Im übrigen hatte die Stadt alles aufgeboten, um der Sache ein Ansehen zu geben, und auch der Großherzog beehrte das Fest mit seiner Gegenwart, vermutlich um auch in diesem Stück dem Herzog von Koburg das Gegenspiel zu halten.

Einen ungleich erfreulicheren Eindruck machte das mecklenburgische Turnfest, das diesmal in Bützow abgehalten ward. Mit Eifer und Liebe hat unsere Jugend, übersättigt von den Torheiten der Alten, sich der vaterländischen Sache des Turnens zugewandt, die Zahl der Vereine und Mitglieder hat sich in diesem Jahre geradezu verdoppelt, der Sinn für körperliche Ausbildung ist nicht nur fortwährend im Wachsen, sondern er hat auch ein sicheres Fundament dadurch erhalten, dass beinahe in allen Städten des Landes das Turnen in den Schulen als obligater Unterrichtsgegenstand eingeführt ist. Und dass das Turnen bei uns in der Tat bereits mehr als Modesache, dass es wirklich ein Gegenstand, an dem das Herz der Jugend hängt, und für das auch die Alten sich allmählich zu erwärmen anfangen, das zeigten sowohl die vortrefflichen Leistungen, die bei Gelegenheit dieses Turnfestes produziert wurden, als auch die lebhafte Teilnahme, mit welcher das zahlreich versammelte Publikum dieselben aufnahm.

Auch unser Militär hat sein Fest gefeiert, freilich schon im Frühling — ich meine das Erinnerungsfest an die Erhebung vom Jahre dreizehn. Dass dasselbe in Wahrheit nur ein militärisches Fest war, mit dem herkömmlichen soldatischen Schaugepränge und obligater Grundsteinlegung eines Denkmale, über dessen Ausführung man jedoch bis dato noch nicht einig ist, versteht sich bei der hierzulande herrschenden Stimmung von selbst. Ebenso natürlich ist es, dass die feudalen Blätter auch dies Fest für ihre Zwecke auszubeuten suchten; volle vierzehn Tage hindurch langweilten sie ihre Leser mit wörtlicher Wiederholung der vielen abgeschmackten Reden, die dieser Amtsrat und jener Bürgermeister bei den verschiedenen Festessen gehalten, welche die Herren sich bei dieser Gelegenheit aus den öffentlichen Kassen für ihre eigenen hochwohlgeborenen Mägen zugerüstet. Infolge dessen und um ihre Opposition gegen dies militärisch-bürokratische Verfahren an den Tag zu legen, fanden einzelne Bürgerschaften sich veranlasst, aus ihren Mitteln und auf eigene Hand wirkliche Volksfeste zu Ehren der Veteranen zu veranstalten; ein derartiges Volksfest ist mir beispielsweise von Neustadt bekannt und auch in Rostock wurde ein Fest dieser Art gefeiert.

Um so großartiger und volkstümlicher verspricht die am 26. August bevorstehende Körner-Feier zu Wöbbelin zu werden. Wiewohl dies Fest noch erst im Stadium der Vorbereitung ist, so hat es doch bereits seine Geschichte, und zwar ist dieselbe ebenso charakteristisch wie ergötzlich. Zuerst nämlich trat in Hamburg ein Komitee zusammen, das jedoch durch die wahrhaft marktschreierische Reklame, mit welcher es die Sache zu poussieren suchte, derselben mehr Schaden als Nutzen brachte. An der Spitze dieses Komitee stand der bekannte „Feier-Meyer“, und wem die Tätigkeit dieses Mannes nicht ganz unbekannt ist, der kann sich nun auch schon denken, welche überschwänglichen Phrasen bei dieser Gelegenheit losgelassen wurden und wie der patriotische Bombast dabei ins Kraut schoss. Die Misstimmung darüber war allgemein, sodass sie sogar den Urhebern des Projekts nicht verborgen bleiben konnte; dieselben beeilten sich, ihr Versehen wieder gut zu machen, indem sie nicht nur den angeschlagenen Ton einigermaßen herabstimmten, sondern sich auch mit andern besonneneren und namhafteren Persönlichkeiten in Verbindung setzten. Besonders seitdem in Ludwigslust ein zweites Komitee zusammengetreten ist, das die Exzesse des Hamburger überwacht und korrigiert, hat die Sache einen recht günstigen Aufschwung genommen; bereits haben zahlreiche hervorragende Persönlichkeiten ihre Anwesenheit zugesagt, auch verschiedene Vereine werden sich beteiligen, ja, wie die Zeitungen soeben melden, hat das Fest auch bereits einen fürstlichen Protektor gefunden, nämlich in der Person König Ludwigs von Bayern, der den Veranstaltern eine Beisteuer von 100 Thlrn. nebst einem jener allergnädigsten Handschreiben übersandt hat, in denen König Ludwig bekanntlich so einzig dasteht.

Damit es aber dieser Chronik unserer Feste und Versammlungen nicht an einem würdigen Abschluss fehle, erwähne ich hier endlich noch, dass demnächst auch unsere Schwarzröcke wieder einmal zusammenkommen werden, um miteinander zu singen und zu beten, zu verketzern und in Bann zu tun, mittelalterliche Satzungen zu erneuern, an die niemand mehr glaubt, zu erwägen, ob es besser sei und das Christentum mehr befestige, das Kreuz wird von links oder von rechts geschlagen, schließlich aber unter Gebet und Gesang in brüderlicher Gemeinschaft ein gottseliges Mahl mit möglichst guten Speisen und möglichst reichlichem Weine einzunehmen. Und damit die orthodoxen Schwarzmäntel sofort von den mehr oder minder rationalistischen Graumänteln unterschieden werden können, ist diese Pastoralkonferenz mit der Versammlung des Gustav-Adolf-Vereins in Lübeck zusammengelegt worden, eines Instituts, das wie überall so auch bei uns der Orthodoxie bekanntlich sehr verhasst ist und von ihr mit sehr scheelen Blicken betrachtet wird. Wehe alsdann dem Schafe, das als Bock erkannt wird; unser Großinquisitor Kliefoth wird den Sünder sofort mit dem Blitze seines jesuitisch-funkelnden Augenpaares packen, zerschmettern und zu Kohle verbrennen!
Herr O. Suermondt und Frhr. von Reitzenstein

Herr O. Suermondt und Frhr. von Reitzenstein

Graf G. Lehndorff auf „Godolphin“.

Graf G. Lehndorff auf „Godolphin“.