Zur Geschichte der deutschen Schule.

Die Vorzeit hatte keine Ahnung von der Psyche des Kindes. Ihr Vorhandensein war eine Entdeckung der großen Pädagogen des achtzehnten Jahrhunderts. Wie man bis dahin dem Kinde die Kleidung der Erwachsenen gegeben, so schob sich auch keine trennende Schranke zwischen ihm und den Sitten und Unsitten der Großen. Noch war die Schule kein vermittelndes Element geworden, denn sehr spät erst setzte sich der allgemeine Schulbesuch der Knaben durch. Der der Mädchen noch viel später.

Die Schule von einst unterschied sich von der heutigen nicht wesentlich. Sie war im Grunde genommen dieselbe Drillanstalt wie es die jetzigen Bildungskasernen sind, nur waren die Lehrgegenstände und der Ton, der in ihnen herrschte, grundverschieden von heute.
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In der Sucht, Mustermenschen erziehen zu wollen, wurde dem Kinde damals noch viel rücksichtsloser als heute die Jugend vergällt. Man begehrte geradezu Unmögliches.

Adam Potken, Kaplan in Xanten, las um 1470 — 1480 mit elf- und zwölfjährigen Knaben Vergils Aeneide und Ciceros Reden. Johann Eck, geboren 1486, machte von seinem neunten bis zwölften Jahr im Hause seines Oheims, eines Pfarrers, und in der Schule einen umfassenden Kursus in den lateinischen Klassikern durch. Dreizehnjährig bezog er die Universität Heidelberg. In seinem fünfzehnten Jahre wurde er in Tübingen Magister.

Solch geistige Frühreife steht nicht vereinzelt da. Der Mathematiker und Astronom Johannes Müller aus Königsberg in Franken ließ sich als Knabe von dreizehn Jahren in Leipzig immatrikulieren und erwarb in seinem sechzehnten Lebensjahre in Wien das artistische Baccalaureat. Johann Reuchlin und Geiler von Kaisersberg wurden sechzehnjährig Hochschüler. Johann Spießheimer genannt Crispinianus hielt als Jüngling von achtzehn Jahren an der Wiener Universität Vorlesungen über lateinische Klassiker. Drei Jahre später wurde er Lehrer der Philosophie, der Beredsamkeit und der freien Künste, und im Alter von 27 Jahren Rektor der Universität in Wien.

Auch noch im 18. Jahrhundert konnte man nicht früh genug mit dem Unterricht beginnen. Wieland war einer der allzuvielen, die schon mit dreieinhalb Jahren einem Lehrer ausgeliefert wurden. Dass der Verstand und die Körperkraft des Kindes der Geistesdressur nicht gewachsen sein könnten, dafür fehlte das Verständnis. Deshalb wurden alle natürlichen Widerstände mit Gewalt zu brechen versucht.

In den Mitteln dazu war man nicht wählerisch. Das Aufstülpen von Eselköpfen, das Trinken schmutzigen Spülwassers, das Essen aus einem Hundetrog, stundenlanges Knien auf Erbsen oder einem dreikantigen Holzklotz, das Stehen am Schulpranger, das Tragen schwerer Lasten und ähnliche Martern waren überall gebräuchlich. Dazu kamen dann noch die Hiebe, die unaufhörlich auf den Schüler niederprasselten. „Wo gibt es irgend einen Lehrgegenstand, der ohne schwere Züchtigung erlernt werden könnte? Welche Schläge, welche Schmerzen erdulden die Jünger der Musik, wie werden die Lehrlinge der Heilkunst geschunden!" ruft schon St. Columban der Ire aus. In den Klosterschulen des frühen Mittelalters wurde bereits ganz barbarisch geschlagen.

Ebenso wie Lesen und Schreiben waren den alten Deutschen die Schulen völlig unbekannt, bis die Römer ins Germanenreich kamen. Erst als die deutschen Heiden die römisch-christliche Bildung sich anzueignen begannen, wurde es anders und manch deutscher Christ hatte in den römischen Rhetorenschulen der gallisch-germanischen Grenzgebiete sich höhere Bildung angeeignet. Da Wissen und Gelehrsamkeit, als sie in deutschen Gauen eine Heimstätte gefunden hatten, sich im fast ausschließlichen Besitz der Geistlichkeit befanden, war diese auch gezwungen, durch Schulen für den Nachwuchs in ihrem Berufe zu sorgen. So erstanden seit dem 8. Jahrhundert mit und bei den Klöstern und Kirchen Klosterschulen, von denen einzelne zur Bedeutung „hoher Schulen“ ihrer Zeit emporwuchsen 1).

1) A. Ebenhoch, Elf Jahrhunderte deutsches Studententum. Innsbruck 1886, S. 1 ff .
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Sittengeschichte des deutschen Studententums
001 Das Kollegienhaus in Helmstedt im 17. Jahrhundert (2)

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