Salbung und Krönung der Kaiserin Katharina

Peter der Große fing an, die Abnahme seiner Lebenskräfte zu fühlen. Um so größer wurden seine Sorgen und Anstrengungen für die Sicherstellung der Zukunft seiner großartigen Schöpfungen. Zunächst galten diese Anstrengungen der Vollendung des Ladoga-Kanals, der Stiftung einer Akademie der Wissenschaften, der Verbesserung der Gesetzbücher usw.

Was aber seinem Herzen noch näher lag, war die Ausführung des längst gehegten Gedankens, seiner teuren Lebensgefährtin, von deren Herrschertalent und klugen Ratschlägen er so viele Beweise gesehen hatte, eine öffentliche Anerkennung ihrer hohen Würdigkeit zu geben. Und das sollte geschehen, indem er ihr die Salbung ertheilen ließ.


Die Salbung der Zaren galt bei den Russen als eine heilige Handlung. Der Monarch wünschte, daß diese Zeremonie bei seiner Gemahlin vorgenommen werde, wahrscheinlich in der Absicht, ihr dadurch die Thronfolge zu sichern.

Schon im Jahre 1723 hatte er diesen seinen Entschluß den geistlichen und weltlichen Ständen und allen seinen Untertanen in einem Ausschreiben bekannt gemacht, und darin auf das Beispiel einiger altgriechischer Kaiser Bezug genommen, die ihren Gemahlinnen ebenfalls die Krone aufgesetzt hatten.

„Als ein Zeichen der Erkenntlichkeit,“ fuhr er fort, „bin ich dasselbe auch meiner lieben Gemahlin schuldig, die ungeachtet der Schwäche ihres Geschlechts mir beigestanden, im Besondern aber, wie Jedermänniglich bekannt, in den bedenklichen Tagen am Pruth eine Entschlossenheit gezeigt hat, die sie weit über ihr Geschlecht erhebt.“

In Folge dessen versammelte er nun im Februar 1724 die Glieder der kaiserlichen Familie, mit Ausnahme des Großfürsten und dessen Schwester, die fremden Minister und die Großen des Reichs, und deutete durch eine Bemerkung, die er beiläufig fallen ließ, darauf hin, daß die vorzunehmende Handlung etwas mehr als eine leere Zeremonie sein solle; sie bezwecke: der Kaiserin das Recht der Nachfolge zu verleihen, denn Diejenige, die bei seinem Leben das Reich am Pruth gerettet habe, verdiene auch nach seinem Tode es zu beherrschen, und von ihr allein dürfe er erwarten, daß sie auch in seinem Sinne regieren und seine Einrichtungen aufrecht erhalten werde.

Katharina war tief bewegt durch diese Güte und Fürsorge ihres Gemahls. Herrschsucht und Ehrgeiz waren durchaus nicht die Grundzüge ihres Charakters, in welchem neben männlicher Klugheit und Festigkeit besonders Milde und schöne Weiblichkeit bei großer natürlicher Herzensgüte hervorleuchtete.

Drei Tage lang bereitete sie sich durch Gebet und Fasten zu der so bedeutungsvollen Feier vor. Eine Ehrengarde, die aus sechzig adeligen Kapitäns und Lieutenants gebildet war, welche in reichen und glänzenden Uniformen aufzogen, hatte der Kaiser ihr gegeben, um den Glanz ihres öffentlichen Erscheinens noch zu erhöhen. Zum Hauptmann dieser Compagnie Nobelgarde hatte sich der Kaiser selbst ernannt. Die Führung der Compagnie verlieh er seinem schon genannten Günstling Jaguschinski, einem der Glücklichen, die er aus niedrigem Stande zu hohen Ehren erhoben hatte.

Diese Ehrengarde eröffnete am 18. Mai den Festzug, als die Kaiserin Katharina, geführt vom Herzoge von Holstein, und Moskau — dieser alten Zarenstadt, wo die heilige Weihe vor sich gehen sollte — vom Kreml in die prächtig geschmückte Kathedralkirche zog.

Der Kaiser war vor ihr eingetreten. Er selbst setzte seiner Gemahlin die Krone auf das Haupt, und die Kniende segnete der Erzbischof von Nowogrod. Dann gab ihr der Erzbischof den Reichsapfel in die Rechte; das Szepter aber behielt der Kaiser selbst.

Feierliche Gesänge, Orgelklang und Kanonendonner erhöhten noch den festlichen Eindruck dieser religiösen Feier in einer der glänzendsten Versammlungen der höhern Geistlichkeit und der Großwürdenträger des Reichs, im Staats- und Hofdienst, wie im Dienste des Heeres. Diamanten, Ordenssterne, Goldstickereien und reiche Stoffe in der Hofkleidung der Damen, angestrahlt von dem Sonnenlichte, das durch die vielfarbigen hohen Kirchenfenster drang, verbreiteten über die Versammlung den Strahlenglanz der Pracht und des Reichtums, welcher geeignet war, das nicht daran gewöhnte Auge zu blenden.

Katharina war so tief bewegt, daß sie Tränen vergoß und im Begriff war, die Knie ihres hohen Gemahls zu umfassen, als ein Wink von ihm sie davon zurückhielt.

Alsdann erst geschah die feierliche Salbung durch den Erzbischof, und mit einer herrlichen Rede voll tiefer Gedanken beschloß der Bischof von Pleskow die kirchliche Feier. Mehrere Tage hindurch reihten sich zahlreiche Festlichkeiten und Lustbarkeiten daran.

Katharina aber war in Rußland so allgemein geehrt und beliebt, daß, außer der Partei der Altrussen, welche Alexeis Tod und die wahrscheinliche Ausschließung seines Sohnes Peter nicht vergessen konnten, wohl nur wenige im Volke waren, die diesen wichtigen Schritt des Kaisers missbilligten, während alle Anderen mit voller Seele Katharina die Thronfolge gönnten.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Peter der Große. Seine Zeit und sein Hof. III.