Großes Festessen mit vielen Reden und vielem Wein

Um sich ein wenig zu besinnen, sie war ja auch zum erstenmal bei einem so großen Festessen mit vielen Reden und vielem Wein, schlüpfte sie hinaus und zurück zum verlassenen Eßsaal. An den schloß sich eine ossene Galerie nach dem Hofe. Auf der Galerie standen blühende Oleanderbäume, deren ersten Schößling von der Mauer mit unendlicher Mühe aus dem Süden mitgebracht hatte. Der starke, würzige Duft ging wie eine Wolke über den Hof. Dorte hockte sich auf ein Bänkchen zwischen den Bäumen und gab sich einem schweren, unverständlichen Leid hin. Mitten in all der Freude und Lust, an dem Tage, der die Schwester so beglückte, zwischen Menschen, die ihr von Kindheit an lieb und vertraut waren, mitten zwischen Lachen und Scherz hätte sie am liebsten geweint.

So einsam fühlte sie sich!
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So sehnsüchtig war sie!

So fremd sah das Leben sie an, als hätte es gar keinen Sinn oder sie wenigstens könne ihn nicht finden und verstehen.

Ein Lachen drinnen im Saal. Durch die geöffneten Fenster konnte sie von ihrem Bänkchen aus hineinschauen. Drinnen waren der Vetter Manfred und der Otto Fröhlich, auch eine Art Vetter, erschienen, und sie wollten die Mine haschen, das Dienstmädchen, das den Tisch abräumte.

Die Mine hatte den Arm voll Porzellan und konnte sich nicht wehren, aber sie wußte es doch so einzurichten, daß sie unter Kichern und Abwehren nicht dem Otto Fröhlich, sondern dem Manfred Hagedorn in den Weg geriet, und als er den Arm um sie legte und sie derbe auf den Mund küßte, schien ihr das nicht weiter unangenehm.

Dann aber entwischte sie mit ihrer Last, denn Tante Friede kam vom Flur her, sich nach dem Mädchen umzusehen, und war etwas erstaunt, die jungen Herren hier zu finden. Die hatten nur eben ein Tüchlein gesucht, das Manfreds Dame vergessen, und nie hätte Tante Friedes harmlose Seele ihnen mißtraut.

Es wurde leer und still wieder im Saal.

Dorte aber saß auf der Galerie, hatte trotz des Sommerabends kalte Hände, und ihre Augen standen starr offen.

Sie hatte wohl gesehen, wie bei Pfänderspielen die jungen Leute einander geküßt hatten, aber daß man eine Magd küßte und so küßte, so derbe und gierig, wie der Manfred das getan, der feine, vornehme Manfred - -

Er mußte trunken sein. Doch das verbesserte die Sache nicht, denn Trunkenheit war ihr widerlich. Ob er das schon öfters getan? Ob die Mine, die dicke Mine, auch seine Liebste war? Da stieß sie alles von sich, stand auf, ging in die Vorderstube zurück und schlich an die Seite des Vaters. Der hatte sein Kleinod längst vermißt und faßte heimlich die Hand des Kindes, hielt sie, die leise zitterte, in seiner guten, lange beruhigten Greisenhand und ahnte nicht, warum die Pulse in den seinen Fingern so schnell und unruhig klopften.

,,Es war ein gelungener Tag“, sagte er zu Tante Friede, als die Gäste gegangen waren. ,,Alles außerordentlich gut gelungen. Die Küken exquisit, der Burgunder hätte noch um eine Wenigkeit wärmer sein dürfen, aber der Rheinwein von Saniter war wieder auserlesen. Eine Blume, eine Blume! über den Ratskeller geht doch nichts.“

Dann trug er eigenhändig eine Kristallschale in das Nebenzimmer, wischte sie aus und hüllte sie in das alte Seidentuch, das sie verbarg bis zur nächsten Familienfeier. Waren seine Hände von Müdigkeit oder Wein zitterig geworden? Sie ließen das seltene Stück gleiten, ein klirren auf den Dielen, und es hatte Splitter gegeben.

Ehe er noch sein Ungeschick beklagen konnte, lachte Marias Stimme in die Tür: ,,Scherben? Scherben bringen Glück. Das Glück gilt mir! Quälen Sie sich nicht, Vater.“

Und von der Mauer lächelte sauersüß. Er ahnte ja nicht, daß an diesem Tage seinem andern Kinde etwas zerbrochen war, tausendmal kostbarer als die Kristallschale, der reine Kristall kindlichen Vertrauens.

Tante Friede sehnte sich nach ihrem stillen Stübchen im Heiligengeistkloster. Sie verstand die Zeit nicht mehr, und ihre feine, alte Jungferseele war den jungen, hastigen Menschen nicht gewachsen.

Sie saß an ihrem Fenster im Stübchen links vom Flur, im Erdgeschoß des Hauses. Der hochlehnige Stuhl mit der Stickerei auf altem, tiefrotem Seidenstoff war viel zu gewaltig für ihr winziges Persönchen, sie versank und ertrank förmlich in ihm.

Auf dem Fensterbrett blühten Primeln und Hyazinthen in weißen, goldgereiften Töpfen, und das ganze Zimmer war vom Duft verwelkter Rosen durchzogen, denn die Potpourrivase auf dem Ofensims stand offen und streute ihren Atem in die Luft.

Ein graues Kleidchen, weich und schmiegsam, umgab die kleine Dame; wie eine graue Motte erschien sie Maria, die vor ihr stand und eben eine Ermahnung mit leidlich guter Miene in Empfang nahm.

„Wo es der Vater so gut mit dir meint. Wo er dir das Haus des Syndikus Brockmann kaufen will, darinnen ihr reichlich Platz hättet, auch, hm, ja - auch in späteren Jahren. Und du willst das nicht. Ich verstehe mich nicht mehr aus die heutige Jugend. Ach, wenn mir das in meinen jungen Jahren jemand proponiert hätte!“

Maria kribbelte die Ungeduld in allen Fingerspitzen. Sie hörte durch die Decke oben Schritte gehen, die kannte sie genau, und hörte ein Flöten, das rief und rief, aber sie wußte: Ehe die Tante ihre Seele nicht allen Knmmers entlastet hatte, gab es kein Loskommen.

„Ich bin dem Vater so sehr zu Dank verpflichtet für sein gütiges Angebot, aber es ist der Wunsch meines Verlobten, daß wir in Warnemünde unser Heim haben. Er muß die See sehen, auch wenn er nicht draußen ist.“
„Diese elenden Fischerhäuser! Wie willst du darin leben?“
"Wie alle Warnemünder leben.“
"Das bist du nicht gewöhnt.“
"Ich lerne es.“
„Und die Kälte im Winter! Und keinen Menschen unseres Standes da unten, und wie sollen wir dich erreichen!“
„Für die Kälte gibt es Öfen. Und wenn der Pfarrer da leben kann und der Vogt, dann werden wir es auch können. Und wer mich liebhat, der wird schon seinen Weg zu mir finden.“
„Es ist kein Aufenthalt für Dorothea. Sie ist zart und fein, sie kann sich in der scharfen Luft einen Schaden holen.“
„Verzeiht, Tante, die Dorte ist ganz gesund, nur ein bißchen sehr verpimpelt. Es wäre ihr gut, alle Tage dort im Sand zu liegen und sich den Wind um die Nase wehen zu lassen, da würde sie ein ander Aussehen bekommen.“
„Es war nicht Sitte in meiner Jugendzeit, daß die jungen Personen den alten Leuten widersprachen. Aber ich habe ja auch nichts mehr zu sagen. Wenn du geheiratet hast, ziehe ich ins Kloster. Da hab’ ich meine Ruhe.“

Maria ging und berichtete ihrem Kapitän, sie wolle nicht in Rostock bleiben, sie sei ganz zufrieden, wenn solch Warnemünder Häuschen zu ihrem Empfang bereit stände. Daß es zu einem Schmuckkästchen werden sollte, dafür wolle sie schon mit Seife und Schrubber sorgen. Und Mack Düvel, dem es doch ein bißchen unheimlich gewesen, die Braut aus dem alten Patrizierhaus zu holen, schwang sie vor Freude in die Luft, und als Dorte in eben diesem Augenblick in die Tür sah und sehr erstaunte Augen machte, mußte auch sie durch die Lüfte wirbeln und wurde mit einem festen Kuß wieder zu Boden gesetzt.
Sie wischte sich den Mund. „Das mag ich nicht.“
„Ach was, Deern, sei nicht zimperlich. Ein ehrlicher Seemannskuß hat noch niemand Schaden getan.“ Das Kind warf den feinen Kopf zurück und ging aus dem Zimmer.
„Mußt sie nicht so derbe anfassen“, sagte Maria. „Die ist von anderem Stoff als ich. Der Vater möcht sie am liebsten unter einen Glassturz setzen, daß weder Wind noch Sonnenhitze an sie herankommt.“
„Der Vater tut Sünde an dem Kind. Das ist ja gar kein Kind, das ist ja ein altes Jüngferchen, eh es noch ein junges Mädel gewesen ist.“
,,Sie ist zufrieden dabei.“
„Sie weiß nicht, was man ihr vorenthält. Na, wenn sie erst mal aufgeblüht ist und die jungen Kerls ihr nachlaufen werden, wacht sie vielleicht auf“
„Meinst, sie wird hübsch werden?“ sragte Maria zweifelnd.
„Hübsch? Hast du keine Augen im Kopf? Das wird ganz was Rares. Wart’s nur ab. Seit ihr im Vorjahr runterkamt nach Warnemünde, hat sie sich sehr verändert. Die wird, glaub’s mir.“
„Bist wohl ein Kenner?“ sragte sie und faßte ihn in die Haare. -

Es fiel aber auch noch andern auf, daß Dorte die Kinderschuhe abzustreifen begann.

Drei Tage vor Ostern, als Manfred Hagedorn Abschied nehmen kam, denn die Hohenstaufenvorlesungen waren zu Ende, traf er die Base allein im großen Vorderzimmer, wo sie einen Schrank ausgeräumt hatte und zwischen alten Meßgewändern und seidenen Decken stäubte und säuberte. Von draußen drang goldenes Licht in das Gemach, und dicht am Fenster stand Dorte, hatte ein rotes Tuch mit eingewebten goldenen Borten in den Händen, hielt es gegen das Licht und freute sich an den Farben.

Vom Tuche aus aber siel ein warmer Schein zurück auf ihr Gesicht, und dazu tanzten ein paar Sonnenfunken über den krausen Bronzehaaren.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Stranddistel. Roman