Der Sonntag auf dem Lande, von Moris

Der Samstag sitzt im Mondenschein,
Und schläfert in die Nacht hinein;
Er hat sich abgemüht am Tag,
Daß er wohl gerne ruhen mag.
„He da, Herr Nachbar!“ ruft er dann
Zum Sonntag, der kaum halb erwacht,
„Nun fängt bei Euch die Arbeit an,
Denn eben schlägt es Mitternacht!“

Der Sonntag, bei des Freundes Ton,
Er kennet seine Pflichten schon.
Er zaudert d'rum auch länger nicht,
Obschon der Schlaf ihm noch gebricht.
Er reckt sich gähnend noch einmal,
Reibt sich die Augen, die noch zu,
Und sucht dann bei der Sterne Strahl
Sich Hemd und Rock und Strumpf und Schuh' —


Er zieht sich an sein schönstes Kleid,
Und nimmt zu seinem Putz sich Zeit;
Denn als der Hahn am Morgen schreit,
Da findet er sich erst bereit.
Er klopfet dann die Sonne auf,
Aus ihren, Bette, rosenweich,
Und zieht mit ihr in raschem Lauf
Durch sein, noch träumend, großes Reich.

Die Blumen, die die Nacht verschloss.
Die Fluren die der Thau begoss,
Die Vögel in der Nester Hut
Erheben sich zur Sonne Gluth.
Die Lämmer blöken in dem Stall,
Am Felsen rauscht der Wasserfall,
Und durch der Berge Wiederhall
Ertönt des Kirchleins Glockenschall.

Und hier und da am Fensterlein,
Zeigt sich ein blondes Köpfelein,
Grüßt freudenvoll den warmen Gast
Und putzt sich auf in froher Hast.
Die Alten geh'n in's Feld und schau'n,
Wie sich die Saat so schön gemacht,
Die Jungen steh'n am Gartenzaun;
Und sehen, wie die Liebste lacht.

Die Mutter prasselt in dem Herd,
Und, was die ganze Woch' verwehrt,
Hat heut' der Arbeitstage Geld
Auf leinenweißen Tisch gestellt.
Und wenn die Mahlzeit ist zu End',
Beginnt die Lust erst gar ihr Ziel.
Dann rühren sich die starken Hand'
Zum Karten- und zum Kegelspiel.

Dann geht mit Pfeife und mit Stock
Die Jugend aus im langen Rock,
Die Liebste, mit der Bänder Schwarm,
Gar wunderbar verziert, am Arm.
Dann sieht im Dorf sich Alles gleich,
Die Geige tönet aus der Fern',
Es tanzet jauchzend Arm und Reich,
Denn Jeder spielet heut' den Herrn.

Der Sonntag ist der schönste Tag,
Die ganze Woche seufzt ihm nach;
O, wenn es immer Sonntag wär!
Dann gäb' es keine Sorgen mehr.
Doch in der höchsten Seligkeit
Genießt man ihn nur auf dem Land',
Er ist der Trost der gold'nen Zeit,
Wo Jedermann sich glücklich fand.

Laurian Moris.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Lust, Lob und Trost der edlen Landwirtschaft. Teil 1