Aus Mecklenburg. Der deutsche Partikularismus. 1858

Aus: Deutsches Museum. Zeitschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben. Herausgegeben von Robert Prutz. 8ter Jahrgang 1858. Juli-Dezember
Autor: Redaktion - Deutsches Museum, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Landesgeschichte, Partikularismus, Kleinstaaterei
„Der Partikularismus ist es, an dem wir zu Grunde gehen.“ Diese Worte Steins werden hoffentlich nie zur Wahrheit, es wird aber niemand leugnen, dass das deutsche Land an jenem Übel sehr krank ist. Wer so glücklich ist, in einem größeren Staate zu leben, hat die Symptome nicht so zahlreich und kleinlich vor Augen; dass sie überall auftreten, sobald es sich um die Geltendmachung vermeintlicher Sonder-Interessen oder unveräußerlicher Souveränitätsrechte handelt, lehrt die Geschichte eines jeden Jahres. Aber die ungesunde Kraft des Partikularismus, welche alle edleren Triebe eines lebendigen Organismus unterhöhlt und verzehrt, lässt sich nur in einem kleinen Staate empfinden, wo mit der Ängstlichkeit vor fremden Einflüssen die Kleinlichkeit der Gegenmittel und Mittelchen sich steigert. Mecklenburg eignet sich vorzüglich zu einer so schmerzlichen Betrachtung. Zwar ist dies Ländchen nicht das kleinste im deutschen Bundesstaat, aber zu einem wirksamen Widerstand ist mehr Kraft erforderlich, als der kleinste Staat aufzubieten vermag. Nun fehlt es nicht an Staaten gleichen Ranges und ähnlicher Größe, es gibt aber keinen, dessen Gebiet so abgeschlossen ist. Darum wird man mit Zuversicht in diesen 244 Quadratmeilen das Ideal des Partikularismus aufsuchen und die hier gezogenen Früchte desselben dürfen außer dem reellen noch das ideelle Interesse beanspruchen.

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Das Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin *) hat im Norden keine andere Grenze als das Meer, welches zwar ewig lebendig, aber trotz aller Verkehrsleichtigkeit dennoch die wirksamste Völkerscheide ist. Auch ist dem Mecklenburger eine besonders liebevolle Zuneigung zur See und zu meeresweiter ringsumfassender Spekulation nicht eingeboren; Rostock ausgenommen, wird man im übrigen Lande keinen andern Einfluss jenes Elements spüren als den absperrenden. Nach den drei andern Richtungen hängt das Großherzogtum mit dem deutschen Lande zusammen, aber mit wie vielen Gliedern desselben! Und unter dieser Vielheit sind mehrere Staaten geringeren Umfangs, gegen die sich ein Gefühl wie das einer Großmacht träumen lässt, dagegen nur ein Staat, der deutsche Interessen in großem Maßstabe geltend machen kann — Preußen.

*) Von diesem ist hier die Rede, obwohl die meisten Verhältnisse für beide Groß-Herzogtümer Mecklenburg die gleichen sind.

Vergleicht man etwa Braunschweigs Lage oder die eines der thüringischen Fürstentümer, die manches Ähnliche bieten, so ergibt die Absperrung durch das Meer sofort eine bedeutende Verschiedenheit. Der natürlichen Trennung gesellen sich ebenso kräftige künstliche Hindernisse hinzu, welche auf dem Boden der Geschichte und des sozialen Lebens erwachsen sind. Mecklenburg hat durch seine weite Entfernung von der Mitte des deutschen Lebens zu selten an der Entwicklung des Volks einen integrierenden Anteil genommen, um sich als brüderliches Glied zu fühlen; der Mecklenburger kennt sich nur als Mecklenburger, nicht als Deutschen. Er spiegelt sich daher gern das Bild einer eigenen lebensfähigen Nation vor, einer selbständigen Geschichte und einer isolierten Entwickelung, die eines gesunden Fortschritts fähig sei. Ein Staat in der Mitte Deutschlands, der täglich den mächtigeren Nachbar an seiner Seite fühlt, wird sich zu solcher Anschauung nicht begeistern. Aber Mecklenburg zieht sich noch eine neue Grenze: es schließt sich vom Zollverein ab und wo im übrigen Deutschland das Gefühl der Zusammengehörigkeit und einer gliederreichen, aber einheitlichen Macht gedeiht, treibt hier die im täglichen Verkehr empfundene Trennung stets frische Blüten einer feindseligen Abneigung. Schon die Ausdrücke „ins Ausland reisen“, „die Grenze passieren“, „Artikel aus der Fremde“, verbunden mit der aufregenden Peinlichkeit, welche sich von Warenverzollung, Gepäckdurchsuchung und Passrevision nicht trennen lässt, machen durch die ständige Wiederholung im Mecklenburger den Gedanken zur Gewöhnung, Deutschland sei ihm wirklich ein fremdes und verschlossenes Land, dessen Tore nur auf besonderes Begehr unwillig geöffnet werden. Während aber Österreich es sich angelegen sein lässt, von seinem viel schwierigeren Standpunkte aus sich dem übrigen Körper anzuschließen, erkennen die Großherzogtümer ihre Aufgabe darin, dass die Annäherung möglichst ferngehalten und zu einem noli me tangere gemacht werde.

Wenigstens spricht sich so die öffentliche Meinung aus mit seltenen Ausnahmen. Wie sehr aber das gedeihliche Leben und die geistige Anschauung eines ganzen Stammes durch diese künstliche Abgliederung getrübt und angekränkelt wird, davon macht man sich im übrigen Deutschland schwerlich den richtigen Begriff. Der Mecklenburger ist außer Landes ein friedlicher und liebenswürdiger Mensch, der nirgends für seine Institutionen Propaganda machen wird. Von Fremden wird das Inland höchstens flüchtig berührt und die Zeitungen, die etwa ins Ausland gehen, verstehen über unsere Verhältnisse zu Deutschland zu schweigen. Aber in der kleineren Presse, in den Lokal- und Wochenblättern treibt der engbegrenzte Patriotismus desto üppigere Schösslinge. Einige Pröbchen dienen zur Aufklärung und Unterhaltung; es ist nicht notwendig, dass der Leser dieser Blätter das „Ludwigsluster Wochenblatt“ etc. kenne, es genügt, dass gerade in diesen kleineren Blättern die echten Anhänger der Kirchspielpolitik ihre unbeirrten Pfade wandern. Sie sind überaus glücklich, wenn sie auf denselben etwas durchaus Eigentümliches antreffen, zornig oder krank werden dagegen sie, sobald ihnen etwas Fremdes, Großdeutsches, Allgemeines begegnet. Einer von diesen Unwandelbaren erzählt, wie er eine Reise gemacht (natürlich im Inlande) und wie er im Lande Mecklenburg alles so schön und ehrwürdig gefunden habe; gewiss würden die Vorältern, wenn sie es sähen, alles wiedererkennen und die geliebten Züge freudig begrüßen. Nur in Schwerin ist vieles anders geworden, die Sicherheit des Gefühls geht verloren und nun folgt eine patriotische Standrede, die man wörtlich hören muss, obwohl sie etwas unzusammenhängend hervorpoltert. Sie lautet:

„Es ist mir in Schwerin mehrfach die Klage entgegengetreten, dass Mecklenburg so isoliert sei, dass man etwas tun müsse, um diese Isoliertheit zu heben. Wenn die Unzufriedenen im Lande so klagen, kann ich es verstehen. Die Klage gehört nun einmal so eng zusammen mit der Opposition, dass Opposition ohne diese Klage gar nicht zu denken ist. Die Isolierung Preußens ist z. B. auch eins der beliebtesten Themata der Herren, die gern Minister werden möchten. Aber wo man konservativ sein will, sollte man sich doch bedenken, ehe man solche Klagen aufnimmt. Es ist überhaupt unheilvoll, dass konservative Kreise meinen, man müsse zuweilen Zugeständnisse machen und einstimmen in eine Denk- und Redeweise, welche geradezu die Stellung verkehrt. Ja, wir sind isoliert, aber unsere Isoliertheit ist das Ergebnis unserer Geschichte, und wollt ihr unsere Isoliertheit aufheben, gut, dann macht einen konstitutionellen Staat aus uns, dann führt uns in den Zollverein, dann macht Union, obwohl es nichts zu unieren gibt, dann ladet den Kirchentag ein, dann geht in Preußen auf — da sind wir nicht mehr isoliert, aber da sind wir auch nicht mehr Mecklenburg.“

Das sind die Pinselstriche, mit denen das Schreckbild des Anschlusses und der Verbindung mit Deutschland aufgetragen wird; sie sind so kräftig, dass sie für viele mitgelten können, zumal da der Mangel an Beweisen und Gründen überall der gleiche ist. Widerspruch lässt sich selten hören. Zwar kann ein großer Teil des höheren Beamtenstandes und das Heer der Advokaten (es sind ihrer nicht weniger als 255) sich nicht in solche krankhafte Begeisterung versetzen: die aber schweigen, beziehen große Einnahmen, führen lange Prozesse und „wollen gut und gemütlich leben“. Höchstens vernimmt man den Ausspruch: „Wie soll es bei uns anders werden? Es bleibt nun einmal, wie es gewesen ist, und was nützt es, sich darüber zu plagen und die Verdauung zu stören. Interea dum fata sinunt, d. h. solange uns die Mittel nicht fehlen, wollen wir — gut und gemütlich leben.“ Das ist der gewöhnliche Trost, dem sich auch wohl ganze Nationen hingegeben haben, aber nur zu Zeiten unwürdiger Erniedrigung, die an Knechtschaft grenzte oder Knechtschaft war.

Und solche Verkehrtheiten finden nicht bloß im „Ludwigsluster Wochenblatt“ ihren Platz, das „Archiv für Landeskunde“ weist ähnliche Symptome auf. Es ist diese Monatsschrift das beste Produkt der periodischen Literatur Mecklenburgs und bringt nicht selten vortreffliche Aufsätze. Aber das Verhältnis Mecklenburgs zu Deutschland ist das kranke Glied; wenn das getroffen wird, treten eben dieselben Gesichtsverzerrungen zu Tage. Aus einem Aufsatz, der gleichfalls über den Zollverein den Stab bricht, höre man folgende Sätze (es sind aber wirkliche Sätze, Luftsätze oder Sprünge), die sehr charakteristisch lauten:

„Eine Verschmelzung, wie friedlich sie ins Leben treten mag, bleibt immer eine Vertilgung.“
„Ist der Akt der Einschmelzung ein notwendiger, so macht er sich von selbst; eingreifen, mitwirken wollen, wäre Vergewaltigung.“ (!)
„Das Individuelle, soll es stark sein, fordert eine gewisse Isolation.“
„In Mecklenburg ist man *) nicht so gewohnt, des Lebens unentbehrlichste Bedürfnisse sich verteuern und beschränken zu lassen.“
„Es könnte doch sonderbar erscheinen, dass Mecklenburg unversehens sich absperrte (nämlich durch Anschluss) in einem Augenblick, wo alle Welt dem Freihandel Bahn zu machen strebt.“

*) Wer ist dies „man“? Es sind die, welche viel Wein trinken und viel Kaffee und Zucker (die „unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse“) konsumieren.

Diese Proben genügen, um zu zeigen, auf welche Höhe der Anschauung der Partikularismus versetzt und wie die Liebe zum gemeinsamen Handeln durch ihn gehoben wird. Wer aber weiter liest, wird finden, dass die Verrenkungen und Verdrehungen noch weit sonderbarer ans Licht kommen. Unsere Landesuniversität Rostock hat die Zeiten eines größeren Rufes hinter sich; dass sie neulich durch den Baumgarten'schen Prozess wieder vielfach in die Öffentlichkeit gekommen ist, wird man ihr nicht zum Verdienst anrechnen. Diese mater bonarum artium ist alterskrank und so schwach, dass der Gedanke nicht fern liegt, die großen Mittel, welche eine solche Anstalt verschlingt, stünden zum Erfolg keineswegs in Verhältnis, könnten also besser verwandt werden. Die meisten Inländer studieren auf fremden Universitäten, der Ausländer hat keinen Grund, das teure Pflaster Rostocks seinen Studien zu unterbreiten. Die Existenz der Akademie scheint demnach nur noch „historisch begründet“, im Übrigen zwecklos zu sein. Aber dann hätte ja das Großherzogtum keine eigentümliche Universität mehr, es gilt demnach, sie zu retten. Der etwas abenteuerliche Plan lautet wörtlich also:

„Der freiwilligen patriotischen Entschließung steht nichts im Wege, sie ist ehrenvoll und der Mensch behält auch noch Spielraum zu anderweitiger Bewegung, opfert also nicht einmal etwas, wenn er unseren Vorschlag beherzigend einem Vereine beitritt, der den Besuch auswärtiger Universitäten zum Zweck des Studierens ihm oder den Seinigen verbietet und ihn dagegen verpflichtet die Landesuniversität zu Rostock zu frequentieren oder von den Seinigen besuchen zu lassen und daselbst die akademischen Studien vollständig zu absolvieren. Der Verein muss die beiden Großherzogtümer umfassen und wird dem Lande, d. h. den betreffenden Familien große Summen Geldes ersparen und einen hübschen Teil der Honorarienkasse der Rostocker Professoren zuwenden, worauf es eben abgesehen sein muss, um der Hochschule tüchtige Lehrkräfte zu erhalten, beziehungsweise zu erwerben. Der Gewinn für die Pflege der Musen innerhalb der Grenzen Mecklenburgs würde aber unberechenbar sein.“

Dieser Vorschlag klingt unglaublich, steht aber gedruckt im „Archiv für Landeskunde“, 1858, S. 236, und zwar ist er von der Redaktion ohne irgendeinen Zusatz aufgenommen. Eine weitere Bemerkung dazu ist hier überflüssig, die Idee verlangt ein consentio quia absurdum. Entsprungen ist sie aus einem nicht unedlen Drange und einem Gefühl, das sich wie Vaterlandsliebe anhört: aber man sieht, in wie verkehrte und lächerliche Bahnen der falsche Patriotismus sich verfährt, wenn dem echten die gesunden Wege verstopft sind.

Für die Beibehaltung der Universität zu Rostock lässt sich nicht viel Genügendes sagen. Wenn heutigen Tages die Frage, ob kleinere Universitäten überhaupt noch zweckmäßig seien, aufgeworfen wird, so macht man mit Recht die Vorteile geltend, welche für Lehrer und Studierende nur in kleineren Städten existieren. Auf unsere Landesuniversität finden diese keine Anwendung. In jedem größeren Staate würde Rostock als Akademie längst gestrichen sein; bei uns dauert das Scheinleben fort, schon um das Geständnis einer Bedürftigkeit zu ersparen. Niemand wird einwerfen, dass in Rostock ungewöhnliche Früchte der Wissenschaft gezeitigt werden, oder dass auf andern deutschen Universitäten für die Ausbildung mecklenburgischer Studierender nicht ausreichend gesorgt sei. Aber wer wird behaupten können, dass mit den Mitteln, welche die Unterhaltung eines so kostspieligen Instituts erfordert, die verhältnismäßig richtigen Ziele erreicht werden? Durch das Aufgeben einer überflüssigen Universität erleidet der selbständige Fortbestand eines Staates durchaus keinen Abbruch. Auch Braunschweig und Oldenburg haben keinen eigentümlichen Musensitz; niemand wird gegen die Souveränität dieser Staaten oder gegen die Tüchtigkeit ihrer Beamten Zweifel erheben.

Übrigens kann das deutsche Vaterland mit Ruhe ansehen, dass alljährlich hundert Studenten sich in Rostock aufhalten: weit größere Teilnahme verdient Mecklenburg in kommerzieller Beziehung. Das Streben nach einer allmählichen Einigung macht sich in Deutschland so erfreulich geltend. Wie weit wir auch noch davon entfernt sind, es ist doch manches erreicht und anderes steht in Aussicht. Unsere Flüsse sollen zu freien Strömen werden, die Waren des einen deutschen Staates sollen ungehindert durch die andern ziehen bis an das fremde Ausland. Es handelt sich um die Aufhebung der Elb- und der Transitzölle, es gilt aufzugeben um zu gewinnen, die Sonderinteressen müssen schweigen. Mecklenburg aber wird diese wahren und muss es, solange es dem Zollverein feindlich bleibt, d. h. solange nicht durch ausreichende Mittel dafür gesorgt wird, dass der beträchtliche Ausfall in den Finanzen seine Deckung findet. Bis dahin, also ad calendas graecas, wie jetzt die Sachen stehen, wird Mecklenburg sein Gebiet dem freien Warendurchzug verschließen und nach wie vor zu Dömitz und Boitzenburg seinen Elbzoll erheben. Warum an zwei so benachbarten Orten? Es ist eben historisch begründet. Dieser Zoll könnte, wenn er einmal erhalten werden muss, füglich in Wittenberge oder in Hamburg erhoben werden; es würden dadurch Umstände, Zeit und Verwaltungskosten erspart, aber es würde dann auch die Zahl der mecklenburgischen Beamten bedenklich vermindert. Das Großherzogtum wird also sein Anrecht an das Wasser des Elbstroms zu wahren wissen; erhebt es doch mitten im eigenen Lande Wasserzölle auf der Elde und Stör.

Etwas anders liegt es mit den Transitzöllen. Daran wird jetzt sehr lebhaft von andern Staaten gerüttelt und es ging jüngst ein freudiger Ruf durch das übrige Deutschland, als es hieß, Preußen sei geneigt, diese Einnahme aus seinem Budget zu streichen. Mecklenburg, welches jährlich etwa 230.000 Thlr. durch diesen Zoll gewinnt, wird sich nicht bewogen fühlen, auf eine Summe zu verzichten, welche im Verhältnis; zur Landesgröße nicht unbedeutend ist. Es wird auch bei dieser Angelegenheit sich dem übrigen Deutschland entgegenstellen, um in isolierter Stellung zu verharren. Aber hier würde das Individuelle durch seine Isolation nicht eben sehr stark werden. Die Elbe wird ihr Wasser in demselben Bette weiter führen, der Transitverkehr ist aber nicht durch natürliche Fesseln an eine und dieselbe Straße gebunden, und wenn er eine freie Fahrt gewinnen kann, so wird er sie zu finden wissen. Wiederholt ist schon die Rede gewesen von einer Verbindungsbahn zwischen der Magdeburg-Wittenberger und der Hannover - Harburger Eisenbahn, etwa von Seehausen nach Uelzen, und die Tausende von Zentnern, welche jetzt bei Warnow das mecklenburgische Land erreichen und es kurz vor Büchen wieder verlassen, würden diese Straße in Zukunft vermeiden. Der Partikularismus hätte dadurch sich selber eine große Wunde beigebracht, wie es überhaupt in seinem Wesen liegt, durch sich selbst zu Grunde zu gehen, wenn er nicht, solange es noch Zeit, seiner isolierten Auswüchse entkleidet wird — und „der mächtigste von allen Herrschern ist der Augenblick“. Aber den richtigen Zeitpunkt zu treffen und früh genug zu einem Opfer bereit zu sein, solange es noch als ein freiwilliges und nicht als ein erzwungenes erscheint, ist eine Aufgabe, die sich nicht überall mit dem sogenannten historischen Standpunkt verträgt.

Dieser historische Standpunkt muss überhaupt viel unter seine Decke nehmen und ist doch oft nichts anderes als eine bemalte Bretterwand, hinter der sich Privatinteressen verstecken. Gerade die kleinen Staaten klammern sich auf das hartnäckigste an das Althergebrachte, an die starre Gewohnheit und die traditionelle Vätersitte. Man hat Mecklenburg das Ländchen der Erbweisheit genannt. Wo es nun gilt, die alten eingefahrenen Bahnen, welche durch die Praxis lieb geworden sind, zu wahren, mögen sie auch noch so löcherig, holperig und zeitvergeudend sein, da wird der Zauberschmuck des Historischen Standpunkts hervorgezogen; das Wort klingt so lieblich wie eine alte Melodie aus besseren, schöneren Tagen, und doch ist der Sinn der Bauernregel ebenderselbe, wenn es heißt: „Das war so bei meinem Vater, mein Großvater hat auch nicht anders gelebt, warum soll ich es nicht auch so halten?“ Gewiss liegt darin oft der Kern eines gesunden Konservativismus, aber es bleibt immer eine Torheit, daraus ein Dogma ober gar eine Wissenschaft zu machen, wie das in neuerer Zeit nicht unversucht geblieben und nirgends beifälliger aufgenommen ist als in unseren Kleinstaaten.

Das Wesen des Partikularismus, welcher überall nur einen kleinen Maßstab kennt, äußert sich häufig in so kleinlichem Urteil, dass der Unwille aufhört und das Mitleid beginnt. Ein Beispiel statt vieler. Als die Bundestruppen aus Mecklenburg-Strelitz in Schwerin eintrafen, um mit diesen vereinigt zum Manöver zu ziehen, ließen sich aus dem Munde von Zivil und Militär vielfach die Äußerungen hören: „Wie unbeholfen manövrieren die Strelitzer! Wie sind doch unsere Truppen ganz anders einexerziert! Wie roh ist das Spiel des Strelitzer Musikcorps!“ Der Stolz war nicht eben groß und die Schadenfreude nicht edel, wenn auch in der Sache etwas Wahres lag. Wohin soll das im Gefecht führen? Bei einer großen Armee wird es nicht schaden, wenn die Soldaten sich für die besten der Welt halten, also auch beim deutschen Bundesheere nicht; wenn aber in einem Bruchteile die einzelnen Glieder Rangklassen der Tüchtigkeit bilden wollen, so kann nur Gemeinschädliches daraus hervorgehen.

Dass der Partikularismus das Gewissen beengt und den Mut herabdrückt, klingt ungerecht und schwererweislich, ist aber leine unbegründete Anklage. Der Kreis aller Bewegung im Kleinstaate ist eng und leicht übersehbar; jede Tat, jedes Urteil, jede Überschreitung der althergebrachten Gewohnheit dringt schnell von diesem zu jenem bis zum Mittelpunkt und von hier bis an die Peripherie ist auch nicht so weit, dass nicht eine mächtige Hand jeden erreichen könnte. Im Großstaat handelt und spricht der einzelne als Vertreter einer Idee oder einer Partei ohne ängstlichen Hinblick auf Persönlichkeiten; im Kleinstaat wird die Meinung des einzelnen zur Privatansicht, die auf Privatansicht anderer Persönlichkeiten Rücksicht nimmt. Eifersucht, Missgunst und Privatfeindschaft existieren überall: im Großstaat ist ihre Macht begrenzt, im Kleinstaat klopft ihr Finger leicht und schnell an die richtige Tür. Das öffentliche Leben schrumpft daher zu einem Nichts zusammen und die süße Gewohnheit des Uraltväterlichen tritt allein zur Schau. Dafür desto mehr Mäkelei im engeren Zirkel, wo die Gêne wegfällt und die Wände dicht gebaut sind: die Residenzen und Städtchen der Kleinstaaten sind die Lieblingssitze des Klatsch. Große Ideen werden hier nicht geboren und nicht anerkannt, es bleibt nur der Sinn für die Ritzen und Spalten im großen; mit geschärften Sinnen wird das Schadhafte überall aufgedeckt und in erklärlicher Selbsttäuschung preist sich der Kleinstaat und der kleine Mensch glücklich, dass, wenn ihm auch große Vorzüge abgehen, dafür auch die Mängel ihn nicht drücken, welche dem Großen zeitweilig angeboren sind.
Schwerin - Altes Schloss.

Schwerin - Altes Schloss.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Altstadt 1842.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Amtsstraße 1839.

Schwerin - Dom.

Schwerin - Dom.

Schwerin - Neustadt.

Schwerin - Neustadt.

Schwerin - Paulstadt.

Schwerin - Paulstadt.

Schwerin - Schloßgarten.

Schwerin - Schloßgarten.

Schwerin.

Schwerin.

Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock Altstadt

Rostock Altstadt

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Altstadt vom Steintor.

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Blücherplatz 1844

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock Hopfenmarkt.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock - Neuer Markt um 1820.

Rostock vom Steintor 1841.

Rostock vom Steintor 1841.