Achtung: Die besten Amazon Angebote gibt es heute auf dieser Seite (hier klicken)

Ästhetische und entwicklungsgeschichtliche Grundlinien

Über dem 18. Jahrhundert liegt nicht der Glanz großer Erfindungen, wohl aber der Schimmer von Schönheit und Pracht. Der Schimmer einer Schönheit, die anmutet wie ein leuchtender Sonnenuntergang, wie die Purpurfackeln eines versinkenden Spätsommertags. Wir fühlen den Zauber dieser Schönheit noch heute, wenn wir durch alte Schlösser und Herrensitze wandeln und in ihnen den feinen Duft jener Wunderblüte einatmen, die "Rokoko“ heißt; wenn wir uns von den rosigen Träumen umgaukeln lassen, welche die Kunst des 18. Jahrhunderts umschweben.



Das Porzellan schmiegt sich dem Rokoko in so überwältigender Hingebung an, dass man die irrtümliche Annahme Sempers*), das Rokoko verdanke dem Porzellan seine Entstehung und sei von Dresden nach Frankreich gebracht worden, sehr wohl verstehen kann.

*) G. Semper. Der Stil in den technischen und tektonischen Künsten, München 1878/79.

Vielleicht ist es unter dem Einflüsse der Bestrebungen des modernen Kunstgewerbes, von denen ja auch die Keramik bedeutsam getroffen wird, der Porzellantechnik beschieden, mit der Zeit einen Stil herauszubilden, der sie zu einer neuen Blütezeit hinführt. Diese zweite Blütezeit wird dann freilich anders geartet sein als die erste. Der süße, berauschende Duft dieser wird ihr, der ernsteren, herberen, an Grazie, Anmut und sprühender Laune ärmeren, fehlen; aber der Schönheitsreiz, der von ihr ausgehen wird, wird trotzdem vielleicht demjenigen nahe kommen, den die lichte, heitere, farbenfreudige Kunst der Kaendlerzeit ausströmte.

Es schmälert das Verdienst derer, die sich bis zu dieser Stunde um die Porzellanbildnerei bemüht haben und noch bemühen, es schmälert selbst Kaendlers, des hervorragendsten bisherigen Porzellanplastikers, Verdienst nicht, wenn man über die plastischen Möglichkeiten des Künstlers diejenigen des Materials stellt, in dem er seine Kunst Ausdruck gewinnen lässt. Wer heute von irgendeinem anderen bildnerischen Materiale zur Porzellantechnik herkommt, der muss zu einer ganz neuen, ihn neuartig erregenden. Neuartiges von ihm verlangenden Behandlungsweise des Materials sich entschließen. Marmor und Erz, ja selbst das Holz will Ruhe der Linien, Größe der Formengebung, Erhabenheit des Ausdrucks, will Rhythmus und Klarheit der Gliederung; das Porzellan dagegen verlangt in allem und jedem das gerade Gegenteil: es will Freiheit in der Linienführung, Ungebundenheit in der Formengebung, Leichtigkeit und Grazie des Ausdrucks. Der Rhythmus ist ihm verhasst, die Klarheit der Gliederung widerspricht seinem Wesen.

Wenn Semper dem Meißner Porzellanstil der Kaendlerzeit entscheidenden Einfluss auf die Bildung des Rokokostils zuerkannte, so ergibt sich aus dieser Auffassung die Tatsache, dass wie kein anderer Stil das Rokoko dem Wesen und Charakter des Porzellans entspricht. Die Porzellantechnik ist, wenn man so sagen darf, die personifizierte Rokokotechnik, ist das Darstellungsmittel kat exogen für eine so graziöse, heitere, lichte, von sinnfälligster Schönheit erfüllte Kunst, wie es das Rokoko ist.

Es will scheinen, als unterscheide das heutige Kunstgewerbe nicht mehr scharf genug zwischen dem Wesen des Porzellanmaterials und anderen keramischen Produkten. Mag immer ein anderes keramisches Material die Stilisierung der Form und des Ornaments ohne Einschränkung vertragen — das Porzellan erträgt die Auferlegung architektonischen und ornamentalen Zwanges nur bis zu einer scharf wahrnehmbaren Grenze. Die stilisierten Figuren- und Gefäßdarstellungen, die von Kopenhagen ausgegangen auch in Deutschland Nachbildner gefunden haben, überschreiten zum Teil diese Grenze bereits. Sie berücksichtigen nicht immer mit der erforderlichen Einsicht jene andere sehr zu Recht bestehende Forderung der modernen dekorativen Kunst, dass jedes Material seinen Stil hat, der nicht ohne weiteres auf ein anderes Material übertragen werden kann.

Ein neuer Porzellanstil von mehr als nur vorübergehender Bedeutung kann zweifellos nur herausgebildet werden, wenn die Plastiker und mit ihnen selbstverständlich auch die Maler des Porzellans diesem seine Eigenart, seine Wesenszüge williger und charaktervoller lassen, als dies gegenwärtig geschieht. Die Kopenhagener Manufakturen, so hoch ihr rein künstlerischer Einfluss auf die Weiterentwicklung der Porzellankunst im modernen Sinne durch ihre über den Weg japanischer Vorbilder hin erfolgte Rückkehr zur Natur eingeschätzt werden darf, lassen sich zu sehr von dem Wesen anderer keramischer Materiale beeinflussen, als dass sie im Porzellan die reinen, unbeeinträchtigten Wirkungen zu erzielen vermöchten, die das Porzellan der Kaendlerzeit in so faszinierendem Maße besitzt. Fragen wir uns doch, weswegen der Rokokostil für das Porzellanmaterial wie eigens geschaffen, wie unauflöslich und unabänderlich verbunden mit seiner Eigenart erscheint. Beruht diese Eigentümlichkeit wirklich nur auf dem Interesse an der Überlieferung, an dem graziösen Reize des Zeitbildes, das uns im Rokoko entgegentritt ? Ergötzen uns die Kaendlerschen Figuren nur deshalb so sehr, weil durch sie die leichtfertige, rosenrote, töricht-schöne Zeit lebendig vor uns wird, die sie schildern? Bewundern wir hier die Marquise mit den rosigen Wangen, mit dem rauschenden Reifrock und dem kokettierenden Fächer, dort den stolzen Kavalier mit dem gravitätisch gehaltenen Galanteriedegen, da die Schäferin, die ihrem Schäfer die kirschroten Lippen zum Kusse darbietet, den Jäger, der plaudernd bei seinem Liebchen steht — bewundern wir alle diese und tausend andere Gebilde von Kaendlers und seiner Gehilfen kunstfertigen, fleißigen Händen nur deshalb, weil sie uns die kosende und tändelnde, sonnige, von den glänzenden Lichtern einer versinkenden Kultur überstrahlte Zeit mit fast photographischer Treue, mit höchster, reizvollster Farbigkeit und im köstlichsten Formenreichtum zeigen?


Mit Nichten! Was die Porzellanarbeiten, wie sie das Meißen der Kaendlerzeit mit so viel künstlerischer Laune, mit so frischer bildnerischer Kraft erschuf, so sehr bewundern, noch heute über jedes andere Porzellangebilde stellen lässt, das ist die wunderbare Übereinstimmung zwischen Material und Stil.

Und dann, soweit die farbige Dekorierung des Porzellans in Frage kommt; Es hieße die Schönheit der modernen Unterglasurtechnik völlig verkennen, wollte man ihrer Einschränkung das Wort reden. Aber wenn, wie bei manchen der modernen Porzellangebilde der Unterglasurdekor zu einer völligen Verdeckung des Materials führt, so widerspricht das eben sosehr dem Wesen des Porzellans wie allzu große Ruhe, allzu geringe Bewegung in der Formengebung. Die Roerstrandschen Gefäße mit Lüster- und farbigen Glasuren, die den Überlaufglasuren japanischer Steinzeuggefäße nachgebildet werden, sind ein charakteristisches Beispiel für diese dem Porzellanmaterial nicht entsprechende farbige Dekorationsmanier.

Auch hinsichtlich der farbigen Dekorierung des Porzellans muss es dabei bleiben, dass kein Stilcharakter irgendeiner Zeit und irgendeiner künstlerischen Kultur diesem keramischen Materiale so seinen Charakter lässt wie das Rokoko, das die leuchtendweiße Außenseite des Porzellans nicht so durch Farben verdeckte, dass nichts mehr von seiner schimmernden Schönheit zu sehen war; ein Tüpfelchen Rot auf jede Wange, ein winziger blauer Punkt in die Augenhöhlen, ein paar leichte kirschrote Linien an die Lippen, ein zarter Hauch von Rosa um die Nasenflügel, bunte leuchtende Farben auf das Gewand — so stellen sich die Figuren aus der Kaendlerzeit vor uns hin als eine ganz wundersam geartete Welt im Kleinen, als eine Welt, die zwar nicht voller Naturwahrheit, aber doch voll reizvoller Natürlichkeit ist, als eine Welt, die wir lieben müssen, weil sie voller Grazie und Anmut, voller Formenschönheit und Farbenfreude ist.

Es bedarf nach alledem keines weiteren Wortes mehr darüber, dass die Kaendlerzeit, die Barock- und Rokokoperiode Meißens, als die höchste bisherige Blütezeit der europäischen Porzellankunst auch heute noch zu gelten hat.

Diese höchste Blütezeit erlebte weder August der Starke, der freigebige Förderer der ersten gelungenen europäischen Porzellanbereitungsversuche, noch der, dem wir das Gelingen dieser Versuche verdanken, Johann Friedrich Böttger. Aber August sah doch wenigstens noch die Anfänge dieses Blühens, während sein Adept dahinsank, längst ehe die Tragweite seiner Erfindung oder richtiger Nacherfindung (nämlich des chinesischen Hartporzellans) auch nur annähernd erkennbar war.

Böttger hätte sonst wohl kaum in bezeichnender Selbstironie über die Türe seines Laboratoriums die geringschätzigen Worte gesetzt:

Gott, unser Schöpfer,
Hat gemacht aus dem Goldmacher einen
Töpfer.


In anderem Sinne als dem von ihm, dem Alchimisten, gemeinten war er ja doch ein Goldmacher, ein Goldmacher — auch für seinen Herrn, den Kurfürsten und König!

Porzellan, von Portugiesen schon im 16. Jahrhundert, wenn auch nur in kleinen Mengen, von Holländern zu Ende des 17. Jahrhunderts bereits schiffsladungsweise aus Ostasien nach Europa gebracht, war um die Wende des 17. Jahrhunderts einer der begehrtesten Luxusartikel. In größeren Mengen vereinigt fand man es freilich nur an Fürstenhöfen, da sein Preis dem Werte des Goldes nahe kam. Einer der leidenschaftlichsten Liebhaber dieses Produktes der Keramik war August der Starke. Die Besitzstücke der Porzellansammlung zu Dresden an altem chinesischen Porzellan gewähren ein anschauliches Bild von dem Aufwände, den dieser prunkliebende Fürst allein in bezug auf diesen Luxusartikel trieb. Es lag etwas geradezu Dämonisches in der Macht, die das Porzellan der Chinesen und Japaner auf das 18. Jahrhundert ausübte. Draußen in China und Japan ließen sich die betriebsamen europäischen Kaufleute, die Porzellan als kostbarstes aller fremdländischen Erzeugnisse erwerben wollten, die tiefsten und entwürdigendsten Demütigungen gefallen, um nur die Möglichkeit der Erwerbung dieses begehrten Gutes nicht zu verlieren; im Lande selbst knüpften sich Haupt- und Staatsaktionen an den Besitz der wunderbaren keramischen Erzeugnisse aus dem himmlischen Reiche und dem Lande der aufgehenden Sonne. Fürstengünstlinge verrieten für eines der gleißenden Porzellanfigürchen die Pläne ihrer Herren; Minister ließen sich durch Bestechungen mit chinesischem und japanischem Porzellan zur Schließung von schmachvollen Verträgen verleiten, ja Fürsten selbst verfielen der Dämonie dieses Zaubergutes: sie tauschten die fremde Töpferware gegen Menschenware ein, sie verhandelten gegen einen Satz chinesischer Porzellanvasen Soldaten. Das Porzellan war die Leidenschaft, war der Taumel der Zeit. Welche Unsummen August der Starke für die Erwerbung von chinesischem und japanischem Porzellan verausgabte, ergibt als ein Beispiel von vielen die im folgenden abgedruckte Einleitung der Beschreibung des holländischen Palais (sog. Japanischen Palais) zu Dresden, das im Jahre 1715 vom Grafen von Flemming erbaut, im Jahre 1717 von August dem Starken erworben, vom Jahre 1729 an für den besonderen Zweck, seine ostasiatische Porzellansammlung aufzunehmen, eingerichtet wurde; die Beschreibung rührt von einem Zeitgenossen Augusts, J. G. Keyssler*), d. d. 23. Oktober 1730, her. Die uns interessierende Stelle lautet:

Der Japanische Pallast in Alt Dresden nahe am weißen Thore gehörte sonst den Grafen von Flemming . . . Die Menge des allhier befindlichen einheimischen und ausländischen Porcellains ist nicht zu beschreiben, und wird dasjenige allein, so zum Küchengeräthe gehöret, auf eine Million Thaler geschätzet. In einem der oberen Zimmer siehet man die 48 Gefäße aus weißem und blauem Porcellain, für welche der König von Pohlen dem itzigen Könige von Preußen ein Regiment Dragoner gegeben hat . . .“

Nicht viel geringer war die Leidenschaft für Porzellan in anderen Ländern und bei anderen Fürsten. Friedrich der Große, ein Fürst, dem im allgemeinen wohl das Zeugnis der Sparsamkeit ausgestellt werden kann, kaufte im Jahre 1763 die von dem Kaufmann Johann Ernst Gotzkowski im Jahre 1761 in Berlin begründete Porzellanfabrik, die nachmalige Königliche Porzellanmanufaktur, um den Preis von 225.000 Talern und befahl, was für die Wichtigkeit, mit der er den Erwerb des Werkes betrachtete, spricht, dabei folgende Klausel im Kaufvertrage:

„Alle Geheimnisse, Wissenschaften, Künste und Handgriffe, worauf sich diese Fabrique gründet, müssen Sr. Königl. Majestät von dem p. Gotzkowski getreulich entdecket, beschrieben und ausgeantwortet, nicht minder von demselben eidlich angelobet werden, dass er davon weder für sich noch für die Seinigen etwas zurückhalten und verschweigen, auch für sich und die Seinigen von nun an keinen fernem Gebrauch machen, noch viel weniger das Geringste davon an einen Dritten, er sei, wer er wolle, offenbaren, sondern diese Geheimnisse, Wissenschaften und Künste gegen jedermann außer gegen Se. Königl. Majestät und diejenigen, welche von allerhöchst denenselben hierzu legitimiret werden möchten, verschwiegen halten und mit in seine Grube nehmen wolle.“

*) J. G. Keysslers Neueste Reisen. (Hannover 1740)


Frankreich zahlte zu Ludwigs XV. Zeit alljährlich nahezu eine halbe Million Livres für sächsisches und chinesisches Porzellan — kein Wunder, dass die Geliebte des Königs, die Marquise von Pompadour, nach Mitteln sann, um diese großen Summen dem Lande zu erhalten. Die Manufaktur von Sèvres ist ihre und nicht ihre schlechteste Schöpfung; mit all dem Eifer und all der Energie, die dem Handeln dieser Frau eigentümlich waren, betrieb sie die Errichtung der Manufaktur: sie gewann Zeichner und Maler für ihr Werk, ließ Alchimisten kommen, die vorgaben, der Sächsischen Manufaktur das Herstellungsgeheimnis abgelauscht zu haben, verlor nicht den Mut zur Fortsetzung der Arbeiten, als die ersten Versuche der Hartporzellanbereitung misslangen, und hatte schließlich die Genugtuung, dem sächsischen Hofe, ihrem gefährlichsten Wettbewerber auf dem Gebiete der Porzellanherstellung, ein von der Sèvres-Manufaktur geschaffenes Tafelservice zum Geschenk machen zu können.

Wahrlich, Johann Friedrich Böttger war ein Goldmacher, wenngleich es ihm nicht gelang, aus dem roten Ton von Okrilla und der weißen Erde von Aue blinkendes Gold zu gewinnen — das Ziel seines Strebens, der brennende Wunsch seines Ehrgeizes, die Gipfelung seines Lebens.

Auf kaum einem anderen Gebiete der exakten Wissenschaften haben sich seit dem Anfange des 18. Jahrhunderts gewaltigere Umwälzungen vollzogen als auf demjenigen der Chemie. Unserer Zeit wird es leicht, die stoffliche Verschiedenheit der Körper zu ermitteln. Durch die Analyse bestimmt sie beinahe unfehlbar nicht nur die stoffliche Zusammensetzung, sondern auch das Mengenverhältnis der ermittelten Bestandteile; durch die Synthese aber bietet sie die Möglichkeit, den Körper wieder in eben derselben Form zusammensetzen, in der sie ihn vor der Analyse vorfand. Und nicht nur, dass sie die Fähigkeit besitzt, vorhandene Körper nach Belieben in ihre Grundstoffe zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen: es ist ihr sogar gelungen, zahlreiche Mineralien und viele chemische Verbindungen, die durch den Lebensprozess der Pflanzen und Tiere gebildet werden, künstlich zu erzeugen, ja mehr noch: chemische Verbindungen herzustellen, die in der Natur gar nicht vorkommen, da dort die Bedingungen zu ihrer Entstehung nicht gegeben sind. Wie anders war die Chemie zu Anfang des 18. Jahrhunderts beschaffen. Angewiesen auf die unzulänglichsten Forschungsmittel, stand sie trotz der Boyleschen Lehren theoretisch noch immer auf dem Standpunkte des Paracelsus: alle Stoffe seien aus drei Urstoffen zusammengesetzt, nämlich aus Schwefel, Quecksilber und Salz. Unter Schwefel verstand man — ich folge hier einer Erklärung, die der um die Erforschung der Geschichte des Meißner Porzellans verdiente frühere technische Oberleiter und spätere Direktor der Meißner Porzellanmanufaktur, Geh. Bergrat Dr. Heintze, in einem "Beitrag zur Geschichte der europäischen Porzellanfabrikation“*) gibt — das brennbare Prinzip, den Sauerstoff, unter Quecksilber das in der Hitze sich verflüchtigende und unter dem Salze den feuerbeständigen Rückstand. Noch im Jahre 1747, also 28 Jahre nach Böttgers Tode, sagte der als ernster Chemiker gerühmte Kräutermann in seinem Werke: „Über Metalle und Mineralien“:

„Einige sagen, die Metalle bestünden aus vier Elementen, andere sprechen nur von Mercurio, Salz und Schwefel.“

Kein Wunder, dass in dieser Zeit noch vielfach an dem Satze festgehalten wurde, dass Alles aus Allem werden kann, dass auch wissenschaftlich gebildetere Chemiker als Böttger (vgl. Anm. 1 und Abb. 1) an die Wahrheit der alchimistischen Theorien glaubten. Die neuere Forschung hat das Charakterbild wesentlich umgeformt, das Böttgers erster Biograph Engelhardt**) entworfen hat. Insbesondere ist es das Verdienst des Direktors der Dresdner Porzellansammlung, Prof. Dr. Ernst Zimmermann***), die Anschauung Engelhardts gründlich widerlegt zu haben, als sei Böttger ein Mensch gewesen, den nur ein Glückszufall zum bedeutenden Erfinder machte, der „eigentlich nichts wusste und nichts konnte“, ein Faulpelz und Nichtstuer, ein Verschwender und Trunkenbold. Wohl ist anzunehmen, dass er, der sich als Apothekerlehrling in Berlin mit Alchimie beschäftigt hatte, eine Zeitlang daran geglaubt haben mag, dass er dazu berufen sei, den „Stein der Weisen“ zu finden, das "Arcanum“ zu bereiten,, jenen geheimnisvollen Stoff, der die Fähigkeit verlieh, aus Steinen und minderwertigen Metallen Gold (Anm. 2) zu machen. Aber ebenso gewiss ist, dass er sich ernsthaft und mit erstaunlicher schöpferischer Kraft keramischen Aufgaben zugewendet hat, nachdem er, auf Augusts des Starken Befehl von Wittenberg nach Dresden gebracht, zu praktischer und nutzbringender Arbeit veranlasst wurde.

*) Zeitschrift für Architektur und Ingenieurwesen, Heftausgabe, Jahrg. 1898, Heft 5.

**) Karl August Engelhardt, J. F. Böttger, Erfinder des sächsischen Porzellans. (Leipzig, 1837. Verlag von Johann Ambrosius Barth.)

***) Ernst Zimmermann, Die Erfindung und Frühzeit des Meißner Porzellans. (Berlin 1908. Verlag von Georg Reimer.)


Dass der Erfinderruhm eines solchen Mannes nicht unbestritten bleiben würde, ist ohne weiteres begreiflich. So sehen wir denn die Behauptung, nicht Böttger, sondern ein gelehrter Zeitgenosse von ihm, der Physiker und Mathematiker Ehrenfried Walther v. Tschirnhaus (Anm. 3) sei der Erfinder des europäischen oder richtiger der Nacherfinder des chinesischen Porzellans, in den zwei Jahrhunderten, die nunmehr seit dieser Erfindung bezl. Nacherfindung vergangen sind, zu wiederholten Malen auftauchen, zum ersten Male schon zu Böttgers Lebzeiten, von diesem unwidersprochen gelassen wohl nur deshalb, weil er schwer krank darniederlag und noch nicht zwei Monate später starb. Der erste Zeuge wider Böttgers Erfinderpriorität war ein gewisser Bussius*), zuerst Kassierer, später Sekretär bei der Kommission, die von August dem Starken für die Meißner Manufaktur eingesetzt worden war. Er erklärte in einem am 19. Januar 1719 (Böttger starb am 13. März desselben Jahres) an die Kommission gerichteten Berichte:

„Dass die Porzellanerfindung nicht von Böttgern, sondern vom selbigen Herrn von Tschirnhausen herkomme und dessen schriftliche Wissenschaft ihm durch den Inspektor Steinbrück**) zugebracht worden sey.“

Bussius fand mit seiner Behauptung keinen Glauben; ganz allgemein wurde vielmehr an der Urheberschaft des europäischen Porzellans durch Böttger festgehalten, bis zwölf Jahre nach seinem Tode, im Jahre 1731, in einer Zeitschrift***) ein Aufsatz über Ehrenfried Walther von Tschirnhaus erschien, in dem unter anderem erklärt wurde:

„Denn eben der Herr von Tschirnhausen ist derjenige, so die Maßen zum Porcellain am ersten glücklich erfunden, und hat sie erst nach ihm der bekannte Baron Bötticher****) völlig ausgearbeitet und zu Stande gebracht. Der Todt nehmlich unterbrach alle schönen Bemühungen des Herrn von Tschirnhausen, welche die Welt itzo nicht mit Golde bezahlen kann.“

*) Karl August Engelhardt a. a. O. S. 263 ff.

**) Johann Melchior Steinbrück, Böttgers Schwager, war (nach Engelhardt) zuerst Hofmeister bei Tschirnhaus und wurde später Einnehmer bezl. Inspektor bei der Porzellanmanufaktur zu Meißen.

***) Sächsisches Curiositäten-Cabinet. Drittes Repositorium. Dresden bey Peter George Mohrenthalen. 1732

****) Böttger ist von seinem Fürsten weder nobilitiert, noch durch einen anderen als den Titel ,,Administrator“ ausgezeichnet worden. Trotzdem bestand zu seinen Lebzeiten die Fabel, er sei im Jahre 1711 oder 1714 in den Freiherrenstand erhoben worden. Engelhardt bemerkt hierzu (S. 492):

„Sonder Zweifel war er nur so eine Art von Hausbaron, oder Hausedelmann Untergebene allein und Schmeichler nannten ihn so, und auch nur so lange als sie ihn fürchteten, oder durch ihn etwas zu erlangen hofften. Darum verklang auch in Böttgers letzten Jahren der Baronstitel; schon als Steinbrück mit ihm in Differenzen gerieth, titulirte er ihn nur selten noch so, nach seinem Ableben aber nie.“


Aber auch diese neue Behauptung gegen Böttger und für Tschirnhaus fand nur wenige Gläubige, und so galt Böttger fast ein Jahrhundert lang unbestritten als alleiniger Erfinder des europäischen Porzellans, bis einer seiner Biographen aus dem Anfange des vorigen Jahrhunderts, der Königl. Bibliothekar Hempel zu Dresden, gestützt auf die Bussiussche Behauptung, aufs neue mit Zweifeln gegenüber der alleinigen Erfinderschaft Böttgers hervortrat. Auch dieser Angriff verhallte ungehört, und wieder galt bald ein Jahrhundert lang Böttger als Erfinder des Porzellans.

Erst die neueste Zeit hat ihm neue Widersacher geschaffen. Zwei Schriftsteller, Prof. Dr. Kurt Reinhardt, Rektor des Realgymnasiums zu Freiberg i. Sa., und Hermann Peters in Hannover, insbesondere sind es, die für Tschirnhaus als eigentlichen Erfinder des europäischen Porzellans und gegen Böttger auftreten. Reinhardt hat seine Ausführungen in einer Abhandlung zusammengefasst, die unter dem Titel „Tschirnhaus oder Böttger?“ (Im Selbstverlage der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften und in Kommission der Buchhandlung Herm. Tzschaschel in Görlitz) erschienen ist. Peters hat seine Darlegungen in einem Berichte in den "Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften“ (Nr. 19, V. Bd. Nr. 3. 1906) niedergelegt.

Keiner von beiden, weder Reinhardt noch Peters, vermag neues urkundliches Material für seine Behauptung, die in dem Satze gipfelt:

„Ehrenfried Walther von Tschirnhaus der Erfinder des deutschen Porzellans, sein Manipulator Böttger der Räuber seines Nachruhms“,

beizubringen. Beide müssen sich auf das allen Forschern bekannte, zuletzt von Zimmermann bearbeitete Material*) verlassen, das zu gar keinem anderen Ergebnisse führen kann als dem, dass Böttger der alleinige Erfinder des europäischen Porzellans ist.

Kein Forscher bezweifelt, dass Tschirnhaus sich mit Porzellanbereitungsversuchen beschäftigt hat. Im Gegensatze zu Engelhardt**) nimmt die neuere Forschung sogar an, dass dies bereits vor dem Jahre 1699 geschah, ja wohl sogar schon vor der Zeit, als (2. September 1694) der ihm befreundete Gottfried Wilhelm Leibniz die folgende Bitte an Tschirnhaus richtete:

„Dürfte ich wohl um ein stückgen von ihren mit dem Brennglass tractirten porzellan bitten, darauff angeflogen gold, dabey man siehet, wie es gleichwohl dem glass die farbe mittheilet. Von dem artificiali möchte auch eine probe wünschen, zumahl wenn man etwas darauff machen köndte, darauss zu sehen, dass er Europäisch, wie auch Hr. Settala gethan haben soll.“

Darauf antwortete Tschirnhaus am 12. Oktober 1694:

„Ein stückichen von Porzellan sende hiermitt, darauff dass gold geschmoltzen eine Tincturfarbe gemachet wie verlanget wird; soll wohl bessere proben communiciren mitt der Zeit, ietzo habe selbst nicht mehr als ein stückichen noch von den Artificiosen Porzellan, sobald von solchen in der perfection gefässe gemacht, dass sie zu communiciren taugen, wihl auch eingedenk sein Dero Vergnügen satisfaction zu geben.“

Tschirnhaus ist viermal in Paris gewesen, nämlich in den Jahren 1675, 1677, 1682 und 1701. In der Staatlichen Bibliothek zu Hannover befindet sich in einem Aktenstück, das den Titel führt: „Briefwechsel zwischen Leibniz und Tschirnhaus“ eine Notiz von Leibniz, der 1675 ebenfalls in Paris weilte und dort viel mit Tschirnhaus verkehrte. Sie lautet: „Laboravit Tschirnhaus cum aliis quibusdam in argilla.“ Daraus geht hervor, dass Tschirnhaus sich schon um diese Zeit mit Versuchen zur Pcrzellanfabrikation beschäftigte. Aber diese Versuche galten augenscheinlich nicht der Nachbildung des chinesischen Hartporzellans, sondern der Herstellung der „Porcelaine artificielle“ der Franzosen, einer Fritte, die nach Dr. Heintze aus Quarz, Kalk und salpetersaurem Kali besteht, welche Bestandteile gemahlen zur Erleichterung des Formens mit etwas Mergel versetzt wurden. Daraus wurden Geschirre geformt, die man bis zur Sinterung brannte, dann mit einer bleisiliciathaltigen Glasur versah und nunmehr gut brannte. Solche „Porcelaine artificielle“ ist in St. Cloud bereits seit dem Jahre 1695 fabrikationsweise hergestellt worden. Es ist anzunehmen, dass es Tschirnhaus nicht gelungen ist, auch nur dieses Frittenporzellan nachzubilden, sondern dass seine Porzellanbereitungsversuche auf die Gewinnung jener Glasflüsse beschränkt blieben, von denen auf S. 16 die Rede ist. Denn es würde sonst ganz zweifellos irgendwo in dem urkundlichen Materiale von einem anderen Gebilde als diesen Glasfritten gesprochen werden. Das aber ist nicht der Fall, mit alleiniger Ausnahme der Stelle in dem Leibnizschen Briefe:

"Von dem artificiali möchte auch eine probe wünschen“;

hier aber deutet alles darauf hin, dass Leibniz die französische Porcelaine artificielle, die spätere Pâte tendre, gemeint hat. Denn während er im Vorsatze von „ihren (Tschirnhausens) mit dem Brennglass tractirten porcellan“ spricht, redet er hier ganz allgemein von dem artificiali, nicht von dem Tschirnhausschen artificiali; dagegen hofft er, dass man aus der Probe ersehen könne, dass das Material europäischen (französischen) Ursprungs ist. Das wahrscheinliche ist, dass Tschirnhaus von Paris Porcelaine artificielle mit nach Deutschland gebracht hatte***) und nun, erfolglos, versuchte, es nachzubilden.

*) Ernst Zimmermann, „Die Erfindung und Frühzeit des Meißner Porzellans“ (Berlin 1908, Verlag von Georg Reimer) und „Wer war der Erfinder des Meißner Porzellans?“, Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde. 28. Bd. 1.u. 2. Heft. S. 17 ff.

**) Carl August Engelhardt a a. O S. 252.

***) In einem Bericht vom 16. März 1702 (Akten im Hauptstaatsarchiv in Dresden Loc. 489. Acta allerhand Projekte und Vorschläge betr. ao. 1702 seqq. Vol. 1) über eine im Oktober 1701 nach Holland und Frankreich unternommene Studienreise schreibt Tschirnhaus an den Statthalter von Sachsen, Fürst Anton Egon von Fürstenberg: "Zu Saint Clou in der Porcelain Manufactur, kauffte ich mir unterschiedene Stücke, die mir aber hernach von selbst zersprangen, denn in der Composition viel Salia gebrauchet werden, Sie geben sie sehr theuer, u. viel höher als guten Porcelain. Wesswegen der Abgang sehr schlecht ist, der Ofen und die Machinen zum Reiben der Materialien, war das beste wiewohl noch nicht vollkommen, wie es seyn solte, das andere war mir alles bekannt. Die blaue Farbe, so er brauchet, ist viel zu tunckel schwarz; In Summa, Ich glaube, dass diese Manufactur zu Grunde gehen wird.“


Auf die Reinhardtschen Feststellungen stützt sich in der Hauptsache auch der Chemiker Hermann Peters in Hannover. In seiner Begründung des Anteils von Tschirnhaus an der Erfindung des Porzellans ist bemerkenswert der Hinweis auf einen Zeitgenossen von Tschirnhaus, den damaligen Sekretär der Französischen Akademie der Wissenschaften, Fontenelle, der in den Memoiren der Akademie deren verstorbenem Mitglied Tschirnhaus im Jahre 1709 einen Nachruf widmete. Darin wird, nach Peters, was richtig ist, mitgeteilt, Tschirnhaus habe im Jahre 1701 Paris zum letzten Male besucht und bei dieser Gelegenheit dem berühmten Chemiker Homberg eine Probe der von ihm selbst hergestellten „Porzellanmasse“ gegeben*). Es wäre doch sehr erstaunlich, dass Tschirnhaus eine Vorschrift zur Porzellanbereitung besessen haben sollte, die ihn in einem Zeiträume von 7 Jahren (zwischen 1701 und 1708) nicht einmal zu einem praktischen Ergebnisse geführt hat, und noch erstaunlicher, dass Böttger, der nur durch die feinsten Schliche Augusts des Starken Ungeduld nach endlichen Taten beschwichtigen konnte, mehr als ein halbes Jahr hätte verstreichen lassen, ehe er das Erbe von Tschirnhaus in seinem Nutzen verwertete. Denn am 11. Oktober 1708 starb Tschirnhaus, aber erst am 28. März 1709 teilte Böttger in einer Eingabe an den König mit, dass er:

„den guten weißen Porcellain mit der allerfeinsten Glasur und behörigen Mahlwerck in solcher perfection zu machen wisse, dass er dem Ost-Indianischen, wo nicht übertreffen, doch gleich kommen solle.“

Wenn die gelblich-weißgefärbten und roten, schwarzgeaderten (vgl. Abb. 2) Glasflüsse, welche die Porzellansammlung zu Dresden als angebliche Tschirnhausarbeiten aufbewahrt, in der Tat Gebilde seiner Hand sind, so beweisen sie, wie eifrig dieses Mannes Mühen war, eine porzellanartige Masse herzustellen, und wie er dennoch nichts anderes erreichte als eine im Äußerlichen porzellanähnliche Glasfritte.

*) Die Stelle in dem Fontenelleschen „Elloge de Mrs. Tschirnhaus“ lautet nach Engelhardt, a. a. O. S. 266, folgendermaßen: „Mr. de Tschirnhaus revint à Paris pour la quatrieme (et derniere) fois en 1701 et fut assez assidu à l'academie: Pendant ce sejour à Paris il fit part à Mr. Homberg d'un secret qu'il avoit trouvé aussi suprenant, que celui de tailler ses grands verres;c'est de faire de la porcellaine toute pareille à celle de la Chine; et qui par consequent épargneroiz beaucoup d'argent à l'Europe. On a cru jusqu'icl que la Porcellaine était un don particulier, dont la nature avait favorise les Chinois, et que la terre, dont elle est faite, n'était que dans leur pays. Cela n'est pas ainsi; c'est un mélange de quelques terres, qui se trouvent communement partout ailleurs, mais qu'il laut s'aviser de mettre ensemble. Un premier inventeur trouve ordinairement un secret par hasard et sans le chercher, mais un second qui cherche ce que le premier a trouvé, ne le peut guere trouver que parle raisonnement. Mr. de Tschirnhaus avait donné à Mr. Homberg sa porcellaine en échange de quelques secrets de chimie qu'il avait reçus de son ami.“

Ein weiterer Zeuge für Reinhardt ist die Tatsache, dass ,,Tschirnhaus als Frucht seiner Pariser Reise ein Projekt zur Gründung einer Porzellanmanufaktur in den Jahren 1702 oder 1703 ausgearbeitet“ hat. Ganz gewiß handelte es sich hier nicht um eine Fabrik zur Herstellung von Hart-, ja selbst nur von Weichporzellan, sondern nur um eine solche zur Herstellung eines Materials, das dem Delfter Gut ähnlich war. Dr. Heintze hat aus einem Aktenstück festgestellt, dass Böttger auf unmittelbare Veranlassung von Tschirnhaus das Verhalten verschiedener Metalle, später auch zahlreicher farbiger Erden unter den großen Brennspiegeln, die Tschirnhaus hergestellt hatte (vgl. Anm. 4), untersuchte und die Ergebnisse zu weiteren Forschungsarbeiten benutzte. Er wiederholte seine Versuche im Ofen, der mit Holzkohle oder Buchenholzfeuer zu hohen Graden erhitzt worden war, um so die Wirkung des Feuers auf die Versuchskörper zu erkennen. Durch diese Brandversuche wurden farbige Erden gefunden, die feuerbeständig waren, gegenüber anderen, die im Feuer schmolzen und flüssig wurden. Ferner ergab sich aus diesen Versuchen, dass manche Körper, Tone und Gesteine, sich farbig brannten und endlich, dass es in hohem Feuer sich weißbrennende Tone gäbe. Das praktische Ergebnis aller dieser Versuche war die Gewinnung eines Fliesenmaterials, das dem Delfter ähnlich war; zu seiner Herstellung wurde im Jahre 1708 auf königliche Kosten die Fabrik in Dresden-Neustadt gegründet, die in einer Quelle irrtümlich als „Porzellanfabrik“ bezeichnet wird. Engelhardt hat schon recht, wenn er in seiner Böttgerbiographie (S. 254) diese Fabrik eine „Stein- und Rundbäckerei“ d.h. eine Fayencefabrik nennt; ihre irrtümliche Bezeichnung wird vielleicht durch die Tatsache erklärt, dass Böttger, nachdem es ihm gelungen war, eine Masse von so besonderen Eigenschaften herzustellen, dass man sie, wie Dr. Heintze sagt, „nicht nur zu holländischen Fliesen verwenden konnte, sondern, da sie sich porzellanhart nach dem Brande zeigte und eine gute Politur annahm“, zu weiterer Prüfung und Verarbeitung näher untersuchte und von dem Hoftöpfer Fischer aus ihr nach Töpferart Gefäße drehen ließ. Nach der zu Anfang des 18. Jahrhunderts herrschenden Anschauung galten solche aus glasiertem Ton hergestellte Gefäße bereits als Nachahmungen des Porzellans, also als Porzellangebilde.

Noch hinfälliger als dieses Beweismittel ist ein anderes von Peters angeführtes, nämlich das, dass für die in Dresden-Neustadt gegründete Porzellanfabrik Tschirnhaus als technischer Leiter bestellt worden sei, nicht aber Böttger, der nur als sein Laborant tätig gewesen wäre. Demgegenüber mag der Inhalt eines Aktenstückes wiedergegeben sein, das sich bei Engelhardt (S. 260 und 261) abgedruckt findet. Will man aus ihm Schlüsse auf die gegenseitige Stellung von Böttger und Tschirnhaus ziehen, so erscheinen die Rangverhältnisse als das gerade Gegenteil von dem, was Peters annimmt.

Das Aktenstück lautet:

„Von Sr. König]. Majestät eigenhändig approbirtes Besoldungs-Reglement d. d. 12. Januar 1708 für das von Böttgern zu Absolvirung seiner Geschäfte angenommenen Personale,

Sowohl denjenigen Personen, welche von Ihr. Köni gl. Majestät selbst mir Johann Friedrich Böttgern zugeordnet

alß auch

Derer Leute, so mit Ihr. Maj. allergnädigsier Bewilligung zu meiner Arbeit und Bedienung durch mich angenommen worden.

Monatlich

sollen haben,

Hr. Cammer-Rath Michael Nehmitz vom
1. October 1707. 150 Thlr.
Hr. Rath Ehrenfned Walter v. Tschirnhaus
vom December 1709 100 Thlr.
Hr. Leibmedicus D. Jacob Bartelmei
vom Nov. 1707 pro Discretione 10 Thlr.

Die Arzneyen werden demselben a part bezahlt.
Denen Sechs wachhaltenden Ober-Officiers
vom Januar 1708 24 Thlr.
Hr. Justus Basilius Hering
vom October 1707 20 Thlr.

Latus 304 Thlr.



Nach alledem hat es ganz zweifellos dabei zu bleiben, was allen neueren Schriftstellern über Meißner Porzellan, zuletzt Herrn Prof. Dr. E. Zimmermann, zu unumstößlicher Überzeugung geworden ist, dass nämlich Johann Friedrich Böttger der eigentliche Erfinder des Meißner Porzellans war, und dass ihm Tschirnhaus nur hilfreiche Hand bei seinen Arbeiten, die zur Erfindung führten, leistete.

Eine andere Frage ist, ob das Jahr 1709, das Zimmermann*) in Übereinstimmung mit Berling**) als Erfindungsjahr des Porzellans bezeichnet, dauernd der Forschung standhält. Denn wenn der

*) Ernst Zimmermann, ,,In welchem Jahre wurde das Meißner Porzellan erfunden?“ Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde. 27. Bd. 1. u. 2. Heft. S. 60ff.

**) Karl Berling, ,,Das Meißner Porzellan und seine Geschichte“. Leipzig 1900. Verlag von F. A. Brockhaus.

als sehr zuverlässig und vorsichtig in bezug auf seine Aussagen geschilderte Steinbrück in dem Bericht vom Jahre 1717, der zur Vorlage für August den Starken bestimmt war, sagt:

"Sey es nun, dass Böttger sein Porzellan durch diesen oder einen andern chymischen Weg erfunden, so ist gewiß, dass er damit eher fertig worden, denn der von Tschirnhauß, ungeachtet dieser 9 Jahre früher angefangen — wie er dann auch außer allem Zweifel ein beßrer Chymicus ist, als der von Tschirnhauß gewesen“,


so geht aus diesen Worten hervor, dass Böttger bereits vor 1708, also vor Tschirnhausens Tode, die Herstellung von weißem Hartporzellan gelungen sein muss. Der Gang der Entwicklung war; wie wir gesehen haben, folgender: von der Prüfung des Verhaltens von Metallen im Feuer kam Böttger zur Untersuchung farbiger Erden und von diesen zur Gewinnung des Fliesenmaterials. Da ihm die Herstellung des roten Steinzeugs zuerst im Jahre 1707 gelang und er vielleicht schon gleichzeitig, mindestens aber unmittelbar darauf Versuche mit in hohem Feuer sich weißbrennenden Erden machte, so ist es schon möglich, dass er die weiße Porzellanmasse bereits im Jahre 1708 herzustellen wußte. Zu dieser Anschauung kommt auch Dr. Zimmermann in seinem Werke: „Die Erfindung und Frühzeit des Meißner Porzellans“ (S. 51). Aber es war dann eben nur die Masse des weißen Porzellans, deren Zusammensetzung ihm geglückt war; die Bereitung der zu ihr gehörigen Glasuren bis zu jener Vollendung, dass er am 28. März 1709 an den König berichten konnte, er wisse den „guten weißen Porcellain mit der allerfeinsten Glasur“ usw. zu machen, gelang ihm wohl erst unmittelbar vor Abfassung dieses Schriftstückes, also im Jahre 1709. Für die Herstellung des ersten weißen Porzellans wird man daher vorläufig an diesem Jahre festhalten müssen.

Um noch einmal in großen Zügen das entwicklungsgeschichtliche Bild zusammenzufassen: Der Anteil von Tschirnhaus an der Böttgerschen Erfindung ist weniger materieller denn idealer Natur. Tschirnhaus war Böttger vom Könige zur Unterstützung bei seinen Arbeiten beigegeben worden, und seinem Einflüsse gelang es wohl in erster Linie, dass Böttger sich von seinen nutzlosen alchimistischen Versuchen ab- und nutzenversprechenden Arbeiten zuwandte. Denn er kam bald zu der Gewißheit, dass Böttgers alchimistisches Wissen wertlos, dass er dagegen ein reichbegabter Chemiker war, dessen Hand es vielleicht gelang, die von ihm selbst erfolglos unternommenen Versuche zur Herstellung von Porzellan zu einem befriedigenden Abschlüsse zu bringen. Er sollte sich nicht getäuscht haben. Zwar glückte es dem mit seinen Brennspiegeln arbeitenden Böttger nicht sogleich beim ersten Wurfe, ein Porzellan herzustellen, das chinesischem oder japanischem ähnlich in Material und Farbe war; wohl aber führten die Arbeiten Böttgers zunächst zur Gewinnung eines dem roten chinesischen Steinzeug äußerlich ähnlichen roten Steinzeugs (Anm. 5). Innerlich, d. h. in seiner stofflichen Zusammensetzung, ist dieses rote Steinzeug*) dem chinesischen Steinzeug um deswillen nicht verwandt, weil es, im Gegensätze zu diesem, einen dem weißen Porzellan durchaus ähnlich gearteten geschlossenen, nicht saugenden Scherben**) hat.

Freilich war dieses rote Steinzeug nicht das, was Tschirnhaus von Böttgers geschickter und glücklicher Hand erwartet hatte. So setzte denn Böttger seine Versuche fort, und es ist anzunehmen, dass es ihm bald nach dem am 11. Oktober 1708 erfolgten Tode von Tschirnhaus, spätestens aber im ersten Drittel des Jahres 1709 gelang, die Masse des weißen Porzellans herzustellen (Anm. 6).

Noch wars nicht das feine, wunderbar zarte Geschirr, das heute als Vieux Saxe so sehr bewundert, so leidenschaftlich von Sammlern begehrt, so unsinnig bezahlt wird, noch wars nur ein schmutzigweißes, körniges Gebilde — aber es war Porzellan gleich dem chinesischen oder japanischen, es war der erste zarte Keim einer jener vielen Wunderblüten, die uns die Zeit des Rokoko erschloß.

*) Nach einem Urteile des Dr. Heintze.

**) Scherben nennt man bei keramischen Produkten das fertiggebrannte Erzeugnis.



Dieses Kapitel ist Teil des Buches Meißner Porzellan
Tafel III. Deckelvase. Rotbraunes Böttgersteinzeug

Tafel III. Deckelvase. Rotbraunes Böttgersteinzeug

Tafel V. Kruzifix. Dunkel- und hellbraunes, leicht marmoriertes Böttgersteinzeug

Tafel V. Kruzifix. Dunkel- und hellbraunes, leicht marmoriertes Böttgersteinzeug

Tafel VI. Kreuzigung. Modell von Kirchner

Tafel VI. Kreuzigung. Modell von Kirchner

Tafel VII. Schale, Vase, Spucknapf und Sahnengießer. Blaumalerei unter Glasur

Tafel VII. Schale, Vase, Spucknapf und Sahnengießer. Blaumalerei unter Glasur

Tafel VIII. Krinolinengruppe (August III. und Gemahlin). Modell von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel VIII. Krinolinengruppe (August III. und Gemahlin). Modell von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel IX. Die Kreuzigung Christi. Modell von Kaendler

Tafel IX. Die Kreuzigung Christi. Modell von Kaendler

Tafel X. Aus dem Schwanenservice. Bunt bemalt

Tafel X. Aus dem Schwanenservice. Bunt bemalt

Tafel XI. Blumentisch, zum Sulkowskischen Service gehörig. Bunt bemalt

Tafel XI. Blumentisch, zum Sulkowskischen Service gehörig. Bunt bemalt

Tafel XII. Modell zum Reiterstandbild August III. Modell von Kaendler

Tafel XII. Modell zum Reiterstandbild August III. Modell von Kaendler

Tafel XIV. Diana. Modell höchstwahrscheinlich von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XIV. Diana. Modell höchstwahrscheinlich von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XV. Tambour, Vogelfänger, Tischler und Taburettkrämer. Modelle von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XV. Tambour, Vogelfänger, Tischler und Taburettkrämer. Modelle von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XVI. Spiegelrahmen. Modell von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XVI. Spiegelrahmen. Modell von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XVII. Die Kaufmannsfrau, Graf Brühl, Der Geschmack, Gräfin Brühl. Modelle von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XVII. Die Kaufmannsfrau, Graf Brühl, Der Geschmack, Gräfin Brühl. Modelle von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XVIII. Rokokodame. Modell von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XVIII. Rokokodame. Modell von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XIX. Drei Grazien. Modell von Eberlein. Bunt bemalt

Tafel XIX. Drei Grazien. Modell von Eberlein. Bunt bemalt

Tafel XX. Herbst. Modell von Eberlein. Bunt bemalt. XXI. Bacchantische Gruppe. Modell von Meyer. Bunt bemalt

Tafel XX. Herbst. Modell von Eberlein. Bunt bemalt. XXI. Bacchantische Gruppe. Modell von Meyer. Bunt bemalt

Tafel XXI. Bacchantische Gruppe

Tafel XXI. Bacchantische Gruppe

Tafel XXII. Musiker. Modelle von Meyer. Bunt bemalt

Tafel XXII. Musiker. Modelle von Meyer. Bunt bemalt

Tafel XXIII. Triumphzug der Amphitrite. Modell von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XXIII. Triumphzug der Amphitrite. Modell von Kaendler. Bunt bemalt

Tafel XXIV. Juno und Iris. Modell wahrscheinlich von Acier. Bunt bemalt

Tafel XXIV. Juno und Iris. Modell wahrscheinlich von Acier. Bunt bemalt

Tafel XXV. Löwin von Hunden gestellt. Kaendlergruppe auf Empiresockel. Unbemalt

Tafel XXV. Löwin von Hunden gestellt. Kaendlergruppe auf Empiresockel. Unbemalt

Tafel XXVI. Tafelaufsatz. Durchbrochen. Bunt bemalt

Tafel XXVI. Tafelaufsatz. Durchbrochen. Bunt bemalt

alle Kapitel sehen