Oktoberfest, 1910

Oktoberfeste dienten in der Historie dazu, untergäriges Lagerbier der Brauereien vor dem Beginn der neuen Saison aufzubrauchen. Das heutige Oktoberfest auf der Theresienwiese in München blickt schon auf eine 200-jährige Geschichte zurück.

König Ludwig I.Am 12. Oktober 1810 heiratete Kronprinz Ludwig, der spätere König Ludwig I. von Bayern, die Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Anlässlich dieser Vermählung wurde ein großes Pferderennen auf einer Wiese vor den Stadttoren Münchens veranstaltet. Die Rennen wurden in den nächsten Jahren wiederholt und 1819 zum jährlichen Nationalfest erklärt.

1813 konnte das Fest nicht ausgerichtet werden, da Bayern an den napoleonischen Befreiungskriegen beteiligt war. Nach dieser schweren Zeit vergrößerte sich das Oktoberfest in München stetig und sollte von nun an planmäßig jedes Jahr gefeiert werden. 
Das erste Karussell wurde 1818 aufgestellt. Losstände trugen vor allem dazu bei, dass die Ärmeren Stadtbewohner angezogen werden. Schmuck und Porzellan waren hier beliebte Preise. 

Die Statue der Bavaria und die Ruhmeshalle an der Theresienwiese, 1896Die Statue der Bavaria wacht seit 1850 über der Theresienwiese. Drei Jahre später wurde auch die Ruhmeshalle zu Füßen der knapp 20 Meter hohen Statue errichtet. Zwei Cholera-Epidemien (1854 und 1873), der Preußisch-Österreichische Krieg 1866 und der Deutsch-Französische Krieg 1870 sorgten in den folgenden Jahren für den Ausfall einiger Feste. Ab dem Jahre 1880 sorgte elektrisches Licht auf der Wiesn für Beleuchtung der vielen Buden und Zelte. Im darauffolgenden Jahr wurde die erste 'Hendlbraterei' eröffnet. Traditionalisten hielten lange am steinernen Maßkrug fest - die erste Maß aus Glas feierte erst 1892 ihren Einzug. Große Bierhallen ersetzten bald die zahlreichen, kleinen Bierbuden und immer mehr unterhaltende Darsteller und Fahrgeschäfte sorgten für Unterhaltung.

Zur 100. Feier entstand folgendes Gedicht:

Blick auf die Theresienwiese, 1870Lasset uns, ihr edlen Bayern
- Untertanen! Publikum! -,
Mit gehobnen Herzen feiern
Dieses stolze saeculum!

Hühner-, Gäns- und Heringsbrater,
Heute seid ihr zentenar!
Dank so manchem Landesvater,
Der euch mild gewogen war.

Stier- und Sau- und Ochsentreiber,
Heute fühlt euch vaterländ'sch!
Brezelfrauen! Radiweiber!
Jedes alte Kuchelmensch!

Schweige jeder Widersacher!
Denn noch blühen sie uns frisch:
Treue für die Wittelsbacher,
Wiesenmaß und Steckerlfisch!

Nein! Noch ist es keine Lüge,
Daß man treu und bieder denkt!
Hebet hoch die Literkrüge,
Mit drei Quarteln eingeschenkt!


Karussell auf dem Oktoberfest, 1910In dem damals größten Bierzelt, fanden bereits 12.000 Gäste Platz. Zu diesem Jahrestag 1910 schenkten die Brauereien 12.000 Hektoliter Bier aus.

Joachim Ringelnatz (1883-1934) über die Stadt München:

(...) Auf der Oktoberwiese:
Die Bavaria: - lacht.
Vor Mittag wünschen zweie
Sich "Angenehme Ruh!"
Der dritte Chargierte Immerzu
Feiert noch Bannerweihe.
Im Donisl blühn die Weißwürste.
Im Schlachthof brüllt anderthalb Kalb.
Und reaktionäre Dürste
Erheben sich allenthalb... 
Die Frauentürme verwechseln
Sich selber. Von unten her
Kurzwichsig mit Jodeln und Sächseln
Hebt sich der Fremdenverkehr. (...)

Großes Trabrennen zum 100. Jubiläum des Oktoberfestes, 1910