Die Wolgastädte - Astrachan, Nischni-Nowgorod, Kasan, Samara, Saratow, Simbirsk, Chlamynsk, Zaritsin [Wolgograd, Stalingrad]

Die Wolgastädte scheinen sich zu gleichen und haben doch ihre eigne Note. Eines ist ihnen allen gemeinsam: der ungeheure Staub, der metaphysische Staub dicht neben dem großen Fluss. Wir kennen hier kleine Wirbel und Chausseewolken. Aber die Philosophie des Staubes in diesen Städten können wir uns nicht vorstellen, wenn wir sie nicht erlebt haben. Er steigt wie Nebel auf den halbgepflasterten Straßen empor und ballt sich hinter jedem Wagen zu Gewittern. Er beklebt Häuser, Parke, Kleider, Haut und Haare bis zur Unkenntlichkeit. Er hascht alles Menschengewordene, um es für ewig in ein trauriges, schäbiges, farbloses Grau zu verwandeln, das ihm die Lust am Dasein nimmt. Er ist tückisch bis zur Grausamkeit, lauert an Straßenecken, frohlockt über Erdarbeiten, überfällt einen gleich am Hafen mit einer Heftigkeit, dass man jeden Kampf aufgibt. Es ist die ganze Wut der Erde gegen das mächtige Wasser, die teuflische Rache an ihm. Und fährt man auf den Bahnhof, um die Stadt zu verlassen, verdeckt er einem das Gebäude bis zum letzten Augenblick mit Schwaden von fliegendem Schmutz. Ich werde ewig seiner gedenken.

Entwickelt man sich aus diesen Hemmungen die Anlage der Städte, so findet man sie im Norden natürlicher, im Süden amerikanischer. Dort ist die Kremlbildung noch herrschend, die Burg mit Schloss und Kirchen, hier ist sie verschwunden — nur Astrachan zeigt noch einen schwächlichen Rückfall. Nischni-Nowgorod liegt im Halbkreis malerisch terrassiert. Kasan ist eine Vision: hinter Wasserflächen eine aufsteigende, wie venezianische Burg mit weißen Mauern, bunten Kuppeln und dem alten roten, backsteinernen Tatarenturm, halb indisch, halb Renaissance. (Man ahnt es nicht, wenn man landet, denn da steht ein haushohes Vergnügungslokal in Form einer Flasche.) Samara, beleckt durch die sibirische Bahn, ist eine dürftige moderne Stadt mit reichem Villengürtel in reizender europäischer Landschaft. Saratow, stark deutsch, ist zur Hälfte gepflegt und wohnlich, zur Hälfte räuberhaftes altes schwarzes Holzgerümpel. Zaritsin ist elend,aber ich sah bei einem Kloster elf Kamele als Zugtiere und fuhr in einem Auto, das ein Kamel als Ornament hatte. Ich lobte Gott und das Benzin. Denn ein Martyrium sind die kleinen Droschken, mit weiß-beschmutztem, stinkendem Kutscher, mit einem Verdeck und einer Rücklehne, die es nicht gibt. Sie kugeln in und aus den Löchern der Straße mit einer Geschicklichkeit, die eines Varietés würdig wäre. Immerhin sind sie noch gesunder als das Laufen. Das Laufen in diesen Städten ist eine Kasteiung, die ich mir nur selten leistete, um nicht ganz zu zerbrechen. Denn sie sind durch die niedrige Bauart weitläufig und, was die Pflasterung anbelangt, sicherlich im Solde der Schuhmacher. Zweimal benutzte ich dies Privileg.


In Astrachan, das vom Wasser aus wieder sehr verlockend ist, wie alle diese Städte, mit seiner Kirchen-Silhouette, suchte ich Interessantheiten. Ich ging in ein Teppichgeschäft und hörte, wie sie sich bemogeln. Ich ging in die Kathedrale und fand sie wie alle anderen. Ich wollte orientalische Basare entdecken, aber ich traf keine. Schließlich trieb ich mich im Hafen herum, Hunderte von Segelmasten, Riesenbetrieb von Schiff zu Schiff, bunteTrachten, ein großer, sehr großer Hafen und jenes malerische Leben, das uns stets reizt, wenn wir die Gewissheit haben, in der Stadt nicht wohnen zu brauchen. Ich sagte mir dauernd: jetzt bist du in Astrachan, vis-a-vis von Persien, aber ich konnte mich nicht überzeugen, dass das etwas Besonderes sei. Nachmittags fuhren wir in eine große Fischerei und sahen, wie Frauen in Stiefeln auf Millionen von Heringen in Eisbottichen herumtrampelten, um sie zu pressen. Ich dachte mir, dass ich das kaum in meiner Reiseschilderung werde beschreiben müssen. Dann machten sie eine Tonne Kaviar auf, doch war es roter, ich glaube für die Bulgaren. Selbst gepresster schmeckt mir wie Schuhwichse. Ich esse nur grauen, körnigen, in dem wir selig erstickten.

Wo ich nichts erwartete, kam die Stimmung. Es war das zweite mal, dass ich zu Fuß lief: in der Stadt Simbirsk. Sie liegt sehr hoch, und man sieht vom Schiff nur vereinzelte Dächer. Ich wusste nichts und ließ mich gehen. Erst einige resultatlose Wege, dann nach heißem Klettern kam ich in ausgedehnte, parallele, gleichmäßige Straßen mit niedrigen Holzhäuschen, blau, gelb, rot, vielfach geschnitzt und bemalt, dass ich eine Ahnung von Peking heraufbeschwor. Über den Zäunen und Bäumen ragen plötzlich Kirchenkuppeln empor. Ich gehe ihnen nach und gelange in eine Stadt der weißen Hauser, alte vornehme Adelshäuser, darin sich gewaltige Kirchen erheben, pantheonartige Kirchen, Säulen und Freitreppen, eine verzauberte Baulichkeit, ein Nonnenkloster mit weißer niedriger Mauer um den Bezirk, alles still und vergessen gegen den schweigsamen Himmel. Wo bin ich? Ich stehe einen Augenblick — hier ist der Punkt, da sich Asien und die Renaissance auf die sonderbarste Art trafen. Ich sehe weit über die Wolgalandschaft herüber und suche andere Straßen zur Zurückkehr. Bohlen liegen für das Trottoir. Kühe spazieren neben mir. Eine Beethovensonate klingt aus einem Fenster. Ich gelange in ein verfallenes Viertel. Zwei Häuser liegen schief gerutscht auf dem Boden. Ein Trödelmarkt lebt dazwischen. Als Brücke über die Jauche des Bodens ist ein Giebelornament gelegt. Abgemattet kehre ich zum Schiff zurück. Das war Simbirsk, einst eine reiche Gouvernementsstadt, die ihren Ruhm an das moderne Samara abgeben musste. Abends vor dem Konzert sah ich nochmals das Märchen im Mondschein. Indessen rutscht die Erde dort weiter. Die kleine weiße Kirche, an der ich auf halber Höhe ausruhte, ist jetzt auch hinabgeglitten.

In manchen geringeren Orten hielten wir, um einzukaufen, Wasser zu holen, Naphtha zu nehmen. Da entwickelte sich kurzes und prägnantes Leben. Einen Husch der Nacht spazieren wir in den Anlagen von Chlamynsk, ohne Beleuchtung, finster neben finsteren Menschen unter Baumen, die hier überall etwas Exotisches haben, als seien sie unerlaubt. In einem Fischerdorf steigen wir über glitschige Flöße unter beschwerlichem Hafenbetriebe, um die berühmtesten Sterlette zu kaufen. Da enthüllt sich Armut und Armut bringt das Volk. Die „Typen" werden die hauptsachlichste Beschäftigung an allen Landeplätzen, auf allenHinterdecks. Bauern in Schafpelz und Bastschuhen, rotblusige Kellner und Träger, braun-gekuttete Pilger und Klosterbettler mit langgewachsenem Haar,Tataren mit der hohen schwarzen Mütze über dem breitknochigen Gesicht, schöne schlanke Perser mit den beaux restes einer edlen Rasse, Kaukasier, Armenier, Türken, Kalmücken, das Völkergemisch aus tausend Jahren, das die Nationalität verkörpert gegen den abgeschliffenen Europäer. Oben auf den Passagierschiffen promeniert Europa in Gebärde und Kleid das gleiche auf beiden Halbkugeln, unten hockt Asien und brütet über der Vergangenheit. Dies war das Bild, das unsere Augen Stunde für Stunde wieder neu reizen konnte. Über das Geländer gelehnt, starrten wir auf die Anlageplatze. Die Träger schürften, bunt-behängt mit Fetzen von Kleidern, hin und her. Einige junge, blonde begannen wir auszuwählen und zu lieben. Das Volk hockte und wartete. Kam ein Schiff, zankten sie sich um die Karten. Ein schmutziger Gendarm suchte sie zu besänftigen. Sie hielten unser Orchesterschiff für ihr Passagierschiff. Sie begriffen nicht und führten Szenen auf. Der Gendarm holte einen Soldaten. Dann kamen die zwei Kokotten der Stadt, wie Pfingstkühe aufgetakelt. Alle lachten, bis sie es vorzogen, abzuschieben. Jetzt inszenierten zwei unserer Orchestermitglieder einen solennen Ringkampf. Da war das Volk an der Reihe uns anzustarren. So wechselte der zoologische Garten. Wusste jemand noch, was dem andern ernst ist?

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Musik auf der Wolga