Aus dem Mecklenburgischen. Ende November 1863. – Eisenbahnen, nichts als Eisenbahnen

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 13. Jahrgang 1863. Juli-Dezember
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1863
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Eisenbahnen, Einsenbahnbau, Verkehrswege, Streckenplanung, Landesgeschichte
Dampf, nichts als Dampf, wohin man sieht, Projekte, nichts als Projekte, wohin man hört; die industrielle Luft unseres Zeitalters ist endlich auch dem biederen Mecklenburger, der sich so lange so sorgsam davor gehütet hatte, zu Kopfe gestiegen, und wie diejenigen, die ihre dummen Streiche am spätesten machen, sie auch gewöhnlich am ärgsten machen, so ist auch er auf einmal völlig wirbelig geworden. Während alle Welt über Kongress und Schleswig-Holstein debattiert, zieht der sonst so stillvergnügte Stammgenosse des Grafen Hahn die Brauen in die Höhe, bläht sich auf und lächelt mitleidig über den unpraktischen Schwärmer, die ihre Zeit mit dergleichen Torheiten verlieren — wir im gesegneten Lande Mecklenburg haben jetzt Wichtigeres zu tun, wir müssen Eisenbahnen bauen, Eisenbahnen hier, Eisenbahnen dort, Eisenbahnen nach Norden und Süden, Osten und Westen, nichts als Eisenbahnen!

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Freilich konnte man noch vor ganz kurzem sehr entgegengesetzte Aussprüche bei uns hören, es ist noch gar nicht lange her, da galt es unter unseren Salomonen als eine ausgemachte Sache, dass Eisenbahnen nur die Armut vermehrten und nur Not und Elend ins Land brächten, weshalb auch alle, die sich dafür interessierten, als Schwindler oder Aufrührer gebrandmarkt wurden. Jetzt hat der Wind sich auf einmal gedreht, jener Eisenbahnparoxysmus, den man im übrigen Deutschland längst hinter sich hat, ist bei uns spät, aber dafür um so gründlicher zum Ausbruch gekommen; alles verlangt jetzt nach Eisenbahnen, und wie die Kinder um den Weihnachtstisch, so drängen unsere Städte sich und lärmen und rufen: „Ich will auch eine Puppe, eine schöne Puppe, ich will auch eine Eisenbahn, eine schöne Eisenbahn haben!“

Eine dieser Städte, Parchim, dieselbe, die sich erst kürzlich durch das angebliche „Norddeutsche Schützenfest“ einen so eigentümlichen Ruf bereitete, hat es sogar nicht beim bloßen Drängen und Rufen gelassen, sondern sich kurzweg ein paar dauerhafte Engländer verschrieben, die ihr die ersehnte Eisenbahn bauen sollen; dieselbe wird Parchim mit Grabow und ferner mit dem großen europäischen Eisenbahnnetz verbinden. Natürlich werden die Engländer bei dieser Zweigbahn, die viel zu klein und unbedeutend ist, um einen irgend nennenswerten Gewinn abzuwerfen, nicht stehen bleiben; es ist nur ein erster, sogar etwas misslicher Schritt, aber desto besser wird ihnen die Beute munden, die sie mit den folgenden erjagen. Bereits wird von denselben Engländern das Terrain behufs einer Süd-Bahn untersucht, die sich schon besser bezahlt machen wird; sind dann erst Uelzen, Dömitz, Parchim-Güstrow, ferner Parchim - Plau - Malchow und Waren - Malchin verbunden, dann allerdings werden die Mecklenburger sich die Augen reiben und verwundert dreinschauen, wie der überseeische Spekulant ihnen die goldene Henne weggelockt und wie dieselbe nun ihm ihre kostbaren Eier legen muss. Wahrhaftig, wir hätten Geld genug im Lande, um aus eigenen Mitteln diese und noch ein Dutzend andere Bahnen zu bauen, der Übelstand ist nur, dass die Mehrzahl unserer Kapitalisten noch viel zu einsichtslos und ungebildet ist, um ihr Geld an wahrhaft gemeinnützige Unternehmungen zu wagen, und so kann man es dem Ausländer denn freilich nicht verdenken, wenn er, rasch zugreifend, uns das Brot vom Munde wegisst.

Inzwischen droht über ein anderes Project zwischen den Städten Rostock, Wismar und Schwerin zum wenigsten ein Trojanischer Krieg auszubrechen. Schon längst wurde eine Bahn von Lübeck nach Kleinen projektiert, die hochweise See- und Hafenstadt Wismar jedoch verweigerte ihre Zustimmung, die Eisenbahn hätte ja am Ende wohl gar ihren selig entschlummerten Handel wieder ins Leben rufen können. Jetzt nun, da von Hamburg nach Lübeck gebaut wird, tritt das Project neuerdings in den Vordergrund. Lübeck will dem Lande Mecklenburg eine Bahn bauen, es ist nichts dazu nötig als die Zustimmung des Landtags, dann kann der Bau auf Lübecks Kosten sofort beginnen. In Rostock ist man natürlich ganz einverstanden damit, aber nicht so in Wismar; wollte dieses früher überhaupt von gar keiner Bahn wissen, so verlangt es jetzt auf einmal, die Bahn soll geradezu auf Wismar gehen. Dagegen wieder protestieren die Schweriner, die ihrerseits direkt, sei es auf Lübeck, sei es auf Hamburg bauen wollen. Wie der Streit enden wird, weiß der Himmel; einstweilen soll Schwerin sogar seinen Bevollmächtigten beauftragt haben, die ganze Lübeck-Kleinen Bahn auf dem Landtage zu hintertreiben, und so werden wir denn wohl noch verschiedentliche heitere Blamagen erleben, bevor Licht in dies Chaos kommt.

Ein anderes Bahnprojekt scheint nach den Landtagsvorlagen seiner Verwirklichung ebenfalls nur langsam entgegenzugehen, nämlich die Bahn von Stralsund nach Rostock. Wie man sagt, will Preußen dieselbe bauen; wenn es jedoch mit dieser Absicht ebenso beschaffen ist wie mit der angeblichen Bahn von Neubrandenburg nach Pasewalk, dann können wir damit nur getrost bis auf den Nimmermehrstag warten. Zwar ist unser Premierminister Hr. von Oertzen in höchsteigener Person erst vor kurzem ausdrücklich dieser Angelegenheit halber in Berlin gewesen; ob er aber wirklich in den sauren Apfel gebissen und in die Aufhebung des Berlin-Hamburger Transitzolles gewilligt — das nämlich ist die Bedingung, an die Preußen seine Zustimmung knüpft —, oder ob und was er überhaupt ausgerichtet hat, darüber verlautet noch immer nichts. Unter den Sachverständigen freilich existiert nicht der mindeste Zweifel, dass das Opfer des Transitzolles gebracht werden muss: aber was kehrt ein Minister, noch dazu ein mecklenburgischer Minister sich an das Urteil der Sachverständigen? Im Lande der Erbweisheit ist auch den Ministern alle Weisheit der Welt angeboren und wer es anders meint, nun versteht sich, der ist ein Rebell, ein Demokrat, ein Nationalvereinler....

Zuletzt will denn auch das kleine harmlose Strelitz nicht zurückbleiben, es will sich ebenfalls mit ein paar Schienengleisen an die übrige Welt festketten. Weiß es aber wohl auch, was es damit tut? Auch über Strelitz, dieses Mecklenburg in der äußersten Potenz, wird die Eisenbahn eine Morgenhelle heraufführen, die den Nachteulen, die sich dort eingenistet haben, sehr lästig fallen und der über kurz oder lang der volle, ganze Tag unvermeidlich folgen wird; dann gute Nacht, Strelitzer-Patriarchentum! Allein Eisenbahnen liegen nun einmal bei uns sozusagen in der Luft und so ist denn auch die sonst so besonnene Strelitzer-Regierung leichtsinnig genug, ein so gefährliches Unternehmen wie den Bau einer Eisenbahn von Stralsund über Demmin, Neubrandenburg, Strelitz nach Berlin, diesem Sitz der gefährlichsten Demokratie, die nun von dort aus auch das unglückliche Strelitz unrettbar überschwemmen wird, zu begünstigen und zu diesem Zweck sogar beim Landtage ein so revolutionäres Ding wie ein Expropriationsgesetz in Vorschlag zu bringen. Nun in der Tat, wenn solche Stützen wanken, wo ist dann noch Heil für die bedrohte Legitimität? Und wo sollen die Herren Leo und Wagener dereinst noch ihre Zuflucht finden, wenn sogar über Mecklenburg-Strelitz die Sonne der Bildung und des Fortschritts aufgeht, wäre es auch vorläufig nur in der Gestalt eines Eisenbahnwagens?!

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Schwerin - Altes Schloss.

Schwerin - Altes Schloss.

Achwerin - Altstadt 1740.

Achwerin - Altstadt 1740.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Neu-Strelitz.

Neu-Strelitz.

Neu-Strelitz - Residenzschloß.

Neu-Strelitz - Residenzschloß.

Parchim.

Parchim.

Plau.

Plau.