Der Weinsprüher (1679)

Im Sommer genannten Jahres ließen sich hier zu Hamburg einige italienische Gaukler sehen, die gewaltig viel Zulauf hatten, weil sie ganz neue und dabei sehr lustige Kunststücke machten, die Jedermann in Verwunderung setzten. Der Schauplatz war in dem Hause der Neustadt, allwo seit Jahren eine sehr besuchte Fechtschule gehalten wurde.

Besonders war's der Meister dieser Bande, der die Hamburger und Hamburgerinnen fesselte. Selbst die ernsthafte Chronik erzählt seine „Verrichtungen“ mit einem Anflug von Humor. Er muss ein ebenso gewandter als bildschöner Mann mit äußerst einnehmenden Manieren gewesen sein, sonst würden seine Künste, die nach unsern Begriffen die Grenze des Delicaten weit überschritten, nicht so sehr dem weiblichen Publikum gefallen haben.
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Mit einer Bequemlichkeit, als wären's zwei Gläser Milch, trank dieser Mann zwei Eimer Brunnenwasser aus, — unmittelbar darauf aber warf er graziös den Lockenkopf in den Nacken und gestaltete seinen feinen Mund zu einer Fontaine, aus welcher fort und fort ein schöner Strahl köstlichen Weines emporstieg, den dann sein Page in Silberpokalen auffing und umher reichte. Es war ihm dabei völlig einerlei, welche Weinsorte man begehrte, rot oder weiß, rheinisch, spanisch oder fransch. Wenn er in dieser Weise die Bewunderung der Männer gewonnen hatte, die sich sogleich darüber her machten, um Gewächs, Blume und Jahrgang zu ergründen, — so zeigte er sich dann als ein verbindlicher Verehrer des weiblichen Geschlechts. Nach einem neuen Wassertrunk und vielen Excüsen über die Geringfügigkeit seiner Huldigungen, sprühete er nämlich nunmehr eine Fluth der köstlichsten wohlriechenden Gewässer heraus, welcher Art man sie begehrte, Canel-, Bisam- oder Rosenessenzen, deren Duft das ganze Haus erfüllte. Die Damen tauchten die Spitzen ihrer gestickten Tüchlein hinein, worin der Wohlgeruch sich noch wochenlang erhielt. Vielleicht noch länger bewahrten sie dem schönen artigen Italiener selbst ein freundliches Andenken.

Zuweilen erquickte er auch die Damen, welche den starken Getränken abhold, mit dem feinsten Kirsch- oder Johannisbeer-Wein, den er in derselben auffälligen aber stets anmutig anzusehenden Weise zu Tage förderte.

Dann, um seinem Munde einige Ruhe zu gönnen, unterhielt er die Gesellschaft mit artigen Kartenkunststücken; darunter war ein ganz rares, welches damit schloss, dass sich die ausgezogene und richtig herausgebrachte Karte in einen Vogel verwandelte, der davon flog.

Hierauf begab er sich wieder an die Arbeit, die Gesellschaft mit Gemüsen zu versorgen. Er öffnete nämlich wiederum seinen schalkhaft lächelnden Mund, in welchem es alsbald zu sprießen und zu grünen begann, worauf er eine Menge Salat bei ganzen Kopfen, hervorquellen ließ, was ganz unglaublich erschien, wenn man den kleinen Mund besah, aus dem sie kamen. Der Salat wurde umher gereicht, und so frisch befunden, als wenn er so eben im Krautgarten gepflückt wäre. Dann wandte sich der galante Mann zum Schluss seiner Vorstellung wieder an die Damen, und: „Blumen, die der Lenz geboren, streute er in ihren Schoos,“ alles auf dem nämlichen kunstvollen Wege durch das geöffnete Tor seines Mundes. Diese Rosen, Tulipanen und andre Blumen band er in kleine zierliche Bouquette zusammen, welche er dann mit freundlichem Wort und anziehendem Lächeln den schönen Hamburgerinnen darbot. Anfangs sperrten und genierten sich dieselben nicht wenig, von einem fremden Mannsbilde ein Geschenk anzunehmen, aber nachdem erst eine resolute Fünfzigerin die Zimperlichkeit abgeworfen, griffen zuletzt Alle hurtig zu.

Die Chronik erzählt auch: er habe seinen Mund Jedermann zum Besehen offeriert. Derselbe sei gar nicht sonderlich groß, und nichts Apartes darin zu entdecken gewesen, nicht einmal die Knösplein der großen Blumen, die ihm dann später herausgeblüht.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Hamburgische Geschichten und Denkwürdigkeiten