Hamburgische Geschichten und Sagen

Aus Hamburgs bedeutungsvollen Vergangenheit
Autor: Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1854

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hansestadt Hamburg, Hamburger Geschichte, Sagen, Überlieferung, Altertum, Chroniken, Geschichten, Vergangenheit, Tatsachen, Topographie, Hansezeit, Schwänke, Sitten und Gebräuche, Bewohner, Handwerk, Handel, Schifffahrt,
Die alte Stadt Hamburg ist fast arm zu nennen an Sagen und Legenden der Vorzeit; sie mögen bei früheren häufigen Zerstörungen mit den vielen Denkmälern des Altertums, an welche sie geknüpft waren, untergegangen sein. Sagenhafte, durch mündliche Überlieferung von Tatsachen gebildete Erzählungen, wohin manche Berichte der geschriebenen Chroniken zu zählen, sind weniger selten. Reich aber sind wir, durch die bedeutungsvolle Vergangenheit unserer Stadt, an solchen historischen Momenten, welche sich füglich aus ihrem Zusammenhange nehmen und in die Form einer Geschichte bringen lassen.

Aus einer diese drei Gesichtspunkte umfassenden Sammlung, teile ich hier in einer Anzahl Geschichten und Sagen den Versuch mit: nicht nur verhallende Kunden festzuhalten, oder Denkwürdiges aufs Neue zu berichten, sondern auch durch eine Reihe chronologisch geordneter Geschichteneinige charakteristische Zeit- und Sittenbilder zur klaren Anschauung zu bringen.

Die Vielseitigkeit des Stoffes möge der Mangelhaftigkeit im Einzelnen zur Entschuldigung dienen. Für die früheste Geschichte und die Gestaltung Hamburgs als freie Stadt, glaube ich ein vorzügliches Interesse ansprechen zu dürfen. Verschiedene Kriegsbilder und Hanseatische Erinnerungen bezeichnen nicht nur das Verhältnis zum Auslande, sondern auch die Stufe der damaligen Macht und Größe. Bei Darstellungen der inneren Ereignisse ist sowohl auf die Topographie der alten Stadt, als auf die Sitten, Gebräuche, Vorstellungen, Tugenden und Fehler ihrer derzeitigen Bewohner Bedacht genommen. Schon aus dieser Rücksicht verdienen wohl die mitgeteilten Verbrecher-Geschichten, so wie neben solchen Nachtseiten auch manche gemütliche Züge aus dem bürgerlichen Privatleben und einige ergötzliche Schwänke der Altvorderen, ihre gebührende Stelle.

In Betreff vieler Sagen, so wie der volkstümlichen Geschichten bin ich meistenteils den alten handschriftlichen Chroniken gefolgt, welche sie am ursprünglichsten bewahrt haben. Nicht ohne Absicht ist auch vielfach die Sprache und Erzählungsweise derselben beibehalten, so weit es dem Verständnis nicht schadete.

Gern lassen wir uns die Vergangenheit unserer Eltern, ihre Handlungen und Begegnisse erzählen; selbst unerhebliche Züge aus ihrer Jugendzeit vernehmen wir mit lebhaftem Interesse. Vielleicht werden auch die folgenden Bilder aus den verschollenen Tagen unsrer Vorfahren einige Teilnahme bei den Nachkommen finden.
      Hamburg, am 28. November 1853.
                              Dr. Otto Beneke


01. Sagen von Hamburgs Entstehung. (Um 805) Die hier mitgeteilten finden sich unter vielen anderen bei den Geschichtsschreibern Hamburgs: Cranz, Lambeccius, Adelungk, Steltzner usw.

Als nach der großen Sündflut Noahs zweiter Sohn, Ham, mit Weib und Kind in die weite Welt gegangen war, da ist er auf seinen Fahrten auch in diese Gegend der Unterelbe gekommen und hat ein festes Haus gebaut auf der Höhe der Uferberge, und hat es nach seinem Namen Hams Burg oder Hamburg genannt, und einige seiner Söhne nebst ihren Weibern und Kindern darin gelassen. Und diese haben sich rund umher angebaut, und eine Stadt gegründet, und das ist der Ursprung Hamburgs und die Abstammung der Hamburger, — also meinen Einige.

Andere sagen: Als das Griechische Heidentum im Morgenlande zerstört worden, da ist ein Schwarm Heiden, welche den Jupiter Ammon oder Hammon am höchsten verehrt und nicht von ihm haben lassen wollen, in diese Gegend gekommen, allwo sie ihrem Abgotte ein neues Heiligtum erbaut, sich rings umher niedergelassen und befestiget, und diese Stätte Hammonsburg genannt haben. Und davon rührt der noch heut zu Tage übliche Name der Stadt Hammonia her, welcher absonderlich gern von den Poeten gebraucht wird. Als Kaiser Karl der Große aber gekommen ist, da hat er diesen Götzendienst gänzlich abgeschafft, die christliche Lehre eingeführt und einen Dom nebst fester Burg dazu gebaut, (etwa ums Jahr 805), den alten Namen aber hat er gelassen.

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Wieder Andere sagen: Hier zu Lande haben Deutsche gewohnt aus dem Stamme der Sachsen, die Wald- oder Holt-Sassen, deren Name in Holsten sich verkehrt hat, daraus des Landes Name Holsteen oder Holstein entstanden ist. Das möchte nun so weit ganz richtig sein. Diese alten Sachsen haben (so sagen Jene) unter den vaterländischen Gottheiten hauptsächlich den Thor oder Asathor verehrt, den sie Hamoys genannt haben, welcher an der Stätte, wo jetzt Hamburg steht, sein Heiligtum gehabt hat. Daher ist sie geheißen Hamoysburg oder Hammenburg. Dass Karl der Große solch heidnisches Wesen der Sachsen zerstört und sie zum Christentum geführt, berichtet die Tage auch. Also ist der Name Hammonia von dem Beinamen des Altgermanischen Gottes Thor entstanden.

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Noch Andere sagen: Hier habe ein unmenschlicher Riese und großer Fechter gehaust, mit Namen Ham, welcher von dem gewaltigen Nordlandhelden Stakater (Stark-Attr oder Stark-Ottur) im offenen Kampf ist erschlagen worden. Und den Ort, da er gewohnt, den habe man Hamburg genannt.

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Auch heißt es, die Bewohner dieser Stätte hätten neben dem Fischfang auch viel Viehzucht getrieben, und es verstanden, sonderlich gute Schinken, Rauch- und Pökelfleisch zu bereiten, so dass man ihre Stadt darnach benannt Hammen-Burg, will sagen Schinken-Stadt, da man in damaliger Sprache einen Schinken oder Bug oder Schulterknochen eine Hamme geheißen habe. „Was ich aber mehr auf seinen Unwert, denn auf seinen Wert beruhen lassen will, obwohl es eine gar feine Erklärung scheint, wenn man an die schönen Stücke Fleisch gedenket, so allerzeit in unserer guten Stadt geräuchert und von hier in die weite Welt verführet worden sind."

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Wunderlich ist es, dass einige sonderbare Bierfreunde den Namen unsrer Stadt, in der vor Zeiten das beste Bier der Welt gebraut worden, mit dem fabulosen Biergötzen Gambrinus in Verbindung bringen, und sagen, es habe geheißen Gambrins Burg, woraus Gamsburg und daraus Hamburg geworden. Der Name der Marschlandschaften (Alten- und Neuen-) Gamme hänge damit zusammen, denn von daher sei Hopfen und Malz zum Hamburgischen Brauwerk gekommen. So sinnreich auch diese Etymologia ist und so vielen Beifall sie heut zu Tage in unseren wieder erstandenen Bierhallen finden möchte, so kann man ihr dennoch mit Fug nicht beifallen.

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Übergehend noch viele andere meist unstatthafte oder unwahrscheinliche Sagen über Hamburgs Namen und Ursprung, z. B. von dem Stamme der Gambrivier, die aber hierorts niemals gehaust haben, ist dagegen noch diese anzuführen: In dieser Gegend habe das edle Geschlecht derer von Hamme gehaust, welche in dem jetzigen Dorfe Ham ihren Wohnsitz gehabt; diese Herren hätten vor Karls des Großen Zeiten eine Burg näher der Elbe gebaut, und sie nach ihrem Namen Hamburg genannt, worauf der Kaiser ihnen Burg und Burgfrieden abgekauft habe.

Gewiss ist, dass die alten Sachsen eine große Waldung mit dem Namen Hamm oder Hamme bezeichnet haben, wie auch dass die ganze Gegend längs der Bill-, Alster- und Elb-Niederung eine große Waldung gewesen ist. Gewiss auch ist, dass davon die Ortschaft Hamm ihren Namen trägt, und dass die Herren von Hamme daselbst gelebt haben. Nur so viel später, dass man sie nicht füglich als Gründer der ersten Hammaburg ansehen kann. Diese wird von Karl dem Großen gegründet und nach der umliegenden Hamme (Waldung) also benannt worden sein. Denn noch später hieß man die Holzung, die vor Entstehung des St. Jacobi- und St. Georgs-Kirchspiels auf deren Grund und Boden stand, „die Hamme“, und nur in dem heutigen Dorf Hamm ist der alte Name für die gesamte große Waldung übrig geblieben.

Es geht hiermit wie mit vielen Dingen menschlichen Wissens, es ist Stückwerk, davon der alte Spruch gilt:

      „Ich weiß davon nichts kunthaft Wahres,
      Wer’s aber weiß, der offenbar' es."

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Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller

Beneke, Otto Aldabert Dr. (1812-1891) Hamburger Archivar, Historiker und Schriftsteller

Blick auf Hamburg - Unterelbe

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Hamburger Baumwollbörse

Hamburger Baumwollbörse

Blick auf die Hamburger Binnenalster

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Hamburger Börse

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Lagerhäuser im Hamburger Freihafen

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Hamburger Hafenbilder

Hamburger Hafenbilder

Hamburger Hafenbilder

Hamburger Hafenbilder

Bismarkdenkmal in hamburg um 1900

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Hamburg Alster 1892

Hamburg Alster 1892

Hamburg Brandstwiete 1775

Hamburg Brandstwiete 1775

Hamburg Hafen mit Uferpromenade

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Hamburg Hafenpartie

Hamburg Hafenpartie

Hamburg Hauptbahnhof um 1900

Hamburg Hauptbahnhof um 1900

Hamburg Jungfernstieg 1830-1855

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Hamburg Rathaus

Hamburg Rathaus

Hamburg Zollenbruecke 1888

Hamburg Zollenbruecke 1888