Erste Fortsetzung

In jener Zeit lernte ihn Julius Duboc, damals Mitredakteur der Nationalzeitung in Berlin, persönlich kennen. Dieser entwirft von Sturz, dem er in seinen „Plaudereien und Mehr„ (Hamburg 1884) unter der Überschrift „Ein Vorkämpfer“ einen besonderen Artikel gewidmet hat (S. 182—209), folgende Schilderung: „Er war, obwohl nicht von sehr großem Körperbau, eine ungemein kräftige Erscheinung, voll ungebrochener Lebensfülle, von ungestüm-raschen Bewegungen, mit sprühenden Augen, die den Wechsel der Empfindungen, die sein Inneres durchfluteten, in beweglicher, lebhafter Weise widerspiegelten. Er imponierte und riss fort. Obwohl er das Deutsche etwas fremdartig und mit gelegentlicher Einmischung englischer Ausdrücke und Konstruktionen sprach, so lag doch eine gewaltige Kraft in seiner Rede, die ihre Wirkung teils durch die kunstlose Lebhaftigkeit des Vortrags, teils durch die Wärme der nach Ausdruck drängenden Überzeugung nicht verfehlte. Welch’ ein Mann! Er wurde Einem bald ehrwürdig, wenn man die Kraft der Aufopferung, die sein Leben täglich bezeugte, den felsenfesten Glauben an den Sieg des besseren Prinzips und den energischen Hass des Unrechts ins Auge fasste. Er erschien bedeutend durch den ungewöhnlichen Umfang seiner Kenntnisse, den weiten Blick für Land- und Völkerverhältnisse, den reichen Schatz an Urteilskraft auf einem Gebiete — dem der Kolonialpolitik —, wo den meisten deutschen höheren Beamten das Urteilsvermögen ausgeht. Und dann musste man über denselben Mann, an dem man so hoch hinaufzublicken hatte, wieder lächeln, denn mitten in all diese energischen Betätigungen der vollen, gereiften, auf ein großes Ziel gerichteten Manneskraft spielte ein Etwas von Kindersinn hinein, von kindlich frischer Gläubigkeit und Phantasiekraft, ja von kindlicher Naivität, die mit dem Maaß der Verhältnisse noch nicht recht vertraut ist, die den Betrachter wundersam anmuten musste, um so wundersamer, je seltener gerade diese Gegensätze im Leben vereinigt vorzukommen Pflegen. In seiner Werkstatt, einem sehr schmucklosen, wenn ich nicht irre, einfenstrigen Zimmer, stand als einziges Hauptmöbel ein Schreibpult, das über und über mit Aktenstößen, Korrespondenzen, Zeitungen, Zeitungsausschnitten und Manuskripten bedeckt war. In diesem Chaos wusste nur Einer Bescheid, und der kaum, der alte Konsul, der mittels dieser Papierfetzen seine Gegner und die Gegner der guten Sache, für die er mit ungeteilter Hingebung in den Kampf gegangen war, zu zermalmen suchte. Zu zermalmen — und dafür kein anderes Werkzeug, kein anderes Mittel zu besitzen, als das eine: das geschriebene und gedruckte Wort, noch dazu ohne jede kunstgerechte Verwendung, ohne die Gewalt über die Form, die für sich allein eine Macht ist! Verzweiflungsvoll sprang der ungeduldige Mann oft von seinem Stuhle auf. Er rannte im Zimmer auf und ab, diejenigen mit heftigen Reden apostrophierend, die ihm eine besondere Züchtigung zu verdienen schienen. Dann vertiefte er sich wieder in seine kriegerischen Operationen, d. h. er schrieb, um Bundesgenossen anzuwerben und den Eifer lauer Freunde anzufachen, unzählige Briefe, von denen er sich im voraus sagen konnte, dass die meisten, flüchtig gelesen, unter Achselzucken dem Papierkorb übergeben werden würden; er bombardierte die Berliner Blätter und die übrigen größeren deutschen Zeitungen mit unaufhörlichen Zusendungen und Darlegungen über die Vorgänge in Brasilien, denen diese in den meisten Fällen völlig verständnislos, teilweise auch nicht uninteressiert gegenüber standen; er schickte alles, was, zumeist durch ihn selbst veranlasst, gegen die herrschende Partei in Brasilien und ihr Verfahren in der Auswanderungsfrage im Druck erschienen war, regelmäßig den nach Brasilien fahrenden Dampfern ballenweise zu; er verfolgte die brasilianischen Diplomaten und die zahlreichen erkauften deutschen Werbeagenten des brasilianischen Interesses mit kaum beachteten, höchstens durch die Wunderlichkeit ihrer Form auffallenden Inseraten; er lief unermüdlich und ohne sich durch die ablehnende Haltung, die ihm meistens entgegentrat, entmutigen zu lassen, von einem Bureau, von einer Redaktion, von einem Expeditionslokal zum anderen, bald bei Zeitungsschriftstellern, bald bei niederen und höheren Diplomaten, bald bei Gelehrten und einflussreichen Volksvertretern antichambrierend, er kehrte müde, unverrichteter Dinge meistens, zornig und erschöpft des Abends nach Hause zurück, um — morgen denselben Tanz von neuem zu beginnen!“ Ganz war es aber doch nicht eine Sisyphusarbeit. Der glühende Eifer, von dem Sturz beseelt war, riss mit der Zeit auch andere mit fort, und schließlich trat auch die preußische Regierung für ihn ein: den brasilianischen Agenten wurde das Handwerk gelegt. Im Jahr 1863 eröffnete sich endlich für Sturz die Aussicht auf ein neues, ganz seinen Neigungen entsprechendes Amt: auf das Generalkonsulat für Uruguay. Zugleich ward ihm ein noch viel vorteilhafterer Antrag für Canada gemacht; diesen aber lehnte er ohne Bedenken ab, weil er als Generalkonsul für Uruguay längst gehegte Pläne zur Gründung deutscher, national segensreicher Ansiedlungen am La Plata verwirklichen zu können hoffte. Nachdem er aber mit dem ganzen energischen und feurigen Eifer seines Charakters, der ihn seine Leistung — und das war das Große und Bewundernswerte an dem Manne — nie nach dem Kraft- und Kostenaufwand, den sie ihm verursachte, bemessen ließ, sondern nur nach dem Zwecke, dem sie dienen sollte, für Uruguay gewirkt, erntete er hier ebenfalls schlechten Lohn. Brasilien hatte aus Furcht vor den kräftigen deutschen Ansiedlungen in seiner Nähe alles daran gesetzt, die von Sturz verfolgten Pläne zu vereiteln, und wusste die Regierung Uruguays dahin zu beeinflussen, dass sie ihrem Generalkonsul das ihm zugesicherte Gehalt von jährlich 2.500 Thalern zurückhielt, ja, ihm nicht einmal die während einer zweijährigen Tätigkeit gemachten großen Auslagen erstattete. Dieser Schlag vollendete den Ruin des ehemals wohlhabenden Mannes, so dass Sturz nunmehr einen schweren Kampf auch gegen eigene Not und Sorge zu kämpfen hatte.

Da endlich kam die deutsche Nation zum Bewusstsein der außerordentlichen Verdienste dieses seltenen Menschenfreundes. Durch eine öffentliche Sammlung ward eine Summe aufgebracht, welche ihn und seine Familie vor Entbehrungen geschützt haben würde, wenn er dieses Ehrengeschenk für sich und die Seinen verwendet hätte. Daran aber dachte er zuletzt, vielmehr ging er in seinem unstillbaren Drange, dem allgemeinen Wohle zu dienen, so weit, dass er auch das für ihn gesammelte Geld benutzte, um für neue menschenfreundliche Zwecke zu wirken. Es würde den Raum eines ganzen Buches in Anspruch nehmen, sollten hier alle die Dinge, auf die er sein Augenmerk richtete, und alle die Aufgaben, für die er nach- und nebeneinander eine rastlose, oft geradezu fieberhafte Tätigkeit entwickelte, näher besprochen werden. Ich muss mich daher auf das Folgende beschränken. Sture war es, der in Wort und Schrift auf die Lage der Strandbewohner an unserer Nordseeküste zuerst hinwies und praktische Vorschläge zu deren Abhilfe machte (s. insbesondere sein Schriftchen „Über den Fischfang auf hoher See“, 1862). Auf seine Anregung ergriff die Regierung Maßregeln, um die englischen und holländischen Fischer, die bisher das deutsche Fischereigebiet ausgebeutet hatten, von der Nordseeküste fern zu halten, und bewilligte der preußische Landtag die Mittel zur Anlegung von Austernbänken und zur Hebung der Fischzucht. Von Sturz gingen auch zuerst praktische Vorschläge aus zur Förderung der Versendung und des raschen Absatzes der Seefische, deren Verwirklichung jetzt den Fischern ebenso großen Nutzen bringt, wie den Bewohnern des Binnenlandes. Sein Unternehmungsgeist, sagt Duboc, mochte gelegentlich etwas Phantastisches haben, insofern er, hingerissen von dem Schwung der Phantasie für ein sich ihm in großartigen Verhältnissen aufbauendes Zukunftsbild, die Schwierigkeit des Zustandekommens der grundlegenden materiellen Bedingungen unterschätzte, immer aber waren seine vielfachen Vorschläge und Projekte voll der fruchtbarsten Anregungen; ein Beispiel hierfür bietet seine 1865 erschienene Schrift „Über den Nord- und Ostseekanal durch Holstein, Deutschlands Doppelpforte, zu seinen Meeren und zum Weltmeer“. Unbeschadet seiner innigen Liebe zu seinem deutschen Vaterlande ein Weltbürger im besten Sinne, mahnte Sturz ferner aufs eindringlichste immer und immer wieder, dass die Völker, welche sich der Segnungen einer vorgeschrittenen Kultur erfreuten, die sittliche Verpflichtung hätten, denen beizuspringen, welche unter dem Fluche der Unkultur und widriger Verhältnisse seufzten. Ihm war es dabei gleichgültig, welcher Rasse die im Elend Schmachtenden angehörten; er wollte einfach, dass Jammer und Not, soweit es möglich, aus der Welt geschafft würden. Von solchen edlen Anschauungen und warmherzigen Gesinnungen geleitet, nahm er sich auch jener unglücklichen Kulis an, die von gewinnsüchtigen Peruanern aus China und Indien geholt wurden, um durch die drückendste Sklavenarbeit und die roheste Behandlung zu Grunde gerichtet zu werden. Sturz spürte in Peru, auf Cuba und in den chinesischen Häfen alle Gräueltaten auf, welche an diesen armen Tagelöhnern begangen wurden, brandmarkte in Zeitungsartikeln und Flugschriften die Sklavenhändler, die sich durch den Schweiß und das Blut dieser Unglücklichen mästeten, und setzte alle Hebel in Bewegung, um dem schändlichen Handel ein Ende zu machen. Auch hatte er die Genugtuung, es noch zu erleben, dass der Kuli-Handel wirklich fast ganz unterdrückt wurde. Daher erhielt kurz nach Sturz' Tode seine Witwe von Seiten des chinesischen Gesandten ein Schreiben, worin dieser mitteilte, dass der Minister Liu-Ta-Yen wisse, welche Verdienste Sturz um die Kulis sich erworben habe, dass er mit der ganzen Menschheit den Verlust eines so unermüdlichen und großmütigen Bekämpfers der argen Missbräuche, denen seine in Sklaverei gehaltenen chinesischen Landsleute ausgesetzt gewesen seien, beklage und dass er zur Errichtung eines Grabmals zu Ehren des verstorbenen Generalkonsuls einen Beitrag von 200 Mark zur Verfügung stelle.


Brasilien 015 Serra dos Orgaos, Das Orgelgebirge

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Brasilien 016 Cascatinho (Rio de Janeiro)

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Brasilien 017 Der Corcovado

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Brasilien 018 Reitender Hausierer (Bello Horizonte)

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Brasilien 019 Fruchthändler (Rio de Janeiro)

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Brasilien 020 Gefängnis in Ouro Preto

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Brasilien 021 Bahnhof in Sao Paulo

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Brasilien 022 Ochsenkarren

Brasilien 022 Ochsenkarren

Brasilien 023 Junger Botokude, Buger-Indianer

Brasilien 023 Junger Botokude, Buger-Indianer

Brasilien 024 Eingeborener Schwarzer von Cananea (Sao Paulo)

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Brasilien 025 Bei der Kaffee-Ernte (Sao Paulo)

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Brasilien 026 Kolonie Campos Salles

Brasilien 026 Kolonie Campos Salles

Brasilien 027 Kirche von Cananéa

Brasilien 027 Kirche von Cananéa

Brasilien 028 In Iguape

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Brasilien 029 Höhle von Monjolinho (Sao Paulo)

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Brasilien 030 Menschenskelett in einem Sambaqui (Inners von Sao Paulo)

Brasilien 030 Menschenskelett in einem Sambaqui (Inners von Sao Paulo)

Brasilien 031 Xiririca am Ribeirafluss

Brasilien 031 Xiririca am Ribeirafluss

Brasilien 032 Hafen von Joinville

Brasilien 032 Hafen von Joinville

Brasilien 033 Straße in Joinville

Brasilien 033 Straße in Joinville

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