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Um 1800 - Architektur und Handwerk im letzten Jahrhundert ihrer traditionellen Entwicklung. Band 2

Palais und städtische Bürgerhäuser, Land- und Herrenhäuser, Gartenhäuser, Tore, Brücken, Innenräume und Hausgerät
Autor: Mebes, Paul (1872-1938) deutscher Architekt, Architekturtheoretiker und Hochschullehrer, Erscheinungsjahr: 1908
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Archtektur, Handwerk, Baumeister, Palais, Schlösser, Bürgerhäuser, Landhäuser, Herrenhäuser, Gartenhäuser, Tore, Brücken, Tore, Hausgerät, Inneräume, Wohnungswesen
Wer täglich Gelegenheit und Veranlassung hat, sich mit dem Wohnungswesen zu beschäftigen, wird mir darin zustimmen, daß unsere Wohnungsverhältnisse alles andere als erfreulich sind. Es werden alljährlich Tausende neuer Wohnungen geschaffen, die in erster Linie den Zweck erfüllen müßten, den Bedürfnissen der Bevölkerung Rechnung zu tragen; wie wenige erfüllen aber diesen Zweck! Wir alle wissen, daß bei der Errichtung der Wohnhaus-Neubauten, besonders für die unteren und mittleren Volksschichten, allein der Gesichtspunkt maßgebend ist, aus der Bauparzelle eine möglichst große nutzbare Fläche herauszurechnen, soweit die baupolizeilichen Bestimmungen es nur gestatten. Ich betone das Wort „herausrechnen“, denn von einem zweckentsprechenden Grundriss-Entwurf kann nur in seltenen Fällen die Rede sein.

Alle Rücksichten, die ein gewissenhafter Architekt beim Entwerfen eines Wohnhauses zu beachten sich bemüht, wie z. B. Anordnung der Wohn- und Schlafzimmer nach den Sonnenseiten, finden hier nur in den seltensten Fällen die ihnen gebührende Rücksicht. Die höchste Verzinsung der Anlage zu erzielen, das ist die erste und letzte Forderung des Bauherrn. Wer sind nun aber heutzutage unsere Bauherren? Die weitaus größte Menge besteht aus Bodenwucherern und Bauspekulanten von oft mehr als zweifelhafter Bildung und Herkunft. Sie haben es im Laufe der letzten Jahrzehnte durch ihre gemütlosen Baupläne fertiggebracht, dass die alte Schönheit unserer Städte und Dörfer verschandelt oder gar für immer verschwunden ist. Fast alle Neubauten werden zu Spekulationszwecken errichtet. Der Erbauer baut das Haus nicht mehr für sich oder für einen bestimmten Auftraggeber. Nur so ist es möglich und erklärlich, dass alljährlich Hunderte von Bauten entstehen, die in Zeichnung und Ausführung einer Kritik nirgends standhalten. Wie zusammengewürfelt und charakterlos sehen die neuen Straßen und Plätze aus! Da ist auch nicht eine Spur jener harmonischen Stimmung, wie wir sie noch in manch alter Stadt genießen können. Die Lage unseres Hausbaues ist trostlos, wir sind wirklich am Ende unserer Kunst! Wie viel ist hierüber nicht schon von berufener Seite geredet und geschrieben worden, aber noch immer will sich eine energische Wendung zum Bessern nicht bemerkbar machen. Das wenige Gute, das eine kleine Zahl echter Künstler geschaffen hat, wird immer wieder vernichtet durch die rohe Masse der Mietkasernen. Was wir jetzt an und in unseren Häusern zu sehen bekommen, ist Lug und Trug und krasse Unbildung. Wir, die wir uns rühmen, auf einer hohen Kulturstufe zu stehen, begnügen uns mit Wohnungen, die einen bisher unerreichten künstlerischen Tiefstand bedeuten. Noch spielen bei der Ausschmückung unserer Wohnungen der Stuckateur und der Stubenmaler die erste Rolle; sie suchen sich gegenseitig durch Häufung von Ornamenten schlimmster Sorte zu überbieten. Von den Türen, Öfen, Tapeten bis zum Wandanstrich der Küche ist alles von wenig vornehmer Auffassung und durchweg minderwertiger Ausführung. Noch trauriger steht es mit der Wohnungseinrichtung selbst, vor allem dem Mobiliar. Die Möbel des kleinen Mannes sind noch immer minderwertige Nachbildungen der des reichen. Der Arme will hinter dem Begüterten nicht zurückstehen, wenigstens dem äußeren Scheine nach. Auch er will geschnitzte Stühle, eine reich verzierte Lampe, schwere Vorhänge und große Teppiche haben. Dass diese äußerliche Gleichmacherei aber stets auf Kosten der Gediegenheit und Haltbarkeit der einzelnen Gegenstände geschieht, dafür ist das gesunde Gefühl verloren gegangen. Selbst die Einrichtungen, welche wir bei den Wohlhabenden und Gebildeten antreffen, zeugen meist von dem Mangel jedes künstlerischen Empfindens. Ich kenne aus eigener Anschauung sehr viele Wohnungseinrichtungen reicher, gebildeter und weitgereister Leute, bei denen nicht ein Stück des Hausgeräts, noch ein Quadratmeter Wand- oder Deckenfläche einigermaßen annehmbar erscheinen. Im vorigen Jahre habe ich auf meinen Reisen für das vorliegende Werk in vielen Städten unseres Vaterlandes, sowohl in bürgerliche als auch in fürstliche Wohnräume Einblick tun können.

Nirgends fand ich in ihnen den Ausdruck vielgepriesener deutscher Häuslichkeit und deutschen Familiensinns! Ich hatte bis dahin geglaubt, dass wenigstens in den Schlössern die Tradition noch das Gute und Alte bewahrt hätte; aber auch hier bin ich eines anderen belehrt worden. Ich habe eine Reihe neu eingerichteter fürstlicher Wohnungen zu Gesicht bekommen, die von einer unglaublichen Geschmacklosigkeit Zeugnis ablegen. Manchmal traf ich unter all dem charakterlosen Zeug auf ein einzelnes Zimmer aus der Zeit unserer Großeltern. Oft war es auch nur ein Sofa, ein Schrank oder eine Lampe, die aus jener Zeit stehen geblieben waren, — sie erfreuten mein Auge, redeten in ihrer Vereinsamung eine beredte Sprache und führten mir um so deutlicher vor Augen, wohin unsere hochgebildete und wohlhabende Zeit in der Ausstattung unserer Wohnräume geraten ist. Wie oft hat mich der Anblick der Arbeitsstätte eines geistig hochstehenden Mannes enttäuscht; sie war ein deutlicher Beweis, dass er allem, was ihn umgab, eine erschreckende Gleichgültigkeit oder Verständnislosigkeit entgegenbrachte.

Museen, Ausstellungen, Vorträge, Bibliotheken und Lesehallen stehen allen Schichten des Volkes zur Benutzung frei, und doch — wie wenig haben alle diese überreichen Bildungsmittel bisher dazu beigetragen, im Volke wieder das alte Interesse für seine Wohnstätten lebendig zu machen! Den Einsichtigen wird das nicht wundernehmen, es sind eben nur armselige Mixturen der traurigen Zeitkrankheit gegenüber!

Die Frage, wie unsere Zeit in diesen Tiefstand künstlerischen Verständnisses für Haus und Wohnung geraten ist, dürfte durch einen kurzen Rückblick auf die letzten hundert Jahre sich unschwer beantworten lassen. Mit den napoleonischen Kriegen war eine tiefe Verarmung ganzer Volksschichten und damit ein Stillstand in der stetigen Fortbildung traditioneller Kunst auf Jahrzehnte hinaus eingetreten. Als dann mit den siebziger Jahren plötzlich großer Reichtum ins Land kam und sich für die Baukunst und das Handwerk Aufträge in Hülle und Fülle darboten, musste sich naturgemäß das Fehlen ausreichend künstlerisch geschulter Kräfte und künstlerisch gebildeter Besteller bemerkbar machen. Die Bau- und Bodenspekulation trat ihre Herrschaft an!

Ganz abgesehen davon, dass sich infolge des jäh gestiegenen Wohlstandes ein mächtiges Parvenütum entwickelte, dessen schwere Hände noch heute auf allen Gebieten der Kunst und des Handwerks lastend ruhen, standen ehrlich strebende künstlerische Kräfte der bis auf den heutigen Tag gesteigerten Bautätigkeit in genügender Anzahl nicht zur Verfügung, und die Verwirrung und Haltlosigkeit wurde immer größer. Nicht mehr der Baukünstler ist der Schöpfer unserer Straßenbilder, sondern der Bauspekulant, der wunder was zu vollbringen glaubt, wenn er seine Häuser mit hohen Kuppeln und Türmen und reichen Giebeln bepackt und den „Eingang für Herrschaften“ mit blendendem Marmor beklebt!

Welcher Architekt hätte nicht schon oft die Enttäuschung erlebt, dass sein einfach gehaltener, aber künstlerisch tiefempfundener Entwurf — sei es für eine Fassade oder eine Innenausstattung — von dem Auftraggeber als zu nüchtern oder als unschön zurückgewiesen wurde!

Unsere Straßen und Plätze, sowohl in der Stadt als auf dem Lande, sind nicht mehr wie in früheren Zeiten ein Bild künstlerischer Harmonie, sondern jetzt sucht ein Haus das andere durch willkürliche Motive und protzenhafte Formen zu überbieten. Es ist grundsätzlich falsch, bei einem einfachen bürgerlichen Wohnhaus als Motive Kuppeln und Türme zu verwenden, die an Umfang und Bedeutung sich nur für einen öffentlichen Monumentalbau eignen. Was helfen uns alle Entwürfe zur künstlerischen Aufteilung neuer Stadtviertel, wenn verständnislosen Bauherren nach wie vor gestattet wird, ganze Straßenzüge mit ihren überladenen, jedes künstlerische Empfinden verletzenden Neubauten zu verunzieren? Wie wunderbar wirken zwischen all diesem Wirrwarr die Schöpfungen von Männern wie Messel, Hoffmann, Gabriel Seidl! Wie einfach und doch monumental sind die Bauten des Berliner Stadtbaurats Hoffmann, welche wundervolle Schlichtheit zeigen Messels und Seidls Landsitze und Landhäuser, trotzdem hier oft unbeschränkte Summen zur Verfügung stehen; wie meistern sie ihre Phantasie und sparen ihre Mittel für den Kern des Gebäudes, für die Ausstattung und Einrichtung auf! Und doch können uns unsere bewährten Führer allein die alte Schönheit unserer Städte nicht wiedergeben, da ihre Werke erdrückt werden von der Masse des Mittelmäßigen und Schlechten. Solange noch die Architekten — aus eigenem Antriebe oder dem Wunsche des Bauherrn folgend — heute ein Haus im romanischen Stil, morgen ein solches in Gotik oder Rokoko errichten, werden wir nicht zu der unbedingt erforderlichen einheitlichen Ausdrucksweise in der Baukunst gelangen. Noch immer wird der Hauptwert darauf gelegt, dass sich das neu zu erbauende Haus möglichst vom nachbarlichen unterscheide und durch Absonderlichkeiten die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich ziehe. In der Stadt haben wir uns an diese Unsitte längst gewöhnen müssen, aber auch auf dem Lande und in den Landhausbezirken größerer Städte sieht man schon die Architekten in mehr oder weniger originellen Sonderleistungen sich überbieten. In den vielen Landhaus-Kolonien, die in letzter Zeit in der Nähe der größeren Städte entstanden sind, herrscht alles andere als Ruhe und Harmonie. Noch immer versteht die große Menge unter einer Villa oder einem Landhaus ein Haus mit recht vielen Türmen, Galerien und Erkern, trotz der überzeugenden Schriften eines Muthesius und Schultze-Naumburg *) und trotz einer Reihe mustergültiger moderner Schöpfungen. Selbst die Darmstädter Künstler-Kolonie auf der Mathildenhöhe kann ich nicht als Vorbild für eine gute Landhausansiedlung ansehen. Ganz abgesehen von oft fragwürdigen Einzelheiten ist die Kolonie eine Ausstellung mehr oder minder origineller Baulichkeiten, die in ihrer Gesamtheit nichts weniger als einheitlich wirken und nirgends gleiches Wollen und gemeinsames Ziel erkennen lassen. Nicht nur Künstler und Handwerker, sondern alle, denen die Schönheit ihrer Heimat und ihrer Häuslichkeit am Herzen liegt, sollten sich die Hand reichen, um in ehrlichem Streben der Baukunst und ihrem treuen Gehilfen, dem Handwerk, die ehemalige Bedeutung wieder zu erringen. Der Weg dahin ist weit. Noch haben wir ihn kaum betreten. Es bedarf der Energie und der Selbstlosigkeit der besten unter den Künstlern, soll das fern winkende Ziel erreicht werden. Die erste und letzte Forderung sei und bleibe gerichtet auf die Wiedererlangung einer einheitlichen, auch dem Volke verständlichen Kunstsprache. Erst dann werden wir wieder mit der Sachlichkeit, der Liebe und dem Feingefühl unserer Altvordern unsere Häuser bauen und unsere Wohnungen ausgestalten. Wir werden wieder schöne Straßen sehen und in den Wohnungen den Ausdruck eines gesunden Familienlebens finden.

*) Ich verweise hier besonders auf : Paul Schultze-Naumburg, Kulturarbeiten, München (G. D. W. Callwey) und Hermann Muthesius, Landhaus und Garten, München (F. Bruckmann, A.-G.).

Dieser zweite Band wendet sich mehr als der erste auch an Laienkreise. Habe ich mich bei dem ersten Band auf eine übersichtliche Zusammenstellung verwandter Motive absichtlich beschränkt, so möchte ich hier nicht versäumen, die besonders wertvollen und charakteristischen Abbildungen erläuternd hervorzuheben und zusammenzufassen. Von den vorgeführten Palais verdient das aus Goethes Zeit her allgemein bekannte Wittums-Palais in Weimar die größte Beachtung. Mit einfachen Mitteln und bescheidenem Material hat hier der Architekt ein Werk geschaffen, das noch für lange Zeit das Muster eines vornehmen und doch behaglichen Hauses sein wird. Von gleichem, wenn auch etwas offiziellerem Charakter sind die Beispiele aus Leiden, Mannheim und Haag (Seite 26, 27 und 29). Viel Verwandtes miteinander haben das Palais Waitz in Kassel und das Dresdener Palais Cosel, dessen niedrige Seitenflügel später angefügt worden sind. Vorzügliche Beispiele herrschaftlicher Haushaltungen bringen die Fassaden des Palais Bretzenheim in Mannheim und des Brühl'schen Palais in Dresden zum Ausdruck. Mit Trauer müssen uns die Abbildungen des von Schlüter erbauten Palais an der Kurfürstenbrücke in Berlin und des Dresdener Prinz-Max-Palais erfüllen, die beide für immer von der Bildfläche verschwunden sind! Die Abbildung des ersteren, der sogenannten alten Post, zeigt uns trotz der schon sehr verschandelten Fassade ein unübertreffliches Beispiel eines vornehmen Palais, das uns trotz seiner frühen Entstehung in hohem Maße modern anspricht. Wie wohnlich schaut uns trotz seiner monumentalen Formen das köstliche Prinz-Max-Palais an, das schon etwas von dem Charakter eines fürstlichen Landsitzes an sich hat. Von bescheidenerem Ausdruck sind die Fassaden der Bauten aus Karlsruhe, Mannheim, Dresden, Kassel und Berlin (Seite 35 — 41).

Die reizvolle Anlage des bei der Erbauung der Börse im Jahre 1859 abgebrochenen Palais in der Burgstraße zu Berlin leitet schon merklich zum Landhausbau hinüber. Den Typus der Reihenhäuser vertreten die Patrizierhäuser aus Amsterdam, Breda, Düsseldorf, Lübeck, Trier, Kopenhagen, Memel, Middelburg u. s. w. Einfachere Motive sehen wir in den Häusern aus Helgoland, Stadtlohn, Bielefeld, Wilster, Speier, Vyborg und Kiel. Auf die reizvollen Backsteinfassaden des leider niedergelegten Hauses Michelsen, von dem ich nur eine alte Zeichnung bringen kann, und des ehemaligen Hauses der Etatsrätin in Wilster, sowie der beiden Vyborger und Kieler Häuser sei besonders hingewiesen. Mit der prächtigen, 1805 erbauten jetzigen Villa Holland am Siegesplatz in Braunschweig gelangen wir zu der Gruppe der Landhäuser. Leider hat diese schöne mustergültige Fassade durch die Beseitigung der alten Sprossenfenster (vgl. Photographie mit Zeichnung) sehr an Reiz verloren. Von besonders vorbildlichem Interesse sind die Landhäuser aus Winterthur, Kassel, Bremen, Lübeck und Braunschweig, die trotz ihrer großen örtlichen Entfernungen einen auffallend gleichartigen Ausdruck tragen. Die Abbildung auf Seite 65 zeigt uns wiederum ein Schlüter'sches Werk, das ehemalige von Kamecke'sche Landhaus, noch in der alten anheimelnden Umgebung. Gute Vorbilder einer bescheidenen bürgerlichen Bauweise bringen die Abbildungen auf Seite 66 und 67. Der Backsteinfassade des amerikanischen Landhauses in Charleston mit seiner im ersten Band größer wiedergegebenen reizvollen Freitreppe wird mancher nicht ansehen, dass es bereits im Jahre 1800 erbaut worden ist. Daran anschließend ist eine Anzahl von Landhäusern abgebildet, die zum großen Teil den Charakter von Herrensitzen tragen. Vor allem sind es die noch in größerer Anzahl in der Umgegend von Hamburg aus der Zeit um 1800 vorhandenen Landhäuser (Seite 71 und 72), und ferner die bescheidenen Palais aus Darmstadt (Seite 69 und 70). Noch immer steht seltsamerweise das auf Seite 71 wiedergegebene einfache und uns doch so einnehmende Haus in der vornehmen Tiergartenstraße zu Berlin. Welch angenehmer Kontrast zwischen diesem Hause und manchen überreichen Palais und Villen in dieser Straße! — Ein beredtes Beispiel gegen die Beschränkung in der Errichtung von Vorgärtenmauern gibt uns die Zeichnung von dem Landhaus in der Goslarschenstraße in Braunschweig. Es ist doch eine Härte, dass es oft durch die Kurzsichtigkeit der Behörden zur Unmöglichkeit gemacht wird, den Garten durch eine schöne Mauer gegen die Blicke Neugieriger abzuschließen.

Man kann es allenthalben auch bei guten Landhäusern beobachten, dass die Kunst des Architekten mit der Haustür endigt. Von hier ab ist der Landschaftsgärtner unumschränkter Herr, der es versteht, aus dem Gärtchen von wenigen Quadratruten einen Park mit Berg und See dem Besitzer vorzutäuschen. Die ganze Herrlichkeit findet ihren krönenden Abschluss in einem weitmaschigen Drahtzaun, hinter welchem, wenn es hoch kommt, eine mehr oder weniger gut gepflegte lebende Hecke dem Einblick Unberufener zu wehren sucht. Eine gute Einfriedigung, sei es nun eine Mauer oder ein einfacher Holzzaun, gehört ebenso wohl zum Hause wie zum Garten und ist daher eine wichtige Vorbedingung für eine harmonisch abgeschlossene Landhaus-Anlage. Eine sehr empfehlenswerte Vorgarten-Einfriedigung zeigt uns die Abbildung des Landhauses in Winterthur auf Seite 62, die einen Einblick in den schmalen Vorgarten gestattet, während der eigentliche Garten durch eine mäßig hohe Mauer abgeschlossen ist. Ruhig und stattlich lagert an der schönen, mit alten Bäumen besetzten Dorfstraße in Zehlendorf das Guts- und Herrenhaus Pasewalk, noch heute eine Zierde des aufstrebenden Berliner Vororts. Leider haben sich die hier in letzter Zeit zahlreich entstandenen neuen Landhäuser herzlich wenig von der gesunden Sachlichkeit dieses alten Hauses beeinflussen lassen.

Klassische Vorbilder moderner Landhäuser zeigen uns die beiden Aufnahmen aus der Umgegend von Hamburg auf Seite 76. Wie sehr die Fassaden durch schön gezeichnete Sprossenfenster an Reiz gewinnen, sehen wir aus den beiden Beispielen des Bergischen Landes auf Seite 77. Dass die Schönheit einer Fassade andererseits durch das Fehlen der Sprossenteilung leidet, zeigt uns unter anderem das alte Landhaus in der Campestraße in Nürnberg und, wie schon früher erwähnt, die sogenannte Villa Holland in Braunschweig. Mit Liebe vertiefe man sich in den Anblick der bescheidenen, aber doch so poetischen Häuser aus Stukshof bei Langfuhr, bei Dessau und aus Sudenburg bei Magdeburg.

Auch unter den Abbildungen von Schloss- und Herrenhausanlagen auf dem Lande, die meist alten Familien zum Wohnsitze dienten, muten uns die meisten so frisch und modern an, als hätten wir es mit Schöpfungen aus unsrer Zeit zu tun, so z. B. die phantasievolle Backsteinfassade des Rüschhauses in Westfalen, das graziöse Schloss Exten, das Bansa'sche Haus in Sachsenhausen, das Haus Wahn usw. Von einer rührenden Einfachheit und doch wohltuenden Behaglichkeit ist das alte Gutshaus bei Köslin. Ein wahres Kleinod und klassisches Vorbild eines vornehmen Landsitzes ist das auf Seite 100 wiedergegebene Herrenhaus Frydenlund in Dänemark.

Die zahlreichen Beispiele von Toreinfahrten, Orangerien, Gartenhäusern, Pavillons usw. mögen für sich sprechen. Auch hier können wir nur die reiche Phantasie unserer Vorfahren bewundern lernen, die mit geringen Mitteln und bescheidenem Material so anmutige Werke geschaffen haben.

Wenn auch die Bedingungen und Ansprüche, die wir an unsere Häuslichkeit stellen, heutzutage andere sind, als vor 100 Jahren, so ist doch immerhin der Unterschied keineswegs so groß, dass wir nicht in den Schöpfungen der damaligen Zeit, vor allem was Wohnungsausstattung und besonders das Mobiliar anbetrifft, in hohem Maße vorbildliche Anregung finden könnten. Selbst die uns so verwöhnenden Fortschritte der Technik, wie Zentralheizung und Lichtanlagen, haben bis heute nur verhältnismäßig geringe Änderungen in der ästhetischen Durchbildung unserer Wohnungen hervorgerufen. Das gesellschaftliche Leben stellt noch heute ähnliche Forderungen wie damals an die offiziellen Räume einer vornehmen Haushaltung. Vor allem aber bezaubern uns die behaglichen Wohnräume jener Zeit, aus denen gesunde Sachlichkeit und wohltuende Ruhe sprechen.

Schöne Innentreppen aus Holz trifft man noch an zahlreichen Orten. Die meist weiß gehaltenen Geländer bestehen entweder aus Traillen oder aus durchbrochenen Verbretterungen. Es sei besonders auf die gewundene Treppe in dem Hause Lienau in Frankfurt a. O. und auf das schöne Geländer der Treppe im Bierbaum'schen Hause zu Braunschweig hingewiesen. Ein Innenraum von interessanter Wirkung ist der durch die nachträgliche Aufstellung der Bänke leider etwas entstellte Bibliotheksaal in St. Blasien, der uns in seiner auffallend geringen Höhenabmessung an moderne Raumgestaltungen erinnert. Eine besonders feinempfundene Arbeit sehen wir in dem Turmstübchen, welches jetzt das Historische Museum in Frankfurt a. M. schmückt.

Besonders möchte ich noch diejenigen Möbel erwähnen, welche den Anspruch machen können, als „modern“ im vollsten Sinne des Wortes zu gelten. Wir werden sehen, dass uns gerade das reifste und abgeklärteste unserer modernen Künstler an diese alten Vorbilder lebhaft erinnert. Mustergültige Sofas zeigen uns die Abbildungen der Seiten 134, 136, 137, 160, 162, 163 und nicht zuletzt die auf den Seiten 167, 169 und 171. Festliche Stimmung atmen die vornehmen Arbeiten auf den Seiten 165 (Gotha) und .175 (Berlin). Von flüssiger Zeichnung sind die Armlehnstühle im Vordergrund des heiteren Gartensaales zu Liselund, aus dem Jagdschloss Lindich und dem Schlosse in Arnstadt (S. 135, 137 und 160). Von vollendeter Form bei aller Einfachheit sind die Lehnstühle aus dem National-Historischen Museum in Frederiksborg und aus dem Adjutantenzimmer in Würzburg (S. 144 und 175). Ein paar treffliche Repräsentanten des alten ehrwürdigen Großvaterstuhls sind auf Seite 180 wiedergegeben. Der einfache und bequeme Stuhl, ohne Zweifel eine der schwierigsten Aufgaben im Möbelbau, ist in einer Reihe von guten Beispielen vertreten, vor allem auf den Seiten 181 und 184.

Runde Tische, auf deren Verwendung man jetzt wieder zurückkommt, finden wir in großer Anzahl. Bei der Auswahl der Schränke habe ich mich von dem Gesichtspunkte leiten lassen, möglichst einfache und praktische Beispiele zu zeigen. Während die beiden „Sekretäre“ auf Seite 145 von etwas reicherer Durchbildung sind, sehen wir in den drei Schränken aus dem Residenzschloss Würzburg und dem Märkischen Provinzial-Museum (S. 147 und 144) vorbildliche Beispiele für schlichte, aber recht anständige Möbel. Von ähnlichem Charakter und guter einfacher Form sind die Beispiele auf den Seiten 152 und 153. Viel Verwandtes zeigen uns die Schränke aus Lüneburg, Gotha, Neubrandenburg und Berlin, die für uns wegen ihrer ruhigen Flächenwirkung von besonderem Interesse sind. Unter den Schreibtischen geben uns in erster Linie die Abbildungen der Seiten 155 und 156 vorbildliche Anregungen. Auch die alte praktische Kommode, die leider immer mehr aus der Mode zu kommen scheint, ist auf den Seiten 154, 173 und 174 verschiedentlich würdig vertreten. Von überraschender Phantasie und Feingefühl zeugen die mit sicherer Hand entworfenen kleineren Gegenstände wie Etageren, Figurenständer, Tischchen, Ofenschirme, die Wand- und Toilettenspiegel usw. Abgesehen von den etwas barocken Formen der beiden Beispiele aus Ludwigslust auf Seite 183 (unten) glaube ich, dass die von mir vorgeführten Gartenbänke auch den modernsten Ansprüchen genügen. Ebenfalls einwandfrei im Entwurf und in der Ausführung sind die auf Seite 184 und 185 wiedergegebenen Standuhren aus Gotha und Lübeck, die auch heute noch einem mit auserlesenem Geschmack eingerichteten Zimmer zur Zierde gereichen würden. Ein wichtiger dauernder Bestandteil unserer heutigen Zimmerausstattung sind die Öfen. Noch immer wird der mit minderwertigem Ornament überladene Ofen allgemein bevorzugt, und es ist geradezu unglaublich, welchen Geschmacklosigkeiten man auch in besseren Wohnungen täglich begegnet. Abgesehen von den reicheren Rundöfen auf den Seiten 190 und 192 sind es vor allem die schlichten Beispiele aus Ludwigslust, Fürstenberg, Kassel (S. 190 u. 191) und die in bester Technik ausgeführten gusseisernen Öfen, auf die ich die Aufmerksamkeit, ganz besonders die der Töpfermeister, hinlenken möchte.

Von einer umfangreicheren Veröffentlichung aus dem Gebiete der Kleinkunst musste hier aus Mangel an Raum abgesehen werden, doch sei es mir gestattet, auf ein paar schöne Erzeugnisse hinzuweisen, die von der reichen Erfindung und vollendeten Handfertigkeit der damaligen Zeit ein rühmliches Zeugnis ablegen, auf die kostbare Standuhr im Besitz der Familie von Beckerath und den leichten und graziösen Kronleuchter aus dem Nationalmuseum in München.

Man wird diese Sammlung nicht aus der Hand legen können, ohne die Überzeugung gewonnen zu haben, dass unsere Altvordern vor hundert Jahren auf dem Gebiete von Architektur und Handwerk Mustergültiges geschaffen haben. Möge meine Arbeit dazu beitragen, den Geschmack nicht nur der Künstler und Handwerker, sondern auch der weitesten Kreise zu läutern und zu bilden!

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009 Danzig – Am Olivaer Tor
010 Burg Schlitz in Mecklenburg
011 Dresden – Schloss „Antons“ (Vgl. S. 90)
013 München – Schloss Nymphenburg
014 Egelshofen (Kanton Thurgau) Ehemaliges Landhaus, jetzt Schulhaus
015 Zofingen (Kanton Aargau) – Wohnhaus
016 Eingang zu Steckners Weinberg bei Naumburg a. d. Saale
018 Bautzen
018 Gartentür bei Duderstadt
019 Abtei Schönthal – Ordenssaal
020 Paretz – Schloss
021 Mannheim – Schloss (Vgl. Seite 150)
022 Würzburg – Schloss
022 Mannheim – Schloss
023 München – Eiserne Tür im Hauptzollamt
024 Eutin – Berlin - Liselund
025 Weimar – Wittumspalais (1767)
026 Leiden (Holland) – Rassenburg 48
027 Berlin – Alte Post an der Kurfürstenbrücke von Schlüter (um 1710. Abgebrochen)
027 Mannheim – Palais Bassermann am Marktplatz (1830)
028 Kassel – Palais am Theatherplatz (um 1770)
029 Mannheim – Palais Bretzenheim (1782-88)

010 Burg Schlitz in Mecklenburg

010 Burg Schlitz in Mecklenburg

011 Dresden – Schloss „Antons“ (Vgl. S. 90)

011 Dresden – Schloss „Antons“ (Vgl. S. 90)

013 München – Schloss Nymphenburg

013 München – Schloss Nymphenburg

014 Egelshofen (Kanton Thurgau) Ehemaliges Landhaus, jetzt Schulhaus

014 Egelshofen (Kanton Thurgau) Ehemaliges Landhaus, jetzt Schulhaus

015 Zofingen (Kanton Aargau) – Wohnhaus

015 Zofingen (Kanton Aargau) – Wohnhaus

016 Eingang zu Steckners Weinberg bei Naumburg a. d. Saale

016 Eingang zu Steckners Weinberg bei Naumburg a. d. Saale

018 Gartentür bei Duderstadt

018 Gartentür bei Duderstadt

019 Abtei Schönthal – Ordenssaal

019 Abtei Schönthal – Ordenssaal

020 Paretz – Schloss

020 Paretz – Schloss

021 Mannheim – Schloss (Vgl. Seite 150)

021 Mannheim – Schloss (Vgl. Seite 150)

022 Würzburg – Schloss

022 Würzburg – Schloss

022 Mannheim – Schloss

022 Mannheim – Schloss

023 München – Eiserne Tür im Hauptzollamt

023 München – Eiserne Tür im Hauptzollamt

024 Eutin – Berlin - Liselund

024 Eutin – Berlin - Liselund

025 Weimar – Wittumspalais (1767)

025 Weimar – Wittumspalais (1767)

026 Leiden (Holland) – Rassenburg 48

026 Leiden (Holland) – Rassenburg 48

027 Berlin – Alte Post an der Kurfürstenbrücke von Schlüter (um 1710. Abgebrochen)

027 Berlin – Alte Post an der Kurfürstenbrücke von Schlüter (um 1710. Abgebrochen)

027 Mannheim – Palais Bassermann am Marktplatz (1830)

027 Mannheim – Palais Bassermann am Marktplatz (1830)

028 Kassel – Palais am Theatherplatz (um 1770)

028 Kassel – Palais am Theatherplatz (um 1770)

029 Mannheim – Palais Bretzenheim (1782-88)

029 Mannheim – Palais Bretzenheim (1782-88)