Skizzen aus der Geschichte der Krim

Vortrag, gehalten im Stadthaus zu Weimar den 20. März 1855
Autor: Sauppe, Hermann (1809-1893) Professor, deutscher klassischer Philologe, Pädagoge und Epigraphiker, Erscheinungsjahr: 1855
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Russland, Russen, Uraine, Krim, Karpaten, Kapisches Meer, Ural, Geschichte, Sitten und Gebräuche, Land und Leute,
Inhaltsverzeichnis
  1. Die Kimmerier
  2. Die Niederlassungen der Griechen auf der Taurischen Halbinsel
  3. Die Skythen und Alanen
  4. Die Deutschen
  5. Die wilden Nomadenvölker
  6. Cherson (das alte Chersonesos)
  7. Die Tataren (Mongolen)
  8. Die Genuesen
  9. Die Russen
  10. Cherson (das alte Chersonesos)
Zwischen den Karpaten, dem schwarzen Meere, dem Kaukasus, dem Kaspischen Meere, dem Ural und den Hügelreihen im Mittleren Russland breitet sich etwa vom 70° — 75° ö. L. und zwischen dem 45 ° und 50° n, Br. die unermessliche Ebene der Steppen aus. Nur wenige Flusstäler und hier und da eine Regenschlucht durchfurchen sie, nur die Kurgane oder Mogilis, Grabhügel längst verklungener Völker und Jahrhunderte, erheben sich über sie. Kein Wald unterbricht das Einerlei der Fläche; nur wilde Birnbäume, einzeln oder in kleinen Gruppen, von Zeit zu Zeit Dorngebüsche und niederes Gestrüpp, unter dem Namen Burian übel berufen, wechseln mit Futterkräutern ab, die im Frühjahr aus ihrem unübersehbaren Grün allerlei Blütenschmuck emportragen, um nur zu bald unter sengender Glut des Sommers zu verdorren und dann, nach spärlichem Wiederaufleben im Herbst, in wilden Schneestürmen zu verkommen. Herden von Rossen, bis auf 1.000 Stück, noch größere von Rindern, und drei und viermal so große von Schafen durchziehen weidend diese Flächen, zahlreiche Hunde und Wölfe folgen ihnen.

Dieser immer gleichen Natur der Steppen entspricht das Leben der Menschen: von den Zeiten an, die kaum von der Sage erhellt sind, bis vor wenig Jahrzehnten waren sie die ruhelose Aufenthaltsstätte von Pferdenomaden; ihre Namen wechselten, aber Leben und Sitte blieben dieselben. Durch die Pforte, die im Südosten dieser Steppen sich zwischen dem Ural und kaspischen Meere öffnet und mit den westlichen die noch gewaltigeren Steppen Ostasiens verbindet, zogen aus diesen letzteren in langer Reihe Skythen und Sarmaten, Hunnen, Bulgaren und Avaren, Chazaren und Kumanen, Magyaren und Petschenegen, Tataren und Mongolen auf flüchtigen Rossen gedrängt und drängend ein. Die ungeheuren Horden ihrer wilden Reiter trugen von hier aus im Laufe von mehr als zwei Jahrtausenden wiederholt Jammer und Untergang nach den südlichen Gegenden Asiens, nach dem Norden und Westen Europas, bis sie die geistige Macht der Überfallenen und der feiner und reicher gegliederte Organismus der Gegenden, in welche sie vordrangen, immer wieder nach und nach überwältigte und entweder allmählich vernichtete oder für höhere Stufen menschlicher Entwickelung zu gewinnen vermochte.

An diese Steppen nun schließt sich ungefähr in der Mitte ihres vom schwarzen Meere bespülten Südrandes eine Insel an, — ein Quadrat etwa, wenn man von einer kleinen, an der Ostecke sich ansetzenden Halbinsel absieht, — dessen Seite etwas über 20 Meilen beträgt. Diese Insel ist die Krim. Sie wird im Nordosten und Osten vom faulen Meer, dem Azoffschen Meer und der Straße von Kertsch, im Süden und Westen und Nordwesten vom schwarzen Meer begrenzt und hängt nur im Norden durch die schmale, nur eine Meile breite Landzunge von Perekop mit dem Festlande zusammen. Auch die Krim ist bei weitem zum größten Teil Steppe und nur am Südwestrande hat vulkanische Gewalt die gleichmäßigen Steppenschichten gespalten und so im Kampfe gegen die ruhenden und trägen Massen reichgestaltetes Leben geschaffen. Etwa 10 Meilen lang läuft an der Südküste ein Uferrand von 1/2 Stunde bis 1 Stunde Breite hin, der aus den untersten Flötzschichten oder Grünstein besteht, während hier und da einzelne Blöcke von Ophit und Mandelstein zu Tage treten. Den Nordrand dieses schmalen Küstensaumes bildet eine jäh abgerissene Felswand von Jurakalk, die nicht überall gleicher Höhe ist, aber über Alupka, der Besitzung des Fürsten Woronzoff, etwa in der Mitte des Saumes, sich bis zu 3.800' erhebt. Gegen Norden senkt sich diese Bergwand nur sanft und allmählich nach der Steppe hin ab und bildet auf ihrem Rücken eine Menge fruchtbarer Täler und jene Alpenweiden, welche die Hirten der Steppen mit ihren Schafherden bei Beginn des Sommers beziehen und Yaila nennen.

So können wir denn die ganze Krim passend in drei Teile zerlegen, die Steppe, die östliche Spitze, das Gebirge, in dessen reichgegliedertem Leben auf engem Raum wieder mit Dubois die Südküste, das Baidartal, die Halbinsel von Cherson, der nördliche Abhang und die Ostseite zu unterscheiden sind.

Alle Nomaden, welche die nördlichen Steppen betraten, zogen auch entweder über den schmalen Sund, der das Azoffsche und schwarze Meer verbindet, oder durch die Landenge von Perekop in die Krim ein. Aber es war leichter zu kommen als zu gehen. Denn die rauschende See, die zu kühner Fahrt und reichem Handel lockte, die Enge der Berge und Täler, die sich einzurichten zwang und durch Arbeit und Sorge allmählich die Heimat lieben lehrte, übten über die wilden Gemüter ihren Zauber. Nach den Andeutungen der Geschichte dürfen wir annehmen, dass von allen den Völkerstämmen, die in die Krim einwanderten, Teile in den Gebirgen auch nach dem Abzug ihrer Stammgenossen zurückblieben und teils unter ihrem Namen, teils in dem der nachfolgenden Eroberer untergegangen und mit ihnen mehr oder minder im Laufe der Zeit verschmolzen, fortlebten.

Es ist ja im allgemeinen eine unrichtige Ansicht, dass, wenn in einem Lande ein Volksstamm einwandert und erobernd Besitz nimmt, die frühere Bevölkerung dann vollständig vertrieben oder vernichtet werde: nur die Streitbaren unter den Bewohnern der Ebenen ziehen fort, in den Bergen namentlich hält sich überall der frühere Stamm und verbindet sich nur nach und nach, hier mehr, dort minder, mit den Eingewanderten.

So haben denn die Eigentümlichkeit der Steppen und des Lebens in ihnen eben so sehr, als die Reize des Küstenstriches und die hohe Bedeutung des schwarzen Meeres für den Völkerverkehr dazu mitgewirkt, dass die Geschichte der Krim eines der buntesten und wunderbarsten Gemälde bildet, welche uns die Entwicklung des Menschengeschlechts darbietet, ein einleuchtendes Zeugnis, dass für die großen und kleinen Gebilde des Menschen nicht in der Masse des Stoffes, sondern in der Feinheit der Gliederung und Gestaltung das Geheimnis des Lebens ruht.

Diese Geschichte der Krim erlauben Sie mir, nicht ihnen in ununterbrochener, gleichmäßiger Entwicklung darzustellen, was weder für diese Gelegenheit passen noch überhaupt in allen Teilen möglich sein würde, sondern in einzelnen, zusammenfassenden Bildern oder kurzen Skizzen an ihrem Geiste vorüberzuführen.

Sauppe, Hermann (1809-1893) Professor, Phlilologe, Pädagoge, Epigraphiker

Sauppe, Hermann (1809-1893) Professor, Phlilologe, Pädagoge, Epigraphiker

?Sauppe, Hermann (1809-1893) Philologe, Pädagoge und Epigraphiker

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