Aus Mecklenburg. Ende Dezember 1859. Cholera-Epidemie, Schillerfeier, Landtag, Theater

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 10ter Jahrgang 1860. Januar-Juni.
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Schwerin, Rostock, Cholera-Epidemie, Schillerfest, Theater, Landtag, Landesgeschichte
Weshalb ich so lange nichts von mir hören lassen? Je nun, im Sommer legte der italienische Krieg uns Stillschweigen auf, der alle andern Interessen verschlang, geschweige denn so kleine und geringfügige, wie die Interessen unsers entlegenen Ländchens für die übrige Welt sind; im Herbst aber hinderte mich dann die tückische Krankheit, durch die unser Land verheert und alle Aufmerksamkeit und Teilnahme auf die nächste Umgebung beschränkt ward.

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Dass die Cholera bei uns so völlig unvorbereitete Orte und Menschen traf, ist den hiesigen Behörden zwar vielfach zum Vorwurf gemacht worden, in der Tat jedoch liegt dies gänzlich überraschende Auftreten, in der Art dieser Krankheit, es gehört gleichsam zu ihrem Charakter, sie liebt die Überrumpelungen, und so würde, ich bin es fest überzeugt, auch jeder andere deutsche Bundesstaat, ja jedes Land der Erde unter ähnlichen Umständen dem ersten unvermuteten Angriffe der Seuche ebenso offen und wehrlos gegenübergestanden haben, wie es bei uns in Mecklenburg der Fall war. Statt also unbegründete Anklagen gegen uns zu richten, hätte man lieber die vielen Beweise männlicher Tatkraft, heldenhaften Mutes und aufopfernder Hingebung erzählen und verbreiten sollen, die bei uns in dieser düsteren Zeit gegeben wurden und in denen die edlere Seite der menschlichen Natur in das glänzendste Licht trat. In einigen kleineren Städten unsers Landes hat die Krankheit mit einer Heftigkeit und Schnelligkeit gewütet, die fast beispiellos ist, nirgends jedoch brach, wie es wohl anderwärts in ähnlichen Lagen geschehen ist, die entfesselte Leidenschaft der Massen in brutalen Exzessen hervor, nirgends auch zeigte sich verlegene Hilflosigkeit, außer in den Augenblicken der ersten jähen Bestürzung; sowie diese überwunden war, trafen, von nah und fern Ärzte, Lebensmittel, Wäsche und Kleidungsstücke und späterhin auch Geld ein, in solcher Fülle, dass der Wohltätigkeitssinn und die praktische Natur der Mecklenburger sich dadurch wieder einmal ein ehrendes Zeugnis ausgestellt hat.

Minder glänzend zeigte die Intelligenz und die ästhetische Bildung unseres Ländchens sich bei Gelegenheit unserer Schillerfeier. Namentlich in Schwerin, unserer Hauptstadt, die also billigerweise auch das Zentrum unserer Bildung repräsentieren sollte, war die Schillerfeier außerordentlich unbedeutend; sie beschränkte sich auf die unvermeidliche Festvorstellung im Theater, sonst aber rührte sich in der ganzen Stadt weder Hand noch Fuß. Und doch würde man irren, wollte man diese anscheinende Kälte und Gleichgültigkeit einem wirklichen Mangel an Teilnahme für den erlauchten Namen zuschreiben, dem die Feier galt. Nicht die Teilnahme selbst mangelte, wohl aber die Anregung dieselbe zu äußern; man horchte und horchte und forschte und fragte: wie denkt man bei Hofe über die Schillerfeier? und was wird die Geistlichkeit und der Oberkirchenrat dazu sagen? Vom Hofe, der nicht in Schwerin, sondern in Ludwigslust sein Lager hielt, verlautete nichts und dies Schweigen wurde ungünstig gedeutet; dass aber unsere Geistlichkeit einer öffentlichen Feier nicht geneigt sei, das konnte man ohne weiteres voraussetzen und wem ja noch ein Zweifel geblieben wäre, der wurde durch das Factum belehrt, dass einer unserer Prediger von öffentlicher Kanzel herab von bevorstehendem Menschenkultus und Götzendienst redete. So unterblieb denn in der Stadt der Hofdiener und Beamten jede der Bedeutung des Tages entsprechende Feier.
Nur das Gymnasium feierte den Tag in würdiger Haltung und ihm, ward denn auch die Ehre zu Teil, dass der Großherzog in der geschmückten Aula erschien und sämtlichen Vorträgen mit Aufmerksamkeit und Befriedigung folgte. In andern Städten unseres Landes hatte man mehr Mut und Begeisterung, am meisten in der Stadt Rostock, wo die Feier sogar recht frisch und lebendig gewesen sein soll.

Der diesjährige Landtag ward soeben geschlossen. Für gewöhnlich dürfte sich wohl irgend jemand finden, der den Behandlungen dieser Versammlung mit Aufmerksamkeit folgte, er müsste dieselben dem, etwa als Vorstudien für eine Geschichte des ehemaligen polnischen Reichstags benutzen wollen oder überhaupt an babylonischer Verwirrung seine Freude haben. Im eigenen Lande wurde den Verhandlungen diesmal ausnahmsweise eine vorzügliche Teilnahme geschenkt, weil nämlich unsere Steuerfrage, dies Musterstück mittelalterlicher Barbarei, das der Regierung wie dem Volke gleichmäßig zur Last fällt, wieder einmal auf der Tagesordnung stand. Die Regierung hatte einen Grenzzoll vorgeschlagen, durch den der allmähliche Übergang zum Zollverein angebahnt werden sollte. Allein die Ritterschaft sieht in jedem Zugeständnis, das ihr in Betreff unserer Steuerverhältnisse und ihrer endlichen Regulierung zugemutet wird, eine Verletzung ihrer Privilegien und so gab sie denn, ohne durch Gründe schwerfällig zu werden, auch diesmal wieder einfach zu Protokoll, dass sie den Vorschlägen der Regierung nicht beistimmen könne, weil dieselbe dadurch für die Zukunft von den Geldbewilligungen der Stände unabhängig gemacht werde! An aufregenden und leidenschaftlichen Szenen fehlte es auch diesmal nicht, wenn dieselben auch nicht wie das letzte mal bis zu Pistolenforderungen fortgespielt wurden. Als der vorzüglichste Redner und Verfechter des Fortschritts trat Hr. Pogge auf Jaebitz hervor. Auf den wider ihn erhobenen Vorwurf, dass er der so ehrwürdigen Verfassung unsers Landes zu Leibe wolle, erwiderte er, dass dies allerdings seine Absicht sei, im Jahre 1848 hätten die Stände freiwillig und aus eigenem Antrieb allen und jeden Sonderrechten entsagt, das Volk habe infolge dessen eine freisinnige und lebenskräftige Verfassung erhalten, durch den Adel sei ihm dieselbe jedoch wieder genommen und das Volk selbst um alle Rechte gebracht worden, die ihm vor Gott und Menschen zukämen. Worauf der Hr. Graf Bernstorff die kurze und charakteristische Frage tat: „Wer ist das Volk?“ Von anderer Seite aber wurde behauptet, Hr. Pogge habe gesagt, das Volk sei seiner Rechte durch den Adel „beraubt“ worden, es erhob sich ein heftiger Sturm in der Versammlung und so wichtig erschien die Angelegenheit, dass die Landtagsmarschälle darüber an die Regierung berichteten, Hr. Pogge selbst gab in einer der nächsten Versammlungen ein sogenanntes Dictamen ab, worin er in ruhiger und überzeugender Form seine Ansicht dahin ausführte, dass die wichtigsten das Wohl des ganzen Landes betreffenden Anträge regelmäßig an den Einrichtungen dieser Versammlung scheiterten und die Beratungen des Landtags daher für das Land selbst ohne Vorteil bleiben müssten. Hrn. Pogges Kollegen beschlossen zwar, dies Dictamen gar nicht in das Protokoll mit aufzunehmen, zu den Ohren und den Herzen seiner Mitbürger ist dasselbe aber doch gedrungen und von allen Seiten werden Hrn. Pogge die ehrenvollsten Beweise allgemeiner Anerkennung und Achtung zu Teil; Rostock hat den Anfang mit einer Vertrauensadresse gemacht, die Städte Schwerin und Waren sind nachgefolgt und noch scheint die Bewegung keineswegs zu Ende zu sein.

Leider muss ich meinen heutigen Bericht mit einer Trauernachricht schließen. Das Schweriner Hoftheater hat einen schweren Verlust erlitten durch den am 25. Dezember erfolgten Tod des Schauspielers Gliemann. Gliemann war ein strebsamer tüchtiger Künstler; sein Talent befähigte ihn ebenso sehr für das ernste wie für das heitere Fach und würde ihm auch an jeder größeren Bühne eine achtbare Stellung erworben haben; das Schweriner Publikum, dem er eine Reihe von Jahren hindurch vielfache Genüsse gewährt hat, wird sich seiner noch lange mit Dankbarkeit erinnern.
Schwerin - Altes Schloss.

Schwerin - Altes Schloss.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Dom.

Schwerin - Dom.

Schwerin - Neustadt.

Schwerin - Neustadt.

Schwerin - Paulstadt.

Schwerin - Paulstadt.

Schwerin - Schloßgarten.

Schwerin - Schloßgarten.

Schwerin.

Schwerin.

Sternberg - Marktplatz.

Sternberg - Marktplatz.

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock vom Steintor 1841.

Rostock vom Steintor 1841.