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Abschnitt. 2 - „Was wünschen Sie?“ fragte der Fremde langsam über das Licht hinwegsehend, ...

„Was wünschen Sie?“ fragte der Fremde langsam über das Licht hinwegsehend, erstaunte aber nicht wenig, als sein Schlafkamerad, der vom Sopha aufgestanden war, mit niedergebeugtem Kopfe, als wenn er ihn hätte widderartig vom Stuhle stoßen wollen, auf ihn zukam.
„Bitte, fühlen Sie einmal hierher“, sagte der Commerzienrath, als er dem Fremden so nahegekommen war, daß dieser schon von seinem Stuhle aufspringen wollte, indem er ihm den niedergedrehten Kopf hinhielt und mit seinem rechten Zeigefinger in die Nähe seines Scheitels deutete. „Thun Sie mir die Liebe und fühlen Sie einmal hierher.“

„Aber was wollen Sie nur?“


„Hierher, wenn ich bitten darf – noch ein wenig mehr rechts – so, das ist der Platz, fühlen Sie da nichts?“

„Nein.“

„Gar nichts, keine Erhöhung?“

„Nein, eher ein Loch –“, sagte Doctor Wickendorf. „Sie haben sich wol im Heraufkommen an die Treppe gestoßen?“

Der Commerzienrath stöhnte tief auf.

„An die Treppe gestoßen?“ wiederholte er seufzend, „gäbe Gott, es wäre weiter nichts als das, aber ich wollte schon lange einmal einen der berühmten wiener Aerzte consultiren, und das Schicksal scheint mir jetzt günstig zu sein. Meine Leber ist nämlich drei Zoll zu groß“, fuhr der Commerzienrath, als ihn der junge Mann unterbrechen wollte, rasch fort. „Ich leide an einer speckigen Entartung der Leber, die ich an Rippen, Zwerchfell und Magen anstoßen fühle. Das Schlimmste aber dabei, was mir mein Hausarzt nicht zugestehen will, ist eine damit in Verbindung getretene, früher operirte Balggeschwulst.“

„Herr, thun Sie mir den Gefallen und seien Sie still“, rief Doctor Wickendorf, indem er ein Gesicht schnitt, als ob er Aloe verschluckt hätte – „ich kann so etwas nicht hören, es wird mir immer gleich übel.“

„Uebel?“ rief der Commerzienrath – „ein Arzt und übelwerden – fühlen Sie nur hier – die Balggeschwulst war etwa von der Größe eines Taubeneis, leicht beweglich unter den Fingern, und –“

„Aber was geht das mich an!“ rief der junge Mann im Ekel abgewandt, „ich bin ja doch kein Arzt, daß Sie mich mit solchen höchst fatalen Dingen quälen.“

„Kein Arzt?“ rief der Commerzienrath wirklich überrascht, „sagten Sie mir denn nicht selber, daß Sie ein Doctor wären?“

„Ich bin Doctor der Philosophie, aber kein Arzt“, brummte der junge Mann ärgerlich vor sich hin.

„O da bitte ich tausend mal um Entschuldigung“, sagte der kleine Mann sehr erschreckt und glitt, während der misverstandene Doctor über seinen Scripturen weiterbrütete, in seine Sophaecke zurück.

Es wurde ihm aber unheimlich, auch vielleicht langweilig, dem stillen düstern Gesellen gegenüber so dazusitzen und nicht einmal von seiner Leber reden zu dürfen. „Doctor – kein Mensch sollte eigentlich die Erlaubniß bekommen, sich Doctor nennen zu dürfen, wenn er nicht wirklich Arzt ist, denn das muß ja zuletzt eine sträfliche Confusion geben. Und der Mensch hatte gar kein Gefühl für Anderer Leiden“, setzte er in seinen Gedanken, dabei ernstlich mit dem Kopfe schüttelnd, hinzu, „ekelt sich, wenn ihm ein Mitmensch Das erzählt, was ihn drückt – und ist noch grob dazu. Ich werde zu Bette gehen.“ Und mit einem tief aus der Brust heraufgeholten Seufzer beschloß er diesen guten Vorsatz auch augenblicklich auszuführen.

Das Bett war gut – das Deckbett ein wenig schwer und warm, das ließ sich nicht ändern; warum lag er in fremden Betten herum, da er zu Hause ein besseres hatte. Wenn er nur jetzt wenigstens einschlafen konnte, die Versäumnisse und Schrecken der letzten Nacht in etwas nachzuholen. Großer Gott, was hatte er nicht Alles in den letzten 48 Stunden erlebt? – und wo befand er sich jetzt? – Er löschte das Licht aus, daß er den unbehaglichen fremden Platz nur gar nicht länger zu sehen brauchte, und wollte sich dann mit einem höflichen „Gute Nacht!“ für seinen Stubengefährten auf die rechte Seite drehen; aber das andere Licht brannte noch, und mit einem brennenden Lichte im Zimmer war er nun einmal nicht im Stande einzuschlafen. Es ging nicht, er mochte noch so müde sein; wollte denn der Mensch die ganze Nacht durch lesen?

Der Commerzienrath warf sich eine ganze Stunde lang im Bette herum, an Einschlafen war nicht zu denken, und sein Stöhnen machte endlich den Fremden ebenfalls aufmerksam.

„Sie können nicht schlafen?“ sagte dieser, den Kopf halb nach ihm herumdrehend.

„Mein Herr Doctor – wenigstens nicht solange ein Licht im Zimmer brennt“, erwiderte der Commerzienrath, fest entschlossen, seinen neuen Quäler wenigstens wissen zu lassen, was ihn beunruhige. Doctor Wickendorf hatte die Anspielung gar nicht gehört oder nicht verstanden, denn er las ruhig weiter, und nur das erneute Stöhnen des Schlaflosen weckte ihn endlich wieder aus seinem Brüten.

„Mein lieber Herr“, sagte er, mit einem tiefen Seufzer von seinen Schriften aufsehend, indem er sich ganz nach dem Bette des Andern umdrehte, „apropos, Sie haben mir noch nicht einmal ihren Namen genannt.“

„Mahlhuber!“ stöhnte der Commerzienrath.

„Ah – mein lieber Mahlhuber, wie es scheint können Sie doch nicht einschlafen –“

„Wenigstens nicht solange das Licht brennt.“

„Da wären Sie vielleicht nicht abgeneigt“, fuhr der Doctor, ohne auf den Einwand zu hören, fort, „mir Ihre Hülfe in einer sehr schwierigen Sache angedeihen zu lassen.“

„Meine Hülfe?“ sagte der Commerzienrath, sich erschreckt in seinem Bette emporrichtend, „mein lieber Herr Doctor, ich kann mir selber nicht helfen, und denke gar nicht daran mich in die Affairen anderer Leute weiter hineinzumischen, als ich schon, vollkommen gegen meinen Willen, hineingerathen bin. Wenn Sie mir nur erlauben wollten, daß ich –“

„Ich verlange nichts von Ihnen als Ihren Rath“, sagte der Doctor, ohne auf die Einsprache weiter Rücksicht zu nehmen. „Sie sollen nicht die geringste Verantwortlichkeit dabei übernehmen, Ihr Name wird nicht einmal genannt. Nur, wie schon gesagt, Ihren Rath wünschte ich, denn ich habe es schon oft gefunden, daß das Urtheil eines vollkommen unbefangenen ruhigen Mannes manchmal mit Leichtigkeit und spielend das Rechte trifft, während wir armen Sterblichen uns umsonst abmühen, ein glückliches befriedigendes Resultat auf irgendeine künstliche Weise herbeizuführen. Es betrifft Leben und Tod eines Menschen, der die scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen –“

„Leben und Tod?“ rief der Commerzienrath erschreckt. –

„Bitte, unterbrechen Sie mich nicht“, sagte der Doctor, die Hand dabei gegen die entfernte leere Zimmerecke ausstreckend und mit hohlem, aber begeistertem Tone fortfahrend, „der die scheußlichsten, nichtswürdigsten Verbrechen unter dem Mantel christlicher oder vielmehr geheuchelter Frömmigkeit begangen, sich in Familien eingeschlichen und die Töchter verführt, sich in Geschäfte gedrängt und die Firmen ruinirt, sich an Reiche gehängt und sie ausgesogen hat, bis sie in Verzweiflung einem raschen Tode in die Arme sprangen, oder in Elend und Siechthum ihrem Grabe entgegenwelkten. Der letztvorkommende Fall ist der furchtbarste, und ich weiß noch nicht, was die Folgen sein werden. Nach unsern moralischen Gesetzen kann ein solcher Verbrecher nicht frei ausgehen, und doch ist er nicht zu fassen, doch hat er sich bisjetzt schlau Allem zu entziehen gewußt, was den Gerichten auch nur den geringsten Halt an ihm bieten konnte –“

„Das muß ja ein ausgefeimter Schurke sein“, rief der Commerzienrath, halb in dem Wunsch sich mit dieser Bemerkung wieder unter seine Decke zurückziehen zu können und die Unterhaltung damit für heute abgebrochen zu haben, halb aber auch in gerechter staatsbürgerlicher Entrüstung über ein solches Scheusal, das unter dem Deckmantel der Religion Jammer und Elend in der Welt säete, und nun noch dazu von der weltlichen Gerechtigkeit, trotz erwiesener Schuld, nicht erfaßt und zermalmt werden konnte.

„Darf ich Ihnen diese Aufzeichnungen vielleicht einmal vorlesen?“ sagte der Doctor jetzt wieder, einen freundlichen Blick auf den Commerzienrath werfend, „wenn Sie die Triebfedern von des Verbrechers Charakter erst einmal hieraus kennenlernen, werden Sie eher im Stande sein ein Urtheil zu fällen. Ich fürchte, der liebe Gott selber wird einen Blitz oder eine furchtbare Seuche oder etwas Derartiges über den Menschen schicken müssen, ihn zu bestrafen, denn auf andere Art sehe ich nicht wie ihm beizukommen ist – das letzte Verbrechen müßte denn klar bewiesen werden und gegen ihn zeugen.“

„Aber ich sollte doch denken die Polizei müsse da im Stande sein ihn zu überführen?“ rief der Commerzienrath, „wofür ist sie denn da?“

„Sie werfen da eine schwierige Frage auf“, lächelte der Doctor, „aber Sie werden mir selber Recht geben, wenn Sie einmal die Einzelheiten gehört haben.“

„Wie viel Uhr haben wir denn eigentlich?“ sagte der Commerzienrath, vergebens bemüht, in seiner dunkeln Ecke das Zifferblatt der einen Uhr zu erkennen.

„O es ist kaum 10 Uhr, wir haben noch Zeit genug zum Schlafen. Ich bitte Sie aber jetzt den einzelnen Punkten aufmerksam zu folgen, Sie werden über ein solches Gewebe von Bosheit erstaunen.“

Der Commerzienrath wollte noch eine Einwendung machen; es war 10 Uhr und die Zeit für ihn zur Ruhe, die, wenn er sie überschritt, sich am andern Tage unrettbar an ihm strafte; aber er schämte sich auch einer so furchtbaren Nothwendigkeit gegenüber, wo es sich um die Bestrafung oder Entdeckung eines wirklich gefährlichen Menschen handelte, gleichgültig zu scheinen, fühlte noch einmal nach Leber und Kopf, seufzte tief und schmerzlich auf und sagte dann endlich resignirt:

„Nun gut, Herr Doctor, wenn sich die Sache wirklich so verhält, so fangen Sie in Gottes Namen an – es wird doch nicht so sehr lange dauern?“

„Kaum eine halbe Stunde“, lautete die wenigstens in dieser Hinsicht tröstliche Antwort, und der Doctor putzte sein Licht, räusperte sich, trank einen Schluck Bier aus dem neben ihm stehenden Glase, stützte den Kopf wieder in die linke Hand und begann:

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Herrn Mahlhuber’s Reiseabenteuer