Ist die Wahl des Seebades gleichgültig?

Zur genügenden Beantwortung dieser Frage muß notwendig erst die Beantwortung der Vorfrage vorausgehen: was für Eigenschaften ist der Arzt berechtigt von einem kräftigen Seebade zu fordern, um von dessen Gebrauche Wirkung und Erfolg erwarten zu können? Diese Eigenschaften beziehen sich natürlich nur auf die essentiellen Dinge, deren gemeinsames Vorhandensein unerläßlich und als gegeben an dem Orte vorausgesetzt werden muß, den man ein Seebad nennen kann, und welche also die seine Existenz bedingenden Elemente sind. — Es sind dieses folgende vier, das Seewasser, worin man badet, der Strand, worauf man badet, die Atmosphäre, worin man lebt, und das Terrain, worauf man vor und nach dem Bad sich körperlich bewegt.

Der Arzt fordert nun in Bezug auf das Seewasser:


1. Einen starken Gehalt an Salzen und sonstigen das Seewasser als solches charakterisierenden Bestandteilen.

2. Eine hinreichende Entfernung von den Mündungen der Flüsse, um gegen die Beimischung ihres süßen Wassers geschützt zu sein.

3. Reinheit des Seewassers, ohne Schmutz und Schlamm.

4. Kräftigen Wellenschlags*) und

5. Ebbe und Flut.

*) Das, was man eigentlich Wellenschlag in einem Seebade nennt, wird allein durch die steigende Flut hervorgebracht, und ist daher wie diese eine selbstständige Bewegung, Undulation der ganzen Wassermasse des Weltmeers, stets in ein und derselben Richtung vom hohen Meere aus nach der Peripherie, der Küste zu, welche, eben, weil sie an die Flut gebunden ist, dieselbe Periodizität und Abhängigkeit von der größeren und geringern Erdnähe der Sonne und des Mondes zeigt, wie diese es tut. Die Winde können diesen Wellenschlag verstärken oder schwächen, je nachdem sie see- oder landwärts wehen, allein hervorbringen können sie ihn nicht. In den Meeren, die mit dem Weltmeere zusammenhängen und deshalb Ebbe und Flut haben, ist der Wellenschlag daher etwas Aktives, während die Wellenbewegung derjenigen Meere, welche der selbstständigen Lebensäußerung der Ebbe und Flut entbehren, etwas Passives, nur von den Stürmen und Winden und deren bestimmter Richtung Abhängiges ist. Deshalb kann in der Ostsee und in dem Mittelländischen Meere wohl von Wellen (bei stürmischem Wetter) von eigentlichem Wellenschlage aber gar keine Rede sein.

T.F.M. Richter in seinem 1836 erschienenen Werke: Die Wasserwelt oder das Meer und die Schifffahrt, pag. 338 und folg. gibt an, daß der gewöhnliche Unterschied zwischen Fluthöhe und Ebbe an den niederländischen und deutschen Küsten der Nordsee, das ganze Jahr hindurch 10—12 Fuß beträgt und mitunter durch die Richtung des Windes bis auf 20 Fuß steigen kann.— Im Mittelländischen Meere zeigt sich in Folge des Einströmens des atlantischen Meers durch die Meerenge von Gibraltar zwar Ebbe und Flut, aber an den meisten Stellen ohne merklichen Einfluß auf Steigen und Fallen, am deutlichsten noch östlich von Malta, besonders im adriatischen Meere, wo der Unterschied jedoch nur 1—2 Fuß beträgt. Daher auch die Alten, ehe sie die großen Meere durchschifften, mit dieser Naturerscheinung nicht bekannt waren, und die Griechen, welche Alexander den Großen auf seinem Heerzuge nach Indien begleiteten, von Erstaunen ergriffen wurden, als sie die hohe Flut, welche das indische Meer in den Indus sendet, erblickten. — In der Ostsee bemerkt man gar nichts von einer eigentlichen Ebbe und Flut.



Ferner in Bezug auf den Strand:

1. Festen, sandigen Boden, frei von sogenanntem Schlick, Steinen und Muscheln.

2. Allmähliches Abdachen des Ufers ohne Tiefen.

3. Gänzliche Gefahrlosigkeit für die Badenden.

Ferner in Bezug auf die Atmosphäre:

1. Stets reine, frische Seeluft, ungemischt mit dunstgeschwängerter Landluft, aber auch frei von dem verpestenden Geruche, welcher sich bei der Fäulnis des Seetangs entwickelt.

2. Milde und möglichst gleichmäßige Temperatur der Atmosphäre weder zu rauh und unfreundlich, noch zu heiß und drückend. Daher um beiden Anforderungen zu genügen, vor allen Dingen eine insularische Lage.

Und endlich in Bezug auf das Terrain:

Angenehm und so gelegene Umgebungen, daß sie zur notwendigen körperlichen Bewegung in freier Seeluft sich eignen.

Ein Seebad, welches allen diesen Anforderungen entspricht, kann man mit Recht als ein kräftiges, wirksames Heilmittel betrachten, welches das Vertrauen, das man in seine Heilkräftigkeit setzt, vollkommen rechtfertigen wird, und gibt so die Norm oder den Maßstab ab, nach welchem alle Seebäder rücksichtich ihrer Eigenschaften zu beurteilen sind. Wären diese bei Allen ein und dieselben, so würden auch gleiche Wirkungen von Allen zu erwarten sein, und die aufgeworfene Frage, ob die Wahl des Seebades gleichgültig sei oder nicht, wäre überflüssig und mit ihr das ganze Kapitel. Wie aber alle Dinge in der Welt, selbst die ähnlichsten, eine Varietät wahrnehmen lassen, so ist es auch der Fall mit den Seebädern, von denen keineswegs Alle in gleichem Maße auf den vollen Besitz der genannten Eigenschaften eines allen Anforderungen genügenden Seebades Anspruch machen kennen. Vielmehr zeigen sie eben hinsichtlich dieser vielfache Verschiedenheiten, die teils in den Loyalitäten jedes Einzelnen derselben, teils in den generellen Eigentümlichkeiten des Meers, dem sie angehören, ihren Grund haben. — Die Letzteren sind es, welche die Einteilung aller jetzt in Gebrauch befindlichen Seebader in 3 Hauptklassen, in die der Nordsee, des Mittelländischen Meeres und der Ostsee bedingen. Jedes dieser 3 Meere hat seine besonderen Eigentümlichkeiten, welche allen an oder in ihm gelegenen Seebädern gemeinschaftlich sind. So charakterisiert sich die Nordsee und ihre Seebäder durch starken Salzgehalt, Ebbe und Fluch und kräftigen Wellenschlag; so das Mittelländische Meer und seine Seebäder durch noch stärkeren Salzgehalt, aber Mangel an eigentlicher Ebbe und Flut und deshalb an Wellenschlag; so endlich die Ostsee und ihre Bäder durch den geringsten Salzgehalt und gänzlichen Mangel an Ebbe und Flut, und dadurch ebenfalls an eigentlichem Wellenschlag.

Um den Unterschied der Meere in Bezug auf den Salzgehalt ihres Wassers recht anschaulich zumachen, mögen hier folgende zuverlässige*) Angaben darüber Platz finden:

*) Die Zuverlässigkeit dieser Angaben findet ihre Garantie in der von dem bekannten Chemiker, dem gelehrten Oberbergkommissar Brandé, hier auf meinen Wunsch vorgenommenen Revision derselben.

Aus Marcets Untersuchungen geht hervor, daß das Meerwasser des Ozeans der nördlichen Hemisphäre in den mittleren Breiten durch Abrauchen 4, 26 p. C. einer Salzmischung liefert, die er zusammengesetzt fand aus:

2,6600 Chlor-Natrium (salzsaur. Natrum-Kochsalz)
0,4660 Schwefelsaures Natrum
0,1232 Chlor-Calcium (salzsaur. Kalk)
0,5134 Chlor-Magnium (salzsaur. Magnesia)

3,7646
0,4954 Verlust an Feuchtigkeit.

4,2600 *)

*) Durch neuere Analysen sind auch Spuren von Jod und Kali-Verbindungen nachgewiesen, namentlich in der Analyse von Laurens, journ. De Pharmacie N.II. Fevr. 1835.

Ferner hat Marcet gezeigt, daß die Mischung des Salzgehaltes im eigentlichen Meerwasser überall gleich sei.

Zur Darlegung und Vergleichung des Gehalts in verschiedenen Meerwässern bedarf man daher nur, wenn einmal eine Normalbestimmung, wie oben, vorliegt, der Angabe ihres allgemeinen Salzgehaltes, wobei man den Vorteil hat, daß die zufälligen Formen verschiedener analytischer Bestimmungen aus dem Spiele bleiben. Demgemäss enthält nun das Meerwasser

der Ostsee bei Doberan nach S. G. v. Vogel und Link 1,69. 1794
der Nordsee bei Norderney nach v. Halem 3,24. 1797
des Mittelländischen Meers bei Marseille nach Marcet 3,94.1819
bei Gibraltar nach Marcet 4,38. 1819
nach Bouillon Lagrange u. Vogel 3,69. 1816
nach Laurens 4,09. 1835

Es geht aus diesen Angaben hervor, daß ein Unterschied zwischen den Seebädern dieser 3 Meere statt findet, der zu wesentlich ist, um die Annahme zu gestatten, daß er ganz ohne Einfluß auf die Wirkungsweise derselben sein sollte, auch wenn dies nicht bereitsten der Mehrzahl der Ärzte als unzweifelhaft angenommen und in den Schriften vieler öffentlich ausgesprochen worden wäre. Gesteht man aber diesen Einfluß des reichern Salzgehaltes, der Ebbe und Flut und des Wellenschlages auf die erfolgreichere Wirkung des Seebades zu, und berücksichtige ich dann die Resultate meiner eigenen Untersuchungen und Beobachtungen, die ich in den beiden Saisons der Jahre 1834 und 1835 während eines sechs wöchentlichen Aufenthalts auf Norderney an mir selbst und Andern gemacht habe, so wie die Vergleichungen, welche ich auf einer im vorigen Spätsommer, zu diesem Zwecke, unternommenen Reise nach Helgoland, Travemünde, Doberan und Warnamünde an Ort und Stelle angestellt habe, und endlich diejenigen Data, welche ich in den Badeschriften des Dr. Gianelli über das Seebad zu Viareggio bei Lucca und des Dr. Hameau über das Seebad la Teste gefunden und von mehren zuverlässigen Personen erhalten habe, welche in italienischen oder französischen Bädern des Mittelländischen Meers Badekuren gebraucht hatten, so gebührt meiner Überzeugung nach den Nordseebädern der erste Platz unter den Seebädern, weil sie die meisten (und Norderney sogar alle) Eigenschaften besitzen, die oben als die Kriterien eines kräftigen Seebades angegeben worden sind, von dessen Anwendung als Heilmittel wir Ärzte uns mit Recht Erfolg versprechen dürfen. —

Nächst diesen muß den Bädern des mittelländischen Meers die größte Wirksamkeit zugeschrieben werden, die an Salzgehalt die Nordsee noch übertreffen, dagegen der eigentlichen Ebbe und Flut und desjenigen Wellenschlages, der durch die steigende Flut seine größte Intensität erhält, entbehren. — In wieweit die südliche Lage und die daraus entspringenden klimatischen Einflüsse diesen Seebädern Vor- oder Nachteile in Vergleich mit den Nord- oder Ostseebädern bringen, muß ich hier unerörtert lassen, da mir darüber genaue und hinreichend zuverlässige Data fehlen. Die einzige Notiz, welche ich aus sicherer Quelle hierüber besitze, ist die Mitteilung einer Kranken, aus dem Seebade bei Triest vom Anfange des Monats August des heißen Jahres 1834, wo sie das Bad einige Tage der Hitze wegen hatte aussetzen müssen, weil die Temperatur der See bis auf + 24° R. gestiegen und an körperliche Bewegung im Freien gar nicht zu denken war. —

Die Ostseebäder nehmen in Rücksicht der absoluten Wirksamkeit den letzten Platz unter den Seebädern ein, da sie nicht nur ganz und gar ohne Ebbe und Flut und ohne den aktiven Wellenschlag sind, sondern auch nur halb so viel Salzgehalt haben, als die Nordsee. Ich habe gesagt in Rücksicht der absoluten Wirksamkeit nahmen sie den letzten Platz ein, denn rücksichtlich ihrer relativen Wirksamkeit können sie in einzelnen Fällen vielleicht gerade den ersten verdienen; eben so wie manche Arzneimittel und Mineralwässer, die man an und für sich als die zuverlässigsten und kräftigsten schätzt, bei einzelnen Kranken nicht das leisten, was man bei ihnen zu erwarten berechtigt war, dagegen durch ein dafür eingeschobenes milderes Mittel oder gar durch ein Surrogat der gewünschte Erfolg erreicht wird. Aber soll man deshalb die China der Salix nachsetzen, weil auch durch diese schon Wechselfieber kuriert sind; oder soll man das Castoreum canadense vorziehen, wenn man das moscoviticum haben kann? —

Oder soll man das Bad zu Limmer deshalb den Schwefelquellen zu Eilsen oder Aachen an Wirksamkeit gleich stellen, weil auch dort Rheumatismen, Gicht, Flechten und Kontrakturen geheilt sind? —

Ich hoffe nicht, daß irgend jemand glauben wird, ich habe den Ostseebädern oder denen des Mittelländischen Meers überhaupt alle Wirksamkeit absprechen wollen. Eine solche Behauptung wäre eben so absurd, als sie aus gelieferten Beobachtungen gar leicht zu widerlegen sein würde. Sobald es sich aber um die Schätzung des absoluten Wertes dieser drei Gruppen von Seebädern handelt, um die hier aufgeworfene Frage, ob die Wahl des Seebades gleichgültig sei? beantworten zu können, so gibt die Anlegung des Maßstabes, den wir in den oben angeführten Kriterien eines kräftigen und wirksamen Seebades suchen müssen, meiner Überzeugung nach kein anderes Resultat, als das hier ausgesprochene. Und ich getraue mir, zu behaupten, daß selbst die warmen Verteidiger der Ostseebäder in der Casperschen Wochenschrift mir beipflichten werden, wenn sie, wie ich, die Sache von beiden Seiten mit eigenen Augen gesehen und selbst geprüft hätten, statt sich allein, wenigstens was die Nordseebäder anlangt, auf die Mitteilungen Anderer zu verlassen. —

Ich kann jedoch nicht unterlassen, hier den Wunsch auszusprechen, daß einige von den Notabilitäten unter Deutschlands Praktikern, denen ihr ausgedehnter Wirkungskreis Gelegenheit geboten hat, eine Vergleichung der Leistungen dieser drei verschiedenen Meere in den für die Anwendung der Seebäder geeigneten Krankheiten anzustellen, eine entscheidende Stimme darüber abgeben mögen, um auf dem Wege der Erfahrung den praktischen Werth und die Vorzüge der verschiedenen Seebäder zu erörtern und festzustellen, und mein hier ausgesprochenes Urteil dadurch entweder zu bestätigen oder zu modifizieren. Nur ein Arzt, der schon seit einer Reihe von Jahren eine große Zahl von Kranken in alle die verschiedenen Seebäder gesandt hat und so eine Summe gemachter Beobachtungen in Parallelen vor sich sieht, ist im Stande, ein kompetentes Urteil über die absolute, wie über die relative Wirksamkeit der von ihm angewandten und erprobten Seebäder zu geben, welches rein auf empirische Resultate, auf vergleichbare Tatsachen basiert ist, und wahren praktischen Wert hat. — Namentlich erlaube ich mir einen Stieglitz, Horn, Graefe, Rust, Walther, Weigel, Malfatti, aufzufordern, aus dem reichen Schatze ihrer Erfahrung den Ärzten Deutschlands ihre Ansicht hierüber mitzuteilen, um so dem Schwanken und dem Meinungsstreite über diesen wichtigen Punkt in der Balneatrik [Heilbehandlung durch Bäder] ein Ende zu machen. —

Es bleibt noch übrig, über die Wahl unter den einzelnen Nordseebädern einige Worte zu sagen. — Die Seebäder der Nordsee zerfallen in vier Klassen: die Britischen, die Französischen, die Holländischen und die Deutschen.

Die Britischen, von denen ich hier nur Brighton, Deal, Harwich, Margate, und die auf der Insel Wight, als die vorzüglichsten nenne, liegen uns Deutschen teils zu entfernt; teils ist der Aufenthalt daselbst zu kostspielig. Sie kommen daher nicht in Frage bei der zu treffenden Wahl. —

Eben so wenig die Französischen, von denen Boulogne und Dieppe die besuchtesten sind; in beiden jedoch soll der Strand nicht überall günstig sein, indem der Boden teils zu steinig, teils zu weich ist.—

Unter den holländischen Seebädern hat sich Scheveningen in den letzten Jahren einen Ruf erworben, den es mehr der Erbauung eines eleganten großen Logierhauses und dem Besuche einiger hohen Personen, als seiner großem Vorzüglichkeit als Seebad vor andern, verdankt. Im Gegenteil entbehrt es in Folge der eigentümlichen Konfiguration seines Badestrandes, eines genügenden Grades der wesentlichen Einwirkung der Ebbe und Flut, so daß mich Badegäste, welche eine ganze Saison daselbst zugebracht hatten, versichert haben, sie hätten nie gewußt, wann Ebbe und wann Flut gewesen sei. Es findet dieser auffallende Umstand, wodurch ein kräftiger Wellenschlag unmöglich wird, darin seine Erklärung, daß, wie die nach der Beschreibung dort an Ort und Stelle Gewesener entworfene Profilansicht, welche hier beigefügt ist, versinnlicht, der Badestrand bei Scheveningen nicht wie bei Norderney sich allmählich flach abdachend in das Meer senkt, wodurch bei steigender Flut die Badenden der Einwirkung des kräftigsten Wellenschlages mit ebenso großer Bequemlichkeit als Gefahrlosigkeit sich hingeben können, sondern eine fast horizontale Fläche, ein Plateau bis ziemlich weit in die See hinein bildet, welches dann plötzlich steil in die Tiefe hinabgeht und einen schroffen Abhang hat, woran die Kraft der Flut und des Wellenschlages in der Tiefe gebrochen wird; während bei der Ebbe das Wasser von der fast horizontalen Fläche des Plateaus, worauf man bei Scheveningen badet, weit weniger merklich abfließt, als dieses auf einer bis in die Tiefe des Meers in stets gleicher Richtung ganz allmählich abdachenden Strandfläche geschieht, wodurch zu Norderney den Badenden die große Annehmlichkeit verschafft ist, sich während der Ebbezeit trocknen Fußes und mit eigenen Augen von der Beschaffenheit des ganzen Terrains, worauf während der Flutzeit gebadet wird, und so namentlich von der Gefahrlosigkeit des Badens daselbst zu überzeugen. Ein Umstand, der schneller und sicherer, als alles Andere dazu beiträgt, die Ängstlichkeit aller Erstbadenden hinweg zu zaubern, und die für dm Erfolg der Badekur so wichtige Gemütsruhe und Dreistigkeit wahrend des Badens zu verleihen, die dasselbe zu einem Vergnügen machen und das Vertrauen des Kranken zu seinem Heilmittel, dem Meere, in hohem Grade steigern. Für Frauen, und besonders für Mütter, ist daher Norderney hierdurch vorzugsweise und mit Recht ein Lieblingsbad geworden.

Außer dieser Eigentümlichkeit steht Scheveningen den deutschen Seebädern auf den Nordseeinseln durch seine Lage auf dem Kontinente, ferner durch enorme Teuerung und durch den Umstand nach, daß unmittelbar an der See sich keine andere Wohnungen für Badegäste befinden, als die in dem einzigen Logierhause. Wer dort kein Unterkommen mehr findet, pflegt im Haag, eine kleine Stunde davon, zu wohnen, wodurch natürlich, ebenso wie in Doberan, durch die zu weite Entfernung von der See alle die großen Vorteile für den Kranken verloren gehen, welche der Arzt sich von der beabsichtigten ununterbrochenen Einwirkung der heilsamen See-Atmosphäre, als eines der wichtigsten Agentien bei jeder Seebadekur, verspricht. —

Was die deutschen Nordseebäder anlangt, so gibt es deren 6, von denen 4 sich des großen Vorzuges erfreuen, auf kleinen Inseln zu liegen. Es sind dieses Norderney, Wangerooge, Helgoland, und Wiek auf der schleswigischen Insel Föhr; Cuxhaven am Ausflusse der Elbe und Ragast bei Varel an dem Busen, welchen die Jahde bei ihrem Ausflusse bildet, stehen den 4 ersten schon durch ihre Lage auf dem Kontinente und dadurch nach, daß sie Beide, um mich mit einem beliebten neuern Schriftsteller auszudrücken, sich dadurch auszeichnen, daß sie zugleich Flussbäder sind.

Von diesen sechs Nordseebädern ist Ragast bei weitem das unbedeutendste. —

Cuxhaven besitzt ein elegantes Konversationshaus und vortreffliche Anstalten zu warmen und sonstigen Wannenbädern, aber zu viel süßes Wasser und zu weichen, schlickigen Boden. —

Wiek auf der Insel Föhr ist noch in der Kindheit und läßt noch vieles zu wünschen übrig. —

Wangerooge ist ein Norderney en miniature, hat aber einen minder guten Strand und liegt zu nahe am Ausflusse der Weser. —

Helgoland würde die vortrefflichste Lage für ein Seebad haben, wäre es nicht ein so schroffer und hoher (206 Fuß) Felsen, wodurch die Temperatur oben auf der Insel zu raschen Abkühlungen unterliegt, während die brennende, durch die von der Felsenwand reflektierten Sonnenstrahlen verstärkte, Hitze an dem schmalen Streifchen Unterland den angespülten Seetang zur Fäulnis bringt und einen eben so nachteiligen, als widerlichen Dunst und Gestank bewirkt. Der beschränkte Raum hindert zugleich an hinreichender körperlicher Bewegung im Freien und die Notwendigkeit, jedesmal zum Baden erst eine kleine Seereise in einem Ruderboote über den breiten Meeresarm nach der sogenannten Sandinsel, wo die Seebadeanstalt sich befindet, hinüber zu machen, die bei günstigem Wetter ¼Stunde, bei stürmischem Wetter sogar zwei bis drei Stunden währen kann und dann weder ohne Seekrankheit abgeht, noch ganz ohne Gefahr ist, macht das Baden hier beschwerlicher als irgendwo; so daß, wer nicht in der Eigentümlichkeit der Felseninsel und ihrer wackern Bewohner und in dem Leben auf dem Meere selbst einen großen Genuß findet, sich nicht entschädigt sehen wird für die Entbehrung mancher Annehmlichkeiten und namentlich eines geselligen Badelebens, woran es bei dem Mangel eines passenden Vereinigungspunktes hier fehlt. Sehr Schwachen, und besonders den Frauen, ist daher das Helgolander Seebad schon der unvermeidlichen Seereise wegen zu widerraten.

Norderney bietet unter den Nordseebadern ohne Zweifel die größesten Vorzüge dar, die ich hier nicht weiter erörtern will, da sie dem Leser in der den folgenden Abschnitt füllenden genaueren Beschreibung dieser Insel und ihres Seebades von selbst ins Auge fallen werden *).

*) Eine gute und ausführlichere Vergleichung dieser 3 letzten Nordseebäder gibt Ni.. Ad. Leop, Richter in seiner schon zitierten Schrift.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Ueber das Seebaden und das Norderneyer Seebad