Stettin

So zogen wir nun über Altdamm, gewissermaßen ein Vorwerk und eine Vorstadt von Stettin, in die Hauptstadt Pommerns ein, und unsere Erscheinung, 14 durchnässte Reisende kümmerlich auf einem Frachtwagen zusammengeduckt, mochte einen grellen Kontrast zu dem festlichen Einzuge bilden, den der König wenige Stunden vorher bei hellem Sonnenschein durch die mit Blumen und Guirlanden geschmückten Straßen gehalten hatte. Alle Fenster waren noch von Damen und Zuschauern bunt besetzt, und mehr als ein schallendes Gelächter sagte uns, dass wir eine höchst komische Figur in diesen Festlichkeiten spielten. Mit Mühe und Not fanden wir noch in den 3 Kronen ein Unterkommen, wechselten die Kleider und schlenderten, da das Wetter sich aufklärte, nun wohlgemut durch die Straßen. Stettin gewährt vor allen preußischen Ostseestädten das erfreulichste Bild der größten Regsamkeit und des neu aufblühenden lebhaftesten Handels. Von der Natur außerordentlich durch seine Lage begünstigt, hat es seit 20 Jahren selbst Danzig überflügelt und steht im Begriff mit den Hansestädten Lübeck, Bremen und Hamburg zu konkurrieren, und, was Preußen betrifft, binnen Kurzem durch die entstehenden Eisenbahnen die ausschließliche Einfuhr aller überseeischen Bedürfnisse an sich zu ziehen. Ganz außerordentlich ist in der letzten Zeit der Wert aller Häuser und Grundstücke hier in dem Maße gestiegen, als er in allen übrigen preußischen Ostseestädten gesunken ist und noch immer sinkt. Alljährlich steigen fast in allen Straßen neben den kleinen schmalen Giebelhäusern stattliche 3- und 4stöckige Gebäude im modernen Stile empor; und es ist nur zu beklagen, dass Stettin als Festung keiner größeren, räumlichen Ausdehnung fähig ist. Die Oder, welcher Stettin hauptsächlich sein reges Leben verdankt, fließt mitten durch die Stadt, und wird der auf dem rechten Ufer belegene Stadtteil die Lastadie genannt. Dorthin, als in den Mittelpunkt alles Treibens, begeben wir uns zuerst, und sehen hier mit Staunen, so weit vom Meere entfernt, die größten Seeschiffe, deren viele wohl alle Teile der Welt gesehen und befahren haben. Hier sind von großen Gebäuden das neue Packhaus und das Seglerhaus bemerkenswert.

Am Bollwerke entlang kommen wir dann auf den weißen Paradeplatz, allwo die vortreffliche Marmor-Statue Friedrich des Großen, durch Schadows Meisterhand aus den alleinigen Mitteln der Provinz, als ein Zeichen der Dankbarkeit, errichtet steht. Erwähnt zu werden verdient, dass selbst die Franzosen während der Belagerung von 1813, als ein Bombardement zu befürchten war, vor dieser Statue so viel Achtung hatten, dass sie dieselbe mit einer schützenden Wölbung überdeckten. Von hier begeben wir uns die Louisenstraße hinab, die fast durchweg nur stattliche Gebäude aufzuweisen hat, nach dem Rossmarkte, wo eine im Verfall begriffene Wasserkunst zugleich Aufmerksamkeit und Bedauern erregen möchte. Wenden wir uns jetzt zum Schlosse, so haben wir ein altes großes Gebäude vor uns, von welchem uns zwar Chroniken berichten, dass dasselbe 1575 von einem italienischen Baumeister aufgeführt worden sei, von dem aber jetzt Niemand weiß, in welchem Stile es eigentlich erbaut wurde; denn so unzählige Veränderungen hat man nach den Bedürfnissen der späteren Zeit damit vorgenommen. Die großen inneren Räume desselben werden teils durch die Königliche Regierung und das Oberlandesgericht, teils durch Kapellen für den französisch-reformierten und katholischen Gottesdienst, teils durch Exerziersäle und in neuerer Zeit durch die Wohnung des Ober-Präsidenten benutzt und ausgefüllt. Augenblicklich ist das alte Gebäude abermals neuen Reformen unterworfen. In einer der Kapellen befindet sich vor dem Altare die fürstliche Gruft, in welcher die Gebeine mehrerer Pommerschen Herzoge und Herzoginnen ruhen. Fremden wird, als etwas Ausgezeichnetes, ein Gemälde gezeigt, welches den feierlichen Einzug Herzog Bogislaws in Venedig darstellt, als er von seiner Wallfahrt nach Jerusalem zurückkehrte, und als eine Kuriosität ist im großen Schlosshofe die Uhr bemerkenswert, welche im Zifferblatt ein kolossales Gesicht darstellt, das mit jedem Perpendikelschlage die Augen verdreht. Nicht weit von hier befindet sich die Jacobikirche, die zwar mitten in der Stadt, aber dennoch sehr versteckt gelegen, ein höchst düsteres Ansehen und unschönes Äußere hat. Das Innere ist jedoch großartig und imponiert durch die schöne Wölbung des Schiffes. Sehenswert ist das schöne Altarbild, die Kreuzesabnahme darstellend, als ein Werk eines hiesigen Malers, des Herrn Längerich; auch eine schöne Orgel gereicht der Kirche zur Zierde. Wer die Mühe nicht scheut, den Turm zu ersteigen, wird sich durch eine herrliche Aussicht über das weite Odertal und alle die belebten Gewässer und angebauten Ufer belohnt finden. Von hier begeben wir uns in das neue Börsengebäude, welches von dem Reichtum und dem Geschmack der hiesigen Kaufmannschaft ein gleich ehrenvolles Zeugnis gibt. Obgleich wir bisher unserm Vorsatz: von den Festlichkeiten der Huldigung, die wir fast in allen diesen Städten mit erlebten, wenig zu berichten, ziemlich treu geblieben sind, so können wir doch nicht umhin, die sinnige Art und Weise zu rühmen, mit welcher Stettin alle seine Empfangsfeierlichkeiten und ganz besonders hier im Börsenhause, wo die Kaufmannschaft dem König ein Fest gab, angeordnet hatte. Zwischen großen Transparenten, welche am Eingänge der Börse den Flor des Handels und der Schifffahrt andeuteten, standen für den König die Begrüßungsworte: „Dein Geist belebt, was vorwärts strebt!“ und der König, der schon als Kronprinz immer eine besondere Vorliebe für Stettin hatte, soll diesen Lobspruch sehr freundlich aufgenommen haben. Nächst der Börse ist noch das neue Gymnasium sehenswert, welches die Inschrift führt: Juventuti bonis artibus erudiendae 1832. Machen wir nun einen Spaziergang um die Wälle, wozu eine Erlaubniskarte des Kommandanten nötig ist, so genießen wir freundliche Überblicke über die Stadt und den schiffreichen Strom, und kommen an zwei Toren vorüber, welche durch ihre eigentümliche, mit kriegerischen Emblemen reich geschmückte Bauart unsere Aufmerksamkeit mit Recht auf längere Zeit in Anspruch nehmen. Franz Kugler sagt in seiner pommerschen Kunstgeschichte: „König Friedrich Wilhelm von Preußen ließ diese beiden prächtigen Tore, das Berliner und das Anklamer Tor genannt, bauen, deren reiche und kräftig gehaltene Dekoration zu den schönsten Zierden der Stadt gehört, wie ihnen denn auch nur wenige Festungstore, selbst nicht die sehr berühmten von Verona, an Schönheit voranstehen dürften.“ — Durch die vor dem Anklamer Tore liegende freundliche Plantage gelangen wir in den Logengarten, von dessen Balkon sich der freundlichste Totalanblick der Stadt darbietet. Von hier aus ist das diesem Werke beiliegende Bild von Stettin gezeichnet worden. Das Gebäude rechter Hand, das mit seinem stumpfen Turme die Stadt weit überragt, ist die oben erwähnte Jacobikirche, und das fast damit zusammenhängend scheinende turmreiche weite Gemäuer ist das ebenfalls schon beschriebene alte Schloss. Indem ich dies schreibe, kommt mir zu meinem wahren Schrecken die durch Robert Binders Kunstverlag in Leipzig gestochene Zeichnung von Stettin zu Gesicht, und ich ersehe daraus, dass der Stecher, um es sich bequem zu machen, nicht weniger als 3 Türme am Schloss und an der Kirche völlig unberücksichtigt gelassen hat. Dies im Werke selbst öffentlich zu rügen, bin ich meinem Reisegefährten, dem Landschaftsmaler Bernhard Peters, zu seiner Rechtfertigung schuldig und verbunden. Stettin hat in seinem Logengarten einen sehr hübschen Vereinigungspunkt der eleganten Welt, und wer Freund von weiteren Spaziergängen ist, darf nicht versäumen, die sehr schön gelegenen Orte Grabow und Frauendorf zu besuchen. Der Weg dorthin führt durch die Vorstadt Unterwik und an den Schiffsbauplätzen vorüber, und hat aus diesem Grunde allein schon für den Reisenden, der noch keine im Bau begriffenen Schiffe sah, viel Interessantes. Grabow selbst aber enthält viele freundliche Landhäuser und ist noch besonders merkwürdig dadurch, dass hier, in dem nun verschwundenen herzoglichen Lustschlosse‚ der Aberglaube sein letztes trauriges Opfer fand. Im Jahre 1620 nämlich wurde hier die schöne Sidonia von Bork der Hexerei wegen angeklagt und nach grässlichen Foltern öffentlich verbrannt. Frauendorf bietet Gelegenheit zu einer weiteren hübschen Wasserpartie, die an lieblichen, oft höchst malerisch bebauten Ufern vorüber führt und nicht genug empfohlen werden kann. Den Chroniken zufolge waren die Ufer der Oder auch hier ununterbrochen mit Wein bepflanzt, und Cosmus von Simmern will im Jahre 1616 an der Tafel des Herzogs Philipp zu Stettin sowohl alten als neuen Wein getrunken haben, welcher bei der Stadt in solcher Menge gewachsen sei, dass nach der Aussage des herzoglichen Marschalls über 100 Ohm gepresst worden wären. — Auch ein Spaziergang nach dem nahe gelegenen Fort Preußen ist zu empfehlen. Werfen wir nun noch einen historisch-statistischen Rückblick auf Stettin, so stand vor kaum 1.000 Jahren hier, wo jetzt das regste Leben herrscht, ein Fischerdorf und eine wendische Burg, in der den heidnischen Göttern, dem Triglaf und Swantevit, blutige Opfer gebracht wurden. Bereits im 13ten Jahrhundert scheint Stettin stark befestigt gewesen zu sein, und Gustav Adolph legte 1630 den Grund zu der jetzigen Ausdehnung der Festung; 1677 wurde sie dennoch vom großen Churfürsten erobert, und nach 2 Jahren den Schweden wieder zurückgegeben. 1713 wurde sie von den Russen belagert und heftig beschossen, und 1720 kam sie an Preußen. Leider aber gehört auch Stettin zu jenen in der Geschichte gebrandmarkten Festungen, die sich 1806 ohne Widerstand und Schwertstreich den Franzosen ergaben. Stettin zählt jetzt über 30.000 Einwohner und treibt mit etwa 150 eigenen Seeschiffen einen jährlich bedeutend zunehmenden Handel. Zu den hier jetzt lebenden interessanten Männern gehören: der Dichter Ludwig Giesebrecht, der Komponist Löwe und der Genremaler Most, deren Bekanntschaft zu machen wir so glücklich waren. Rühmenswert ist noch anzuerkennen, dass der hiesige Kunstverein sich die Unterstützung junger talentvoller Maler nach Kräften angelegen sein lässt. Wer wie wir ein Freund von gutem bayrischen Bier und durch das Auf- und Absteigen der bergigen Straßen Stettins müde und durstig geworden ist, der versäume nicht an der Grapengießer- und Breiten-Straßenecke bei dem dort wohnenden Uhrmacher ein Glas echt bayrisches Bier zu trinken; man findet hier stets gute und heitere Gesellschaft.
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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Wanderungen an der Nord- und Ostsee