Papst Benedict V. in Hamburg. (965.)

Aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, erzählt von
Autor: Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1854

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hansestadt Hamburg, Hamburger Geschichte, Sagen, Überlieferung, Altertum, Chroniken, Geschichten,
Domherr Meyers Blick auf die Domkirche S. 61. Adam von Bremen II. 10; von Hövelen, Hamburgs Hoheit etc. S. 141.
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Als Kaiser Otto der Große im Jahre Christi 965 wiederum einen Römerzug tat, da setzte er den vom Volke zu Rom ihm zum Trotz erwählten Gegen-Papst Benedict V. ab, und übergab ihn zur Aufsicht dem Hamburgischen Erzbischofe Adaldag, der ihn begleitet hatte. Adaldag, ein geborener Herr von Mayendorf, welcher im Jahre 936 an des Unno Stelle Erzbischof über Bremen und Hamburg geworden war, hatte zuvor dem Kaiser Otto als Kanzler wohl gedient, darum begehrte derselbe auch schon 962 bei seinem Zuge nach Italien seinen Beistand, und behielt ihn bei sich, so dass Adaldag nur aus der Ferne sein Erzstift verwalten konnte, wie er denn z. B. die vom heiligen Anschar gegründete berühmte Domschule verbesserte und zu ihrem obersten Lehrer und Rektor den gelehrten Diethhelm bestellte. Aber im Jahre 965 beurlaubte der Kaiser seinen treuen Kanzler, den Erzbischof, damit er nach Hamburg heimkehre, und befahl ihm die Obhut über Benedict V., der sein Vaterland lassen und ins Exil gehen musste.

Also kam nun der verbannte Papst nach Hamburg, wo er vom Erzbischof in hohen Ehren gehalten und wohl gepflegt wurde, denn er war ein frommer gelehrter Herr, der des apostolischen Stuhles wohl würdig gewesen wäre, wenn er diese Würde nur in keiner so ordnungswidrigen Weise, vom Volke zu Rom, erlangt hätte. Der arme geistliche Herr konnte wohl unser raues Wetter nicht vertragen, da er's milder gewohnt gewesen war, und manchmal soll er fröstelnd zur Sommerszeit zu seinem Kaplan, einem Hamburgischen Bürgerssohne, gesagt haben, „bei Euch Hyperboräern kann kein Italisch Herz warm werden." Der arme verbannte Kirchenfürst mochte aber noch mehr an Gram und Kummer über sein Unglück leiden, was an seinem Italischen Herzen noch mehr nagte, als die hyperboräische Kälte! Aber fromm und gottesfürchtig war sein Wandel, so lange er noch in Hamburg unter den Lebenden weilte, Allen, Geistlichen wie Laien, zu einem erbaulichen Exempel. Täglich zu mehreren Malen betete er in den Kirchen und Kapellen, beichtete oft und verzieh von Herzen seinen Widersachern, übte auch eine große Mildtätigkeit gegen Arme und Kranke, wurde aber immer bleicher und schwächer.

Und in jenen Tagen hat er viel Nachdenkliches geweissagt, nämlich, dass er hierselbst bald sterben und sein Leib begraben werden würde, dass dann eine schreckliche Zerstörung und Verwüstung dem Stifte und der Stadt Hamburg bevorstehe, dass wilde Tiere in deren Trümmern hausen würden und dass auch das ganze Land, so lange sein Leib darin begraben liege, den Frieden nicht sehen würde; dass aber dereinst seine Gebeine in seine teure Heimat nach Rom versetzet, und dass alsdann durch die Fürsorge der päpstlichen Macht die Heiden und sonstigen feindlichen Widersacher Hamburgs völlig besiegt und vertrieben werden würden, worauf Wohlfahrt und Glück wieder einkehren dürfe.

Und also ist es gekommen. Der fromme Herr Benedict wurde bald so krank, dass er nicht mehr die Kirchen besuchen konnte und am 4. Juli desselben Jahres 965, da er hierher gekommen, entschlief er in dem Herrn sanft und ergeben, und ward begraben von allen Kapitels- und Ordens-Geistlichen mit ernster Pracht im Chore der Domkirche, und ward beweint von allen Frommen und von allen Armen. Man sagt, dass der Kaiser ihn grade habe auf St. Peters-Stuhl zurückrufen wollen, als sein früher Tod dazwischen getreten sei.

Darnach aber ist eine große Verheerung ins Land gekommen, erst durch die Normannen, oder wie man sie damals nannte, die Askomannen, d. h. die aischen (bösen) Männer; darnach durch die Wenden und Slawen, welche noch schrecklicher wüteten mit Feuer und Schwert und barbarischer Grausamkeit, Hamburg von Grund aus zerstörten, Geistliche und Bürger mordeten oder in die Sklaverei schleppten, den Dom einäscherten und entsetzliche Gräuel verrichteten.

Inzwischen aber waren nach etlichen 30 Jahren die Gebeine des verstorbenen Papstes mit Erlaubnis Kaisers Otto III, nach Rom gebracht und daselbst feierlich bestattet. Und da begann auch der letzte Teil von Benedicts Weissagung wahr zu werden, denn vom Kaiser, auf päpstliches Andringen unterstützt, führte der Sachsen-Herzog Benno oder Bernhard ll. einen glücklichen Krieg gegen die Wenden und Slawen, die er siegreich unterjochte. Alsbald wurde Hamburg durch den Herzog und den Erzbischof Unwannus wieder aufgebaut und die Stadt erblühte schöner als zuvor, Glück und Segen kehrten von neuem ein, wie der fromme Papst es vorher verkündigt hatte.

Derselbe, den man noch jetzt in der katholischen Christenheit als einen Märtyrer und Heiligen verehrt, hat später in Hamburg ein Denkmal erhalten. Da sein Gedächtnis noch nach Jahrhunderten frisch geblieben, so errichtete die dankbare Nachwelt ihm ein Monument in der Domkirche, an der Stelle, wo vordem seine Gebeine geruhet hatten, ehe sie nach Rom gebracht wurden; es soll ein steinerner Sarkophag mit Bildwerken und Inschriften gewesen sein. Gott weiß, wann und wie er verfiel oder zerstört wurde. Aber darnach wurde er durch ein anderes Denkmal ersetzt, an derselben Stelle, das bestand in einem Grabsteinbild, 1 Fuß erhaben aus dem Boden hervorragend, worauf das päpstliche Bild im Ornat, und rings herum Bilder von Aposteln, Heiligen, kämpfenden Ritterfiguren nebst einer Inschrift in Mönchsbuchstaben, zu sehen war. Dies Denkmal hat gestanden, so lange der Dom stand. Vor 50 Jahren haben noch Manche unter uns es gesehen. Nun ist es auch dahin, — als der Dom Ao. 1805 abgetragen wurde, mögen viele Wenden und Slawen, Abkömmlinge jener alten Zerstörer des alten Doms, unter den Werkleuten gewesen sein, — die haben der angestammten Zerstörungslust gern nachgegeben und ihren Vorfahren darin Ehre gemacht; unsäglich viele Altertümer und Kunstwerke, die im Dom bewahrt wurden, sind seitdem verschwunden, untergegangen, vernichtet. Abbildungen dieses Denkmals kann man in den älteren Hamburgischen Geschichtswerken finden.

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