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Abschnitt. 3 - „Aber was um des Himmels Willen verlangen Sie, das ich thun soll?“ ...

„Aber was um des Himmels Willen verlangen Sie, das ich thun soll?“ rief der Commerzienrath in Verzweiflung, „das Unglück ist einmal geschehen und ich kann nicht mehr thun, als daß ich Ihnen selber überlasse zu bestimmen, was ich thun soll.“

Die dicke Dame hatte aber noch gar nicht die Absicht, den durch ihr erlittenes Unrecht gewonnenen Vortheil, das Wort allein zu haben, sobald wieder aufzugeben, und erst als der Commerzienrath in dumpfem unheilvollen Schweigen und tief aufseufzend in seine Ecke zurücksank, zeigte sie sich bereit überhaupt auf Unterhandlungen einzugehen, die dahin endeten, daß der unglückliche Mann vor allen Dingen sechs Gulden für ein Paar neue Schuhe auszahlte, ferner nach der letzten Station versprechen mußte zurücktelegraphiren zu lassen, daß die verwechselten Schuhe mit dem nächsten Zuge in den Goldenen Ochsen nach Bamberg geschickt würden, und außerdem seinen Reisesack öffnete und der dicken Madame seine dunkeln tuchenen ganz neuen Pantoffeln, die er kaum zwei mal an den Füßen gehabt und die auf Versuch vollkommen gut paßten, anbot, in Bamberg wenigstens damit in einen Schuhladen gehen zu können, den Schaden zu ersetzen. So dreifach entschädigt beruhigte sich die Dame wenigstens insoweit, das erlittene Unrecht in die Busen ihrer Nachbarinnen auszuschütten und mit den schon benutzten Hausschuhen des Commerzienraths – denen sie verleumderischerweise nachsagte, daß sie ihr zu weit wären – zu scharren.


Der semmelblonde junge Mann hatte indessen bei genauerer Musterung des Coupé auch das junge Mädchen bemerkt und, von dem Anblick seiner übrigen Reisegefährten rasch befriedigt, seinen Blick länger und aufmerksam auf ihr ihm noch halb entzogenes Antlitz geheftet. Der Blick wurde aber, schon während des Tumults im Coupé, forschender, als er wirklich bekannte Züge zu entdecken glaubte, bis die junge Dame, die doch nicht immer in der niedergebückten Stellung bleiben konnte, den Kopf einmal in die Höhe hob und er nun sah, daß er sich nicht getäuscht hatte.

„Wenn ich nicht irre, mein Fräulein“, redete er sie jetzt an, während seine Nachbarin zur Rechten noch immer gegen sein vis-à-vis ein Kreuzfeuer hinüberdonnerte, „habe ich das Vergnügen Fräulein Redmeier vor mir zu sehen?“

Das junge Mädchen wurde purpurroth im Gesicht und stammelte verlegen einige Worte.

„Sie waren, glaub’ ich, im vorigen Monat –“, die Frau schrie jetzt so dazwischen, daß er für eine zeitlang den Versuch aufgeben mußte, und erst später, als sie sich endlich beruhigt, begann er wieder: „Sie waren, glaub’ ich, im vorigen Monat in Schweidnitz bei meinen Aeltern – Karl schrieb uns, daß er unendlich glücklich sei.“

Das junge Mädchen verneigte sich wieder halb gegen ihn, und während sich der Commerzienrath mit einem aus tiefster Brust geholten Seufzer, nach beendigter Unterhandlung, in seine Ecke zurücklehnte und das Reisen verwünschte, das ihm nun schon seit er den Postwagen bestiegen, ihm dem ruhigen, gesetzten Mann, fast nur eine Reihe von Abenteuern und Fährnissen in den Weg geworfen, fuhr der junge semmelblonde Mann in seiner süßen Weise fort: „Sie werden einen braven wackern Mann in ihm finden – und er spielt vortrefflich die Violine. – Gott sei Dank, er hat es nicht nöthig, aber in den Abendstunden ist es doch eine sehr angenehme Erholung – er wird Sie auf den Händen tragen.“

Die junge Dame wechselte indessen mehrmals die Farbe und schien in einer ziemlichen Verlegenheit, was aber der junge semmelblonde Mann gar nicht bemerkte, sondern in seiner faden süßlichen Weise fortfuhr.

„Aber wo wollen Sie denn eigentlich hin?“ unterbrach er sich plötzlich, als ihm der Gedanke das Hirn kreuzte; „wie mir Mama geschrieben hat, erwarten sie doch Karl morgen oder übermorgen zu Hause und ich habe mich eigentlich nur hier in Hochstadt aufgesetzt, um mir in Bamberg, wo ich sehr bekannt bin und meinen alten Schneider habe, einen Anzug anmessen zu lassen – es ist merkwürdig, wie stark ich in dem letzten Jahre geworden bin; das gute Bier hier kräftigt den Körper ungemein.“

Sein Blick fiel in diesem Moment auf den Commerzienrath und er sagte rasch, mit einer halben fast erschrockenen Verbeugung:

„Doch nicht Ihr Herr Onkel, wenn ich fragen darf? – Sie hatten ihn ja wol erwartet?“

„Ja“, hauchte die junge Dame in wirklich tödtlicher Verlegenheit, und der Commerzienrath, der sich eben den Schweiß von der Stirn trocknete und, noch mit dem Gedanken an seine Schuhe beschäftigt, gar nicht darauf gehört hatte, was seine beiden Nachbarn miteinander verhandelten, und dem also auch die letzten Worte gänzlich entgangen waren, erwiderte in aller Unschuld halb verbindlich, halb verlegen die tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung des jungen Mannes, der ihm in einigen undeutlichen Worten, die auch größtentheils das Klappern der Wagen verschlang, versicherte, daß er sich unendlich glücklich schätze seine werthe Bekanntschaft zu machen, und daß er hoffe, wie sie als künftige Verwandte recht gute und treue Nachbarschaft halten würden.

Der Commerzienrath Mahlhuber, der keine Idee davon hatte, was der junge fade Mensch von ihm wolle und noch viel weniger sich daraus machte, verbeugte sich noch einmal und lehnte sich dann wieder, zufrieden einem weitern Gespräch mit ihm enthoben zu sein, in seine Ecke zurück. Die Dame in dem papagaigrünen Hut, der daran lag, zu wissen wer der Unmensch sei, der ihre Schuhe zum Fenster hinausgeworfen – benutzte aber die erste Gelegenheit, wo der junge blonde Mann sich wieder gerade aufrichtete, ihn mit halb unterdrückter Stimme zu fragen, wer der Mensch da drüben sei und wie er heiße.

Der junge Mann, dem daran lag die Dame wissen zu lassen, mit wem er verwandt sei, vertraute ihr ebenso leise, daß er der Herr Regierungsrath Redmeier und jetzt gerade von Nordamerika zurückgekehrt sei, wohin er im Auftrage der Regierung eine Reise gemacht.

Die dicke Dame erschrak; ein Regierungsrath – und was für Grobheiten hatte sie ihm angethan; wenn er das nun dem König wiedersagte – und also das war der Onkel von der jungen Frau – nicht der Mann? –

Gott bewahre! Die junge Dame heirathete in nächster Zeit seinen ältesten Bruder, den Referendar Fädchen, einen braven wackern jungen hübschen Mann, der auch vortrefflich Violine spielte, Gott sei Dank, er hatte es nicht nöthig, aber in den Abendstunden war es doch sehr angenehm. Er selber war Oekonom auf einem Gute in der Nähe von Hochstadt – hatte eine sehr gute Stelle – sein Principal konnte gar nicht ohne ihn fertig werden – er führte die ganze Wirthschaft – er spielte auch Klavier, aber nicht so gut wie sein Bruder die Violine.

Der junge Fädchen hatte seinen Kopf soweit als möglich abgebogen, damit die Braut nicht etwa hören sollte, daß von ihrem Bräutigam gesprochen wurde.

„Bester Herr“, flüsterte das junge Mädchen da rasch und heimlich dem ausruhenden Commerzienrath zu, indem sie vorsichtig seinen Arm berührte.

„Bitte tausend mal um Entschuldigung“, murmelte der Commerzienrath, der wahrscheinlich glaubte, daß er sie angestoßen habe. –

„Bester Herr“, wiederholte das arme Mädchen in Todesangst, denn der günstige Moment konnte schon im nächsten Augenblick verflossen sein, „wenn Sie Mitleid mit einem armen Mädchen haben wollen, so widersprechen Sie mir nicht und steigen Sie in Lichtenfels mit aus – sei es auch nur sich in ein anderes Coupé zu setzen – die Verzweiflung und Noth treibt mich zu diesem Schritt, und Sie leisten einem unglücklichen Wesen einen großen Dienst.“

„Hallo!“ dachte der Commerzienrath und sah überrascht seine Nachbarin an, deren liebes, von der Erregung der eigenthümlichen Situation rosig übergossenes Antlitz so bittend und vertrauend, so ängstlich und kummervoll zu ihm aufgehoben war, während in den treuen dunkeln Augen ein ganzer Himmel lag. Er begriff auch gar nicht, da er kaum die Hälfte der Worte verstanden, was sie eigentlich von ihm wollte, hätte es aber auch nicht übers Herz bringen können, Nein zu ihr zu sagen, was es auch gewesen sein mochte. Lange Zeit zum Ueberlegen wurde ihm dabei gar nicht gelassen, denn Herr Fädchen, dem es nicht entgangen war, daß seine künftige Schwägerin etwas mit ihrem Onkel geflüstert und ihm wahrscheinlich mitgetheilt haben mochte, wer er selber sei – der alte Herr hatte ganz erstaunt dabei ausgesehen –, glaubte jetzt für sich selber wieder den günstigen Zeitpunkt gekommen ein Wort einfließen zu lassen.

„Sie haben doch hoffentlich eine gute Reise gehabt, verehrter Herr Regierungsrath?“ sagte er mit seiner süßen, auf Alles gefaßten Stimme, die jeder Biegung, nur nicht des Widersprechens fähig war.

„Regierungsrath?“ Der Commerzienrath wollte gegen einen solchen, ihm nicht zustehenden Titel protestiren, aber der leise Druck, den er an seinem Arme fühlte, war ihm Dasselbe, was dem Gefangenen das Bewußtsein der Kette ist – er war nicht mehr frei, und in einer dunkeln Ahnung von allen möglichen neuen Unbequemlichkeiten machte er wieder eine etwas ungeschickte Bewegung gegen den jungen Blondin.

„Sie haben doch hoffentlich eine gute und glückliche Reise gehabt?“ schrie dieser aber jetzt lauter als vorher, weil er glauben mochte, der alte Herr habe ihn nicht verstanden, und auch ein dunkles Gefühl hatte, als ob ihm einmal Jemand gesagt, er höre etwas schwer.

„Gute Reise?“ brummte der Commerzienrath, dem die in den letzten 48 Stunden ertragenen Leiden vor der Seele im Nu emporstiegen, „glückliche Reise? – bisjetzt war’s eine Marterpartie, und wenn ich Dorothee gefolgt hätte ....“

„In Bamberg werde ich mir das Vergnügen machen, Sie bei einem Onkel von mir einzuführen“, schrie der junge hoffnungsvolle Mann wieder, „er hat eine Materialienhandlung und ist ein vortrefflicher alter Herr – spielt auch ausgezeichnet die Flöte – er wird uns heute Abend etwas vorspielen – er thut das alle Abende, manchmal zwei, drei Stunden lang – es ist ein prächtiger alter Kauz. – Sie gehen doch bis Bamberg?“

Der Commerzienrath, der nur eine unbestimmte Ahnung hatte wo Bamberg lag, hätte schon einen Umweg gemacht, als er nur von der Flöte hörte, denn erstens war ihm jedes Instrument unangenehm, die Maultrommel ausgenommen, und dann die Flöte noch besonders verhaßt vor allen übrigen. Er fühlte aber auch, daß er hier mit dem jungen hübschen Mädchen und dem so laffig aussehenden jungen Burschen jedenfalls in eine Verwickelung käme, der er am besten vielleicht noch durch einen zeitigen Rückzug entgehen könnte. Abenteuer – hatte er es dem Doctor nicht vorhergesagt? – da war eins brühwarm vom Feuer weg, und fix und fertig gleich aufgetragen, um verzehrt zu werden. Das hatte ihm noch gefehlt, die Nacht keinen Schlaf und am hellen Tage Aufregungen und Verwickelungen. Nein, dagegen gab es ein probates Mittel; er nahm an der nächsten Station leise und ohne Jemandem ein Wort davon zu sagen, seinen Reisesack und sein Sitzkissen unter den Arm und empfahl sich; dann konnte die übrige Gesellschaft ruhig nach Bamberg oder wo sie sonst hinwollte fahren, und nachdem er sich hier einen Tag ausgeruht, war er dann immer im Stande die Reise, und zwar in aller Gemüthlichkeit und unbelästigt, fortzusetzen. Vor allen Dingen beschloß er dabei sich fern von Damen zu halten, die ihn jetzt regelmäßig in die verschiedenartigsten Verlegenheiten gebracht, und wenn es wahr ist, daß man durch Schaden klug wird, so wollte er sich die Sache gesagt sein lassen und davon profitiren. Um nun wenigstens nicht mehr angeredet und belästigt zu werden, lehnte er sich in seine Ecke zurück, schloß die Augen und that als ob er fest eingeschlafen wäre.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Herrn Mahlhuber’s Reiseabenteuer