Im Herzen von Afrika

Autor: Schweinfurth, Georg (1836-1925), Erscheinungsjahr: 1920
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Georg Schweinfurth

Vor einem halben Jahrhundert hat Georg Schweinfurth sich seinen Ehrenplatz unter den Männern erobert, die das Antlitz des dunkeln Erdteils entschleiert und in rastloser Arbeit die vielen weißen Flecken der Karte Afrikas ausgefüllt haben. Geboren am 29. Dezember 1836 in Riga, erwarb er sich seine ebenso gründliche wie umfassende naturwissenschaftliche Bildung auf den deutschen Hochschulen Heidelberg, München und Berlin. Schon als Zwanzigjähriger bereiste er Ägypten, den östlichen Sudan und die Küstenländer des Roten Meers (1863-66). Bald darauf folgte seine größte und erfolgreichste Expedition in die Äquatorialgegenden (1868-71). Ihr Verlauf und ihre Ergebnisse sollen in den folgenden Blättern geschildert werden. Gründer der Geographischen Gesellschaft in Kairo (1876), hat er dann viele Jahre in Ägypten gelebt und auf einer langen Reihe kleinerer Reisen in den Wüsten Afrika und Arabiens, die sich bis in die neunziger Jahre ziehen, seinen Ruf als hervorragender Forscher befestigt: Seit 1889 lebt der Nestor der deutschen Afrikaforschung in Berlin.

Ägypten, das seit der Regierung Mehemed Alis (1841-48) tatsächlich, wenn auch nicht dem Namen nach, ein unabhängiger Staat war, hatte seine Herrschaft allmählich durch den Sudan nilaufwärts bis nahe an die großen Seen vorgeschoben, die sich später als die Quellbecken des geheimnissvollen Stroms erwiesen, und auch nach Westen begannen ägyptische Truppen und Beamte im Stromgebiet des Gazellenflusses, des Bahr-el-Ghasal, vorzudringen. Die Herren der spätern Provinz Bahr-el-Ghasal waren damals die Elfenbein- und Sklavenhändler von Chartum und Kordofan, fanatische Mohammedaner, die unter den verachteten heidnischen Negerstämmen der Dinka, Schilluk und andern viele Dutzende von Seriben, befestigte Niederlassungen, gründeten und von diesen aus neben Elfenbeinhandel auch schwunghaften Vieh- und Menschenraub trieben. Von dem Vernichtungskampf, den die ägyptische Regierung gegen diese Banden führte, hatte Schweinfurth nur die ersten Anfänge gesehen.

Krieg und Handel hatten natürlich auch unsere Kenntnis der obern Nilgegend erweitert, aber den Ländern westlich vom Hauptstrom des Nil, südlich von 10 Grad nördlicher Breite, waren sie wenig zugute gekommen. Vorübergehend ist der verhältnismäßig unbedeutende Bahr-el-Ghasal sogar für die wichtigste Quellader des Nil gehalten worden, und über die Wasserscheide des Nilbeckens gab es nur unsichere Vermutungen. Die eigentliche Bedeutung der Reisen Schweinfurths liegt darin, daß sie vom etwa 10. bis 3. nördlichen Breitengrad durch Gebiete gingen, die der Fuß europäischer Forscher noch kaum betreten hatte. Nur an wenigen Punkten hat sein Weg die Wege seiner Vorgänger, des Deutschen Heuglin, des Engländers Petherick, des Franzosen Poncet und der Italiener Miani und Piaggia, berührt. Er war der erste, der das westliche Quellgebiet des Nil von Norden nach Süden sowie die Länder der Wasserscheide nördlich des Äquators durchzog und jenseits den Oberlauf jenes mächtigen Stroms erreichte, der ein Dutzend Längengrade in westlicher Richtung durchströmt und sich unter dem Äquator in den Kongo und mit diesem in den Atlantischen Ozean ergießt. Er hat diesen Wasserlauf, den er unter dem Namen Uelle kennt, der aber weiter unterhalb auch die Namen Makua und Ubangi führt, damals dem System des Schari zugewiesen, der in das abflußlose Becken Zentralafrikas, den Tschadsee, mündet, und es hat weiterer Entdeckungsfahrten bedurft, bis die Zugehörigkeit des Uelle zum Kongosystem allgemein anerkannt wurde. Aber der Entdecker des Uelle ist und bleibt Schweinfurth.

Größte Verdienste hat er sich um die Völkerkunde erworben durch seine genauen Nachrichten über die fast unbekannten Negerstämme der Niamniam, der Mangbattu und der Akka, der schon im frühesten Altertum erwähnten, aber noch fast niemals von Europäern gesehenen Zwergstämme von Äquatorialafrika. Seine Rückreise vom Uelle nordwärts verlief im allgemeinen in derselben Richtung wie die Hinreise, aber zu beiden Seiten hat er viele Abstecher gemacht, deren einer ihn weit nach Westen ins damalige Dorado der Sklavenhändler führte.

Schweinfurth war in erster Linie Botaniker. Im Anschluß an eine Notiz über seine erste Reise von 1863 bemerkt er: »Der einzige Zweck, den ich unablässig verfolgte, die botanische Erforschung dieser Länder, gestaltete sich immer mehr zur Aufgabe meines Lebens.« Und dann: »Wer die harmlose Habgier des Pflanzenjägers kennt, wird begreifen, wie diese Studien, in der Zeit zwischen der ersten und der zweiten Reise, in mir nur das Verlangen nach neuer Beute wachrufen mußten; harrte doch noch der bei weitem größte Teil des Nilgebiets, die geheimnisvolle Flora seiner südlichsten Zuflüsse, der botanischen Erforschung.«

Aber wie überraschend hat sich dieser begeisterte Liebhaber der Scientia amabilis zum Entdeckungsreisenden ausgewachsen, zum vollberechtigten Vertreter der Länder- und Völkerkunde! Fast jede Seite seines Hauptwerkes »Im Herzen von Afrika«, dem die folgenden Kapitel entnommen sind und das in sechs Sprachen übersetzt wurde, verrät seine scharfe Beobachtung und anschauliche Schilderung aller möglichen Dinge, auch außerhalb des Kreises seines eigentlichen Spezialfaches. Aufs lebhafteste interessieren ihn die Sitten und Gebräuche, die Laster und guten Eigenschaften der buntscheckigen Völkermenge, die er auf dem Marsch oder bei längerem Aufenthalt kennen lernt, die Lebensgewohnheiten der verschiedenen Stämme, ihr Körperbau, ihre Bodenerzeugnisse, ihre Viehzucht, ihr Handel, ihre Wohnung, ihre Sprachen, die Anfänge des Handwerks und der Kunstfertigkeit, weiter die reiche Tierwelt vom Elefanten bis zum Insekt, die vielverschlungenen Flußnetze die Höhen-, Witterungs- und Temperaturverhältnisse, der Wechsel der meisterhaft in scharf umrissenen Zügen gezeichneten Landschaftsbilder. Dazwischen schiebt sich, ohne eine Spur von Eitelkeit vorgetragen, die Erzählung der persönlichen Erlebnisse, überwiegend realistisch, aber mit gemütlichem Humor und auch bei den widerwärtigsten Ereignissen getragen von einem unerschütterlichen Gleichmut. Dieser verließ Schweinfurth selbst dann nicht, als nahe dem Ende seiner überraschend vom Glück begünstigten Reise ein großer Teil seiner unersetzlichen Aufzeichnungen und Sammlungen vom Feuer vernichtet wurde.

Bezeichnend für sein Gefühl edler Menschlichkeit ist seine Stellung zu dem besonders früher üblichen verächtlichen Begriff »Wilden« für farbige Naturvölker. Schweinfurth hält es für unberechtigt, die schwarzhäutige Menschheit Afrikas »Wilde« zu nennen, denn sie ist im Besitz unserer sozialen Grundlagen wie Eigentum, Ehe, Arbeitsteilung, wenn diese sich auch oft nur in elementarer Gestalt zeigen. Er stimmt der von anderer Seite ausgesprochenen Anschauung bei, daß es in Afrika kaum andere »Wilde« gibt als solche, die aus Europa dorthin gelangt sind.

Die Frage liegt nahe, ob heute eine Schilderung überhaupt noch Wert und Anziehungskraft haben kann, wenn sie sich auf über fünfzig Jahre alte Beobachtungen stützt. Schweinfurth äußert sich in dem vom 1. Januar 1918 datierten Vorwort zur Jubiläumsausgabe seines Werkes »Im Herzen von Afrika« über diesen Punkt:

»Man glaube ja nicht, das die veränderten politischen Zustände in den damals neuentdeckten Ländern jetzt einen großen Teil meiner Beobachtungen jedes Interesses für die Gegenwart entkleidet hätten. Für das Bestehenbleiben vieler von mir beschriebener Zustände sprechen die Wahrnehmungen neuerer und neuester Reisender. Nach 29 Jahren fanden die Begleiter des verwegenen Marchand am Ssueh und am Gazellenfluß noch dieselben Bongo, Djur und Dinka vor, wie sie mir entgegengetreten waren; allerdings hatten sich inzwischen die europäischen Baumwollenzeuge in den Grenzländern der islamischen Welt weiter verbreitet, und die früher nackt einhergehenden Völker im Bereich des Tieflands der oberen Nilgewässer begannen sich zu umhüllen. Aber die Völker des tieferen Innern, die Niamniam und Mangbattu, bedienen sich zur Kleidung heute noch derselben selbstgewonnenen Felle und Rindenstoffe, die zu meiner Zeit üblich waren, trotz englischer, französischer oder belgischer Herrschaft, der sie jetzt unterstehen. Es fehlt bei uns nicht an Leuten, die sich der Vorstellung hingeben, alle Völker der Welt müßten jetzt der neuerungssüchtigen Schnellebigkeit unserer Zeit zum Opfer fallen; aber noch gibt es der Erdenwinkel genug, an denen die Weltgeschichte Ruhepunkte gefunden hat. An solchen sitzen noch manche Völker Afrikas, und selbst diejenigen, die in äußerlichen Dingen starkem Wandel unterlagen, haben die Eigenart ihres innern Wesens zu wahren gewußt.«

Doch nun wollen wir den Forscher über seine an Abenteuern aller Art wahrlich nicht arme Reise hören.

Amsakai, ein Kanembuhäuptling

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Afrikanisches Dorf

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Zeltlager in Musgo

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