Hamburgerinnen und Wienerinnen (2)

Aus: Zeitung für die elegante Welt. 36ter Jahrgang. 1836 (Karl Spazier)
Autor: Mundt, Theodor (1808-1861) deutscher Schriftsteller, Kritiker und Publizist, Erscheinungsjahr: 1836
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hamburg, Stadtbeschreibung, Hamburger, Hamburgerin, Wien, Wiener, Wienerin, Kulturbild, Sittenbild, Charakter, Stadtgeschichte
Constantin war ausgegangen, und wir mussten uns gedulden, ihn um eine Stunde später zu erwarten. Wir schlenderten unterdes auf den Gassen Hamburgs umher, deren volkreiches Treiben überall ein kräftiges materielles Leben ausspricht, und gelangten endlich in die schöne stille Vorstadt St. Georg an der Alster, die mit ihren freundlich hingelagerten Häuser- und Baumgruppen, wie ein geborgenes Friedensasyl der in der Ferne rauschenden Stadt anliegt. Hier sind nicht nur mehrere der berühmten Sommertheater Hamburgs aufgeschlagen, die, außer der plattsprechenden und Matrosen-Bevölkerung, auch den Fremden zu einem Besuche anlocken, sondern auch eine alte ehrwürdige Ruine der deutschen Literatur, von der die Reisenden nicht mehr erzählen, kann in dieser Vorstadt noch angetroffen werden.

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Da wir noch Zeit übrig hatten, so zogen wir die Klingel eines kleinen Hauses, dessen Türschild den Namen Leonhard Wächter mit großen deutlichen Buchstaben zeigte. Jeder erinnert sich noch aus seiner der Schule gestohlenen Romanlektüre der dicken Bände der Sagen der Vorzeit, die er vor dem aufpassenden Lehrer nur mit Mühe unter den Tisch verbergen konnte. Veit Weber hat sie geschrieben, und wie freute ich mich schon als Junge der wichtigen Entdeckung, da ich erfuhr, dass dieser Mann eigentlich Leonhard Wächter geheißen sei! Seine deutschen, Ritter und Frauen, seine Brüder des Bundes für Freiheit und Recht, seine heilige Vehme, sein Männerschwur und Weibertreue, und ach! sein Tugendspiegel, haben mir unaussprechliches Vergnügen gemacht. Die herrlichen Flegeljahre meiner Phantasie treten wieder heran, vor diesem Namen Leonhard Wächter auf dem blaugemalten Blechschilde. Der Mann hat durch viele Veränderungen der Zeit und der Geschicke wie Brama hindurchgehen müssen, um zu erleben, dass auch ich noch seine Türklinke drückte. Eine alte Magd führte uns zur ebenen Erde in ein kleines Zimmer, das mit einem Klavier, einem abgenutzten Sofa und einigen Stühlen versehen war. Der alte Herr schien sich erst ein wenig zu recht zu machen. Endlich hörten wir einen starten Männerschritt die Treppe herunter, eine kleine gedrungene Figur, in einen braunen Überrock gekleidet, mit ungeputzten Stiefeln, die über die Beinkleider hinaufgezogen waren, trat herein. Es war Veit Weber, dessen schneeweißes, vom Alter gebücktes Haupt uns freundlich begrüßte. Zu seinen weißen Haaren kontrastierte wunderbar sein außerordentlich kräftiges und ausdrucksvolles Gesicht, das noch dem festesten Mannesalter angehörte, und mit den großen, starten, biederdeutschen Zügen uns ehrwürdig anschaute. Wir sagten ihm dies. ,,Ja“, erwiderte er, auf dem Sofa uns gegenübersitzend, „die Larve hält wohl noch zusammen, die ist von Papiermacht — aber die Brust — die Brust“ — er deutete auf seine kranke Stelle, die schon der fortwährende Husten verriet. „Hier ist der Tod in, Anmarsch“, fuhr er fort, gleichgültig vor sich niederblickend, und hub dann von den neuesten Zeitungsnachrichten zu sprechen an. Er schien allen Ereignissen der Zeit mit Anteil gefolgt zu sein, und erzählte Mehreres über Louis Philipps Person, mit dem er persönliche Berührungen gehabt hatte, besonders im Kriege von 1792, wo Veit Weber als Offizier in französischen Diensten gestanden. Auf Literatur fiel das Gespräch gar nicht. Er entließ uns bald wieder mit einem herzlichen Handschlag, da ihn das Reden anzustrengen schien. —

Wir gingen in die Stadt zurück, und hofften nun, unseren Freund Constantin nicht länger mehr zu entbehren. Aus der neuerbauten Alsterhalle, die in diesen Tagen eröffnet worden war und von Besuchern wimmelte, trat eine schlanke, hochstrebende Gestalt heraus. Es war eines von jenen skeptischen Gesichtern unserer Zeit, deren vorwärts starrender Blick wie eine Totengräberschaufel ins Leben hineingräbt, und gewiss ist, überall auf Leichname zu stoßen. Geistige Keckheit lag, mit erloschener Lebenslust streitend, auf dieser Stirn, unter diesen Augen, und man fühlte die erhabene Gleichgültigkeit eines sich selbst durchschauenden Charakters kalt herauswehen. Dies Gesicht war trotz seiner durchschimmernden Ermüdung schön, es war bis zum Erschrecken durchsichtig ausgearbeitet in seinen sprechenden, an die Gegenstände sich anklammernden Mienen. Schmerz, Witz, Leidenschaft und Ruhe mischten das dunkle Kolorit dieser Züge, dass sich über die Wangen hin in eine leise Blässe erhellte. Es war ein Antlitz, dem kaum mehr etwas unerwartet kommen konnte, welches sich selbst auswendig wusste, und das, ein Geisterseher seiner eigenen Gefühle, jedem Eindrucke, der es vom Leben aus noch durchschütteln tonnte, wie einer Vision entgegensah. Das Alter des inneren Lebens war über die gewöhnliche Zeitrechnung hinaus, aber in der kräftigen beweglichen Gestalt, in der Muskelstärte der Glieder, zuckte noch die unruhige Flamme der Jugend. Dies war das Gesicht Constantins.

Ich hing schon an seinem Halse, noch ehe er uns erkannt hatte, denn ich freute mich außerordentlich, dieses verwandte Herz wieder an das meinige zu drücken. Unser guter blonder Maler weinte sogar vor Freuden, während ich aus demselben Grunde lachte. Constantin war noch der Alte gegen seine Freunde, und es zeigte sich wieder, dass, nach allen durchstürmten Genüssen des Lebens, doch die Jugendfreundschaft für den Mann immer den stärksten Reiz behält, an metallischem Feuer, an Gefühl der Einigkeit selbst in aller Verlorenheit der Existenz die Süßigkeit der Geschlechtsliebe weit übertreffend. Wir sahen uns noch einmal mit lächelnden Augen von Kopf bis zu den Füßen an, ehe wir uns das Gegenüber und Nebeneinander als etwas Gewohntes wie sonst zugestanden. Er hatte an uns nichts auszusehen, und ich wunderte mich bloß über seinen portugiesischen Orden, welchen er noch als Denkmal des Feldzugs im Knopfloch trug, und auf den er komischer Weise sehr stolz tat.

Unsere endlosen Gespräche trugen wir am besten auf einem weiten Spaziergange hinaus ins Freie. Die hamburgischen Gassen, wo wir im Eifer unserer Mitteilungen von jedem beteerten Kranzieher überrannt worden wären, hatten keinen Raum für diese Freude. Wir wollten die schönen Elbufer gewinnen, eilten durch das Altonaer Tor, an den abenteuerlichen Buden und Volksgruppen des Hamburger Berges vorüber, und gerieten in die stillen, melancholischen Straßen des einsamen Altona hinein. Im wechselseitigen Erzählen und Entgegnen durchschnitten wir es hin und wieder, und fanden endlich unsern Ruhepunkt in dem herrlichen Garten von Rainville, dessen hohe Baumgänge uns aufnahmen. Hier gibt es auf einer Anhöhe einen in seiner Art einzigen Platz zum Niederlassen und Umschauen, von dem man die Elbe in ihrer ganzen großartigen Fernsicht beherrscht. Wir saßen, einige Flaschen fröhlich blinkender Flüssigkeit vor uns auf dem Tische, auf dieser Stelle, und ließen das überberedt gewordene Gespräch unserer Erinnerungen einstweilen verklingen, schweigend zu einander gekehrt. Die Elbe rauschte auf immer hoher gehobenen Wellen dem Meere zu, Flaggen aller Länder und Nationen kreuzten buntfarbig und mit geschwellten Wimpeln vorüber, Weltsegler kehrten heim in den Hafen, und das Dampfschiff mit seiner emporwirbelnden Rauchsäule schnitt tiefe Brandungen in den Strom, von denen die kleinste Welle am Ufer nachzitterte.

Wir brachten einen Toast auf die Hamburgerinnen aus, der in seiner besten Anwendung besonders dem Bräutigam Constantin galt. Er bedankte sich im Namen dieser republikanischen Schönheiten, auf deren Kennerschaft wir alle Anspruch machten, und von denen die auserlesenste ihm geworden, obwohl er behauptete, nur der Teil ihres Wesens, wo er es wünsche, sei Hamburgerin, nämlich ihr leibliches Leben, der Geist aber reiche weit über Hamburg in den ätherblauen Himmel hinein. Die Ehe muss der Spätsommer des Lebens sein, setzte Constantin in seiner ruhigen, gleichgültig betonenden Manier hinzu. Ich habe noch gerade so viel Lust am Leben übrig, als der Bettler an der Sonne, der er das Fenster seiner Hütte öffnet. In meine anrückenden Winterschauer schien auf einmal der warme Strahl hinein, und ich ließ ihn in meinem Innern schmelzen, was noch zu schmelzen war. Seht, wie ich wieder zu blühen und zu grünen anfange in meinem Nachsommer, der an einer einzigen, schönen, hohen Blume sich aufrichtet. Im Frühling meiner Lebenshoffnungen würde ich keiner geliebten Frau das Leid angetan haben, sie mit mir zu verheiraten. Auf feuerspeienden Bergen stehen zwar die Weinreben der Liebe herrlich, und der süße Tränenwein der Leidenschaften träufelt von ihnen hernieder, aber die Hütten des Friedens darf man nicht dort bauen. Jetzt bin ich als Kaufmann auf einer sicheren und ruhigen Breite der Existenz angelangt, statt mit dem Leben zu kämpfen, fange ich an, mit ihm zu rechnen, ich sehe seine Erscheinungen nicht mehr als verzehrende Widersprüche, sondern als Frachtgüter und als das Warenlager der Wirklichkeit an, die im Staatshaushalte der Schöpfung einmal aufgestapelt liegen und gegen Provision einiger Lebensfreuden von den Menschen unter einander verhandelt werden. Dieser Materialismus ist nicht so materialistisch, als er Manchem erscheinen könnte. Eine große, göttliche Gewissheit hat sich dabei meiner bemächtigt, ich greife fröhlich die Dinge der Welt an, die ihre metaphysische Unheimlichkeit für mich verloren haben, weil ich nichts anderes mehr hinter ihnen suche, als sie sind. Ich wundere mich, dass die Philosophie, statt in der Spekulation die Welt aufzulösen, nicht schon längst die Wendung genommen hat, die Gedanken der Menschheit gewissermaßen durch einen Handelsvertrag mit der Wirklichkeit zu versöhnen, in dem Sinne, wie ich das Leben als Geschäft anzusehen begonnen. —

Alles, was ist und geschieht, —fuhr Constantin fort — ist ein Natur- und Handelsprodukt, das für den Umlauf des ganzen Weltkapitals schon seine bestimmte Anweisung mitbringt. Darum freue ich mich meiner Wollsäcke, wenn sie in so fragwürdiger Gestalt mit ihrem realen Inhalt vor mir stehen, der für mich das ganze Gewicht eines ideellen besitzt. Denn wer noch zweifelt, dass auch Wollsäcke Ideen sind, hat sich noch nicht zu derjenigen Weltbetrachtung erhoben, auf der allein Frieden für das Gemüt ist. Auf dieser Stufe der Weltbetrachtung muss man aber auch mit den Ideen zu derselben Gewissheit gelangen, wie mit den Wollsäcken, man muss die Ideen wie ein gegebenes Kapital ansehen, das nur so viel wirtliches Interesse für die Menschheit hat, als es ihr Interessen eintragt. Und wenn man ein guter Schafzüchter seiner Ideen ist, so wird man am Ende nur solche Sorte kultivieren, die am besten Stand hält, und aus der die tüchtigsten und gesuchtesten Zeuge in der Welt gewoben werden können. Ihr seht, Freunde, ich bin aus Prinzip Kaufmann geworden und bin es durch und durch. Ich habe mir ein festes Erdreich des Lebens zusammengetreten, auf dem das Blütenschlagen aller edleren und schillernden Gefühle erst recht einen fruchtbaren Boden gewinnt. Der Himmel liegt klar und sonnenhell über mir, alle Formen der Wirklichkeit sehe ich scharf beleuchtet und gesondert, nichts macht mich mehr irre, und über den alten Ruinen und Wildnissen meiner Brust haben sich heitere Fabrikgebäude mit freundlichen Nutzgärten und Wiesenplänen erhoben. Ich spanne wie ein Schmetterling die Flügel aus, um mich auf den Blättern und Zweigen des Daseins, an denen ich sonst als Raupe nagte, zu wiegen und zu nähren. Fragt ihr noch, ob ich nicht der holdseligsten Hamburgerin würdig bin, und fähig, sie zu beglücken? —
Ich lachte ihm Beifall, aber unser Maler war unruhig geworden bei dieser Rede, Er meinte kurz, bei diesen Ansichten bleibe ihm nichts übrig, als sich sogleich vor unseren Augen mit seinem ganzen Künstlertalent in die Elbe zu stürzen, was ihm Constantin lebhaft widerstritt, worauf sich ein langes Gespräch über Beruf oder Nichtberuf unserer Zeit für die Kunst zu entspinnen drohte, wäre nicht glücklicherweise durch einen Zufall die Rede auf den hamburgischen Frauencharakter abgeleitet, der uns alle mehr und näher interessierte. Jeder gab einige Züge zu dem Bilde, wie sie ihm gerade einfielen. Die materielle Lebensfrische, die sinnliche Fülle und Gesundheit der Gestalten, die runden, schwellenden Formen, die hier als vorwaltender Grundtypus auftreten, wurden zuerst gezeichnet und gepriesen. Der eine demonstrierte die Hamburgerinnen als verklärte Beefsteaknaturen, der Andere fand den auf das Nutzbare und Essbare gegründeten Geist des kaufmännischen Hamburgs auch in den schmackhaften und gesättigten Elementen
seiner Frauenschönheiten abgeprägt. Eine Hamburgerin hat große herrliche Augen, zwei klare hellgeschliffene Spiegel eine unbefangenen Seele, aber Romantik, Begeisterung und alle die wunderbaren Mysterien im weiblichen Liebesherzen, steigen selten aus diesem Grunde empor. Dafür liegt die kräftige, heitere, genießende Gegenwart auf freudeschimmernden Gesichtern. Man muss die anziehendsten Gestalten im Sommer vor der Tür ihrer Land- und Gartenhäuser, in den reizenden Umgegenden der Stadt, aufsuchen, wo sie beim dampfenden Teewasser, das eine Hamburgerin den ganzen Tag auf dem Tische hat, in zierlicher und nachlässiger Gruppierung sitzen. Das Ideale fehlt ihren Personen eben so sehr, als die ausgesuchte und feingewandte Tournüre der residenzstädtischen Gesellschaft, aber sie ersetzen diese durch ihr ungezwungenes und treuherziges Wesen, das sie nicht minder liebenswürdig und fesselnd macht. Man ist in ihrem gastlichen Kreise bald heimisch geworden, und wenn du zu ihnen ins Zimmer trittst, reichen sie dir freundlich die schöne weiße Hand zum Gruße entgegen, eine anmutige Sitte, auf die man freilich nicht zu viel Bedeutung legen darf, schon um sie nicht zu zerstören, die aber dem Fremden um so angenehmer auffällt, als sonst die deutschen Frauen darin so karg, oder es schon als etwas Besonderes ansehen, die Hand hinzugeben, die sie nur für den Fall aufzusparen scheinen, wo man um dieselbe anhält in aller Form Rechtens. Mit einer Hamburgerin spricht es sich sehr traulich und artig. Die hamburgische Mundart, die in vielen Wörtern in die englische Aussprache hineinspielt, besonders in den häufigen á = Lauten für a, hat von den Lippen der Frauen viel Naives und Liebliches. Noch viele andere Reize ihrer lebensvollen Erscheinung wurden herausgehoben.

Der Maler sagte, er wolle uns eine Geschichte erzählen, die ihm vor zwei Jahren mit einer Hamburgerin begegnet, von so seltsamer Art, dass sie ihm noch oft aufs Herz falle, wie ein rätselhaftes Märchen. Da es noch früh am Tage war, und erquickliche Morgenlüfte über den weiten Elbspiegel zu uns heraufwehten, so ließen wir es uns gern gefallen, und waren um so gespannter darauf, da dieser Freund es an der Gewohnheit hatte, merkwürdige Erlebnisse, die er lange, und man wusste nicht aus welchem Grunde, verschwiegen, bei irgend einem Zufalle plötzlich zu erzählen, mitunter selbst zur Unzeit. Im letzteren Falle entschädigte aber immer seine durchaus lebensgetreue und anschauliche Darstellung, und so schwiegen wir erwartungsvoll still, indem er anhub.
Hamburger Baumwollbörse

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Blick auf Hamburg - Unterelbe

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Hamburg Jungfernstieg 1830-1855

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Hamburg Hafen mit Uferpromenade

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