Aus Mecklenburg. Juli 1858. Schwerin. Beschreibung der Stadt und des Umlandes

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 8ter Jahrgang 1858. Juli-Dezember
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Schwerin, Stadtbeschreibung, Stadtgeschichte
In meinen letzten Berichten habe ich mich so ausschließlich mit unseren politischen und kirchlichen Wirren beschäftigt, dass es Ihren Lesern hoffentlich eine willkommene Abwechslung sein wird, wenn ich diesen stachligen Gegenstand zur Zeit ganz unberührt lasse und sie statt dessen zu einer kleinen Lustfahrt durch unser Ländchen auffordere. Der Sommer lockt ins Freie, der Himmel ist blau, die Lüfte sind warm und mild — wohlan, lassen Sie uns zunächst einen Abstecher nach Schwerin machen, einer Stadt, die im übrigen Deutschland weit weniger gekannt ist, als sie ihrer landschaftlichen Umgebung halber verdient.

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Schwerin trägt seinen Namen von einem wendischen Worte, das „Tiergarten“ bedeutet; also das persische Paradeisos. Und in den Augen der Eingeborenen ist Schwerin in der Tat nicht weniger als Paradies; selbst Venedig und Neapel, wähnen sie, müssen vor ihrer Vaterstadt in Schatten treten. Das ist nun freilich eine Übertreibung, ganz in Mecklenburger Stil — ich meine etwas kolossal. So viel aber ist bei alledem richtig, dass Schwerin zu denjenigen Städten des nordwestlichen Deutschland gehört, die von der Natur am freigebigsten bedacht sind, ja in mancher Hinsicht möchte ihm vielleicht sogar der erste Rang gebühren. Lernen wir die vielgepriesene Umgebung der Stadt denn etwas näher kennen.

An dem stattlichen Schloss vorbei führt eine Brücke in den Park, hier Schlossgarten genannt. Zwischen dem „Großen See“, dem „Faulen See“ und einem Kranze leicht gewölbter Hügel dehnt sich eine weite Fläche aus, dicht mit Bäumen besetzt, deren Schatten dem Lustwandelnden zu jeder Stunde offen steht; kein Gitter, keine Schildwache hemmt den Eingang, nicht einmal das sonst unvermeidliche schwarze Brett, das dem Frevler an der Natur zwischen einer Geldbuße oder einer angemessenen Gefängnisstrafe die Wahl lässt, macht sich bemerklich. Durch eine kurze Reihe von Kastanienbäumen gelangen wir zu einer dichten Gruppe alter prächtiger Bäume. Das ist einer der größten Reize dieses Parks, diese ausgesuchte Schönheit der Bäume. Mecklenburg ist überhaupt das Land der Bäume; wer sein Auge gern an dem stolzen Wuchs, den breiten grünen Schatten altehrwürdiger Waldesriesen erfreut, der komme zu uns, seine Liebhaberei wird hier überall reiche Befriedigung finden. Aber die reichste doch im Schweriner Schlossgarten; hier sind die Bäume alle gleich schlank und edel gewachsen und auch in Anordnung und Zusammenstellung der einzelnen Baumgruppen gibt sich ein künstlerischer Geist zu erkennen.

Aber schließen wir uns den zahlreichen Spaziergängern an, die sich in den schattigen Gängen hin- und herbewegen. Einzelne von ihnen lassen sich im „Pavillon“ nieder, um mit Hilfe von Kaffee oder Eis sich zu erfrischen, während andere, darunter namentlich der jugendliche Teil der Spaziergänger, ihre Schritte zum Bärenzwinger lenken. Zur Ergötzung der Jugend nämlich werden im Park zwei Bären gehalten, natürlich in gutem Verwahrsam; doch steht ihnen aus ihrem Käfig der Eingang in einen mächtigen Turm frei, in dessen Mitte ein kahler Baumstumpf mit den Trümmern seiner Äste sich erhebt. Hier versammelt die junge Welt der Knaben und Mädchen sich täglich in dichten Scharen und ist nicht eher befriedigt, als bis die Familie Petz, durch allerlei Leckerbissen gelockt, herauszutreten geruht und in schwerfälliger Geschicklichkeit den Baum erklimmt.

Links vom „Pavillon“ weitergehend, gelangen wir an den Garten der Großherzogin-Mutter. Auch er ist dem Spaziergänger jederzeit zugänglich; nur hat man ein Gitter zu öffnen, auch wird Tabakrauch und der Besuch von Hunden verbeten. Hier ist die verschönernde Hand der Kunst schon sichtbarer; prächtige Rasenplätze, auf deren samtenem Grün das Auge sich mit Behagen ausruht, wechseln mit duftigen Blumenboskets und seltenen Ziersträuchern, zwischen denen ausländische Bäume ihr fremdartiges Laub ausbreiten.

Haben wir den Garten im Rücken, so führt der Weg links zum „Kalkwerder“ hinab, rechts zum „Faulen See“. Der „Kalkwerder“ steigt allmählich zum „Schweriner See“ hinab; er besteht großenteils aus freundlichem Wiesengrund, der durch herrliche Eichengruppen in angenehmster Weise unterbrochen wird. Der „Faule See“ ist dunkel umsäumt; Fichten und Tannen spiegeln sich in seinen durchsichtigen Fluten. Zwischen beiden führt die Chaussee an den „Schweriner See“, der hier zur Unterscheidung der „Große See“ genannt wird, also gewissermaßen der Lago maggiore dieses nordischen Paradieses. Der See ist drei Meilen lang und wo er sich am meisten ausdehnt, 3/4 Meilen breit. Wie die Bayern den Chiemsee das Bayrische Meer nennen, so könnten wir ihn das mecklenburgische Meer heißen. Diesem See vor allem verdankt Schwerin die Reize seiner Umgebung; mit den zierlichen Kontouren seiner Ufer, seinen zahlreichen Vorsprüngen und Buchten, seinen freundlichen Inseln, von denen der „Kaninchenwerder“, sozusagen die Isola bella des „Schweriner See“, am meisten besucht wird, gibt er der ganzen Gegend ein höchst anmutiges und liebliches Gepräge. Der Weg am See führt zunächst nach dem benachbarten Zippendorf unter Hügeln, die mit Rottannen besetzt und von parkartigen Anlagen eingefasst sind. Von Zippendorf führt der Weg am See im Schatten hochbejahrter Eichen und Buchen über die Fähre, wo die schwachfließende Stör in den See mündet, zum Wald und Part von Rabensteinfeld, dem Sommeraufenthalt des Hofes. Hier ist ein vorzüglich günstiger Punkt, das liebliche Landschaftsgemälde mit einem Blick in sich aufzunehmen. Gewöhnlich wird den Fremden ein Besuch in Zippendorf empfohlen; ich würde raten, den etwas längeren Weg nach Rabensteinfeld — eine Droschke legt ihn in einer Stunde zurück — nicht zu scheuen und gewiss wird man sich belohnt finden. Hier von der Höhe des Hügelkranzes bietet sich die dankenswerteste Übersicht; ringsum das köstlichste Laubholz, in der Tiefe die grünliche Flut des Sees mit den lachenden Inseln, gegenüber die Stadt, aus der sich der majestätische Bau des Schlosses erhebt, wie eine Meeresburg aus „Tausendundeine Nacht“, während auf der andern Seite die frischesten Wiesengründe, eingerahmt von dunkelgrünen Wäldern, sich ausbreiten. Bei der Rückfahrt steht uns die Wahl frei, ob wir auf demselben Wege nach Schwerin heimkehren oder ob wir uns eines Kahns bedienen wollen. Auch dieser Wasserweg hat große Reize; namentlich bietet das Schloss, wie es allmählich aus den Wellen emporsteigt, eine Reihenfolge anmutiger, zum Teil großartiger Bilder.

Doch von diesem Prachtbau, der dreist zu den schönsten und interessantesten Fürstensitzen gezählt werden kann, welche Deutschland aufzuweisen hat, erzähle ich Ihnen wohl ein anderes mal; für heute nur noch einige allgemeine Bemerkungen über Schwerin und das Schweriner gesellige Leben. Es gibt wenige Städte in Deutschland, die sich so rasch vergrößert und sich dabei auch äußerlich so von Grund aus verändert haben, wie es mit Schwerin der Fall ist. Noch vor 20 Jahren zählte Schwerin kaum 13.000 Einwohner; jetzt ist die Zahl derselben auf 22.000 gestiegen. Und welche Umwälzung in allem, was die Eleganz und den Komfort des Lebens betrifft!

An die Friedrichsstraße, jetzt die belebteste Straße der Stadt, lagen noch vor 20 Jahren Gärten und Sümpfe; in warmen Sommernächten hörte man hier die Frösche musizieren. An Gas war natürlich nicht zu denken, aber auch die Laternenbeleuchtung war von sehr zweifelhafter Beschaffenheit. Wo sich jetzt das weitläufige Postgebäude ausdehnt, floss damals ein träger Graben, dessen widerliche Ausdünstung im Sommer die Luft verpestete. Das Straßenpflaster war abscheulich und auch die Chausseen — von Eisenbahnen wusste man damals natürlich ebenfalls nichts — machten das Reisen dazumal zu einem sehr zweifelhaften Vergnügen. Die Häuser selbst sahen gewöhnlichen Dorfwohnungen ziemlich ähnlich; außer dem Dom gab es in der ganzen Stadt nicht ein bemerkenswertes Gebäude. Jetzt dagegen hat Schwerin ein ganz großstädtisches Ansehen, wenigstens in den Hauptstraßen. Ganz neu ist die Paulsstadt am Pfaffenteich, einer Abzweigung des großen Sees und durch einen Damm von diesem getrennt; stattliche drei- bis vierstöckige Häuser, an der Spitze das Arsenal, groß genug, sollte man meinen, für das Kriegsmaterial des ganzen Deutschen Bundes, sämtlich mit einem oder mehreren Balkons versehen, ziehen sich an diesem Bassin entlang, das mit seiner Einfassung von frischgrünenden Linden neben der Straße an das berühmte Alsterbassin in Hamburg erinnert. Dieser Stadtteil entstand auf Wunsch und Befehl des verstorbenen Großherzogs Paul Friedrich, dem Schwerin überhaupt sehr viel verdankt. Eine neue Verschönerung steht der Stadt in der Nähe des Schlosses bevor. Demselben gegenüber liegen neben höheren Gebäuden allerhand niedrige Hütten und Schutthaufen, allerdings lein fürstliches vis-à-vis. Dies Gerümpel soll jetzt abgebrochen und an seiner Stelle ein großartiges Museum für die Bildergalerie, die Antiquitätensammlung etc. errichtet werden. Der Raum zwischen dem Museum und dem kolossalen Marstall soll durch stattliche Privatgebäude ausgefüllt werden; die bisherigen Eigentümer sind genötigt, neu zu bauen oder zu räumen.

Vom Schweriner Theater, dem Kunstverein und ähnlichen Genüssen erzähle ich Ihnen vielleicht im Winter, wo man für solche Dinge ja mehr Interesse zu haben pflegt. Für den Augenblick genügt dem Kunstbedürfnis des Publikums ein Sommertheater, das gerade so gut oder so schlecht ist, wie diese angeblichen Kunstinstitute, die aber in Wahrheit nur der gedankenlosesten Zerstreuungssucht dienen, zu sein pflegen. Die Spaziergänger begnügen sich für gewöhnlich mit dem Schlossgarten, der häufig auch von Hamburg große Menschenmassen herbeizieht. Da genießt man frische Luft, erträglichen Kaffee und vorzügliche Militärmusik; auch hat man auf dem beschränkten Raum des Pavillons ausreichende Gelegenheit zu bewundern und sich bewundern zu lassen. Dasselbe Vergnügen wird einem auch auf der andern Seite des Sees geboten, auf dem „Schelfwerder“, wo man auf hügeligem Sitz, von herrlichen Bäumen umgeben, einen köstlichen Blick auf den See hat. Weiter gehen die guten Schweriner nicht.

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Petermännchen, Schweriner Schloss-Fassade

Petermännchen, Schweriner Schloss-Fassade

Schwerin - Am Pfaffenteich

Schwerin - Am Pfaffenteich

Schwerin - Stadtansicht - Schloss - Hoftheater

Schwerin - Stadtansicht - Schloss - Hoftheater

Schwerin - Totalansicht

Schwerin - Totalansicht

Schweriner Schloss

Schweriner Schloss

Schweriner See im Winter, Sonnenuntergang

Schweriner See im Winter, Sonnenuntergang