Aus Mecklenburg. Theater ums Theater. 1855

Autor: Redaktion: Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler, Erscheinungsjahr: 1855
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Schwerin, Rostock, Doberan, Kunst und Kultur, Theatergeschichte
Aus: Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler. Herausgegeben von Professor Ludwig Bischoff. – Verlag der M DuMont-Schauberg’schen Buchhandlung. Dritter Jahrgang. Köln, 1855.

Den Zeitpunkt verschiedener Veränderungen in unserem sonst sehr stabilen Lande wähle ich, um Ihnen versprochener Maßen über hiesige Musik einige Mitteilungen zu machen. Im Ganzen sieht es hier freilich eben so aus, als anderswo, doch gestatten die engen Verhältnisse Manches eigentümlich, und das eben ist „der Humor davon“.

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Sieht man von dem so genannten Hoftheater des Großherzogs zu Mecklenburg-Strelitz ab — und wie die Sachen jetzt stehen, darf man solches unbedenklich tun —, so besitzt Mecklenburg nur zwei Theater, ein Stadttheater in Rostock und ein Hoftheater mit „Hof-Intendanten“, „Hof-Schauspielern“, „Hof-Opernsängern“ und „Hof-Opernsängerinnen“ in Schwerin.

Das Rostocker Theater ist in letzterer Zeit, wie eine rechtschaffene Jungfer, fast alle Jahre einmal zu Fall gekommen.
Tritt dieses Schicksal ein, so stäubt die ganze Bande auseinander, und man muss denken, nun werde die Kunst hier langen Winterschlaf halten.
Aber weit gefehlt! Schon ist ein neuer „Direktor“ oder, wie das ehrlichere siebzehnte Jahrhundert sagte, „Komödiantenmeister“ unterwegs, um die Hinterlassenschaften der Verschiedenen zu erhandeln, der Stadt das Gebäude abzudingen und so den Anfang des Endes aufs Neue zu beginnen.
Wenn's hoch kommt, pflegen die Väter „der Stadt“ dem Meister wohl den Mietzins zu erlassen, doch mit der Nebenbedingung, er möge hinfort Kostüme und Dekorationen etwas mehr bedenken; weiter tut die Stadt hier nichts, und hat nie etwas getan, als raisonnieren, sobald es schlecht ging. Dabei wird immer fort gespielt „in gut und bösem Wetter“. Nach dem Sprichwort wird alle Trübsal durch die Zeit geboren und durch die Zeit wieder vernichtet. Beim Theater, kann man sagen, ist der Leichtsinn die Mutter und der Leichtsinn der Arzt aller Übel. Dieser ewige Leichtsinn! Man hat sich bei Theater-Bauten um passende General-Inschriften vielfach den Kopf zerbrochen und immer so etwas von dem griechischen Sich-Selbst-Erkennen, oder dem Shakespear'schen Welt-Darstellen u. dgl. einfließen lassen. Sollte ich einmal um meine Meinung befragt werden, so würde ich vorschlagen, in güldenen Buchstaben nicht mehr und nicht weniger hinzumalen, als das Verslein: „Ich hab’ mein’ Sach’ auf Nichts gestellt, Juchhe’.“ — Ob die Opern in Deutschland irgendwo mehr abgeschrieen werden, als in Hamburg im Großen und in Rostock im Kleinen, ist die Frage; ich glaube nicht. Hier schreit man, dass die Heide wackelt, ein Kraut, welches bekanntlich sehr fest sitzt. Die Mundstellung der Singenden pflegt 45 Grad über dem Horizont zu sein; genaue Beobachtungen ergeben, dass sich ein heulender Hund so ziemlich in derselben Situation befindet.

Der Intendant des Schweriner Hoftheaters, Geh. Hofrat Zöllner, ist im verflossenen Sommer gestorben. Man sagt, er habe den Schlag bekommen, oder noch deutlicher: er habe sich aus der menschlichen Gesellschaft abgedrückt, nachdem er Fortuna im Spiel zu sehr auf die Probe gestellt. Die Leitung des Theaters ist beinahe zwanzig Jahre hindurch seinen Händen anvertraut gewesen. Er war ziemlich arbeitsam; aber weil er Vieles, was einer der untergeordneten Beamten nicht allein hätte tun können, sondern auch tun müssen, selbst besorgte, so griff er Anderen ins Recht und stiftete dadurch bei all seinem Schreiben und Anordnen keinen erheblichen Nutzen. Der Regisseur war eine Null unter ihm und durfte sich nur so weit mausig machen, als es demselben gelang, den Herrn Geh. Hofrat für sich zu gewinnen. Es war solches in den letzten Jahren zwar der Fall, doch ist nichts desto weniger die Regie oft in höchst traurigem Zustande gewesen. Noch schlimmer stand sich der Musik-Direktor (einen „Kapellmeister“ werden Sie in ganz Mecklenburg vergebens suchen, es möchte denn ein nomineller sein). Dieser hatte nicht einmal die allernotdürftigsten Befugnisse, er durfte nicht das Geringste unternehmen. Sollte irgend eine neue Oper aufgeführt werden, so erfuhr er solches offiziell erst, wenn ihm die Partitur ins Haus geschickt wurde; von Beratung mit ihm über dieses und jenes Produkt war nicht die Rede. Wollte Jemand von den nur sehr spärlichen Proben dispersiert sein, so wandte er sich an den Geh. Hofrat; sagte dann der arme Direktor: „Es ist für Sie und für das Ganze nötig, dass Sie anwesend sind!“ bekam er einfach zur Antwort: „Der Herr Geh. Hofrat haben's mir erlaubt“; und ein gewisser St. bekräftigte wohl noch: „Ja, der Herr Geh. Hofrath haben's erlaubt!“ Es kam auch genug vor, dass der Musik-Direktor sich mit seinen Musikanten versammelt hatte, aber noch nicht beginnen konnte, weil keine Noten da waren. „Herr Musik-Direktor, was soll denn heute gemacht werden?“ fragte Dieser und Jener. „Ja,“ antwortete er achselzuckend, „ich weiß nicht.“ In diesem Zustande verharrte die Compagnie, bis ein gewisser St. mit der Partitur sichtbar wurde, unter großem Bückling sagend: „Der Herr Geh. Hofrat haben (z. B. Wagners fliegenden Holländer) zur Probe bestimm!“ Auswärtigen Lesern mag solches unglaublich scheinen, aber seinen eigenen Ohren pflegt man zu trauen, und jedes Orchester-Mitglied kann es bezeugen. Musik-Direktor war in den letzten zehn Jahren und ist noch jetzt Herr Mühlenbruch, Sohn eines mecklenburgischen Gutsbesitzers, schon in den Fünfzigern. Ein sanftmütiger, gelinder Mann, der von seinen Musikern vielfach gelobt wird, zum Teil aber nur deshalb, weil es ihm nicht schwer fällt, zu sagen: „Zweimal zwei ist fünf oder sechs.“ Allerdings, wie soll man es unter so bewandten Umständen anders machen? Ist z. B. nur Ein Horn oder nur Eine Posaune anwesend, was hilft es, geltend zu machen, dass die Partitur drei oder vier verlangt? Darf man nicht auf die Antwort gefasst sein, den Meisten wäre es ganz gleich? und ist es alsdann nicht besser, gleich zu sagen: „Nun, ist nur Eine Stimme da, so lassen wir die anderen aus“? — Ich bemerke dagegen nur, dass jede Nachgiebigkeit ihre Grenzen hat, und dass auch Herr Mühlenbruch nicht so nachgiebig sein würde, wenn er sich kräftiger und in seinen Kunst-Ansichten sicherer fühlte, als es der Fall ist. Nicht zu den Wüsten gehört er, aber zu den Schwebenden. Das beständige Lavieren schafft keine Autorität; Herr Mühlenbruch hat solches genug erfahren müssen, am empfindlichsten wohl in den letzten Jahren und besonders während des Interregnums, d. h. nach dem Ableben des Intendanten. Denn die interimistische Leitung des Instituts wurde nicht etwa dem Regisseur, auch nicht dem Musik-Direktor, oder Beiden vereint übertragen, sondern einem Herrn. Namens Stocks, der Chor-Direktor am Theater ist und außerdem auch noch „Rendant“, d. h. Dies und Das. Freilich zeigte sich bald, dass dies ein Missgriff war; die Konfusion soll den Sommer über, wo das Theater in dem Badeorte Doberan und in der Seestadt Wismar fungiert, arg gewesen sein. Herr Stocks dürfte von der Musik nicht viel mehr los haben, als der gewesene Intendant. Trotzdem war gerade er es, der die Gunst dieses Geh. Hofrates sich zuwege zu bringen wusste durch stete Fügsamkeit, Meinungslosigkeit und Ehrerbietung bei gebogenem Rücken, freilich auch den inneren Widerwillen fast des gesamten übrigen Personals. Sobald einmal bessere Zeiten kommen, wird sein Licht schnell erlöschen; denn künstlerische Fähigkeiten besitzt er in keiner Weise. Nichts ist drolliger, als wenn Herr Stocks einmal bei Abwesenheit des Musik-Direktors eine Opern-Aufführung leiten muss; er tut es denn auch höchst ungern, weil er wohl fühlt, dass jeder tacktsichere Orchestermann über sein Tacktlächeln ein inneres Behagen empfindet. Aber wie er in ersterbender Devotion es Allen zuvor zu tun pflegt, so auch in der feinen Herausspürung dessen, was in der Luft liegt und „oben“ gefallen möchte. Er war es hiesigen Ortes, der sich mit dem blödesten Fanatismus an Wagner hängte, durch endlose Proben und zahlreiche Aufführungen dessen drei Opern in drei auf einander folgenden Jahren hier zum Vorschein brachte und daran für diese ganze Zeit die Mittel abnutzte und die übrige Musik ruinierte. Man hat zwar oft gesagt, die Theater erwürben sich durch möglichst schnelle Vorführung neuer Werke ein Verdienst, und ich will es in dieser Allgemeinheit auch wahr sein lassen, obwohl ich dasjenige Theater glücklich preise, dessen Leiter Alles zu prüfen und das wirklich Gute heraus zu finden wissen. Wenn aber die Sache so betrieben wird, wie hier geschehen, so entschwindet jedes Verdienst, und man muss sich entschieden dagegen auflehnen. Vom Verfolgen edler Zwecke ist da keine Rede mehr, man hat sich als Partei konstituiert und will gewisse Dinge „durchsetzen“. Ob die Mittel ausreichen zur Vorführung, ob das Publikum musikalisch reif zu solchen Experimenten ist, ob man das Institut selbst dabei zu Grunde richtet, darauf wird keine Rücksicht genommen. Viele unzweifelhaft gute Opern sind hier noch gar nicht zur Aufführung gekommen, andere bald wieder verschwunden. Bei dem immerwährenden Wechsel der Mitglieder für die ersten Gesang-Partien muss fast alljährlich das Repertoire gleichsam neugeschaffen und jedes erhebliche Stück „neu einstudiert“ werden. Der Leichtsinn, mit welchem solches geschieht, übersteigt alle Grenzen. Da soll z. B. nach mehrjähriger Pause der Fidelio einmal wieder gegeben werden. Die Sängerin der Leonore kann die Partie nicht, hat sie noch nie gesungen, auch nie singen hören, und erklärt nach der zweiten Probe, mit der es abgetan sein soll, sie müsse wenigstens noch um eine gründliche Probe bitten. Herr Stocks wird allerseits ersucht, für den folgenden Tag noch eine solche zu veranlassen. Er verspricht es auch. Als nun aber das Personal den anderen Tag zusammenkommt, hat man auf Befehl des Geh. Hofrates Wagners rasenden Holländer vorzunehmen! Hätte nicht der Sänger des Florestan rein aus Begeisterung für das Werk mit der „Leonore“ das Ganze im Privathause beim Klavier durchgenommen, so würde die Aufführung gänzlich misslungen sein. Die Chöre in Fidelio waren traurig, wenn man die Ausführung mit der herrlichen Komposition vergleicht. Überhaupt sind die Chöre aller Opern in den letzten Jahren schlecht einstudiert gewesen, die Wagner’schen ausgenommen. Herr Stocks erfreut sich ungebildeter Ohren — bei der Zukunfts-Musik allerdings eine Wohltat und eines der Haupt-Erfordernisse, wenn man dieselbe schön finden soll. Daher wird ihm auch etwas schlimm zu Mute, wenn er „reine“ Musik hören muss. Es ist Tatsache, dass er Mozarts Opern mit Widerstreben anhört und mitten im Stücke das Theater verlässt, sobald sein „Dienst“ zu Ende ist. Dieser Herr ist — oder darf ich sagen: war? — der Hahn im Korbe unter denen, die sich in den Leipziger Blättern herausstreichen ließen als Propagandisten für die musikalische Reform in Mecklenburg.

Vorläufig hat das Theater zu Schwerin in Herrn Steiner (früher in Dessau) einen so genannten artistischen Direktor erhalten. Wir sehen darin einen erfreulichen Schritt zum Besseren; denn nun liegt die Leitung doch wieder in den Händen eines Fach- und Sachkenners. Der künftige Intendant, wer es auch sein wird, dürfte nicht viel mehr als eine Mittelsperson zwischen dem „Hofe“ und dem Theater vorstellen. Hoffen wollen wir denn auch, dass die Regie nunmehr einheitlich und lebendig gehandhabt werde. Das Schauspiel zeigte zwar nicht die Zerrissenheit der Oper; wie sehr aber besonders das höhere Drama im Argen liegt, hat man unter Anderem an Aufführungen wie Faust, Minna von Barnhelm, Romeo und Julie u. s. w. wahrnehmen können. In der Schlussszene von Shakespeares Romeo und Julie ist es vorgekommen, dass der ankommende Fürst den sich schuldig fühlenden Mönch mit den Worten (dem Rezitativ!) aus Webers Freischutz anredete: „Bist du es, heil'ger Mann? Gesegneter des Herrn!“ u. s. w.

Im verflossenen Jahre, weil Wagner keine Oper mehr vorrätig hatte, suchte man einige andere Sachen hervor. So den Wasserträger, der auch ziemlich gelang. Noch mehr Erfolg hatte der Sommernachtstraum mit Mendelssohns Musik. Das Stück ist über Erwarten wiederholt hier gegeben und gern gesehen. Viel trug eine sinnige Dekoration dazu bei; doch nach Vieler Meinung auch die Musik, obwohl diese nach meinem Dafürhalten hier mäßig exekutiert wurde und überhaupt die Shakespeare’sche Dichtung trübt. Aber das stört Wenige; man ist an Mischwerke gewohnt und will Mischwerke haben; von Formreinheit, von den besonderen Gesetzen jeder Kunst, von „reinen“ Kunstwerken muss man dem heutigen Geschlechte nichts sagen. Auch in so fern will ich die Aufführung dieses Sommernachtstraumes noch hervorheben, als bei dieser Gelegenheit die Lokalpresse wieder Mut gewann, unverhohlen zu bekennen, das wäre doch andere Musik, als die Wagners. Niemand wagte darauf, diesen Unsterblichen in Schutz zu nehmen. Schon daraus können Sie auf die Intelligenz seiner hiesigen Freunde einen Schluss machen; denn einige Gründe der Gegner Wagners (Dilettanten, wie die anderen auch) waren leicht zu werfen. Es scheint eine gewisse Periode hier ihrem Ende nahe zu sein, obwohl ich für nichts einstehen will.

Über weitere Persönlichkeiten, über hiesige Sänger und Sängerinnen kann ich mich kurz fassen. Der oben genannte ehrenwerte Sänger des Florestan heißt Herr Kühn; er ist vor Kurzem nach Dessau an das dortige Theater gegangen. Bassist Hintze wirkt hier schon viele Jahre mit Eifer und ohne Eifer; denn Verhältnisse, wie sie hier bestehen, stumpfen ab. Beide jetzige Tenoristen sind Anfänger. Von den Sängerinnen, Mad. Oswald und Fräul. Meierhöffer, ist die erste nach guter Vorbereitung großen Partien gewachsen, die zweite kommt über eine gewisse Mittelmäßigkeit nicht hinaus.
Schwerin (Meckl.), Schlossbrücke, Hoftheater und Museum 1917

Schwerin (Meckl.), Schlossbrücke, Hoftheater und Museum 1917

Schwerin (Meckl.), Großherzogl. Schloss 1918

Schwerin (Meckl.), Großherzogl. Schloss 1918

Schwerin (Meckl.), Großherzogl. Schloss vom Marstallgarten

Schwerin (Meckl.), Großherzogl. Schloss vom Marstallgarten

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Hansestadt Rostock - Stadtansicht

Rostock vor dem Steintor

Rostock vor dem Steintor

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock - Kröpeliner Tor

Rostock, Stadttheater 1895

Rostock, Stadttheater 1895