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Mühlbach, Luise (1814-1873). Biographie

Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, Band 22 (1885),
Autor: Brümmer, Franz (1836-1923)
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Mühlbach, Luise 1814-1873
Mühlbach, Luise, Pseudonym für Klara Mundt, war die Tochter des Oberbürgermeisters Müller zu Neubrandenburg in Mecklenburg-Strelitz und wurde daselbst am 2. Januar 1814 geboren. Ziemlich sorgfältig in der kleinen Provinzialstadt erzogen, vervollkommnete sie ihre Bildung aus selbständigem Streben durch Lektüre und durch Versuche, ihre poetischen Gedanken in schriftliche und druckbare Form zu bringen. Reisen kamen hinzu, um ihren aufgeweckten und empfänglichen Geist anzuregen und sie mit warmer Verehrung für die Literatur zu erfüllen. Sie schwärmte für die Modeschriftsteller jener Zeit, für H. Heine, K. Gutzkow, Börne und besondere; für Theodor Mundt, dessen Studien über die Frauen in seinen Romanen ihn damals bei einem großen Teil des weiblichen Geschlechts interessant machten. Klara Müller begann Nachahmungen dieser im Grunde krankhaften Manier der damaligen schönen Literatur; sie sandte ihre Versuche an Mundt und kam darüber mit ihm in einen empfindsamen Briefwechsel, der später zu persönlicher Bekanntschaft und 1839 zur ehelichen Verbindung führte. Mit Ausnahme zweier Jahre, die sie an der Seite des Gatten in Breslau verlebte, hat sie ihren Wohnsitz stets in Berlin gehabt, von hier auch, besonders nach dem Tode Mundt’s (1861) mehrere größere Reisen unternommen, deren eine sie sogar nach Ägypten führte. Im August 1873 von einem heftigen Leberleiden befallen, erlag sie demselben am 26. September 1873. –– Mühlbach hat als Schriftstellerin eine erstaunliche Produktivität entwickelt; denn sie hat im Laufe von 36 Jahren den Büchermarkt mit nicht weniger als 290 Bänden überschwemmt, eine Leistungsfähigkeit, mit der die bandwurmgleiche Erzeugungskraft vieler Schriftsteller nicht Stich halten konnte. Nehmen wir von diesen Schriften die wenigen Reiseberichte aus (,,Federzeichnungen auf der Reise nach Italien“, 1846 –– „Federzeichnungen auf der Reife nach der Schweiz“, 1864 –– ,,Reisebriefe aus Ägypten“, 1871), die übrigens zu ihren hervorragenderen Leistungen gehören, so lässt sich der Rest in zwei große Gruppen scheiden. Die erste umfasst ihre sozialen Romane, womit sie ihre schriftstellerische Tätigkeit eröffnete. Von ihnen behauptet zwar ihr Gatte in seiner „Litteratur der Gegenwart“, ,,daß in ihnen für die socialen Conflicte der Zeit Versöhnung erstrebt werde“; aber dieses Urteil ist ziemlich vereinzelt geblieben und höchstens von den wildesten Vertretern der Frauenemanzipation gebilligt worden. Heute ist die Literaturgeschichte wohl darüber einig, daß kaum etwas Unweiblicheres von einem Weibe geschrieben worden sei, als die frühesten Romane der Mühlbach, die nichts weiter als die ausführlichsten Schandgemälde bieten, in denen Gift, Dolch, Ehebruch, Notzucht und Blutschande mit der größten Behaglichkeit sich breit machen. Gleich in ihrem ersten Roman ,,Erste und letzte Liebe“ (1838) sieht man höchst edle Menschen mit vollem Bewusstsein Sünden und Verbrechen begehen, als sei dies etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches. Ihr Roman „Frauenschicksal“ (II, 1839), der in 4 Abtheilungen „das Mädchen, die Gattin, die Dame, die Fürstin“ schildert, scheint geradezu für ein Grisettenpublikum geschrieben zu sein. Auch in ,,Justin“ (1843) wird Laster und Sünde, Ehebruch und Maitressenwirtschaft in den glühendsten Farben geschildert. Dem Leben und Treiben Berlins entnimmt sie den Stoff zu den Romanen ,,Eva. Ein Roman aus Berlins Gegenwart“ (III, 1844) und „Ein Roman in Berlin“ (III, 1846). In ihnen bringt sie den Gedanken zur Durchführung, daß religiöse und politische Heuchelei aller Sittlichkeit den Todesstoß gebe. So richtig dieser Gedanke ist, so widerlich ist die Ausführung desselben, die sich fortwährend in moralischem Schmutz bewegt. Ähnlich sind die „Hofgeschichten“ (III, 1847), „Aphra Behn“ (III, 1849), ,,Der Zögling der Gesellschaft“ (II, 1850), „Die Tochter der Kaiserin“ (II, 1848), „Die letzten Lebenstage Katharinas II.“(1859), in denen mitten im Schoße der modernen Gesellschaft eine wahre Vegetation von Verbrechen emporwuchert. –– Die beiden letzten Romane leiten uns hinüber zu der zweiten Gruppe, zu den historischen Romanen der Mühlbach. Hier nimmt die Phantasie der Dichterin „einen maßvolleren Flug, ihr Stil gewinnt eine gebildetere Färbung und jene effekthaschende, sozialistisch-prickelnde, durch Roheit der Phantasie und der Zeichnung verletzende Darstellung ihrer ersten Romane, welche an die neufranzösische Schule erinnern, weicht einer gesetzteren, minder gewaltsamen Darstellungsweise“. Aber die Art und Weise, wie alle diese Romane zusammengeschmiedet sind, raubt ihnen doch jene Vorzüge, die man an guten historischen Romanen zu finden gewohnt ist. Mag daß Quellenstudium der Verfasserin noch so gründlich sein, wie es bei der Aufführung geeigneter Kraftstellen unter der bedeutungsvollen Etiquette „Eigene Worte“ oder „Historisch“ den Anschein hat, so sind doch die historischen Elemente ohne Kritik aus allen möglichen Büchern zusammengesucht und hängen mit den frei erfundenen Begebenheiten nur ganz äußerlich zusammen. Dass bei der verzweifelten Hast, mit der Mühlbach in einem Jahre die Leihbibliotheken oft mit zwölf Romanbänden versorgte, an eine künstlerische Durcharbeitung des Stoffes nicht zu denken ist, liegt auf der Hand. Ihr erster derartiger Roman, übrigens der besseren einer, „Johann Gotzkowsky, der Kaufmann von Berlin“ (III, 1850), bildete nur den Vorläufer eines Romanzyklus, in welchem sie den großen Preußenkönig Friedrich II. zu verherrlichen suchte. Man muss es der Verfasserin lassen, daß sie in der Wahl interessanter Stoffe glücklich ist, und der sich in 7 Auflagen bekundende Erfolg des Romans „Friedrich der Große und sein Hof“ (III, 1853) mit den Fortsetzungen „Berlin und Sanssouci, oder Friedrich der Große und seine Freunde“ (IV, 1853), „Friedrich der Große und seine Geschwifter“ (VI, 1854) ist nicht allein dem Reichtum an kecken Griffen in der Charakteristik, nicht allein der Lebendigkeit in der Schilderung und der Gewandtheit zuzuschreiben, die pikantesten Anekdoten an den epischen Faden zu reihen, sondern er gründet sich vielmehr auf dem Interesse, welches das Publikum seinem geliebten Könige allezeit entgegengebracht hat. Aber dieser Erfolg bestimmte die Verfasserin, mit wahrem Heißhunger nach ähnlichen Romanhelden zu suchen und sie in einer Unzahl von Romanen zu misshandeln. So folgten „Kaiser Joseph II. und sein Hof“ (XII, 1855), „Königin Hortense“(II, 1856), „Napoleon in Deutschland“ (4 Abth. 1858–59), ,,Karl II. und sein Hof“ (III, 1858), „Erzherzog Johann und seine Zeit“ (XII, 1859–63), „Kaiser Leopold II. und seine Zeit“ (III, 1860), „Kaiserin Josephine“ (III, 1861), „Franz Rakoczy“ (II, 1861), „Maria Theresia und der Pandurenoberst Trenk“ (IV, 1861–62), „Prinz Eugen und seine Zeit“ (VIII, 1864), „Der Graf von Benjowsky“ (IV, 1865), „Der große Kurfürst und seine Zeit“ (XI, 1865–66), „Kaiserin Claudia“ (III, 1867). „Marie Antoinette und ihr Sohn“ (VI, 1867), „Kaiser Alexander und sein Hof“ (IV, 1868), „Kaiser Ferdinand II. und seine Zeit“ (V, 1868–70), „Von Solferino bis Königsgrätz“ (XII, 1869 bis 1870), „Kaiser Joseph und sein Landsknecht“ (IV, 1870), ja selbst ihre letzte Reise (nach Ägypten) mußte der Verfasserin Stoff liefern zu drei Romanzyklen über Mehemed Ali („Mehemed Ali und sein Haus“, IV, 1871; „Mehemed Ali’s Nachfolger“, IV, 1872; ,,Mehemed Ali, der morgenländische Bonaparte“, IV, 1872). Und wenn einem Beurteiler der Mühlbach’schen Romane sich 1871 die unabweisliche Befürchtung aufdrängte, ,,daß der deutsche Kaiser Wilhelm und seine Zeit auch werde daran glauben müssen“, so war dieselbe wohl gerechtfertigt. Hätte der Tod der Verfasserin nicht die Feder aus der Hand genommen, sie wäre sicherlich nicht bei dem einbändigen Roman ,,Kaiser Wilhelm und seine Zeit“ (1873) stehen geblieben und hätte vielleicht die Erfolge Gregor Samarow’s auf diesem Gebiete bedeutend beschnitten. – Außer diesen größeren Werken der Verfasserin sind noch besonders verschiedene Novellensammlungen zu erwähnen, von denen die frühesten „Zugvögel“ (II, 1840), „Novellenbuch“ (1841), „Novellen und Scenen“ (1845) ganz den Charakter ihrer Erstlingsromane tragen. Auf einem höheren, geläuterten Standpunkte stehen daß „Historische Bilderbuch“ (II, 1855), „Neues Bilderbuch“ (II, 1862), die „Historischen Lebensbilder“ (II, 1864), ,,Novellen“ (IV, 1865), vor allen aber die „Historischen Charakterbilder“ (IV, 1856), unter denen sich der ,,Prinz von Wales“ und „Die Franzosen in Gotha“ vortrefflich abheben. –– Mühlbach war ohne Frage ein Talent; leider ist dasselbe im trüben Strome der Vielschreiberei untergegangen und schon jetzt der wohlverdienten Vergessenheit anheimgefallen.