Die Engländer als Herren Indiens
Ich bin durchaus kein Freund der Engländer; den Gedanken vom „perfiden Albion“, den wir mit der Muttermilch eingesogen haben, werde ich im Leben nicht mehr loswerden. Ich liebe Frankreich, und wenn ich irgendwo in der Welt etwas sehe, das Franzosen schufen, so bin ich von vornherein gern geneigt, es gut zu finden — blos weil es von Franzosen kommt. Wenn ich aber auf etwas Englisches stoße — und welches Fleckchen der Erde ist frei davon? — da bin ich skeptisch und kritisch und suche nach irgendeinem Mangel. Manchmal finde ich auch solch kleinen Schönheitsfehler, dann freue ich mich. Ich müsste aber kein ehrlicher Kerl sein, wenn ich nicht trotzdem unumwunden anerkennen wollte, dass unsere lieben Vettern fast überall Ungeheures geleistet haben, und dass die Erde ihnen sehr, sehr viel zu danken hat.
Wie oft bin ich in Deutschland der Ansicht begegnet: Britisch-Indien — ein Pulverfass! Früher war es der Russe, der von Turkestan her drohte und vom Pamir über den Hindukusch, der erst Persien schlucken würde, Afghanistan und Belutschistan, so wie er Chiva und Bokhara fraß und das ganze Sibirien bis zum Pazifik. Dann würde er in Indien einbrechen, und seine Millionen würden die Handvoll Engländer im Nu aus dem Lande treiben. — Das war nun einmal eine ausgemachte Tatsache bei uns. — Später, nach Tsutsima, löste den Russen der Japaner ab. Asien erwacht, sagten wir. Der kleine Japaner hat tausend Spione und Hetzer in China, in Indochina und in Indien, auf den Philippinen wie auf den Sundainseln. Er wird die Europäer hinauswerfen aus Asien: die Franzosen, die Amerikaner und Holländer und vor allem die Engländer. Wir schadenfreuten uns im Voraus, denn wir selbst haben ja — leider — da nichts zu verlieren oder doch nur das Sandkörnchen: Tsingtau. Und in Indien steht das Volk auf, hieß es, und bricht der Sturm los — —
Wir können uns beruhigen; im indischen Kaiserreiche wird niemals ein Sturm losbrechen, der die Briten hinausfegt. Niemals? Nun, alle Wahrheiten sind relativ; was heute wahr ist, ist morgen eine Lüge. Kein Mensch mag voraussehen, wie die Welt nach einem halben Jahrtausend aussieht; das aber ist gewiss, dass, wie die Dinge heute liegen, das „Niemals“ seine volle Berechtigung hat.
Es klingt ja absurd, dass dieses gewaltige Reich, größer als das halbe Europa und reicher bevölkert als das Ganze, von einem Heer von noch nicht 74.000 englischen Soldaten in Schach gehalten wird. Denn dass die eingeborene Armee (etwa 170.000) und die militärisch organisierte Polizei (etwa 200.000) bei der erwarteten großen Erhebung genauso wie bei dem Aufstand von 1857 sofort auf Seite der Empörer treten würde, erscheint uns ja als ganz selbstverständlich! Aber wir irren auch da gründlich; die Engländer haben viel gelernt seit fünfzig Jahren: heute würde kaum ein Regiment meutern. Der Grund der englischen Machtstellung in Indien beruht auf der Tatsache der ungeheuren Zerrissenheit des Landes in politischer, religiöser, ethnologischer und sozialer Beziehung. Was die politische Teilung anbelangt, so ist zu beachten, dass nur etwa drei Fünftel des Landes — freilich gerade die dichtbevölkerten Gebiete — unter englischer Herrschaft stehen, während zwei Fünftel als Vasallen-, Schutz- oder Bundesstaaten mehr oder weniger unabhängig sind; diese Gebiete werden von etwa siebenhundert einheimischen Fürsten beherrscht, die, durch Rasse und Religion getrennt, einander oft gründlich hassen. Über zwei Drittel der Bevölkerung sind brahmanisch — aber diese Religion zerfällt in viele hundert Sekten, die sich aufs schärfste befehden wie die Sakta, die Pasupat, die Bhairawa, Schaiwa, Lingayat ; ein Fünftel ist mohammedanisch, aber auch wieder in einige Sekten geteilt, die sich nicht weniger hassen. Der Rest teilt sich in Buddhisten, Christen, Sikh, Jainas, Parsi und einige andere Religionen. Noch viel verworrener ist das Rassengemisch, das Typen von hellster Farbe (die Radschputen) bis zum dunkelsten Braun (Madrassi) aufweist; im Ganzen unterscheidet man etwa 180 verschiedene Völker, von denen sehr viele ihre eigene Sprache und ihre eigene Schrift haben. Und diese Zerrissenheit macht nicht einmal Halt bei dem eigentlichen Kern der Bevölkerung, den Hindu selbst; hier ist die ursprüngliche Rassenverschiedenheit freilich längst zur Klassenverschiedenheit geworden, aber diese — die indische Kastenordnung — ist trennender als jedes andere Moment.
Als die von Nordwesten einwandernden hellfarbigen Völker — die wir gern Arier nennen — Indien eroberten, waren sie die Herren ; die Dunkelhäutigen — wir gebrauchen da den Namen : Drawida — die Heloten. Die Eroberer waren nach ihrer Beschäftigung Brahmanen (Priester), Kschatriyas (Krieger) und Waisiyas (Bauern); die Unterworfenen standen als vierte Klasse, als Sudras, in dieser Ordnung. Im Laufe der Jahrtausende schwanden die arischen Kschatriyas und Waisiyas, dagegen bildeten sich innerhalb der Sudra der Drawidastämme weit über tausend neue Kasten. Und diese Kasten stehen alle wie feindliche Mächte einander gegenüber. Jede Zwischenheirat ist verboten, jedes gemeinsame Essen undenkbar. Schon der Schatten des Mitgliedes einer niederen Kaste macht die Speise ungenießbar; in manchen Gegenden verunreinigt ein Niedergeborener schon, wenn er nur auf dreißig Schritt in die Nähe kommt. Der Grundzug dieses Systems ist ein wilder Hass, der nirgends auch nur ein kleines Fünkchen von Nationalgefühl in unserm Sinne aufkommen lässt. Es gibt ein indisches Land, und es gibt viele indische Menschen — aber eine indische Nation gibt es nicht. Länder können aber nicht sich empören, und einzelne Menschen können das nicht mit Erfolg — so wird der Brite stets Herr bleiben in diesem reichen Lande, trotz allem Geschwätz und bübischem Meuchelmord von aufgeblasenen Bengalis.
Man wird einwenden: „Und doch beweist das schwarze Jahr (1857), dass die Möglichkeit eines gewaltigen Aufstandes besteht.“ Mit Verlaub, das ist falsch. Damals waren nur 35.000 englische Truppen im Lande, heute sind es mehr als das Doppelte; heute sind nur 170.000 Mann eingeborene Truppen da, damals waren es fast doppelt so viel. Dazu ist Indien nach allen Richtungen hin mit Eisenbahnen durchzogen; die Engländer können in wenigen Tagen an jeden gefährlichen Punkt beliebig viele Truppen hinwerfen. Sie können ferner in drei bis vier Wochen von Australien, vom Kapland, von Ostafrika, von Ägypten und dem Mutterlande leicht eine Menge Truppen hinüberwerfen, während vor fünfzig Jahren das im besten Falle vier Monate dauerte und nur von England aus geschehen konnte. Und wenn schon damals nur die Sepoyregimenter meuterten, während die andern, wie namentlich die Sikhs, treu blieben, so würde heute bestimmt die weitaus größte Mehrzahl fest zur englischen Sache halten. Denn die englische Regierung hat das ausgezeichnete System, ihre Regimenter weitab von der Heimat zu legen. So liegt in Kolombo ein Regiment Pundschabi, liegen Sikhs in Madras, Gurkhas in Ahmedadab usw. Der Soldat gehört einer anderen Rasse und einer anderen Religion an, er spricht eine andere Sprache und schreibt eine andere Schrift als die Menschen in seiner Garnison; zudem wechselt jedes Regiment alle drei Jahre seinen Standort, um nur ja keine Beziehungen zwischen Einwohnern und Soldaten aufwachsen zu lassen.
Dankbarkeit ist eine Empfindung, die die Psyche der Völker nicht kennt, und am wenigsten die der asiatischen Völker. Sonst müsste der Inder Tag und Nacht die englische Regierung lobpreisen, denn nie ist sein Land so gerecht regiert worden, nie ist er selbst freier gewesen als seit dem Tage, da er eng77 lisch wurde. Die britische Regierung hat immer ein weites Ohr gehabt für alles, was die Leute von Exeter-Hall predigten; so ist sie stets den Eingeborenen sehr weit, vielleicht viel zu weit entgegengekommen; wenn sie je in ihre Sitten und Gebräuche eingriff, so geschah das nur im Interesse der Eingeborenen selbst und um irgendwelchen allzu schlimmen Auswüchsen entgegenzutreten. Und doch war es gerade das englische Eingreifen bei zwei der allerübelsten indischen Gebräuche, bei der Witwenverbrennung (Satti) und bei dem offiziellen Mord weiblicher Kinder, das nicht zum wenigsten den berühmten Sepoyaufstand zur Folge hatte. Seither ist der Brite vorsichtiger geworden, er zwingt dem Land nicht die Zivilisation auf und noch weniger das Christentum, sondern geht langsam, Schritt um Schritt nur, weiter. In unseren Tagen sind es die sanitären Maßnahmen zur möglichsten Verhütung der stets endemischen Pest und Cholera, die dem niederen Volk durchaus nicht einleuchten und die sehr viel böses Blut machen. Der Hindu will nun einmal seinen Schmutz nicht lassen und betrachtet dabei die Krankheiten als Schickungen der Gottheit, der man nicht entgegentreten darf. Man muss den religiösen Fanatismus der Inder kennen, muss gesehen haben, wie Millionen von Pilgern, für Tage wie Heringe eingepökelt in Eisenbahnwagen, in die heiligen Orte zu den Festtagen kommen, oder auch durch Wochen über die sonnigen, staubigen Landstraßen laufen, um verstehen zu können, welche Aufregung diese Menge ergreifen muss, wenn sie plötzlich die heiligen Orte geschlossen findet und zum Rückweg gezwungen wird, ohne in dem heiligen Wasser gebadet zu haben. Die Cholera ist ausgebrochen, die heiligen Orte, die heiligen Wassertanks sind Herde schlimmster Infektion geworden — — Gott, das sind für die Inder alles nur leere Worte! Was schiert ihn die Pest? Mögen Hunderttausende, mögen seine Eltern und Brüder zugrunde gehen — wenn nur er selbst von dem heiligen Wasser trinken darf. Denn das ist Karma, ist eine hohe, verdienstliche Tat. Aber der Brite weiß, was er tut; der unheilvolle Einfluss von Exeter-Hall beginnt langsam zu schwinden, und England ist heute stark genug im Lande, um seinen Gesetzen Gehorsam zu verschaffen.
Zwei Dinge scheinen mir faul zu sein im Lande Indien: die Presse und der Wucher. Der Engländer kennt nur unbedingte Pressefreiheit — gewiss für Europa das einzig mögliche. Aber für Indien? Man sehe sich nur einmal die eingeborene Presse an — da gibt es Dutzende von Blättern, die täglich in maßlosen Ausdrücken die englische Regierung beschimpfen und verleumden. Ein blinder Europäer kann sehen, dass das alles im besten Falle lächerliche Übertreibungen, meistens aber faustdicke Lügen sind. Aber der Inder kann meist weder lesen noch schreiben, sein Horizont ist ein sehr beschränkter. Nun hört er immer wieder dieses Gerede: er muss es schließlich glauben. Dabei sagt er sich: entweder ist das alles so sehr wahr, dass die Regierung nicht einzuschreiten wagt, oder aber, diese fühlt sich hierzu zu schwach. Denn schon der Begriff einer unbeschränkten Pressefreiheit ist viel zu hoch, als dass ihn das Hirn eines Durchschnittsinders zu fassen vermöchte. Das Komische ist dabei, dass die Presse mit der Ausnahme von einer Anzahl von sehr frechen Bengali fast nur von Parsi gemacht wird, d. h. von Leuten, die nur einen verschwindenden Bruchteil der Bevölkerung ausmachen (etwa 150.000 von 320 Millionen!), die Fremdlinge sind wie die Europäer, die sie nachäffen, die ihre eigene Religion, eigene Sprache, eigenen Sitten und Gebräuche haben, und die gar keine Interessen mit dem Hindu, den sie verachten, teilen. Aber die Parsen sind sehr gute Geschäftsleute, und die Presse — ist ein Geschäft. — Jeder gebildete Engländer in Indien weiß heute, dass für Indien das demokratische Prinzip und die Selbstverwaltung ein Unding ist, dass hier nur eines am Platze ist: wohlwollender Despotismus. Pressefreiheit passt aber nur für Demokratien, passt für Europa, Amerika und Australien — — sie ist eine Farce für Indien!
Leicht könnte hier der Engländer eingreifen; die „eingeborene“ Presse, die so gar keine Wurzeln im Volke hat, von Grund aus zerstören: dass er es nicht tut, geschieht vielleicht im Bewusstsein seiner Stärke. Nicht so leicht aber wird er dem Wucher steuern können, obwohl sich mehr wie ein Regierungsmann in Kalkutta und Simla den Kopf darüber zerbricht, wie das wohl geschehen könne. Das Volk wird unerhört ausgewuchert, im Großen und im Kleinen. Den Kleinwucher betreibt der Afghane, überall sieht man diese geschmeidigen, sehnigen Gestalten herumziehen, meist zu zweien, spitze weiße Turbanhüte auf dem Kopf und den starken Stab in der Hand. Sie wuchern mit wenigen Rupien, und da sie größer, stärker und mutiger sind als der Hindu, so treiben sie stets ihr Geld ein. Viel schlimmer als der Afghane ist der Chettie. Er ist ein Madrassi, stammt aus der Nähe von Madura und gehört einer sehr niederen Kaste an. Er leiht Hunderttausende von der Bank und verleiht sie wieder zu Wucherzinsen; eine Menge von Existenzen werden von diesen Halsabschneidern zugrunde gerichtet. Der Chettie ist überall in Indien zu treffen, besonders im Süden und auf Ceylon; aber er ist nicht der einzige Wucherer: im Norden macht ihm der Jaina-Seth im Gudscherat und Radschputana, der Parse in der Präsidentschaft Bombay eine scharfe Konkurrenz. Die Gerichte sind machtlos gegen diese Wucherer; die Verträge sind stets juristisch korrekt und sehr geschickt; Zeugen kann man dabei in Indien vor jedem Gerichtshof zu Dutzenden kaufen. So gewinnt fast stets der Wucherer seinen Prozess, der arme Betrogene aber schiebt natürlich seinen Groll auf die englischen Gerichte! — Den Mann, der für diesen Krebsschaden ein Heilmittel weiß, wird der Vizekönig von Indien sicher — vizeköniglich belohnen!
Wie oft bin ich in Deutschland der Ansicht begegnet: Britisch-Indien — ein Pulverfass! Früher war es der Russe, der von Turkestan her drohte und vom Pamir über den Hindukusch, der erst Persien schlucken würde, Afghanistan und Belutschistan, so wie er Chiva und Bokhara fraß und das ganze Sibirien bis zum Pazifik. Dann würde er in Indien einbrechen, und seine Millionen würden die Handvoll Engländer im Nu aus dem Lande treiben. — Das war nun einmal eine ausgemachte Tatsache bei uns. — Später, nach Tsutsima, löste den Russen der Japaner ab. Asien erwacht, sagten wir. Der kleine Japaner hat tausend Spione und Hetzer in China, in Indochina und in Indien, auf den Philippinen wie auf den Sundainseln. Er wird die Europäer hinauswerfen aus Asien: die Franzosen, die Amerikaner und Holländer und vor allem die Engländer. Wir schadenfreuten uns im Voraus, denn wir selbst haben ja — leider — da nichts zu verlieren oder doch nur das Sandkörnchen: Tsingtau. Und in Indien steht das Volk auf, hieß es, und bricht der Sturm los — —
Wir können uns beruhigen; im indischen Kaiserreiche wird niemals ein Sturm losbrechen, der die Briten hinausfegt. Niemals? Nun, alle Wahrheiten sind relativ; was heute wahr ist, ist morgen eine Lüge. Kein Mensch mag voraussehen, wie die Welt nach einem halben Jahrtausend aussieht; das aber ist gewiss, dass, wie die Dinge heute liegen, das „Niemals“ seine volle Berechtigung hat.
Es klingt ja absurd, dass dieses gewaltige Reich, größer als das halbe Europa und reicher bevölkert als das Ganze, von einem Heer von noch nicht 74.000 englischen Soldaten in Schach gehalten wird. Denn dass die eingeborene Armee (etwa 170.000) und die militärisch organisierte Polizei (etwa 200.000) bei der erwarteten großen Erhebung genauso wie bei dem Aufstand von 1857 sofort auf Seite der Empörer treten würde, erscheint uns ja als ganz selbstverständlich! Aber wir irren auch da gründlich; die Engländer haben viel gelernt seit fünfzig Jahren: heute würde kaum ein Regiment meutern. Der Grund der englischen Machtstellung in Indien beruht auf der Tatsache der ungeheuren Zerrissenheit des Landes in politischer, religiöser, ethnologischer und sozialer Beziehung. Was die politische Teilung anbelangt, so ist zu beachten, dass nur etwa drei Fünftel des Landes — freilich gerade die dichtbevölkerten Gebiete — unter englischer Herrschaft stehen, während zwei Fünftel als Vasallen-, Schutz- oder Bundesstaaten mehr oder weniger unabhängig sind; diese Gebiete werden von etwa siebenhundert einheimischen Fürsten beherrscht, die, durch Rasse und Religion getrennt, einander oft gründlich hassen. Über zwei Drittel der Bevölkerung sind brahmanisch — aber diese Religion zerfällt in viele hundert Sekten, die sich aufs schärfste befehden wie die Sakta, die Pasupat, die Bhairawa, Schaiwa, Lingayat ; ein Fünftel ist mohammedanisch, aber auch wieder in einige Sekten geteilt, die sich nicht weniger hassen. Der Rest teilt sich in Buddhisten, Christen, Sikh, Jainas, Parsi und einige andere Religionen. Noch viel verworrener ist das Rassengemisch, das Typen von hellster Farbe (die Radschputen) bis zum dunkelsten Braun (Madrassi) aufweist; im Ganzen unterscheidet man etwa 180 verschiedene Völker, von denen sehr viele ihre eigene Sprache und ihre eigene Schrift haben. Und diese Zerrissenheit macht nicht einmal Halt bei dem eigentlichen Kern der Bevölkerung, den Hindu selbst; hier ist die ursprüngliche Rassenverschiedenheit freilich längst zur Klassenverschiedenheit geworden, aber diese — die indische Kastenordnung — ist trennender als jedes andere Moment.
Als die von Nordwesten einwandernden hellfarbigen Völker — die wir gern Arier nennen — Indien eroberten, waren sie die Herren ; die Dunkelhäutigen — wir gebrauchen da den Namen : Drawida — die Heloten. Die Eroberer waren nach ihrer Beschäftigung Brahmanen (Priester), Kschatriyas (Krieger) und Waisiyas (Bauern); die Unterworfenen standen als vierte Klasse, als Sudras, in dieser Ordnung. Im Laufe der Jahrtausende schwanden die arischen Kschatriyas und Waisiyas, dagegen bildeten sich innerhalb der Sudra der Drawidastämme weit über tausend neue Kasten. Und diese Kasten stehen alle wie feindliche Mächte einander gegenüber. Jede Zwischenheirat ist verboten, jedes gemeinsame Essen undenkbar. Schon der Schatten des Mitgliedes einer niederen Kaste macht die Speise ungenießbar; in manchen Gegenden verunreinigt ein Niedergeborener schon, wenn er nur auf dreißig Schritt in die Nähe kommt. Der Grundzug dieses Systems ist ein wilder Hass, der nirgends auch nur ein kleines Fünkchen von Nationalgefühl in unserm Sinne aufkommen lässt. Es gibt ein indisches Land, und es gibt viele indische Menschen — aber eine indische Nation gibt es nicht. Länder können aber nicht sich empören, und einzelne Menschen können das nicht mit Erfolg — so wird der Brite stets Herr bleiben in diesem reichen Lande, trotz allem Geschwätz und bübischem Meuchelmord von aufgeblasenen Bengalis.
Man wird einwenden: „Und doch beweist das schwarze Jahr (1857), dass die Möglichkeit eines gewaltigen Aufstandes besteht.“ Mit Verlaub, das ist falsch. Damals waren nur 35.000 englische Truppen im Lande, heute sind es mehr als das Doppelte; heute sind nur 170.000 Mann eingeborene Truppen da, damals waren es fast doppelt so viel. Dazu ist Indien nach allen Richtungen hin mit Eisenbahnen durchzogen; die Engländer können in wenigen Tagen an jeden gefährlichen Punkt beliebig viele Truppen hinwerfen. Sie können ferner in drei bis vier Wochen von Australien, vom Kapland, von Ostafrika, von Ägypten und dem Mutterlande leicht eine Menge Truppen hinüberwerfen, während vor fünfzig Jahren das im besten Falle vier Monate dauerte und nur von England aus geschehen konnte. Und wenn schon damals nur die Sepoyregimenter meuterten, während die andern, wie namentlich die Sikhs, treu blieben, so würde heute bestimmt die weitaus größte Mehrzahl fest zur englischen Sache halten. Denn die englische Regierung hat das ausgezeichnete System, ihre Regimenter weitab von der Heimat zu legen. So liegt in Kolombo ein Regiment Pundschabi, liegen Sikhs in Madras, Gurkhas in Ahmedadab usw. Der Soldat gehört einer anderen Rasse und einer anderen Religion an, er spricht eine andere Sprache und schreibt eine andere Schrift als die Menschen in seiner Garnison; zudem wechselt jedes Regiment alle drei Jahre seinen Standort, um nur ja keine Beziehungen zwischen Einwohnern und Soldaten aufwachsen zu lassen.
Dankbarkeit ist eine Empfindung, die die Psyche der Völker nicht kennt, und am wenigsten die der asiatischen Völker. Sonst müsste der Inder Tag und Nacht die englische Regierung lobpreisen, denn nie ist sein Land so gerecht regiert worden, nie ist er selbst freier gewesen als seit dem Tage, da er eng77 lisch wurde. Die britische Regierung hat immer ein weites Ohr gehabt für alles, was die Leute von Exeter-Hall predigten; so ist sie stets den Eingeborenen sehr weit, vielleicht viel zu weit entgegengekommen; wenn sie je in ihre Sitten und Gebräuche eingriff, so geschah das nur im Interesse der Eingeborenen selbst und um irgendwelchen allzu schlimmen Auswüchsen entgegenzutreten. Und doch war es gerade das englische Eingreifen bei zwei der allerübelsten indischen Gebräuche, bei der Witwenverbrennung (Satti) und bei dem offiziellen Mord weiblicher Kinder, das nicht zum wenigsten den berühmten Sepoyaufstand zur Folge hatte. Seither ist der Brite vorsichtiger geworden, er zwingt dem Land nicht die Zivilisation auf und noch weniger das Christentum, sondern geht langsam, Schritt um Schritt nur, weiter. In unseren Tagen sind es die sanitären Maßnahmen zur möglichsten Verhütung der stets endemischen Pest und Cholera, die dem niederen Volk durchaus nicht einleuchten und die sehr viel böses Blut machen. Der Hindu will nun einmal seinen Schmutz nicht lassen und betrachtet dabei die Krankheiten als Schickungen der Gottheit, der man nicht entgegentreten darf. Man muss den religiösen Fanatismus der Inder kennen, muss gesehen haben, wie Millionen von Pilgern, für Tage wie Heringe eingepökelt in Eisenbahnwagen, in die heiligen Orte zu den Festtagen kommen, oder auch durch Wochen über die sonnigen, staubigen Landstraßen laufen, um verstehen zu können, welche Aufregung diese Menge ergreifen muss, wenn sie plötzlich die heiligen Orte geschlossen findet und zum Rückweg gezwungen wird, ohne in dem heiligen Wasser gebadet zu haben. Die Cholera ist ausgebrochen, die heiligen Orte, die heiligen Wassertanks sind Herde schlimmster Infektion geworden — — Gott, das sind für die Inder alles nur leere Worte! Was schiert ihn die Pest? Mögen Hunderttausende, mögen seine Eltern und Brüder zugrunde gehen — wenn nur er selbst von dem heiligen Wasser trinken darf. Denn das ist Karma, ist eine hohe, verdienstliche Tat. Aber der Brite weiß, was er tut; der unheilvolle Einfluss von Exeter-Hall beginnt langsam zu schwinden, und England ist heute stark genug im Lande, um seinen Gesetzen Gehorsam zu verschaffen.
Zwei Dinge scheinen mir faul zu sein im Lande Indien: die Presse und der Wucher. Der Engländer kennt nur unbedingte Pressefreiheit — gewiss für Europa das einzig mögliche. Aber für Indien? Man sehe sich nur einmal die eingeborene Presse an — da gibt es Dutzende von Blättern, die täglich in maßlosen Ausdrücken die englische Regierung beschimpfen und verleumden. Ein blinder Europäer kann sehen, dass das alles im besten Falle lächerliche Übertreibungen, meistens aber faustdicke Lügen sind. Aber der Inder kann meist weder lesen noch schreiben, sein Horizont ist ein sehr beschränkter. Nun hört er immer wieder dieses Gerede: er muss es schließlich glauben. Dabei sagt er sich: entweder ist das alles so sehr wahr, dass die Regierung nicht einzuschreiten wagt, oder aber, diese fühlt sich hierzu zu schwach. Denn schon der Begriff einer unbeschränkten Pressefreiheit ist viel zu hoch, als dass ihn das Hirn eines Durchschnittsinders zu fassen vermöchte. Das Komische ist dabei, dass die Presse mit der Ausnahme von einer Anzahl von sehr frechen Bengali fast nur von Parsi gemacht wird, d. h. von Leuten, die nur einen verschwindenden Bruchteil der Bevölkerung ausmachen (etwa 150.000 von 320 Millionen!), die Fremdlinge sind wie die Europäer, die sie nachäffen, die ihre eigene Religion, eigene Sprache, eigenen Sitten und Gebräuche haben, und die gar keine Interessen mit dem Hindu, den sie verachten, teilen. Aber die Parsen sind sehr gute Geschäftsleute, und die Presse — ist ein Geschäft. — Jeder gebildete Engländer in Indien weiß heute, dass für Indien das demokratische Prinzip und die Selbstverwaltung ein Unding ist, dass hier nur eines am Platze ist: wohlwollender Despotismus. Pressefreiheit passt aber nur für Demokratien, passt für Europa, Amerika und Australien — — sie ist eine Farce für Indien!
Leicht könnte hier der Engländer eingreifen; die „eingeborene“ Presse, die so gar keine Wurzeln im Volke hat, von Grund aus zerstören: dass er es nicht tut, geschieht vielleicht im Bewusstsein seiner Stärke. Nicht so leicht aber wird er dem Wucher steuern können, obwohl sich mehr wie ein Regierungsmann in Kalkutta und Simla den Kopf darüber zerbricht, wie das wohl geschehen könne. Das Volk wird unerhört ausgewuchert, im Großen und im Kleinen. Den Kleinwucher betreibt der Afghane, überall sieht man diese geschmeidigen, sehnigen Gestalten herumziehen, meist zu zweien, spitze weiße Turbanhüte auf dem Kopf und den starken Stab in der Hand. Sie wuchern mit wenigen Rupien, und da sie größer, stärker und mutiger sind als der Hindu, so treiben sie stets ihr Geld ein. Viel schlimmer als der Afghane ist der Chettie. Er ist ein Madrassi, stammt aus der Nähe von Madura und gehört einer sehr niederen Kaste an. Er leiht Hunderttausende von der Bank und verleiht sie wieder zu Wucherzinsen; eine Menge von Existenzen werden von diesen Halsabschneidern zugrunde gerichtet. Der Chettie ist überall in Indien zu treffen, besonders im Süden und auf Ceylon; aber er ist nicht der einzige Wucherer: im Norden macht ihm der Jaina-Seth im Gudscherat und Radschputana, der Parse in der Präsidentschaft Bombay eine scharfe Konkurrenz. Die Gerichte sind machtlos gegen diese Wucherer; die Verträge sind stets juristisch korrekt und sehr geschickt; Zeugen kann man dabei in Indien vor jedem Gerichtshof zu Dutzenden kaufen. So gewinnt fast stets der Wucherer seinen Prozess, der arme Betrogene aber schiebt natürlich seinen Groll auf die englischen Gerichte! — Den Mann, der für diesen Krebsschaden ein Heilmittel weiß, wird der Vizekönig von Indien sicher — vizeköniglich belohnen!
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Indien und ich