Cometen (1664-1680)

Das Jahr 1664 war ein recht schlimmes für Hamburg. Die Pest hauste arg vom Sommeranfang bis zum Winter. Es starben wöchentlich gegen 150 Personen, was damals, bei geringerer Einwohnerzahl als jetzt, sehr viel war. Wo man die Pestbarbierer und Träger mit ihren weißen Abzeichen sah, da wich man seitab. Und wenn Abends die Pestkarren durch die Straßen rollten, und man das Auge von soviel Schrecknis auf Erden gen Himmel richtete, um bei den Sternen Trost zu suchen, so dräuete dort ein mächtiger Comet mit seiner nachdenklich langen Zuchtrute. Seit 1618 ein solcher Wunderstern den dreißigjährigen Krieg vorbedeutet hatte, wie Jedermann glaubte, war sein Erscheinen allemal so gut oder übel wie eine Trauerpost, und zwiefach jetzt während dieser grausamen Pestnot! Übrigens soll er auch ein sehr unheimlicher Gast gewesen sein, dieser Comet, dessen Ansehen Jedem ein eigenes Entsetzen einjagte. So wunderbar bleich, so gespensterhaft stand er da! Der Schweif war länger als man jemals einen erlebt hatte, man berechnete seine Länge auf 350 Meilen. Drei Wochen lang zog er allnächtlich von Südosten nach Südwesten am Himmelsgewölbe dahin.

Das Entsetzen beim Rückgedenken an diese Zeit lag noch allen Hamburgern in den Gliedern, als plötzlich im Dezember 1680 abermals ein großer Comet am Himmel erschien. Jedermann sagte, der könne nichts Gutes bedeuten, wie denn überhaupt der Glaube an böse Einwirkungen der Cometen damals noch verbreitet war. Er war anderswo bereits im November gesehen, dann aber verschwunden; darum machte man sich hier Hoffnung, dass er sich irgendwo gänzlich vertieft oder in sich selbst verzehrt habe. „Aber“ (sagt der Chronist Wolfgang Adelungk) „ich erschrecke mich annoch von Herzen, so ich daran denke, in was vor einer gefährlichen Gestalt ich ihn plötzlich am 18. December am Himmel stehen sah.“ Ehrbare Oberalten, als allezeit offenes Auge der Stadt, hatten das feindliche Gestirn auch gleich anfangs entdeckt, und fühlten sich gedrungen, die teure Vaterstadt möglichst sicher gegen ihn zu stellen, durch Anrufung göttlichen Schutzes. Sie beantragten daher am 29. Dezember bei E. E. Rat, fördersamst einen außerorderlichen Fast-, Buß- und Bettag anzuberaumen „von wegen des großen Cometen.“
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Unser Rat war dazumal andrer Ansicht. In den Naturwissenschaften geförderter als E. Oberalten, fühlte er sich bereits frei von Cometenfurcht, und ließ den wohlgemeinten Antrag unbeantwortet. Wenn aber Oberalten ohne Antwort bleiben, so pflegen sie zu monieren; also drangen sie auch am 7. Januar 1681 auf den Bußtag, „welcher ganz hochnöthig, weil der Allmächtige durch des Cometen erschreckliche Zuchtruthe uns ein schweres Strafgericht andräue, weshalb auch wohl die eiteln Opernspiele einzustellen seien.“

Am 10. Januar antwortete der Rat, freilich wolle er die Opern einstellen, und allerdings wolle er mit dem Ministerium wegen eines Buß- und Bettages reden lassen, aber nicht des Cometen wegen, der uns kein Leides tue, — sondern die Opern sollten cessiren, wegen der bedenklichen Unruhen in der Bürgerschaft, und der Bußtag solle gehalten werden, um Gott für Erhaltung einer gesunden Luft zu bitten, wiewohl er mit der Ansetzung noch etwas warten wolle, damit nicht allzufrüh im Auslande, zum Schaden des Handels, ein Pestgeschrei ausbreche.

Das Pestgeschrei wäre allerdings blinder Lärmen gewesen, ein heftiges Gewitter in der Neujahrsnacht hatte die üble Luft gebessert. Aber dennoch traf des Cometen Erscheinen mit dem Beginn vieler Welt- und Stadt-Unruhen zusammen. Und Herr Adelungk schließt seinen Bericht: „was mit dem Cometen angedeutet worden, das haben wir nunmehr in die 15 Jahre erfahren, da man in Europa nichts anders gehört, als von Krieg und Kriegsgeschrei, Gott im Himmel weiß, wann und wo noch ein Ende!“


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Hamburgische Geschichten und Denkwürdigkeiten