Hamburg und England im Zeitalter der Königin Elisabeth (1533-1603)

Autor: Ehrenberg, Richard Dr. (1857-1921 in Rostock) deutscher Nationalökonom. Von 1899 bis 1921 lehrte er als Prof. an der Universität in Rostock, Erscheinungsjahr: 1896
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Hansestadt Rostock, Hansestadt Hamburg, England, Handel, Hanse, Hansa, London, Stahlhof
Inhaltsverzeichnis
  1. Einleitung. Die wirtschaftliche Kultur Deutschlands und Englands im 16. Jahrhundert
    1. Die Überlegenheit der wirtschaftlichen Kultur Deutschlands bei Beginn der Neuzeit
Mit etwas gemischten Empfindungen überliefere ich hier die Ergebnisse längerer und keineswegs leichter Arbeit der Öffentlichkeit. Die Schwierigkeiten der Arbeit lagen zunächst in der Aufgabe selbst: Die Handelsbeziehungen zwischen Hamburg und England haben von jeher so viele und so verschiedenartige Interessen berührt, dass ein weiterer Blick und viel mehr Zeit, als mir zur Verfügung standen, erforderlich wären, um das Thema mit der ihm gebührenden Gründlichkeit zu behandeln. Ich habe diesen Ehrgeiz nicht; ich will hier nicht erschöpfen, sondern nur „vorarbeiten“.

Zu den Schwierigkeiten der Aufgabe gesellten sich erhebliche Mängel des Materials: Zwar hat mir der hohe Senat der Freien und Hansestadt Hamburg bereitwilligst das Archiv derselben geöffnet, und dessen Verwaltung hat mich bei meinen Untersuchungen mit der gleichen dankenswerten Bereitwilligkeit gefördert; aber dieses Archiv enthält leider für die vorliegende Aufgabe nur noch wenig Material. Dem großen Brande von 1842 ist an solchem Materiale fast nur ein kleiner Schatz wertvoller Zollbücher entgangen, aus denen die im Anhange abgedruckte Statistik gewonnen worden ist; einiges Andere hat die Archiv -Verwaltung durch Kopien ergänzt; aber eine klaffende Lücke bleibt zurück: Von den meisten Vorgängen, die sich im Innern des hamburgischen Gemeinwesens abgespielt haben, vor Allem von den Verhandlungen des Rates und der Bürgerschaft, enthält das Archiv für jenen Zeitraum, der hier behandelt werden soll, so gut wie nichts, was nicht schon längst bekannt wäre, und das ist auch so gut wie nichts. Doch gelang es mit Hülfe anderer Archive, einen Teil dieser Lücke auszufüllen.

Besonders wichtige Dienste hat mir das Historische Archiv der Stadt Köln erwiesen , welches die umfangreiche und gerade für meine Aufgabe überaus bedeutsame Korrespondenz des hansischen Syndicus Dr. Sudermann enthält. Von anderen deutschen Archiven habe ich noch das Lübecker und das Bremer Staatsarchiv benutzt, ferner das Königl. Staatsarchiv zu Hannover, sowie die Stadtarchive von Emden und Lüneburg; dagegen ist das ältere Stadtarchiv von Stade ebenfalls verbrannt.

Ein Besuch der österreichischen Staatsarchive hätte gewiss meine Kenntnis der hansischen und antihansischen Bemühungen beim Kaiserhofe und auf den Reichstagen wesentlich vergrößert; aber diese ganze Action war für mich Nebensache ; ich bin daher nicht nach Wien gegangen. Überhaupt hat es nichts zu tun mit den Mängeln des Materials, wenn ich die spätere Zeit des Streites der Hanse mit den Adventurers sehr viel kürzer behandle, als beispielsweise die erste Anknüpfung der Engländer mit Hamburg; das tat ich mit demselben Rechte, mit dem der Maler einzelne Teile eines Bildes schärfer hervortreten lässt als andere.

In England benutzte ich die Staatsakten des Record Office und des British Museum, außerdem natürlich die zum Teil so ausgezeichneten gedruckten Calendars of State Papers. Noch Wichtigeres wird gewiss vielfach in den Akten der Merchant Adventurers enthalten sein. Hier aber gelange ich zu der zweiten großen Lücke in meinem Materiale; das Archiv der Merchant Adventurers ist mir nicht zugänglich gewesen. Ihre Urkunden und Akten befinden sich höchst wahrscheinlich noch an derselben Stelle, wo sie 1547 nachweisbar gewesen sind*): in Mercers Hall, dem Hause der Mercers Company, einer der vornehmsten alten Gilden Londons, mit der die Adventurers eng verbunden waren. Aber wie schon Schanz, so erhielt auch ich, trotz freundlicher Fürsprache eines angesehenen englischen Historikers, von Mr. Watney, dem Sekretär der Mercers Company, auf mein Gesuch, die in Mercers Hall aufbewahrten Archivalien benutzen zu dürfen, eine ablehnende Antwort.

Meines Wissens ist bisher von den Papieren der Merchant Adventurers noch nichts zum Vorschein gekommen, außer einem im British Museum befindlichen großen Statutenbuche und einem Kirchenbuche des Hamburger Court, das nach dessen Auflösung (1806) dem dortigen Staatsarchive übergeben worden ist; der Verbleib der sonstigen Papiere dieses Court lässt sich noch bis 1824 ermitteln; dann geht auch ihre Spur verloren ; wahrscheinlich sind sie ebenfalls nach England geschafft worden, wo sie noch in irgend einem Winkel vergraben sein mögen; ihr letzter Besitzer in Deutschland war John Thornton, Angehöriger einer Familie, die seit Jahrhunderten unter den Mitgliedern der Adventurers Company oftmals genannt wird. Hoffentlich helfen diese wenigen Fingerzeige einem englischen Freunde solcher Untersuchungen auf die Spur. Zu weiterer Auskunft ist der Verfasser gerne bereit. Vielleicht erinnern sich die Engländer jetzt, dass in den Papieren der Merchant Adventurers das Hauptmaterial für eine Geschichte des englischen Handels und wohl auch der englischen Industrie vom 14. bis zum 16. Jahrhundert einschließlich enthalten sein muss.

Das Fehlen wichtiger Quellen konnte mich schließlich doch nicht hindern , die Ergebnisse meiner Untersuchungen zu veröffentlichen , da sie schon genug des Neuen und Lehrreichen enthalten. Für eine Geschichte des Hamburger Handels, welche diesen Namen verdient, ist überhaupt die Zeit noch nicht gekommen; wer dies Gebiet betritt, sollte die Hoffnung, abschließende Resultate zu gewinnen, einstweilen von vornherein aufgeben.

Zum Schluss muss ich noch für eine Unterlassungssünde öffentlich Busse tun: Leider ist mir bis vor Kurzem das große und wertvolle Werk von Ashley: „An introduction to english economic history and theory“ (i. Bd. 3 ed. 1894, 2. Bd. 2 ed. 1893) unbekannt geblieben; ich habe es erst kennen gelernt, als mein Buch schon fast ganz gedruckt war. Die ältere kleine Studie desselben Autors über „The early history of the english woollen industry“ (1887) war mir bereits früher bekannt; doch konnte ich ihr für meine Zwecke nichts entnehmen. Anders verhält es sich mit Ashleys neuem Werke. Zwar beschäftigt sich auch dieses leider noch fast gar nicht mit der Geschichte des englischen Handels, weshalb es mit dem eigentlichen Gegenstand meiner Untersuchung nur wenige Berührungspunkte hat; aber in der Einleitung hätte ich namentlich dort, wo von der Entwicklung der englischen Industrie die Rede ist, mich jetzt auf Ashley stützen können. Ich glaube zu meiner nicht geringen Genugtuung zu bemerken, dass ich nur in ganz wenigen Einzelheiten von ihm abweiche, während in etlichen anderen Punkten meine Untersuchungen als Ergänzungen der seinen betrachtet werden können.

Klein-Flottbeck (Holstein) September 1895,
                    R. Ehrenberg.



                              Inhaltsverzeichnis.

Einleitung.
Die wirtschaftliche Kultur Deutschlands und Englands im 16. Jahrhundert.

Die Überlegenheit der wirtschaftlichen Kultur Deutschlands bei Beginn der Neuzeit
Der Aufschwung der englischen Volkswirtschaft
Der Niedergang der deutschen Volkswirtschaft

1. England, die Hanse und die Niederlande in den Jahren 1551-1564.

Der Kampf der Merchant Adventurers gegen die Hanse in den Jahren 1551-1558
Die Hanse in den ersten Regierungsjahren der Königin Elisabeth
Die englisch-niederländische Handelssperre des Jahres 1564

2. Die Anfänge der englischen Factorei in Hamburg 1564-1567.

Hamburg, die Merchant Adventurers und die Hanse in diesen Jahren
Die ersten Privilegien der Merchant Adventurers in Hamburg

3. Die erste Zeit des englischen Activhandels mit Hamburg.

Beginn des regelmäßigen Handelsverkehrs der Engländer mit Hamburg
Bedeutung dieses Ereignisses für England, für Deutschland und insbesondere für Hamburg

4. Der Kampf der Hanse gegen den englischen Stapel in Hamburg 1572-1587.

Vom Hansetage von 1572 bis zum Hamburger Decrete von 1578
Vom Hamburger Decrete bis zum Ende des hansischen Activhandels mit England
Vom Beginne der hansischen Action bei Kaiser und Reich bis zur Verlegung des englischen Stapels nach Stade

5. Der Kampf der Hanse gegen den englischen Stapel in Stade 1587-1611.

Das kaiserliche Mandat gegen die Engländer
Der Ausgang des Streites

6. Der Handelsbetrieb zwischen Hamburg und England.

Währung und Wechselverkehr. Maß und Gewicht
Die Schifffahrt
Die Kaufleute
Die englischen Wollwaren
Sonstige Importartikel

Der Export nach England
Verkauf gegen Inhaber-Obligationen

Urkunden.

I. Bürgermeister und Rat der Stadt Hamburg an Königin Elisabeth, 17. März 1564
II. Privilegium der Engländer in Hamburg. 19. Juli 1567

Statistik.

1. Die Entwicklung der Färberei englischer Tücher in Hamburg, 1531-1612
2. Hamburgische Zolleinnahmen von der Wiederausfuhr englischer Wollwaren 1568- 1604
3. Wiedereinfuhr englischer Wollwaren in Hamburg, 1568-1573
4. Englische Ausfuhr nach Hamburg, ausschließlich der Merchant Adventurers, Michaelis 1577/78 330
5. Hamburgische Einfuhr aus Stade, 1597-1603
6. Hamburgische Ausfuhr nach Stade, 1597-1603
7. Ein- und Ausfuhr der Merchant Adventurers in Hamburg vom 1. Juli 1611 bis zum 5. Februar 1612
Sachregister

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