Bleib so stehen sagte der Kunstnarr

„Bleib stehen, bleib so stehen!“ rief der junge Mann, der ebensolch ein Kunstnarr war wie sein Oheim. „Wart’ einen Augenblick. Er kam schnell heran, legte das Tuch, es aus ihren Fingern ziehend, von vorn über ihre Schultern, schob sie noch ein wenig mehr in das Licht und trat zurück. „So sollte man dich malen. Eine byzantinische Kaisertochterl Blaß, schlank, mit den Augen, in denen alle Ahnungen und noch gar kein Wissen liegt. Wenn ich nur malen könnte, wenn ich nur malen könnte!“ Es war das Leid seines Lebens, daß seine Hände nicht bannen konnten, was seine Augen als Wunder der Schönheit empfanden. Darum studierte er, der reich und unabhängig war, Kunstgeschichte und Literatur alter glanzvoller Zeiten und gedachte einmal selber Professor zu werden und Vorlesungen über diese Dinge zu halten.

Dorte wurde bei seinen Worten unsicher, sah zn Boden, nahm das Tuch ab und trug es zum Tisch. Das Erlebnis vom Verlobungstage der Schwester war noch nicht ganz in der Tiefe ihres Bewußtseins versunken. Ganz hatte sie ihre Unbefangenheit vor dem Vetter seitdem nicht wieder gefunden. Er aber, der sie bisher noch als Kind angesehen, hatte es nicht beachtet. Jetzt trat er neben sie an den Tisch und besah die ausgekramten Schätze. Bald nahm er eine Holländerhaube mit Goldspitzen und zwang sie, die über die Locken zu ziehen, dann wieder warf er ihr eine kostbare Stola über die zierlichen Schultern, und immer mehr leuchteten seine Augen auf. Das Köpfchen da war ja wie geschaffen, diesen heimlichen Wundern erst den richtigen Glanz zu geben.
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„Wenn ich dein Vater wäre,“ sagte er, „ich wüßte, was ich täte. Ich ließe meinem Kinde einen Rahmen aus diesen Herrlichkeiten schmieden, dann hätten sie erst vollen Wert. Überhaupt, es ist ein Jammer, daß das alles hier solch verborgenes Dasein führt und mit der Zeit bricht und verfällt. Hat er nie daran gedacht - er kann doch den Pinsel nicht schlecht führen -, Abbildungen anzufertigen, daß auch andere sich freuen können an seinen Sammlungen?“

„Abbildungen?“ fragte von der Mauer, der eben eintrat. „Wie meinst du das, Manfred?“

„Ja, Ohm, wenn ich an Eurer Stelle wäre, ich würde ein Werk schaffen, in dem die besten meiner Schätze wiedergegeben wären, und würde das von einem Kupferstecher vervielfältigen und die schönsten Dinge illuminieren lassen und es in den Handel bringen. Daß den Menschen die Augen aufgehen.“
„Und was sollte ich denn - hm, der Gedanke, der ist nicht übel. Aber was sollte ich nehmen? Die Wahl wäre schwer.“
"Von allem etwas. Abbildungen von Bauwerken, wie Ihr zu Eurem eigenen Pläsier aufgemalt, und dann seltene Pflanzen und Bilder und allerlei Menschengesichter und Waffen und Statuen und köstliche Gläser und Fayeneen.“
„Das dürften viele, viele Werke werden.“
„Fangen Sie an, Ohm. Übers Jahr, wenn ich wiederkomme, helfe ich Ihnen.“
„Du kommst übers Jahr wieder?“
„Wenn nicht alles anders kommt und ein neidisches Schicksal es mir wehrt, bin ich kommenden Sommer wieder in Rostock. Dann werde ich auch mitbringen, was ich selber an schönen Dingen besitze.“ So trennten sie sich.

Dem alten Manne aber war etwas in die Gedanken ge.kommen, das ließ ihn nicht wieder los. Er sah alle seine stillen Freunde jetzt nur noch mit prüfenden Augen an: ,du? Und du? Und du etwa auch? Soll ich euer Abbild hinausschicken unter die Menschen? Werden sie euch lieben, wie ich euch liebe?‘

Einmal, als er auf dem Ruhebett lag und Vergangenes und Gegenwärtiges durch seine Gedanken wirrte, stand wieder wie vor langen Jahren die Distel vor ihm, die schlanke, starre Stranddistel, und plötzlich kam es ihm:

Auf dem ersten Blatt des Werkes soll die Blume stehen, und ihr sollen alle die andern Blätter geweiht sein. Das war dann ein letzter heimlicher Dank an eine Tote.

Von da an spielte er nicht mehr mit der Idee, sondern begann, sie in Taten umzusetzen.

Sein Freund, der Advokat Lembke, fand ihn bald danach vor einer Staffelei, wie er die grauen Blätter der Stranddistel auf einen weißen Karton malte, und da er der einzige war, den von der Mauer in sich hineinsehen ließ, erfuhr er auch, was es mit dieser Malerei auf sich hatte. - -

Maria heiratete und zog in eins der kleinen Häuschen in Warnemünde. Mack Düvel fuhr mit der ,,Luise Bollerjan“ ein bißchen nach Petersburg und brachte reiche Fracht und gute Einnahmen zurück. Dorte wurde eingesegnet, und Tante Friede zog in das Kloster zum Heiligen Geist. Es ging ein Jahr hin und wieder eins, und Friedrich Franz von der Mauer saß zwischen seinen Schätzen und zeichnete und malte und radierte und ließ sein Kind ebenfalls zeichnen und malen und ordnen und eintragen und sah mit heimlichem Entzücken, wie das Kind zur Jungfrau wurde, die Gestalt sich streckte, die schlanken Formen sich rundeten, in die stillen Augen Sehnen und Wünschen kam, während doch der Mund nie davon sprach, daß er etwas anderes begehre als das friedsame Leben im Vaterhause.

Die Herren Studenten begannen, bei ihren Wegen um das alte Haus zu schwärmen. Der Doktor Kümmel, der in der Stadtschule den Jungen Cäsars Bellum gallicum eintrichterte, fand ein so großes Wohlgefallen an dem Liebreiz des Mädchens und der Straffheit des väterlichen Geldsacks, daß er als Werber auftrat. Aber das alles machte wenig Eindruck auf Dorte. Sie lachte über die Studenten, und sie schickte den Herrn Doktor mit einem hübschen Körbchen heim. Sie war hochmütig, und es war und blieb ihr unverständlich, wie Maria sich mit dem Kapitän hatte begnügen und ihre Wohnung in Warnemünde nehmen können. Der Vetter Manfred war nicht, wie er gewollt, im nächsten Sommer wiedergekommen, aber er schrieb lange Briefe an den Oheim von seinen Reisen in Österreich und weiter hinunter bis Griechenland, und da von der Mauer die Tochter als Sekretarius benutzte, entspann sich zwischen ihr und dem Vetter ein Briefwechsel, der mit den Jahren immer lebhaster wurde und den der Vater mit leisem Schmunzeln guthieß.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Stranddistel. Roman