Rettung von schiffbrüchigen amerikanischen Fischern durch den Hamburger Dampfer Suevia. 1885

Aus: Illustrierte Zeitung. Nr. 2174. 28. Februar 1885
Autor: Redaktion: Illustrierte Zeitung, Leipzig - Berlin, Erscheinungsjahr: 1885

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Schiffsunglück, Rettung der Schiffbrüchigen, amerikanische Fischer, Hamburger Dampfer, Fischerboote, Rettungsboote, Sturzwellen,
Die winterlichen Stürme an der nordöstlichen atlantischen Küste von Nordamerika erweisen sich immer ganz besonders verderblich für die zahlreichen Fischerboote aus den kleinen Strandortschaften von Massachusetts und Main, welche an den Bänken von Neufundland ihrem Erwerb nachgehen. Das Scheitern solcher Boote und die Leiden, welche die darauf befindlichen Leute zu erdulden haben, sind etwas so gewöhnliches, dass die Zeitungen kaum flüchtig darüber berichten und die Leser selten Notiz davon nehmen. Die Erlebnisse jedoch, welche vor kurzem die Mannschaft eines Fischerschoners aus Gloucester (Massachusetts) betroffen haben, sind so erschütternder Art, dass sie wohl Anspruch auf allgemeine Teilnahme machen dürfen; in Deutschland wird die Rettung aus höchster Not um so lebhafter interessieren, als es ein deutsches Schiff war, das die Unglücklichen endlich aus ihrer furchtbaren Lage befreite.

Der Hamburger Dampfer Suevia (von der Hamburg-Amerikanischen Packetschifffahrts-Aktiengesellschaft), welcher am 23. Januar 1885 in New York eintraf, brachte 11 Männer mit, welche er zwei Tage zuvor, von Hunger und Kälte gänzlich erschöpft und dem Tode Nahe, von dem Wrack eines kleinen Fischerschoners nahe den Bänken von Neufundland aufgenommen hatte. Dieser Schoner war der "Carl W. Barter" aus Gloucester, der an 6. Januar in See gegangen war und in der Nacht des 18. Januar bei stürmischem Wetter durch eine Sturzwelle seiner beiden Masten beraubt wurde, bei welcher Gelegenheit auch einer der Fischer, der die Wache hatte, über Bord gespült wurde und ertrank. Die übrigen suchten auf Anordnung ihres Kapitäns die kleine Barke wieder in Stand zu bringen, indem sie die gebrochenen Masten vollends kappten, allein da die Segel mit den Masten verloren gegangen waren, mussten sie sich willenlos von Wind und Wellen tragen lassen. Die beiden folgenden Tage trieben sie so auf der sturmbewegten See und litten unsäglich von der bitteren Kälte und ebenso von Hunger, da ihre Nahrungsvorräte vom Wasser durchdrungen und zu Eis gefroren, also ungenießbar geworden waren. Die Lage der armen menschen wurde um so schrecklicher als auch die Brüstung des Schoners vom Wasser fortgerissen ward und die Leute sich auf dem ganz mit Eis überzogenem Deck nur mit größter Mühe auf den Beinen halten konnten, wobei sie selbst von oben bis unten mit einer Eiskruste bedeckt waren, da ihnen die durch die Sturzwellen durchnässten Kleider auf dem Leib gefroren. Am Nachmittag des 20. Januar erblickten sie in einiger Entfernung einen Dampfer, der indes nichts von den Notsignalen und Hilferufen der Unglücklichen zu bemerken schien und seine Fahrt fortsetzte, wodurch einige Leute in einen Zustand des halben Wahnsinns verfielen und mit aller Gewalt von ihren Kammeraden verhindert werden mussten, ins Wasser zu springen, weil sie meinten ihre Leiden nicht länger ertragen zu können. Endlich gegen 3 Uhr morgens am 21. sahen die Schiffbrüchigen wiederum die Lichter eines nicht allzu weit passierenden Dampfers, dem sie durch Schwenken von Kienfackeln sich bemerkbar zu machen suchten. Eine Stunde lang schien man von dem Dampfer aus nichts zu gewahren, und diese Stunde voll Todesangst dünkte die Armen schrecklicher als alles bis dahin Erduldete. Plötzlich wurde jedoch auf dem Schiff ein Gegensignal gegeben und ein Boot niedergelassen, bei welchem Anblick die Mannschaft des Wracks sich neubelebt fühlte und voll Jubel einander in die Arme stürzte. Es war die höchste Zeit, dass Rettung kam, denn das Wrack begann bereits zu sinken und würde seine Besatzung bald genug in den Wogen begraben haben.
Maritimes, Rettung schiffbrüchiger amerikanischer Fischer durch den Hamburger Dampfer Suevia

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