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Studentenvereinigungen, die jüdischen, auf deutschen Hochschulen

In der rapiden Entwicklung der jüdischen Studenten-Vereinigungen auf deutschen Hochschulen gibt sich wohl am getreuesten der Aufschwung kund, den das jüdische Stammesbewusstsein in den letzten Dezennien, wie überall, so auch in Deutschland erfahren hat. Das nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, daß eben aus diesen Kreisen die führenden Geister der neuen Epoche hervorgegangen sind, die den Gedanken von der Wiedergeburt des Judentums in die breiteren Schichten unserer Gemeinschaft zu fragen berufen waren.

Hier hat der Antisemitismus, wenn auch ungewollt, unzweifelhaft das Hauptverdienst; sein besonders üppiges Gedeihen in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab den Anstoß dazu, daß sich am 23. Oktober 1886 die erste studentische Abwehr-Vereinigung organisierte: die „Viadrina“ in Breslau, die trotz mehrfacher Suspendierung und vieler anderer Schwierigkeiten sich zu halten verstand und als „Thuringia“ noch jetzt fortexistiert.


Es folgten ihr eine Reihe von Schwesterverbindungen, mit denen sie in dem K.-C. (Kartell-Convent) benannten Bund zu gleicher Tendenz sich vereinigte. Der K.-C. will „den Kampf gegen den Antisemitismus und die Erziehung seiner Mitglieder zu selbstbewussten Juden, die auch im bürgerlichen Leben ihre Gleichberechtigung zu verteidigen imstande sind. Der K.-C. nimmt keinerlei Stellung zu irgendwelchen politischen oder religiösen Sonderbestrebungen im Judentum“. Er legt Wert darauf, zu betonen, daß er „auf dem Boden deutschvaterländischer Gesinnung“ stehe.

Die im K.-C. vereinigten Korporationen sind:

Thuringia-Breslau (W.S. 1901) [früher Viadrina 23. X. 1886].

Farben : schwarzblaurot.

Bavaria-Heidelberg (9. I. 1902); blau-weiß-orange '[vorher als Badenia (20. X. 1890); violett-weiß-orange].

Sprevia-Berlin (22. X. 1894); gelb-weiß-schwarz.

Licaria-München (7. XI. 1895); grün-weiß-schwarz.

Rheno-Silesia-Bonn (3. V. 1899); blau-gelb-schwarz.

Ghibellinia-Freiburg (18. VI. 1904); schwarz-weiß-blau, an Stelle der suspendierten Friburgia (W.-S. 1896).

Viadrina-Darrnstadt (W.-S. 1906); schwarz-silber-rot.

Der K.C. bildete die erste Stufe in der Entwicklung, die der „Wille zum Judentum“ im akademischen Lager nahm. Es bleibt sein Verdienst, daß er den Anfang gemacht hat mit der Organisation der jüdischen Studenten in Deutschland und daß er sie — nicht zum mindesten durch das energisch verfolgte ,, Prinzip der unbedingten Satisfaktion“ und an einzelnen Universitäten durch die strengen Anforderungen der ,,Couleur“ — mit dem erzieherischen Geist der Selbstzucht vertraut zu machen begann.

Es war naturnotwendig, daß eine andere Gruppe jüdischer Akademiker den vom K.-C. eingeschlagenen Weg weiter fortsetzte. Sie wollten sich nicht damit begnügen, in negativer Arbeit — in der Verteidigung einer illusorischen Gleichberechtigung, in der Abwehr antisemitischer Angriffe — ein Ideal zu suchen; die Zeitverhältnisse forderten zu positivem Schaffen heraus. So erstand (1900) der „Bund jüdischer Corporationen“.

„Der B. J. C. („Bund Jüdischer Corporationen“) ist der Sammelpunkt aller jüdischen Studenten, die sich bewußt als Juden fühlen und an der Entwicklung eines lebendigen Judentums mitarbeiten wollen.“

Dem B. J. C. gehören folgende Korporationen an: Verein jüdischer Studenten (V.J. St.) Berlin (4. VII. 1895); blau-weiß-gelb; (V. J. St-.Leipzig; 1899 gegr.; suspendierte sich W.-S. 1902/03.)

V. J. St.-Breslau (W,-S. 1899/1900); gelb-blau-weiß.

V. J. St.-München (S.-S. 1900); blau-weiß-gelb.

V. J. St.-Charlottenburg (W.-S. 1901/02); gelb-blau-weiß.

V. J. St.-Straßburg (1. III. 1903); blau-weiß-gelb; bestand als „Akadem. jüdischer Verein“ seit W.-S. 1901/02.

V. J. St.-Freiburg (W.-S. 1903/04); gelb-blau-weiß.

V. J. St.-Königsberg (W.S. 1903/04); blau-weiß-gelb.

V. J. St.-Marburg (W.S. 1906/07); blau-weiß-gelb.

Das übermäßige Wachstum der Berliner Korporation führte im W.-S. 1906/07 zu einer Zweiteilung; die Tochterorganisation erhielt den Namen „V. J. St. Makkabäa“ (Farben: blau-weiß auf gelbem Grunde).

In der Frage der Satisfaktion läßt der B. J. C. seinen Mitgliedern freie Hand. Er legt, ohne die körperliche Ausbildung im übrigen zu vernachlässigen, sein Hauptgewicht darauf, sie zu geistigen Kämpfern für das neue Judentum heranzubilden; und es ist zu konstatieren, daß seine junge Arbeit schon jetzt zu sehr beachtenswerten Erfolgen geführt hat; im öffentlich-jüdischen Leben Deutschlands beginnt der B. J. C, dank seiner ausgedehnten Verbreitung, eine gewichtige Stellung einzunehmen.

Um auf einem engeren Arbeitsfelde, als es das allgemein-jüdische Programm des B. J. C. darstellt, zu intensiverem Wirken gelangen zu können, organisierten sich die im „Kartell Zionistischer Verbindungen“ (K. Z. V.; gegr. 11. 1. 1906) vereinigten Korporationen.

Hasmonäa-Berlin (22. II. 1902); gold-schwarz-gold und

Jordania-München (23. X. 1905); gold-blau-gold.

„Die Verbindungen im K. Z. V. verfolgen den Zweck, die Idee des Zionismus zu fördern, ihre Mitglieder in der jüdischen Sprache, Geschichte und Literatur fortzubilden und neben der Pflege der Geselligkeit für die körperliche Ausbildung der Bundesbrüder Sorge zu tragen.“

„Die Verbindungen im K Z. V. vertreten den Standpunkt der unbedingten Satisfaktion,“ — „Das Abzeichen des K. Z. V. ist der goldene Davidstern auf einfarbigem, goldgerändertem Bande.“

Ein Vorläufer des K. Z. V. war der im Oktober 1901 gegründete akademischjüdische Verein „Makkabäa“ in Breslau, der sich jedoch 1903 suspendierte. Die „Makkabäa“ war die erste Studentenverbindung in Deutschland, die das Baseler Programm in ihre Statuten aufnahm und offiziell zionistisch war.

Zu gleichen Zielen wie das K. Z. V. strebt; der Akademisch-zionistische Verein „Tchioh“-Cöthen (gegr. 1. V. 1903; keine Satisfaktion), der sich schon zweimal (1905 und 1906) durch die Veranstaltung von Palästina-Ferien-Kursen hervorgetan hat und der Verein Zionistischer Studenten-Leipzig (keine Satisfaktion).

Ausschließlich aus Pharmazeuten zusammengesetzt ist die „Freie Verbindung Dahlemia“-Berlin (W.-S. 1905/06); ihre Tendenz ist die der vorgenannten Korporationen.

Während alle die bisher genannten Organisationen die Stellungnahme zur religiösen Seite des jüdischen Problems ihren Mitgliedern überlassen, ist in dem „Bund Jüdischer Akademiker“ (gegr. 24. VII. 1906) auch eine Vereinigung zur Stärkung des gesetzestreuen Judentums unter den Akademikern erstanden. Ihm gehören an die „Vereinigungen Jüdischer Akademiker“ (V. J. A.) zu Berlin, München und Straßburg.

Es wäre noch zu erwähnen, daß es auf deutschen Hochschulen auch eine kleine Zahl von russisch-jüdischen Korporationen gibt, ihre ungeregelte Existenz erübrigt es, näher auf sie einzugehen.

Es muß ferner noch darauf hingewiesen werden, daß es eine ganz beträchtliche Anzahl von Korporationen gibt, die zwar ausschließlich aus Juden bestehen, im übrigen aber sich als gänzlich „interkonfessionell“ ausgeben. Auch wir haben ein Interesse daran, daß man sie nicht für jüdische Studentenvereinigungen hält.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Zionistisches Abc-Buch