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Abschnitt. - Eine Station nach der andern passirten sie derart, ohne auch nur ein Wort weiter miteinander zu wechseln, ...

Eine Station nach der andern passirten sie derart, ohne auch nur ein Wort weiter miteinander zu wechseln, aber auch ohne das mindeste Außergewöhnliche oder Störende in ihrer Fahrt. An Schlaf war natürlich für den des Fahrens ungewohnten Commerzienrath nicht zu denken, und seine Leber mußte seiner Meinung nach blaue Flecke bekommen haben, so stieß sie fortwährend, worauf er hätte schwören wollen, gegen Magen und Rippenwände an. Aber mit jeder Meile, die sie zurücklegten, kamen sie auch seiner Heimat, seiner Häuslichkeit, dem gemüthlichen Schlafrockleben wieder näher; jeder Stoß des Wagens half ihm über einen Stein fort, der noch zwischen ihm und Gidelsbach lag, und er ertrug das Schwerste mit einem Lächeln im Herzen.

In der Nacht bekamen sie noch mehr Passagiere in den Wagen; ein dicker Herr mit einem entsetzlichen Schnupfen stieg etwa um Mitternacht ein, als sie in einem kleinen Städtchen mit fürchterlichem Pflaster und einem heisern Nachtwächter umspannten, und gegen Morgen kam noch ein junger Bursch mit einer grünlackirten riesig großen Botanisirtrommel in den Wagen und erzählte den Passagieren, daß er zum ersten male eine Fußreise gemacht habe und jetzt wieder zurück zu seinen Aeltern gehe. Er hieß Karl Becker, wie er aussagte, war 14 Jahre alt, in der Schule in Tertia, und hatte bei der letzten Prüfung die beste Censur bekommen. An dem Commerzienrath prallte das aber Alles ab, und die Dame begann dann mit dem dicken verschnupften Herrn eine Unterhaltung über Kinder und Butterpreise. Dieser wandte sich auch einmal im Laufe des Gesprächs an Mahlhuber, „Der ist stocktaub“, entschuldigte ihn aber die Dame, und man ließ ihn ungestört gewähren.


Dort lag Gidelsbach – die Biegung der Straße enthüllte es plötzlich ihren Blicken – jetzt fuhren sie über die Roßbrücke, jetzt am Chausséehause vorüber – da drüben lag der Sommergarten, weiter links nach vorn die Windmühle, und von dem leisen Luftzuge getragen, klangen die melodischen Schläge der alten Thurmuhr, die die Mittagsstunde kündete, zu ihnen herüber.

Dem Commerzienrath traten die Thränen in die Augen, es war ihm als ob er zehn Jahre lang entfernt gewesen wäre, und den Bauern, die aus der Stadt kamen, den zurückkehrenden Holzfuhrleuten nickte er zu und freute sich wie ein Kind über das fröhliche Schmettern der Lerchen, über das Schnattern der Gänse und das Kläffen der Hunde, die neben dem Postwagen hersprangen.

Jetzt rasselten sie durch das steingewölbte alte Stadtthor auf das Pflaster der Stadt, wo er jede Firma kannte, und wie er sich aus dem Wagen bog, die lieben befreundeten Plätze wiederzubegrüßen, war das erste bekannte Gesicht, das ihm begegnete, das des Doctor Mittelweile, der ihn anstarrte, als ob er einen Geist gesehen hätte.

„Commerzienrath, sind Sie des Teufels?“ rief er in Schreck und Staunen, mitten auf der Straße stehen bleibend; der Commerzienrath erwiderte aber kein Wort, nickte dem Manne nicht einmal zu, und die Post rasselte weiter, ihrem Bestimmungsort zu.

An dem Postgebäude angelangt und von den Postbedienten auf das freundlichste begrüßt, stieg er aus, ohne sich auch nur mit Wort und Blick um die übrigen Passagiere zu bekümmern, gab Einem der Leute den Auftrag, sein Gepäck augenblicklich in die eigene Wohnung zu schaffen, und schritt dann, so leicht als ob er flöge, die schmale Gasse entlang, die zu seiner Heimat führte.

Dorothee hatte heute natürlich gerade den Vetter zu Tische, und als der Commerzienrath ohne anzuklopfen in sein Zimmer trat, schrie sie blos: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn!“ und ließ einen Teller mit Suppe fallen.

„Guten Tag, Dorothee!“ sagte der Commerzienrath, ohne von dem Vetter weiter Notiz zu nehmen, „ist mein Zimmer in Ordnung?“

„Jesus meine Zuversicht“, schrie die alte Haushälterin, die Frage nicht einmal hörend, „der Herr Commerzienrath sind schon wieder da?“

„Ist mein Zimmer in Ordnung, Dorothee?“

„Ja wol, ja wol, bester Herr, aber was um Gottes Willen ist denn vorgefallen?“
Der Commerzienrath hatte sich schon abgewandt, um in sein Schlafzimmer zu treten, drehte sich aber in der Thür noch einmal um und sagte freundlich:

„Ich bin wieder da, Dorothee, und ich bleibe auch hier und gehe nicht wieder fort, und wenn der Mosje, der Doctor Mittelweile, kommt –“

In dem Augenblick klopfte es an die Thür, und ehe nur Jemand „Herein“ oder „Nicht herein“ rufen konnte, ging diese auf und der Doctor selber stand auf der Schwelle.

„Aber nun sagen Sie mir um Gottes Willen, Commerzienrath –“

„Guten Morgen, Doctor“, erwiderte der Commerzienrath, immer noch dabei seine Mütze auf, seinen Reisesack an der Hand und Rock und Regenschirm unter dem Arme.

„Was in aller Welt treibt Sie denn in zwei Tagen schon wieder zurück?“ rief dieser, „ich glaubte Sie wohlbehalten jetzt in München. – Was ist Ihnen denn passirt?“

„Ich will Ihnen etwas sagen, Doctor“, erwiderte der Commerzienrath mit einer finstern dumpfen Entschlossenheit in der Stimme, „und Ihnen auch, Dorothee – hat der Vetter schon gegessen?“

„Ja wol, Herr Commerzienrath, ich danke Ihnen recht schön“, rief dieser und wand sich, froh so abzukommen, wie ein Ohrwurm zur Thür hinaus. Der Commerzienrath sah ihm nach, bis er diese hinter sich ins Schloß gedrückt, und fuhr dann ruhig, aber mit vollkommen entschlossener Stimme fort:

„Gerade ehe Sie eintraten, Doctor, habe ich es der Dorothee gesagt, ich bin wieder da, und was mehr ist, ich gehe auch nicht wieder fort. Weshalb ich so rasch zurückgekommen bin, geht Niemandem etwas an, es braucht mich auch Niemand darum zu fragen, denn ich bin alt genug zu wissen, was mir gut und nützlich ist und was nicht. Sie haben mich doch alle Beide verstanden?“

„Ja wol, bester Herr Commerzienrath, aber –“

„Gut, dann bitte ich, daß jetzt die Thüren hier zugeschlossen werden und Niemand vor morgen früh hereingelassen wird.“

„Aber Sie müssen doch erst essen, Herr Commerzienrath“, rief Dorothee in Schreck und Angst.

„Wenn ich hungerig bin, werde ich’s schon sagen“, erwiderte dieser, „haben Sie sonst noch etwas zu bemerken?“

„Nein, Herr Commerzienrath, aber –“

„Schön – dann wünsche ich Ihnen und mir eine angenehme Ruh“, sagte Herr Mahlhuber und verschwand im nächsten Augenblick hinter der Kammerthür, die er abschloß und dann den Nachtriegel vorschob.

„Er ist übergeschnappt!“ sagte der Doctor achselzuckend, indem er seinen Hut wiederaufsetzte und sich umdrehte, das Zimmer zu verlassen.

„Dann sind Sie daran schuld!“ rief Dorothee, die Arme in die Seite stemmend, „denn Sie allein haben dem armen alten unglücklichen Manne so zugesetzt, bis er in aller Verzweiflung seine Heimat verlassen mußte und hinaus in die Welt ging.“

„Die Dorothee ist auch übergeschnappt!“ sagte der Doctor, und verließ langsam und kopfschüttelnd das Haus.

Und der Commerzienrath? – Lieber Leser, Morgens um 8 Uhr sitzt ein ganz behäbiger und für sein Alter noch ziemlich rüstiger Mann an dem offenen Fenster seiner Wohnstube, trinkt seinen Kaffee und liest mit großem Wohlbehagen aus der vor ihm aufgeschlagenen Zeitung die Berichte über das „Ausland“. Der Mann ist der Commerzienrath Mahlhuber in Gidelsbach und befindet sich ganz außerordentlich wohl.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Herrn Mahlhuber’s Reiseabenteuer