Pillau

Der Anblick des freundlichen Pillau aber, das nun plötzlich mit seinen grünen Anpflanzungen, seinen Masten und flatternden Wimpeln vor uns lag, machte uns all’ den Sand und all’ die schlechten Wirtshäuser vergessen, die wir hatten passieren müssen. Wie freundlich und sauber sich Pillau präsentiert, ist schon oben erwähnt worden, wo wir’s vom Haff aus erblickten. Gewöhnlich wird aber mit Pillau der Begriff einer selbstständigen See- und Handelsstadt verbunden, wie z.B. Memel und Elbing solche sind, und diese Ansicht müssen wir berichtigen. Pillau ist kein Stapelplatz für Ein- und Ausfuhrartikel, ist nicht der Sitz von Spekulanten, die Millionen in Korn anlegen und für eigene Rechnung und Gefahr Schiffe bauen und in See gehen lassen. Pillau ist der Hafen von Königsberg, genauer noch gesagt, das Abrechnungs- oder Klarierungs-Comptoir aller der Schiffe, die ins Haff gehen oder aus dem Haff kommen. Aus diesem Grunde sind hier fast von allen Nationen Konsulate, und aus diesem Grunde ist Pillau nicht eine finstere Stadt mit hohen Giebelhäusern, die 6 und 7 Kornböden über einander repräsentieren, sondern es ist ein offenes freundliches Städtchen, mit breiten Straßen, worin unter meist niedrigen Dächern Handelsleute, Schiffer, Mäkler, Steuerbeamte, Lotsen u. s. w. friedlich bei einander wohnen.

Unser Einzug, zwölf junge Männer auf einem Leiterwagen, erregte einiges Aufsehen in dem stillen Pillau. Als wir im Wirtshause uns gesäubert und erfrischt hatten, durchschlenderten wir Stadt und Festung, die beide so freundlich und einladend sind, dass es sich nicht beschreiben, wohl aber ahnen lässt, wenn man bedenkt, dass wir hier zwei Freunde fanden, die, trotz dem, dass sie hier viele Jahre hatten unfreiwillig zubringen müssen, und trotz dem, dass sie nun ebenfalls amnestiert waren, sich hier so von der Liebenswürdigkeit Pillaus gefangen und gefesselt fühlten, dass sie es noch nicht zu verlassen vermocht hatten. Pillaus Geschichte ist kurz und einfach. An der Stelle des jetzt so blühenden, von 3.000 glücklichen Menschen bewohnten Städtchens stand vor etwa 200 Jahren nur ein kleines Bretterhaus, worin die Lotsen bei Winterzeit die Seetonnen verwahrten, die Lotsen selbst aber wohnten in Alt-Pillau, wo sich auch die Pfundbude zur Erhebung des Seezolles befand. Als Gustav Adolph 1626 an dieser Stelle landete, ließ er hier ein Blockhaus mit Schanzen und Gräben und mit Baracken für die Besatzung aufführen und legte so den Grund zur Festung und zur Stadt, indem die Fischer nun veranlasst wurden, ihre Hütten zum besseren Absatz ihrer Fische in der Nähe der Soldatenbaracken aufzuschlagen. Unter dem großen Churfürsten ward dann der Plan zu einer Festung ernstlich aufgefasst, und die Quadern eines Teils des alten Ordensschlosses Balga wurden zur Grundlegung verwendet.
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Pillau erhielt 1701 die Jahrmarkts- und 1725 die Stadtgerechtigkeit. Friedrich der Große wollte die Festung eingehen lassen und in wenigen Jahren war sie so vollständig versandet, dass man über die Tore und Wälle bequem weggehen konnte. Friedrich Wilhelm II. ließ sie 1790 wieder aus dem Sande herausgraben und vollständig herstellen. Geschichtlich bemerkenswert ist noch, dass Pillau von dem großen Churfürsten in den 1670ger Jahren zum Konzentrationspunkte seiner großen Seehandels- und Kolonisationspläne gemacht wurde. Unter der Leitung des holländischen Kaufmanns Raule wurde hier eine Flotille von 3 Fregatten zu 20 Kanonen und 10 kleineren Kriegsschiffen zusammengebracht, große Kauffahrer wurden in Pillau erbaut und nun sollten Kolonien erobert, direkte Verbindungen mit Ost- und Westindien angeknüpft und bedeutender Wallfisch- und Heringsfang betrieben werden. Schade, dass uns der Raum nicht gestattet, über das interessante Schicksal der Raule’schen Pläne uns ausführlicher auszulassen. Die mit großen Kosten auf der Küste von Guinea erworbenen und zur Last gewordenen Besitzungen Preußens wurden endlich an die holländische Compagnie für 7.200 Ducaten und 12 Neger verkauft. Zu diesem Entschlusse ward Friedrich Wilhelm I. durch die Erfahrung gebracht, dass seinem Vorfahren die Brandenburgischen Ducaten, welche aus dem von Preußischen Schiffen eingebrachten Goldsande der Küste Guinea’s geprägt werden, mindestens das Stück zwei Ducaten gekostet hatten.

Nachdem wir nun die hübschen Plantagen und Vergnügungsorte durchschlendert hatten und an den schönen Hafen gekommen waren, den die Russen erbauten, als sie Pillau im siebenjährigen Kriege inne hatten, bestiegen wir den schlanken Leuchtturm, um von seiner Zinne das prachtvolle Schauspiel eines Sonnenuntergangs zu genießen. Der Abend war herrlich und das Meer glatt wie ein Spiegel. Das Tagewerk im Hafen war vollbracht, und das lachende Städtchen lag still und lautlos zu unsern Füßen. Da stimmten plötzlich unsere Sänger einen ihrer schönsten Gesänge an, das Lied:

Stimmt an mit hellem hohem Klang,
Stimmt an das Lied der Lieder,
Des Vaterlandes Hochgesang‚
Das Waldtal hall’ es wieder.

(vom alten Claudius); und als die kräftigen Töne dieses choralartigen Gesanges über die Stadt dahin ins Meer wogten, o zu welch malerischem Bilde gestaltete sich da die Stadt und wie innerlich romantisch ward es uns auf unserm Turme. Hunderte von Fenstern öffneten sich da unten im Glanz der Abendsonne und aus gar manchem blickte ein freundlicher Mädchenkopf mit großen klaren Augen zum Leuchtturm hinauf. Und als sie unter uns die hohen kräftigen Gestalten ihrer beiden langjährigen Gefangenen erblickten, die sich, der eine als Lehrer, der andere als Arzt in der Zeit der Cholera so allgemein beliebt in Pillau gemacht hatten, da erwachte, wie es schien, für uns Alle ein günstiges Vorurteil, und eine freudige Bewegung gab sich hier und dort durch Nicken und Tücherschwenken kund. Ich forderte unsern Maler scherzhaft auf, Pillau in dieser malerischen Anschauung zu skizzieren. Dem amen Jungen waren aber gleich Manchem unter uns die Tränen in die Augen getreten, und mit wehmütigem Kopfschütteln gestand er die Unzulänglichkeit der Kunst. Manches Lied noch tönte glockenklar in die lauschende Stadt hinab und erst als die Sonne hüpfend ins Meer zu sinken und der Herdrauch der Kamine zu schwinden begann, verließen wir innig bewegt den Leuchtturm. Das Städtchen war lebendig geworden. Unsere Sänger hatten so gefallen, dass der Bitten von schönen Lippen gar manche kamen und nicht zurück gewiesen werden konnten. So wurden denn in der herrlichen Nacht noch verschiedene Ständchen gebracht, die gewiss in Jedem unter uns schöne Erinnerungen zurück gelassen haben. Am andern Morgen erfolgten die freundlichsten Einladungen, und wir lernten die Gastlichkeit und die Weinkeller der Pillauer von der liebenswürdigsten Seite kennen.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Wanderungen an der Nord- und Ostsee