Bernds und der Knechte Hinrichtung

Am 16. August (Mittwoch nach Mariae Himmelfahrt), da ist Bernd Beseke früh Morgens 3 Uhr bereit gewesen, um vom Winser-Turm nach dem Grasbrook an der Elbe geführt zu werden. Und es war befohlen, alle Tore und Pforten geschlossen zu halten, damit Niemand könne hinaus zu dem Richtplatz kommen. Manche aber kamen zu Wasser auf Umwegen in Prahmen und Evern hinaus. Und der ursprünglich dies alles in plattdeutscher Sprache berichtet hat, der ist auch in einem Prahmen herzugefahren gewesen, und hat alles dies als Augenzeuge mit angesehen und gehört, und darnach zu Papier gebracht. Etwa um halb 4 Uhr wurden zwanzig reitende Diener aus dem Schiffbauer Tore (Sandtore) gelassen, und die Pforten hinter ihnen wieder geschlossen. Schlag 4 Uhr kamen sie mit Bernd Beseke vor dasselbe Tor gezogen, und ließen Niemand mit ihm hinaus. Die Hausdiener hatten große Stöcke, wie Fleischspieße, damit schlugen sie auf das Volk, das nachdrängte und durchaus mit hinaus wollte zur Hinrichtung. Manche Neugierige mögen sich dennoch mit hinausgedrängt haben, als der Zug durch's Tor gelassen wurde, aber die größte Menge musste zurückbleiben, davon dann noch manche beim Hafen sich in die Jollen setzten und zur Richtstätte ruderten. Als der Zug draußen war und einen kleinen Stillstand machte, wars nach 4 Uhr. Da trat herzu Engelke, der junge Accisevogt, der hatte vor etlichen Jahren gute Kundschaft mit Bernd gehalten, und war ihm hold gewesen, und wollte ihm jetzt vor dem Scheiden noch eine Güte tun; denn er hatte einen Krug bei sich, darin wohl ein Stübchen guten Weines war, den er unterwegs seinem unglücklichen Freunde Bernd zur Labung bot; aber obgleich Engelke und die Andern ihn sehr baten, zu trinken, so weigerte er sich dessen dennoch. Als er aber bald hernach weiter geführt wurde, und nun in dem verhängnißvollen Kringe (Ringe, Rund) stand, darin der Scharfrichter eben alles in Bereitschaft zu setzen sich anschickte, da wurde dem armen Bernd schwach zu Mute, dass er an allen Gliedern zitterte. Und Herr Hinrich Hartwig, der Capellan zu St. Peter, der als sein Beichtiger ihm das Sakrament der Versöhnung gereicht und ihn absolviert hatte, der ihn nun auf seinem letzten irdischen Wege geleitete und ihm Mut und Trost zusprach, der forderte ihn auf, dass er trinken möge, damit er Kraft bekäme, zum Beten und Singen und zur Ansprache an das Volk, falls ihm's beliebe. Da trank der arme Bernd aus dem Kruge, zu acht Malen, je einen großen tiefen Zug.

Darauf hub Bernd an zu reden, und große Stille war unter dem Volk und allen die von Amtswegen umher standen. Und Bernd bat einen Jeden gar beweglich um Vergebung alles dessen, was er ihm möchte zu Leide getan haben, und sprach: „so vergebe auch ich aus Grund meines Herzens allen denen, die mir jemals etwas zu Leide getan haben.“ Und bat auch um Verzeihung wegen des bösen Beispiels, das er gegeben. Darnach hub er an zu singen, das geistliche Lied: „nun bitten wir den heiligen Geist,“ und alles Volk sang gar ernsthaft mit ihm. Als der Gesang zu Ende war, redete Bernd wieder, und bat das Volk, es möge ihm helfen Gott bitten, dass er ihm gnädig und barmherzig sei. Und dann kniete Bernd nieder, und der Capellan kniete neben ihm und hielt ihm ein Buch vor, daraus betete er laut und inbrünstig. Und viele aus dem Volk knieten auch nieder und beteten mit, und Mancher mochte im Stillen denken: hätte Gott dich nicht so gnädig vor der Versuchung bewahrt, du könntest hier auch so knieen müssen wie Bernd Beseke, der ein angesehener unbescholtener Mann gewesen ist, dem Niemand solch ein Ende zugetrauet hätte.
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Darnach stand Bernd wieder auf und sprach: „gute Freunde, ich habe Gott im Himmel gebeten, dass er sich möge gnädig meiner armen Seele erbarmen. Ich hoffe zu seiner unergründlichen Barmherzigkeit, er werde mich des bittern Todes seines lieben Sohnes teilhaftig machen, wie er nicht verlässt Alle, die auf ihn trauen.“ Darnach warnte Bernd ganz beweglich Jedweden, er sei, wer er wolle, dass sich Niemand zu viel ließe dünken, und sich nicht verließe auf seinen Verstand oder auf Starkheit oder auf Reichtum. Und wer da stünde, der möge zusehen, dass er nicht falle, und man solle sich an ihm spiegeln, denn er habe fest zu stehen geglaubt, und sei doch so tief gefallen.

Dies alles, was in dem Kringe geschah, hatte wohl eine gute halbe Stunde gedauert, und während er sang und betete, durfte ihn der Frohn nicht anfassen, wie's vorgeschrieben ist. Dann aber wurde dem armen Bernd noch einmal eingeschenkt aus dem Kruge, und es war auch der allerletzte Zug, den er trank. Denn alsbald trat der Frohn zu ihm, lösete ihm seinen Mantel ab, und schnitt ihm sein Damast-Wamms bei den Schultern auf, auch dem Hemde den Kragen ab. Und darauf fasste er ihn bei den Armen, zog ihn ein oder zwei Schritt vorwärts, setzte ihn nieder, stopfte ihm sein langes Haupthaar unter die Mütze, — und als dies geschehen war, hieb er ihm mit einem Streiche schnell und glücklich den Kopf ab. Und Kopf und Rumpf wurden zusammen in die Grube geworfen und mit Erde und Rasen bedeckt. Der diese Hinrichtung vollzog, war der Scharfrichter von Burtehude, den E. E. Rat herbeigerufen hatte, weil unser Frohn krank lag.

Darnach am 19. August (Sonnabend) wurden Bernds drei Knechte auch zum Grasbrook hinausgeführt, Morgens nach 5 Uhr, und dabei waren alle Torpforten offen, und die Menge frei zugelassen. Auch diese armen Sünder richtete der Frohn von Burtehude. Aber die zwei ersten richtete er nicht recht nach der Kunst, sondern durchhieb ihnen nur zur Hälfte den Hals, weshalb er auch für diese keinen Lohn empfing; den dritten aber tat er ganz geschickt ab; und dafür wie für Bernds Hinrichtung und für Reisekosten, erhielt er 8 Gulden und 8 ß

Gleich nach der Exekution wurden die Körper der drei Knechte samt den Köpfen in eine Grube geworfen und mit Erde und Rasen zugedeckt, nach der aus Gnaden gemilderten Sentenz des Rates, dass die Köpfe Bernd Besekes und seiner Gesellen nicht sollten auf Stangen gesteckt, sondern ihnen die Grube gegönnet werden.

Gott im Himmel möge barmherzig und gnädig gewesen sein den armen Seelen Amen!

Und noch in demselben Monat August wurde Neuwerk einem Ratmann eingetan, Herrn Wilbad Wiese, welcher daselbst verstorben ist, bald nach Ostern 1539.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Hamburgische Geschichten und Denkwürdigkeiten